Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Dr. Axel Spree

Pragmatismus

Der Pragmatismus gilt als erste eigenständige Richtung der amerikanischen Philosophie. Entstanden im letzten Drittel des 19. Jhs., erreichte er seinen Höhepunkt zu Anfang unseres Jahrhunderts in der vor allem von James und Dewey vertretenen Ausprägung. Die Herrschaft der letztlich aus kontinentaleuropäischen und englischen Ursprüngen hervorgegangenen analytischen Philosophie drängte den Pragmatismus auch in den USA lange Zeit in den Hintergrund. In den letzten Jahren allerdings zeigt sich – bei schwindender Reputation der analytischen Philosophie – wieder ein verstärktes Interesse an pragmatistischen Denkweisen.

Der Pragmatismus ist weder eine philosophische Schule, deren Mitglieder sich über grundlegende Prinzipien und Verfahrensweisen einig wären, noch eine exakt zu bestimmende philosophische Methode. Viel mehr besteht bereits zwischen den heute zu den ›Klassikern‹ des Pragmatismus zählenden Autoren Peirce, James und Dewey Uneinigkeit über die genaue Bedeutung des Ausdrucks, die sich nicht zuletzt auch in den verschiedenen Alternativvorschlägen für die Namensgebung ausdrückt. So glaubte Peirce, der allgemein als Erfinder des Ausdrucks und der Sache ›Pragmatismus‹ gilt, sich später von den Theorien seiner Nachfolger James und Dewey distanzieren zu müssen, indem er den eingestandenermaßen ›hässlichen‹ Ausdruck ›Pragmatizismus‹ prägte. James selbst bezeichnete seine philosophische Position eher als radikalen Empirismus oder Pluralismus, Dewey sprach für sich von Instrumentalismus, und der englische Pragmatist Schiller hielt die Bezeichnung ›Humanismus‹ (A Renaissance – Humanismus) für angemessener.

Trotz dieser verwirrenden Vielfalt an Namen und Positionen lässt sich aus heutiger Sicht grundsätzlich zwischen drei zwar verwandten, aber doch einigermaßen klar voneinander abgegrenzten Bedeutungen des Ausdrucks ›Pragmatismus‹ unterscheiden. Im Anschluss an den Begründer Peirce bezeichnet Pragmatismus zunächst eine bestimmte Vorgehensweise zur Klärung der Bedeutung von Begriffen in der Philosophie oder in der Wissenschaft. Diese Vorgehensweise wird beschrieben in Peirce’ »pragmatischer Maxime« von 1878. Demnach erlangt man Klarheit über die Bedeutung eines Begriffs, indem man sich in einer Art Gedankenexperiment die Wirkungen und praktischen Bezüge klar macht, die dem Gegenstand des Begriffs zukommen. Unser Begriff dieser Wirkungen ist dann »das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes«. Es ist zu beachten, dass der Pragmatismus für Peirce von Anfang an im Zusammenhang einer Logik der Forschung stand. Seine Nachfolger sollten über diesen vergleichsweise engen Geltungsbereich weit hinausgehen.

Zum Zweiten nämlich ist Pragmatismus der Name für eine allgemeine philosophische Theorie des Wissens, der Erfahrung und der Wirklichkeit. Drei grundlegende Überzeugungen spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle: erstens die Annahme, dass Denken, Wissen und Erkenntnis das Ergebnis eines biologischen und sozialen Entwicklungsprozesses sind und dass ihre Funktion in der Anpassung an sowie der Kontrolle über die Erfahrung und die Wirklichkeit besteht; zweitens die Annahme, dass diese Wirklichkeit nicht ein für allemal gegeben und statisch, sondern variabel und veränderlich ist, und dass die Aufgabe des Denkens deshalb nicht in der Erkenntnis unabänderlicher Gegebenheiten bestehen kann, sondern in der Verwirklichung unserer Interessen und Absichten; drittens schließlich die Annahme, dass alles Wissen durch zukünftige Erfahrungen überprüft und gegebenenfalls verändert werden muss und dass das Denken in einer Art experimenteller Vorwegnahme dieser zukünftigen Entwicklungen besteht.

Im Zusammenhang mit dieser zweiten Bedeutung des Ausdrucks ist auch die pragmatistische Theorie der Wahrheit zu nennen, die lange Zeit im Mittelpunkt der kritischen Diskussion stand. James, dessen Formulierung einer pragmatistischen Wahrheitstheorie hier zentral ist, bestimmt Wahrheit zunächst ganz konventionell als Übereinstimmung eines Gedankens, einer Vorstellung oder einer Aussage mit der Wirklichkeit. Allerdings müsse gefragt werden, was genau mit ›Übereinstimmung‹ und ›Wirklichkeit‹ gemeint sei, beispielsweise angesichts solcher Begriffe wie der Elastizität einer Uhrfeder, von der wir uns kaum ein ›realistisches‹ Bild machen können. Gegen die statische Konzeption der Wahrheit setzt James deshalb eine dynamische: Vorstellungen sind nicht einfach wahr (oder falsch), sie werden im Prozess der Verifikation wahr gemacht. Übereinstimmung mit der Wirklichkeit bezeichnet folglich weniger eine fest stehende Relation als vielmehr einen Prozess, der zu bestimmten praktischen Konsequenzen führt, einen Prozess also, der uns in intellektueller oder praktischer Hinsicht weiterbringt. – In der Rezeption des Pragmatismus wurde diese Wahrheitstheorie häufig als simple Gleichsetzung von Wahrheit und Nützlichkeit missverstanden. Insbesondere solche Metaphern wie die vom cash-value (»Barwert«) der Wahrheit begünstigten die vor allem in Europa verbreitete Auffassung, der Pragmatismus sei eine typisch amerikanische Philosophie, in der letztlich die Gesetze des Finanzmarktes auf erkenntnistheoretische und moralische Probleme übertragen werden sollten. In jüngster Zeit wird diese Deutung zunehmend revidiert.

In einem dritten Sinn schließlich bezeichnet Pragmatismus eine allgemeine philosophische und im engeren Sinn erkenntnistheoretische Position, für die folgende Merkmale charakteristisch sind: zum einen ein rigoroser Anti-Essenzialismus, also die Annahme, dass philosophische Grundbegriffe wie Wahrheit, Erkenntnis, Moral, Rationalität usw. nicht so aufgefasst werden dürfen, als hätten sie ein Wesen, das durch irgendwelche Operationen oder Strategien aufgedeckt werden könnte. Zum anderen ist diese Form des Pragmatismus durch ihren Holismus gekennzeichnet, d. h. durch die Ablehnung einer Reihe von philosophisch einschlägigen Dichotomien wie z. B. Tatsachen und Theorien oder Tatsachen und Werte. Bei manchen Autoren verbindet sich dieser Holismus jedoch mit einem starken Realismus, d. h. mit der Auffassung, dass die Wahrnehmung in der Regel eine von Gegenständen und Ereignissen ›da draußen‹ ist und nicht von privaten Sinnesdaten. Im Kern pragmatistischen Denkens steht somit ein vermeintlicher Widerspruch, nämlich die These der Unmöglichkeit absoluter, endgültiger Aussagen über die Wirklichkeit auf der einen Seite und die Einsicht in das offensichtliche praktische Funktionieren unserer Wirklichkeitsauffassungen auf der anderen. Holismus und Realismus stellen jedoch keinen Widerspruch dar, wenn man beachtet, dass der Pragmatismus von Anfang an zwar eine durchaus moderne, vielleicht gar postmoderne philosophische Position besetzte, andererseits jedoch Philosophie nie um ihrer selbst willen betrieb, sondern immer auch die Frage nach den praktischen Konsequenzen unserer philosophischen Auffassungen gestellt hat.

In der aktuellen philosophischen Diskussion spielen unterschiedliche Varianten des Pragmatismus auf verschiedenen Gebieten eine Rolle, so etwa in der Erkenntnistheorie und der Wissenschaftstheorie, aber auch in der Politikwissenschaft, in der Ästhetik oder in der Literaturwissenschaft. Der Kreis derjenigen – vor allem amerikanischen – Denker, die sich neuerdings wieder auf den Pragmatismus besinnen, setzt sich charakteristischerweise zum großen Teil aus ehemals analytischen oder der analytischen Philosophie zumindest nahe stehenden Philosophen zusammen; zu nennen sind u. a. Hilary Putnam und Ruth Anna Putnam, Rorty, Margolis sowie – im Bereich der Ästhetik und Literaturwissenschaft – Richard Shusterman oder Stanley Fish. Im deutschsprachigen Raum bestimmte die Auseinandersetzung mit Peirce lange Zeit das Bild des Pragmatismus, der vor allem für die Diskursethik von Habermas und Apel von Bedeutung war. Dewey wurde bis vor kurzem fast ausschließlich als Pädagoge, nicht aber als Philosoph rezipiert. Die Vielzahl der augenblicklich erscheinenden Übersetzungen und Neueditionen solcher Autoren wie Mead, James und auch Dewey lässt jedoch hoffen, dass der Pragmatismus auch in Deutschland bald in seiner ganzen Breite wahrgenommen und für die philosophische Diskussion fruchtbar gemacht werden wird.

Ch. S. Peirce, Über die Klarheit unserer Gedanken [1877/78] , Hg. von K. Oehler, Frankfurt/M. 1968

W. James, Pragmatismus. Ein neuer Name für einige alte Denkweisen [1906] , Übers. und hg. von K. Schubert / A. Spree, Darmstadt 2000

J. Dewey, Die Erneuerung der Philosophie [1920] , Hamburg 1989

K. Oehler, Charles Sanders Peirce , München 1993

R. Diaz-Bone, K. Schubert, William James zur Einführung , Hamburg 1996

M. Suhr, John Dewey zur Einführung , Hamburg 1994

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt