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Holm Bräuer

Proposition

Begriff in der modernen Sprachphilosophie, mit dem die Objekte mentaler Akte, wie Wollen, Denken, Glauben und Hoffen bezeichnet werden. In der Sprechakttheorie wird davon ausgegangen, dass es verschiedene Modi gibt, durch die eine Proposition (bzw. ein propositionaler Gehalt) zum Ausdruck gebracht werden kann. Die Akte des Behauptens, des Befehlens oder Versprechens etc. drücken eine Sprecherabsicht aus, in der der jeweilige Satz geäußert werden kann. Sätze der jeweiligen Modi, z. B. ›Hans steht vor dem Tisch‹, ›Hans soll sich vor den Tisch stellen‹ und ›Hans soll vor dem Tisch stehen!‹ können in solchen Sätzen paraphrasiert werden, in denen im Hauptsatz die Absicht und im dazugehörigen dass-Satz die propositionalen Inhalte ausgedrückt werden: ›Ich behaupte, dass Hans vor dem Tisch steht‹, ›Ich wünsche mir, dass Hans vor dem Tisch steht‹ und ›Ich befehle, dass Hans vor dem Tisch steht!‹

In einem etwas anderen Zusammenhang wird Proposition innerhalb der Bedeutungstheorie verwendet. Insbesondere in Kontexten des Glaubens kommen Sachverhalte vor, die keinen Tatsachen entsprechen. Wenn z. B. jemand glaubt, Cäsar habe Catilina denunziert, jedoch gleichzeitig nicht glaubt, dass Tullius Catilina denunziert hat, obwohl Cäsar und Tullius dieselbe Person bezeichnen, dann kann er sich mit seinem Glauben nicht auf eine Tatsache beziehen, sondern nur auf eine Proposition, das Objekt seines Glaubensaktes. In diesem Sinne bezeichnet eine Proposition keinen konkreten Gegenstand, sondern gehört zur Klasse der abstrakten Entitäten.

Oftmals wird Proposition mit der Intension einer Äußerung gleichgesetzt. Die Argumentation, die zur Annahme von Intensionen führt, geht auch von den Glaubenssätzen aus. Wenn die Extension einer Aussage aus der Zuordnung des singulären Terminus zu einem konkreten individuellen Gegenstand und der Zuordnung des allgemeinen Terminus (Prädikat) zu einer Klasse von Gegenständen eines bestimmten Merkmals besteht, dann ist sie mit einer Aussage logisch äquivalent (gleiche Extension), wenn anstelle des einen singulären Terminus ein anderer singulärer Terminus gesetzt wird, der dasselbe Individuum bezeichnet. Dieses Prinzip nennt man Substitutionsprinzip. Scheinbar funktioniert es bei Sätzen des Glaubens nicht. Während die Sätze ›Cicero hat Catilina denunziert‹ und ›Tullius hat Catilina denunziert‹ logisch äquivalent sind und immer denselben Wahrheitswert besitzen, gilt das nicht für Sätze wie ›Thomas glaubt, dass Cicero Catilina denunziert hat‹ und ›Thomas glaubt, dass Tullius Catilina denunziert hat‹. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der erste Satz wahr ist (Thomas glaubt daran), während der zweite falsch ist (Thomas glaubt nicht daran) oder umgekehrt. Es scheint in diesem Beispiel darauf anzukommen, ob Thomas weiß, dass Tullius dieselbe Person bezeichnet wie Cicero. Frege hat für das hier vorliegende Problem ein etwas anderes Beispiel gewählt. Er fragt sich, warum die Erkenntnis, dass der Abendstern dasselbe ist wie der Morgenstern, unter Umständen etwas Neues sagen kann. Wenn die Bedeutungen der Worte ausschließlich auf den Gegenständen, die sie bezeichnen, beruhen würden, dann würde das Substitutionsprinzip gelten und wir könnten ›Abendstern‹ = Venus und ›Morgenstern‹ = Venus setzen. Doch der Satz ›Venus = Venus‹ ist eine bloße Tautologie und kann uns nichts Neues sagen. Deshalb, so Frege, müsse man den sprachlichen Ausdrücken neben ihrer Bedeutung (dem Gegenstand, für den sie stehen) noch einen Sinn zuordnen, welcher eine bestimmte Gegebenheitsweise des jeweiligen Gegenstandes zum Ausdruck bringt.

In der modernen Sprachphilosophie ist die Annahme von Propositionen nicht unumstritten. Nominalistische Positionen versuchen den Rekurs auf Propositionen zu vermeiden, da sie danach trachten, die Rede von abstrakten Entitäten zu eliminieren. Ein grundlegenderes Problem scheint die Individuierung und die Aufklärung der inneren Struktur von Propositionen zu sein. In der Logik können Propositionen nur als unauflösbare Einheiten betrachtet werden, da ihre interne Struktur, wie im Beispiel mit den Glaubenssätzen, nicht den Gesetzen der Extensionalität gehorcht und damit nicht wahrheitsfunktional ist. Die Frage, wann Propositionen als identisch und wann sie als verschieden zu bezeichnen sind, wirft erhebliche Probleme auf, auf die noch keine zureichende Antwort gefunden werden konnte.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt