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PD Dr. Petra Kolmer

Quaestio facti – quaestio iuris

Lat. ›Tatfrage‹; im übertragenen Sinn: ›Tatsachenfrage – Rechtsfrage‹: Ordnungsbegriffe für Fragestellungen, die sich auf unsichere Sachverhalte beziehen. Im Sinne einer quaestio facti fragt man, wenn man wissen will, ob etwas tatsächlich der Fall ist (oder war), was genau und warum (aufgrund welcher Umstände, wegen oder infolge von was, lat. propter quid ) es der Fall ist (oder war), wobei dieses ›etwas‹ eine Handlung oder ein Handlungsresultat, also etwas von uns (im Umgang mit Dingen, in der kommunikativen Praxis, im wissenschaftlichen Vorgehen) selbst Gemachtes (lat. factum ) oder Erworbenes sein kann, oder auch etwas, das ohne menschliches Zutun eingetreten ist oder gilt. Demgegenüber bezieht sich die quaestio iuris nur auf (im Sinne der quaestio facti nachweisbare) Handlungen, Handlungsresultate oder Ansprüche, etwas zu tun oder zu besitzen, also auf genuine Fakten, und man fragt in ihrem Sinne, wenn man wissen will, wie die Fakten nach gültigen normativen Verbindlichkeiten (Normen, Verfahren, Strukturen) zu bewerten sind, z. B. ob es rechtmäßig ist (oder war), dies oder jenes zu tun oder zu beanspruchen. Das Begriffspaar entstammt der klassischen Rechtslehre, in deren Zusammenhang seit alters zwischen der quaestio facti , ob eine bestimmte Tat als nachgewiesen angesehen werden kann, und der sich daran anschließenden quaestio iuris , wie eine nachgewiesene Tat nach gültigen Rechtsgesetzen zu bewerten ist, unterschieden wird. Im 17. Jh. findet das Begriffspaar Eingang in die Philosophie, in der zunächst Leibniz die juristische Beschränkung der Fragestellungen nur auf das von uns Gemachte, also auf genuine Fakten, aufhebt und die Unterscheidung zwischen quaestio facti und quaestio iuris zu einem in allen Wissenschaften anwendbaren Einteilungsprinzip erhebt. Unser gegenwärtiges Interesse an diesen Ausdrücken verdankt sich jedoch vor allem der Tatsache, dass Kant sich dieser Begriffe bedient, um zu erläutern, was unter einer »transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe« (Kategorien) zu verstehen ist. Dabei orientiert er sich erneut am ursprünglich juristischen Sinn von quaestio factiquaestio iuris , demzufolge es sich dabei um aufeinander aufbauende Fragestellungen handelt, mit denen sich eine Beweisabsicht verbindet und die sich auf etwas von uns Gemachtes (also genuine Fakta) beziehen, wenn er Folgendes ausführt: Bei der transzendentalen Deduktion handelt es sich nicht um eine Beweisführung, mit der man auf eine quaestio facti antwortet – im gegebenen Fall auf die quaestio facti , ob wir von Natur aus im ›Besitz‹ reiner Verstandesbegriffe sind und unter welchen Umständen (bei welcher Gelegenheit und auf welche Weise) wir sie erzeugen –, sondern um einen Beweis in Antwort auf die (der quaestio facti nachfolgende) quaestio iuris , ob es rechtmäßig ist bzw. wir befugt sind, diese Begriffe (für die als nachgewiesen angesehen werden kann, dass wir sie besitzen) in einer künftigen Metaphysik der Natur so zu gebrauchen, wie es ihrem Status als apriorischer Begriff entsprechen würde, nämlich unabhängig von aller Erfahrung. In der gegenwärtigen philosophischen Diskussion spielt die Unterscheidung zwischen Tat- und Rechtsfragen in pragmatisch orientierten Philosophien, etwa bei Habermas, eine Rolle. Sie bleibt aber im Allgemeinen philosophisch hilfreich.

G. W. Leibniz, Definitionum iuris specimen (1667) , Akademie-Ausgabe Bd. VI/3 1980, S. 627

I. Kant, Kritik der reinen Vernunft , B 116 (A 84), in: Werkausgabe, hg. von W. Weischedel, Frankfurt/M. 1974 ff., Bde III und IV

K. Lorenz, Art. quid facti/quid iuris , in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 3, Stuttgart 1995, S. 446

M. Herberger, Art. Quaestio iuris/quaestio facti , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7, Basel 1989, Sp. 1739–1743

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt