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Holm Bräuer

Praxis

Griech. ›Handlung‹: Begriff, der sowohl in der Umgangssprache als auch in der philosophischen Terminologie in verschiedenen Kontexten verwendet wird. Einerseits bezeichnet ›Praxis‹ die gesamte Lebenstätigkeit des Menschen in allen Bereichen. Im engeren Sinne steht Praxis als Analogon zu Erfahrung und praktischen Kenntnissen, welche durch ständige vorherige Übung ausgebildet worden sind und sich später in zur Gewohnheit gewordenen Tätigkeiten ausdrücken. Praxis steht im Sinne von Handeln im Gegensatz zu bloß verbalen Absichten, im Sinne von Anwendung im Gegensatz zu Theorie. Oft wird auch das Praktische mit dem Nützlichen gleichgesetzt. Ein unpraktischer Mensch wird daher auch als jemand angesehen, dessen Handlungen zu keinem Ziel oder zumindest nicht zu dem gewollten Ziel führen.

Die philosophische Auseinandersetzung mit dem Praxisbegriff wurde weitgehend durch Aristoteles geprägt. Die Wissenschaften unterteilt er in die der Einsicht (phronesis ), der Haushaltung (oikonomia ) und der Politik (politika ). In seiner Nikomachischen Ethik unterscheidet Aristoteles drei Lebensformen: Zum einen das Leben gemäß der Lust (hedone ), dann das tätige Leben (bios praktikos bzw. politikos ) und schließlich das theoretische Leben des Philosophen (bios theoretikos ) im Sinne der Kontemplation. Den Begriff der Praxis grenzt er dabei ab gegen den der Poiesis. Poiesis ist eine herstellende Tätigkeit, sie zielt auf ein Produkt bzw. Ergebnis, das mittels einer Handlung hergestellt bzw. erreicht werden soll. Poiesis also ist Herstellung von etwas, was außerhalb der Handlung selbst liegt. Praxis hingegen ist der Vollzug einer Handlung, die kein Ziel außer ihrer selbst hat. Die dem Menschen angemessene und höchste Glückseligkeit liegt in der theoretischen Lebensführung, die eine Tätigkeit der Seele gemäß der ihr eigentümlichen Tüchtigkeit und Fähigkeit ist, nämlich der Vernunft. Der Phronesis geht es um das richtige Tun und das Gute selbst. Das Handeln im Sinne der Phronesis hat für Aristoteles genau deshalb einen höheren Wert, weil solches Handeln seinen Zweck im Handeln selbst hat (und insofern autark ist) und eben nicht in der Erreichung eines dem Handeln äußerlichen Ziels.

Seit der Spätantike bis weit hinein in die mittelalterliche Scholastik herrscht die Bevorzugung eines kontemplativen Theorieverständnisses vor, wobei nun der Praxisbegriff des Aristoteles umgedeutet wird. Praxeis sind für Plotin diejenigen Tätigkeiten, die von der Unvernunft und den Leidenschaften beherrscht sind. Die kontemplative Theorie ist von grundsätzlich höherer Natur. Ihr gegenüber wird die Praxis zu einem bloßen Mittel, die Kontemplation zu erreichen. Bei Augustinus spielt das »geschäftige Leben« eine untergeordnete Rolle gegenüber der Weisheit, die die Erkenntnis der ewigen Werte in sich schließt. Für Thomas von Aquin stellt die theoretisch-intellektuelle Tätigkeit einen höheren Wert dar als das praktische Leben des Alltags, denn erst unter der Herrschaft von Vernunft und Intellekt kann sich das praktische Leben zu einer spezifisch menschlichen Lebensform erheben.

Erst mit den Ansichten von Duns Scotus und Wilhelm von Ockham kommt die Praxis zu einer ebenbürtigen Stellung gegenüber der kontemplativen Theorieauffassung, denn sie bestimmen die Praxis als einen Willensakt. Praxis kann nicht nur auf die sichtbaren Ausübungen menschlicher Tätigkeiten angewandt werden, sondern genauso gut bestimmend für Verstandeshandlungen sein. Damit einher geht eine veränderte Auffassung von Theorie, die nicht mehr vorrangig als bloß kontemplativ aufgefasst, sondern als eine Erkenntnisart mit wesentlich praktischem Charakter bestimmt wird. Die Renaissancephilosophie von Pico della Mirandola, Manetti, Bruno, Galilei und Vico kehrt das Verhältnis von Kontemplation und Praxis ganz zugunsten der Praxis um. Die menschliche Tätigkeit als ein künstlerisch-produktives Verhalten, das sich seine Natur selbst herstellt und diese nicht nur nachahmt, rückt den Menschen in die Nähe des schöpferischen Gottes, macht ihn zu einem autonomen Gestalter von Natur, Gesellschaft und Geschichte. Die Entstehung der modernen Naturwissenschaften geht Hand in Hand mit diesem veränderten Menschen- und Praxisverständnis. Theorie heißt nun nicht mehr nur kontemplative Erfassung ewiger Wahrheiten, sondern wird ganz unter den Aspekt ihrer Nützlichkeit für die menschliche Praxis untergeordnet. So war es für F. Bacon, Hobbes, Locke und Berkeley stets ein Bedürfnis, die Brauchbarkeit und Nützlichkeit der Wissenschaft für die Erleichterung des menschlichen Lebens und Handelns hervorzuheben.

Kant korrigiert dieses emphatische Praxisverständnis. Er versteht unter Praxis ausschließlich ein vernünftiges Handeln. Vernünftiges Handeln steht unter praktischen Grundsätzen, die eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, welche dem praktischen Gebrauch der Vernunft entspringt. In diesem Sinne kann es keinen Widerstreit zwischen Theorie und Praxis geben. In Analogie zur theoretischen Vernunft, welche erkennt, was da ist, geht es der praktischen Vernunft darum zu erkennen, was da sein soll. Obwohl auch schon Kant von einem Primat der praktischen gegenüber der theoretischen Vernunft ausgegangen ist, fasst Fichte den Begriff der praktischen Vernunft noch emphatischer. Praktische Vernunft ist für ihn die Wurzel aller Vernunft, und die Erkenntnis ist der Handlung untergeordnet, da wir nicht handeln um zu erkennen, sondern umgekehrt erkennen um zu handeln. Hegels Praxisverständnis orientiert sich am Begriff der Arbeit, durch welche der Mensch sich nicht nur schlicht zur Natur verhält, sondern diese formiert, verändert und seinen Bedürfnissen anpasst. Das Moment der Umbildung, der verändernden Tätigkeit, wird von Hegel auf die gesamte Geistesgeschichte ausgedehnt: Die Geschichte besteht in einem Prozess der praktischen Selbstverwirklichung der Vernunft, der bildenden Macht in den Werken der menschlichen Arbeit.

Für Marx und Engels spielt der Praxisbegriff eine zentrale Rolle innerhalb ihrer Erkenntnis- und Gesellschaftskritik. Geht die traditionelle Erkenntnistheorie von einem Verhältnis des beobachtenden Subjekts zu dem von diesem erkannten Gegenständen aus, begründen Marx und Engels eine materialistische Erkenntnistheorie, die die Rechtfertigung einer bestimmten Theorie allein an praktischen Maßstäben misst. Weder die Kontemplation noch die richtige Anwendung der Begriffe, noch die Erfahrung kann einen letztlichen Beweis für die Anerkennung der gegenständlichen Wahrheit erbringen; allererst die Praxis, die Anwendung, das tätige Hervorbringen und Verändern kann einen Beweis für die Notwendigkeit theoretischer Erwägungen erbringen. Seinen prägnantesten Ausdruck hat diese Auffassung in der berühmten marxschen Formulierung der 11. These zu Feuerbach gefunden: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.« Die gesellschaftstheoretische Konsequenz der materialistischen Praxiskonzeption wird in dieser These schon mit ausgesprochen. Die Geschichte ist nicht, wie bei Hegel, im Sinne der Selbstverwirklichung der Vernunft zu begreifen, sondern als das Ergebnis einer gemeinsamen Praxis, die sich vor allem in den konkreten Arbeitsverhältnissen zwischen den Menschen spiegelt. Die marxistische Gesellschaftstheorie ist daher nicht nur eine Theorie, der es darum geht, zu einem besseren Verständnis gegenwärtiger oder vergangener Zustände zu gelangen, sondern sie ist eine Theorie, die ihre Konsequenz in einem Handeln, in der aktiven Veränderung der gesellschaftlichen Zustände hat.

In jüngerer Zeit versuchte Habermas, den marxschen Praxisbegriff erneut stark zu machen. Sein Vorschlag lautet, den Begriff der Arbeit durch den Begriff der Kommunikation zu ersetzen. Unsere kommunikative Praxis bestehe auf dem Hintergrund einer Lebenswelt und ist auf die Erhaltung und Erneuerung eines Konsens ausgelegt, der auf der intersubjektiven Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche beruht. Seine auf kommunikatives Handeln und auf die Sprache ausgerichtete Praxiskonzeption orientiert sich allerdings nicht mehr an einer revolutionären gesellschaftlichen Veränderung, sondern am Paradigma des verständigungsorientierten Handelns, bezogen auf die Aspekte der Normativität in Sprache und Tätigkeit.

Die insbesondere in den USA entwickelte Konzeption des Pragmatismus stellt eine Theorie dar, die auch den Begriff der Praxis zu ihren Mittelpunkt gemacht hat. Der Begründer dieser Richtung, Peirce, definierte einen pragmatischen Wahrheitsbegriff, der Wahrheit im Hinblick auf die mögliche zukünftige Dienstbarkeit bestimmt.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt