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Dr. Thomas Zwenger

Rationalität

Lat. ratio , ›Verstand, Vernunft‹: Im weiteren Sinne die Erkenntnishaltung, die unterstellt, dass alle Erkenntnis, vor allem auch die empirische Erfahrungserkenntnis, die aus sinnlicher Wahrnehmung erfolgt, zumindest anteilmäßig, wenn nicht sogar hauptsächlich oder gar ausschließlich rational ist. Rational (Descartes, Leibniz: clare et distincte ; Kant: a priori ) ist eine Erkenntnis dann, wenn sie aufgrund logischer Formmomente (›reine Verstandestätigkeit‹) als allgemein gültig und notwendig ausgewiesen ist. In diesem weiten Sinne lässt sich das gesamte neuzeitliche Projekt wissenschaftlicher Welterschließung mit Hilfe mathematischer Methoden als rationalistisch kennzeichnen.

Dieser allgemeine Begriff von Rationalität wird vielfach auch umgangssprachlich psychologisch oder anthropologisch verwendet. Während man besonders gefühlsbetontes und verbal schlecht begründetes Verhalten gern als irrational ablehnt, verurteilt man umgekehrt jemanden, der sich in seinem Handeln nicht von Gefühlen leiten lassen möchte, als Rationalisten oder Verstandesmenschen. In einer Spezialbedeutung erscheint der allgemeine Begriff in dem Ausdruck kritischer Rationalismus, womit der auf Popper zurückgehende Strang der Wissenschaftsphilosophie bezeichnet wird. Popper unterscheidet sich von dem hier dargelegten Begriff des Rationalen allein durch die Einschränkung seiner geltungstheoretischen Reichweite. Wissenschaftliche Rationalität begründet sich nach dieser Ansicht nicht aus gewissen allgemeinen und notwendigen Prinzipien des Verstandesgebrauchs, sondern beruht lediglich auf der Wahl pragmatischer bzw. methodologischer Regeln, die theoretische Erkenntnis nur bis auf Weiteres, d. h. bis zu ihrer Ersetzung durch bessere, akzeptabel und anwendbar erscheinen lassen. Die Entscheidung des Menschen zur Rationalität ist selbst nicht rational zu begründen.

Im engeren Sinne meint Rationalität eine historisch bedeutsame Einstellung der frühneuzeitlichen Philosophie, als dessen Hauptvertreter die großen systematischen Denker Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolff zu nennen sind. Im Gegensatz zu den Empiristen, für die die sinnliche Wahrnehmung die einzige Quelle der Erkenntnis ist (nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu ), nehmen die Rationalisten an, der Verstand enthalte Ideen (Vorstellungen), die klar und deutlich sind, weil sie nicht aus der Wahrnehmung stammen. Wenn ihr Ursprung aber nicht die Sinnlichkeit ist, so müssen diese Ideen entweder ›angeboren‹ (Descartes), oder Teil des göttlichen Geistes sein (Spinoza), oder aber überhaupt das geistige Wesen als solches (Monade) ausmachen (Leibniz). Kant wendet sich kritisch gegen beide Richtungen, weil ihm zufolge der Empirist aus der bloßen Kontingenz der Sinneserfahrung die Objektivität der Erfahrungserkenntnis nicht begründen kann, der Rationalist aber umgekehrt nicht in der Lage ist, die dogmatisch postulierte Objektivität der Erfahrung aus bloßen Begriffen abzuleiten. Pointiert könnte man sagen: Der Empirismus scheitert, weil er von der sinnlichen Erfahrung der Existenz nicht zu einer (für die wissenschaftliche Erkenntnis notwendige) klaren und deutlichen Einsicht in das Wesen (Essenz) der Dinge gelangt; der Rationalismus scheitert hingegen, weil er eben von dieser bloß begrifflichen Wesenseinsicht nicht zur Realität der Dinge gelangt.

E. Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit , Bd. I u. II, Berlin 1906–1910

W. Röd (Hg.) Geschichte der Philosophie , Bd. VII u. VIII, München 1978, 1984

K. R. Popper, Conjectures and Refutations , 3. Aufl. London 1969

R. Specht (Hg.) Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Neuzeit I , Stuttgart 1979, 1993

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt