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Dr. Andreas Preußner

Rationalismus

Sammelbezeichnung für diejenigen philosophischen Richtungen, die die Vernunft (ratio ) zum Prinzip erheben. Der eigentliche Rationalismus ist die systematische Philosophie des 17. und 18. Jhs., wie sie von Descartes, Spinoza, Leibniz und Wolff am prominentesten entwickelt worden ist. Das hervorstechende Merkmal des Rationalismus ist sein erkenntnistheoretischer Optimismus, d. h. das Vertrauen in die unbegrenzte menschliche Erkenntnisfähigkeit. Alle Probleme, die sich bei der Erforschung des Seienden (Sein) stellen, sind prinzipiell lösbar; es gibt nur vorläufige, keine wirklichen Hemmnisse zur Erfassung des Ganzen. Vorbildhaft für den Rationalismus sind deshalb die Mathematik bzw. die mathematischen Naturwissenschaften. In seiner unausgeprägteren Gestalt besteht der Rationalismus (in der Antike) aus der Hervorhebung der Vernunft (nous ) gegenüber den anderen Vermögen der menschlichen Seele. Indem die Vernunft auf die ewigen, unveränderlichen Dinge gerichtet ist, gebührt ihr der Vorrang gegenüber den Kräften, die nur das Werdende und Vergängliche erfassen können (Sinnlichkeit). Der Rationalismus wird so zum Intellektualismus, da er die zufälligen Umstände (vor allem des Handelns) weitgehend ausblendet und sich auf die der Vernunft eigentümliche Gesetzhaftigkeit verlässt, die der Gesetzhaftigkeit des Unwandelbaren korrespondiert. Das Vernunfthafte kann dabei zwei verschiedene Bedeutungen erfahren: entweder wird der Charakter des Sprachlichen herausgehoben (logos ) oder aber der des Rechnens, des Kalküls (ratio als Zahlenverhältnis). In ersterem Falle ist es die dem Menschen allein zukommende Gabe des Sprechens und die damit verbundene Fähigkeit, die Dinge zu bezeichnen, die die Vernunft zum Herausragenden macht. Mittels ihrer kann er über sein Denken und Handeln Rechenschaft ablegen (logon didonai ) und somit die Gemeinschaft der Vernunftwesen begründen. Im zweiten Fall ist die Vernunft das rechnerisch-planende Vermögen, das aufgrund seines konstruierenden Ordnens und Bauens die Gewalt über die Dinge gewinnt. Die Vernunft im ersten Sinn tendiert eher zur betrachtenden (theoretischen) Aneignung des Seienden, im zweiten Sinn zur willenhaften Bemächtigung. Falsch wäre es, den eher sprachbetonten Rationalismus dem griechischen Denken, den eher rechnenden dem römischen eindeutig zuzuordnen. Vielmehr durchdringen sich beide Tendenzen, wobei im Griechischen die philosophische Betrachtung, im Römischen das Politische den Primat hat, was sich besonders in der Gesetzgebung ausgewirkt hat. Die christliche Adaption des antiken Rationalismus bedeutet keinen prinzipiellen Umbruch. Die Welt wird als im Ganzen Erkennbares genommen, wobei allerdings der genuin christlich gedachte Schöpfergott eine gewisse Grenze darstellt (deus absconditus , verborgener Gott). Angesichts einer Offenbarungsreligion sieht sich der Rationalismus vor eine Alternative gestellt: Entweder werden die paradoxen Glaubensinhalte rational eingeholt und damit in Richtung auf eine Vernunftreligion hin bewältigt oder es gibt einen unvermittelbaren Gegensatz von Vernunftwahrheit und Glaubenswahrheit. Der starke Rationalismus tendiert daher zum Gottesbeweis, um alle Schwierigkeiten, die der Offenbarungsreligion anhaften, beiseite zu räumen. In dieser metaphysischen Konstellation wird Gott zum ersten Beweger, zur ersten Ursache, zum Weltenlenker, d. h. zu dem, das denknotwendig allem anderen vorausliegt.

In seiner ausgeprägteren Gestalt wird der Rationalismus zum strengen Systemdenken. Die Vernunft erhebt hier nicht nur den Anspruch, das leitende Vermögen zu sein, sondern auch eine umfassende und endgültige Welterkenntnis erlangen zu können. In dieser Gestalt setzt der Rationalismus bei der Selbstgewissheit des ›ich denke‹ an, von der aus sich alle anderen Bestimmungen des Seienden entwickeln lassen. Die Vernunft gewinnt in dieser Konzeption den Rang des unbezweifelbaren Denkvermögens, das sich aufgrund seiner Fähigkeit zu zweifeln als unumstößliches Fundament qualifiziert. Dasjenige, was alles andere in Frage zu stellen in der Lage ist, kann seinerseits nicht wieder dem Zweifel anheim fallen. Die Vernunft hat sich so zwar eine weit tragende Eigenständigkeit erwirkt, da es nicht mehr die Orientierung an transzendenten Wesenheiten (wie den platonischen Ideen) gibt, ist aber dennoch auf einen adäquaten Ersatz angewiesen. So kommt es zum Gedanken der eingeborenen Ideen (ideae innatae ), die dafür einstehen, dass Vorstellungen, die nicht auf dem Wege der Sinnlichkeit gewonnen werden können, dennoch dem Menschen gegeben sind. So wird das Problem aus dem Weg geräumt, wie es denn möglich sei, dass man Begriffe wie Gott denken kann, ohne sie je anschaulich gefasst zu haben. Gleichzeitig ist mit den eingeborenen Ideen der Hauptangriffspunkt gegeben, der den Rationalismus dieser Prägung so offen für die Angriffe des Empirismus (Locke) gemacht hat. In der Tat macht es sich der Rationalismus zu einfach, indem er unsinnliche Gegenstände zu der allen Menschen mitgegebenen Grundausstattung deklariert, die von einem göttlichen Wesen eingepflanzt worden ist. Denn es nicht zu erklären, warum gewisse Ideen eingepflanzt sein sollen, wenn sie durch die Sinnlichkeit genau so gut gewonnen werden können. Aber es liegt im Wesen des Rationalismus begründet, die sinnliche Wahrnehmung für einen minderen Grad an Klarheit und Deutlichkeit des Erkennens zu nehmen. Während die Vernunft die Dinge selbst schaut, bleiben den Sinnen nur undeutliche und verworrene Bilder, die allenfalls näherungsweise dem Wahren entsprechen. So ist der Rationalismus auf der beständigen Suche nach Sinnestäuschungen, um die Falschheiten und Irrtümer, die er nicht leugnen kann, zu erklären. So ist die Tendenz zur Systembildung schon vorgezeichnet: Wenn es um die vollständige Aneignung des Seienden geht, müssen etwaige Störfaktoren – wie die unzuverlässige Sinnlichkeit – ausgeschlossen werden, da sie die Reinheit des durch Vernunft Erkannten beeinträchtigen könnten. Das System verlangt aber nach Vollständigkeit und Abgeschlossenheit, welche beide durch Einbeziehung eines unsicheren Erkennens in Frage gestellt würden. Der Rationalist muss also ein durch Vernunft selbst gewonnenes Regelwerk benutzen, um zu seinem Ziel, der klaren Durchschaubarkeit des Seienden, zu gelangen. Der Rationalismus ist aber nicht mit dem Systemdenken, wie es sich vor allem im 17. Jh. herausgebildet und auf seine Weise vollendet hat, an sein Ende gekommen. Zum einen ist der Rationalismus ein Pfeiler der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung), zum anderen aber auch der idealistischen Philosophie des 19. Jhs. Die Aufklärung propagiert die Vorherrschaft der Vernunft, um sich von den Autoritäten der Kirche und der metaphysischen Tradition lösen zu können. Wenn es ein dem Menschen zu Gebote stehendes Vermögen gibt, die Wahrheit seines Denkens und die Richtigkeit seines Handelns selbst zu ergründen, fallen damit alle unnötigen Hilfskonstruktionen fort. Der Mensch ist frei, seine Vernunft ohne Anleitung einer ihm übergeordneten Institution zu gebrauchen. Dadurch erhält er die ihm eigentümliche Machtvollkommenheit, über sein Schicksal zu herrschen und die Geschicke der Welt mitzubestimmen. Verbunden damit ist eine Aufwertung des je Einzelnen, der es nicht mehr nötig hat, auf die Weisheitslehren einer Religion zu hören, die sich ohne seine Zustimmung etabliert und für unersetzlich erklärt hat. Die Potentaten können im Angesicht des Rationalismus nicht mehr darauf vertrauen, dass sie als von Gottes Gnaden Erwählte den Untertanen als Menschen höheren Standes erscheinen. Dadurch, dass die Vernunft alle gleichermaßen besitzen, ist es nicht mehr einsichtig, warum es zu einer gerechtfertigten Ungleichheit unter den Menschen hat kommen können. Schließlich erlangt die Vernunft selbst den Status einer göttlichen Macht, der während der französischen Revolution in Tempeln gehuldigt wird. Diese Übersteigerung des Rationalismus führt zu einer Gegenbewegung, die die Kräfte des Irrationalen in den Vordergrund stellt: die Romantik. Doch selbst in der Romantik findet sich ein Punkt, an dem der Rationalismus sich festmachen kann. Der gegen die kalte Vernunft gerichtete Versuch, das Individuelle des Menschen in den Vordergrund zu stellen, ist der Ansatz für den in seiner Wurzel rationalistischen Idealismus. Die Strenge der Deduktionen Fichtes ist genauso vom Geist des radikalen Rationalismus durchdrungen wie das System Hegels. Die von Kant gemachten Einschränkungen (der Abweis des transzendentalen Verstandesgebrauchs) werden rückgängig gemacht, wodurch es quasi zu einer Neubelebung der alten Metaphysik kommt. Der so wieder erweckte Rationalismus reicht noch weiter als sein Vorgänger im 17. Jh. Durch das Diktum, dass das Zufällige aus der Wissenschaft zu verbannen sei, wird Spinozas Forderung nach durchgängiger Bestimmtheit nicht nur erfüllt, sondern sogar überboten. Durch die Einbeziehung der Geschichte (der Welt, der Kunst und der Philosophie selbst) erweitert sich das Feld wissenschaftlicher Betrachtung. Der Idealismus geht in seinem erkenntnistheoretischen Optimismus so weit, dass er die Geschichte als begreifbar nimmt und daraus ihre Prognostizierbarkeit folgert. Damit wird der gemäßigte Rationalismus der Aufklärung, der lediglich die Erkenntnis gewisser Gesetzmäßigkeiten und eines immer wieder anfälligen und unsicheren Fortschritts zulässt, weit in den Schatten gestellt. Der Idealismus macht die Vernunft zu einem so mächtigen Vermögen, dass der Mensch beinahe gottähnliche Züge annimmt. Ihm bleibt, sofern er philosophische Forschung betreibt, prinzipiell nichts verborgen. Alle Erscheinungen können als Tätigkeit des Geistes betrachtet werden, der sie in produktiver Kraft aus sich hinausschleudert. Dabei verkommt allerdings die Natur zu einem Bereich zweiten Ranges. Wenn die Vernunft das allein Wirkliche ist, kommt allem anderen nur noch zu, ein Reflex dieser ungeheuren Macht zu sein. Insofern steigert sich das befreiende Moment des Rationalismus in der Aufklärung zur Hybris eines weltbeherrschenden Denkens im Idealismus. In nicht so übersteigertem Maß hat sich der Rationalismus auch später in verschiedenen Formen ausprägen können. Der von der hegelschen Dialektik beeinflusste Marxismus ist auch von der Vernünftigkeit im historischen Wandel überzeugt, sodass er sich befähigt glaubt, noch folgende Stadien der Geschichte sicher vorhersagen zu können. In der Gegenwart sind alle die philosophischen Richtungen rationalistisch, die sich an einem Vorbild orientieren können, das von ihnen als unbezweifelbar angesehen wird. So hält sich der Neupositivismus an die prinzipielle Verifizierbarkeit von Gegebenem bzw. an dessen Falsifizierbarkeit. Seine Weltauffassung ist streng wissenschaftlich geprägt, wobei Logistik und theoretische Physik die wichtigsten Faktoren sind. Auch die analytische Philosophie ist rationalistisch, da ihre Anhänger von der Überzeugung durchdrungen sind, dass es eindeutige Kriterien zur Überprüfung des sinnvollen Charakters von Aussagen gebe. Die Phänomenologie husserlscher Prägung ist dem Rationalismus insofern verpflichtet, als die logischen Gebilde in ihrer Objektivität genommen und so gegen den Psychologismus verteidigt werden, der ihnen einen bloß relativen Status einräumt. Die Phänomenologie vertraut auf die anschauliche Selbstgegebenheit der Gegenstände, die festen Wesensgesetzlichkeiten unterworfen sind. Die Philosophie, die sich der Wissenschaftstheorie widmet, ist per se rationalistisch, da es ihr darum geht, philosophische Fragestellungen mit demselben Maß an Genauigkeit, an begrifflicher Klarheit und wissenschaftlicher Verantwortlichkeit zu behandeln, wie dies in den Einzelwissenschaften in Bezug auf ihre Fachprobleme geschieht.

H. Albert, Kritischer Rationalismus , Tübingen 2000

W. Schluchter, Die Entstehung des modernen Rationalismus , Frankfurt/M. 1998

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt