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Dr. Hartmut Pätzold

Postmoderne

Es hat mehr als hundert Jahre gedauert, bis der zunächst nur vereinzelt in den Literatur-, Kunst- und Architekturdebatten seit dem ausgehenden 19. Jh. auftauchende Begriff der Postmoderne in den siebziger Jahren des 20. Jhs. auch Eingang in soziologische und philosophische Theorien fand und schließlich seit etwa 1980 in allen öffentlichen Zeitgeist-Diskussionen zu einem vieldeutig schillernden Schlagwort avancierte, das einen Epochenwandel einzuklagen schien, weshalb die Reaktionen von emphatischer Begeisterung über Reserviertheit bis hin zu wütender Ablehnung reichten. Aus der Begriffsgeschichte lässt sich eine für alle genannten Kulturbereiche gleichermaßen gültige Grundformel herleiten, die besagt, dass immer dann von postmodernen Ausdrucksformen die Rede ist, wenn in ein und demselben Werk auf Vielfältigkeit und konsequenten Pluralismus der Stile und Denkweisen Wert gelegt wird. In den durch die Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) hindurchgegangenen Industriegesellschaften Europas und Amerikas hat sich analog ein manchmal nur vage spürbares, manchmal aber auch prononciert vorgetragenes Lebensgefühl entwickelt, dessen Hauptmerkmal in der als Befreiung von Traditionen und Stilzwängen erlebten Beliebigkeit des anything goes (Feyerabend) zu bestehen scheint. Da es dieser weit verbreitete, ebenso populäre wie unkritische und irrationale Relativismus dem Einzelnen erlaubt, sich jenseits von Ansprüchen wie Verantwortung und Pflichterfüllung genießend einzurichten, wird die mit ihm verbundene Konsequenz des Werteverfalls von besorgten Kritikern nicht ganz zu Unrecht als zerstörerisch für die demokratische Gesellschaft angesehen.

Um eine angemessene Auseinandersetzung mit dem philosophischen Kern der im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland vorhandenen, zumeist eher despektierlichen Klischeevorstellungen über die Postmoderne zu ermöglichen, sollen vier Problemkreise erörtert werden, die sich in den folgenden Fragen zusammenfassen lassen: 1. Welche Denkmotive liegen dem postmodernen Philosophieren zu Grunde? 2. Welche positive Bedeutung enthält der Begriff der Postmoderne? 3. In welchem Verhältnis steht die postmoderne Philosophie zu dem vom Geist der Aufklärung getragenen Projekt der Moderne? 4. Was ist von dem Vorwurf zu halten, die postmoderne ›Vielheitslust‹ sei eine Erscheinungsform des auf Selbstzerstörung ausgerichteten pathologischen Nihilismus?

1. Angesichts des in vielerlei Hinsicht desaströsen Zustands der weitgehend durch rationale Prozesse bestimmten Wirklichkeit nicht nur am Ende des 20. Jhs. ist der Glaube der aufgeklärten Moderne an die Universalität und Einheit der sich aus sich selbst heraus rechtfertigenden und begründenden Vernunft immer stärker ins Wanken geraten. Vernunftkritik und Vernunftschelte sind geradezu in Mode gekommen; sie gelten dem schon von Nietzsche, einer Vaterfigur der Postmoderne, diagnostizierten ›Wahnsinn‹ der Vernunft, der allgegenwärtiger zu sein scheint als selbst die bescheidensten Realisierungsansätze jener optimistischen Heilsvisionen von Descartes über Condorcet bis hin zu dem trotz aller Kapitalismuskritik grundsätzlich kaum skeptischeren Spätaufklärer Marcuse, die darin übereinstimmen, dass sie von der Durchsetzung von Vernunft und Wissenschaft den mühelosen Genuss aller Früchte und Annehmlichkeiten der Erde für alle Menschen erwarten. Repression und Zerstörung, eurozentrische, phallozentrische und technische Machtausübung stehen in dem Verdacht, das Werk der einst als Befreierin von bestehenden Geltungs- und Machtansprüchen gepriesenen Vernunft zu sein. Die von ihr begonnene Kritik an tradierten Inhalten hat sie selbst eingeholt: Auch das Vermögen der Kritik wird zum Gegenstand metakritischer Betrachtung. Das Licht, das die Vernunft ins Dunkel undurchschauter Abhängigkeiten gebracht hat, wird – um eine Metapher Foucaults aufzugreifen – nunmehr als ›Falle‹ empfunden; denn die erreichte Transparenz ermöglicht zugleich universelle Überwachung, Kontrolle und Disziplinierung alles Andersartigen und Fremden, nicht zuletzt auch der ›unvernünftigen‹ inneren und äußeren Natur.

2. Positiv lässt sich also der postmoderne Denkansatz als ein radikal modernes Bemühen um eine metakritische Freilegung der Wurzeln der Moderne definieren. Um der Repression durch eine einzige Form der Rationalität zu entgehen, plädieren die postmodernen Denker aus unterschiedlichen Perspektiven für die Unhintergehbarkeit radikaler Pluralität, mit der sie sich im Bereich der kulturellen Lebensformen ebenso konfrontiert sehen wie bei den Wissenskonzeptionen oder Orientierungsmodellen.

Insbesondere der französische Poststrukturalismus hat versucht, sich von dem universalen Vernunftbegriff und Vernunftanspruch des aufklärerischen Rationalismus abzugrenzen. So analysiert Lyotard in seiner weithin bekannten, 1979 erschienenen Schrift La Condition postmoderne (dt.: Das postmoderne Wissen, 1986 ) die Grundzüge der von ihm als postmodern gekennzeichneten Kultur und Gesellschaft seit dem Ende der fünfziger Jahre des 20. Jhs. und kommt dabei zu dem Schluss, dass sie in ihren Grundstrukturen charakteristische Merkmale der avantgardistischen Wissenschaft und Kunst dieses Jahrhunderts einlösen. Entscheidend ist dabei der Vorrang von Ambivalenz, Diskontinuität und Vielgestaltigkeit vor Eindeutigkeit, Kontinuität und Einheitlichkeit. An die Stelle der großen ›Metaerzählungen‹, welche die Diskurse der Erkenntnis, der Ethik, der Kunst, der Politik und des Rechts im Namen der Einheit der Vernunft miteinander verbinden und versöhnen, tritt eine unaufhebbare Heterogenität ähnlicher Ordnungen und Sprachspiele, die auf ihrem Eigenrecht bestehen. Von diesem Ansatzpunkt aus werden sprachliche Uniformierungs- und Monopolisierungstendenzen als unerlaubte, das Besondere nivellierende Übergriffe kritisierbar, so zum Beispiel die Absolutsetzung des am Paradigma der Ökonomie orientierten rein äußerlichen Umgangs mit Kunst, der den Gehalt des einzelnen Werkes zur gut oder schlecht gehenden Ware degradiert.

Auch die analytische Philosophie hat eine Reihe von Beiträgen zur Theorie der Pluralität entwickelt. So wendet sich die in den Philosophischen Untersuchungen (dt. 1958 ) des späten Wittgenstein entwickelte Sprachspiel-Theorie ausdrücklich gegen den Anspruch der Philosophie Hegels, auf dialektischem Wege die absolute Einheit der Vernunft erschleichen zu können. Ihr kommt es im Gegensatz dazu darauf an, die Sprache als »Labyrinth von Wegen« erfahrbar zu machen, das sich einer gewaltsamen Begradigung entzieht. An die Stelle des von Vernunft durchwalteten einen allgemeinen Sprachwesens tritt die Vorstellung eines komplizierten Netzes von Ähnlichkeiten, das die ansonsten verschiedenen Sprachspiele durchzieht. Für die postmoderne Zeit gesellschaftlicher Multikulturalität lässt sich daraus ableiten, dass die Welt aus einer Familie ähnlicher Sprach- und Lebensspielwelten besteht, in der es zwar keine Universalmoral im Sinne der Aufklärung mehr gibt, aber eine Familie ähnlicher Ethno-Ethiken (vgl. Wohlfart).

Ausgehend von Kants Einsicht, dass es keinen unmittelbaren Zugriff auf Wirklichkeit gibt, sondern Realität immer ein Konstruktionsprodukt menschlicher Subjektivität ist, hat N. Goodman in seiner 1984 in deutscher Übersetzung erschienenen Schrift Weisen der Welterzeugung eine Mehrweltentheorie aufgestellt, die davon ausgeht, dass die verschiedenen Symbolsysteme der Wissenschaften, der Philosophie, der Religionen, der Künste, der Medizin und des Alltags – um wenigstens die wichtigsten zu nennen – einander nebengeordnet sind. Infolgedessen gibt es statt der einen wahren Welt einen unendlichen »Erzeugungsprozess einer Vielfalt von richtigen Versionen oder Welten«, die sich nicht etwa aus irrationalen Gründen einer friedlichen (Ver)Einigung widersetzen, sondern weil sie eine präzise Eigenlogik besitzen und eine eigenständige Evidenz für sich beanspruchen können, die aus den je verschiedenen legitimen Kontexten resultiert.

Aus den Perspektiven der differenten Sprachspiele und unterschiedlichen Weltversionen betrachtet, erscheint die europäische Moderne als monistisch und dogmatisch, ihr »mono-ethnozentristisches« Weltbild ersetzt die Postmoderne durch ein »polyzentrisches Bild sich überschneidender Sprach-Kultur-Kreise« (Wohlfart).

3. Trotz divergierender Akzentsetzungen tendiert die neuere Diskussion über das Verhältnis der Postmoderne zur Moderne dazu, von der im Begriff suggerierten epochalen Antithese abzurücken. Während Kritiker wie Habermas und Marquard zur Etikettierung der Postmoderne nach wie vor Formulierungen wie »programmatische Verabschiedung der Moderne« oder »Antimodernismus im Namen der Zukunft« verwenden, betonen die postmodernen Denker selbst (so zum Beispiel Derrida oder Lyotard) ihre in der Tradition der Aufklärung stehende Verantwortlichkeit vor und Verantwortung für die Vernunft, welche die Analyse der immanenten Probleme der Vernunftkultur verlange. Auch begreifen sie ihr Denken als Antwort auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse wie die heisenbergsche Unschärferelation oder das gödelsche Unentscheidbarkeitstheorem.

Welsch geht über diese erkenntnistheoretischen Problemfelder hinaus und zieht eine moralisch-rechtliche Verbindungslinie zur Aufklärung. Der Verweis auf Gotthold Ephraim Lessings (1729–1781) Ringparabel und die in ihr vollzogene Abkehr von der Idee der absoluten Wahrheit sowie die Erinnerung an die in der Konzeption der Menschenrechte enthaltene Idee der Gerechtigkeit ermöglicht ihm die Interpretation der an konkreter Pluralität interessierten Postmoderne als »Strang erweiterter Aufklärung«, der sich unverzichtbaren Postulaten der Moderne in radikalisierter Form verpflichtet fühlt.

4. Die Klage über die von den ›Postmodernisten‹ herbeigeredete und -gedachte Maßstablosigkeit und über die sich daraus ergebende Beliebigkeit von Verbindlichkeiten erscheint bei genauerem Hinsehen insofern als voreilig, als sie den Zeitgeist mit philosophischen Theoremen verwechselt oder zumindest vermengt. Einer sich als radikalisierte Moderne verstehenden Postmoderne kann jedenfalls nicht an einer indifferenten Kombination von allem und jedem gelegen sein. Wer die Entfaltung des Unterschiedlichen will, kann nicht gleichgültig bleiben, ein Engagement kann von ihm nicht jederzeit für beliebige Anliegen übernommen und genauso schnell ohne Angabe von Gründen wieder abgelegt werden; denn die Pluralität selbst gelangt für ihn in den Rang eines ethischen Wertes. Welsch hat aus dieser Sachlage zwei positive und zwei prohibitive Forderungen abgeleitet, die den Normenkatalog einer postmodernen Ethik anführen: die Achtung vor der Meinung und dem Sprachgebrauch der anderen, das Verbot eines Übergriffs auf Leitprinzipien oder Entfaltungsregeln anderer kultureller Lebensformen sowie den Verzicht auf einen Super-Diskurs, der vorgibt, die unterschiedlichen Ansprüche aller Lebensformen gleichermaßen berücksichtigen zu können. Das aber heißt unmissverständlich: Verzicht auf Gewaltanwendung als Mittel der Kommunikation oder der Konfliktbewältigung. Um in Konsens und Konflikt miteinander auskommen zu können, müssen die aus verschiedenen Kulturen kommenden, zusammen lebenden Menschen andersartige Ausdrucks- und Denkformen respektieren lernen. Die Anerkennung des anderen findet da ihre Grenze, wo diese grundlegende Spielregel verletzt wird.

Der pessimistischen Gegenwartsdiagnose, die den Verlust der normativ gedachten Einheit des Wahren, Guten und Schönen als Selbstzerstörungstaumel einer in krankhafter Weise selbstkritischen Vernunft begreifbar zu machen sucht, tritt mit der postmodernen Haltung eine aufklärerisch geläuterte und deshalb wachsame und wehrhafte Gelassenheit gegenüber, die sich an der Entfaltung des Individuellen und Besonderen erfreut, sofern und solange sie sich innerhalb der Grenzen gegenseitiger Achtung abspielt.

P. Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart , Stuttgart 1990

J.-F. Lyotard, Postmoderne Moralitäten , Wien 1998

W. Welsch, Postmoderne – Pluralität als ethischer und politischer Wert , Köln 1988

W. Welsch, Unsere postmoderne Moderne , 4. Aufl. Berlin 1993

G. Wohlfart, Moderne und Postmoderne: Kritik und Metakritik. Ein Versuch der Beantwortung der Frage: Was ist das – die Postmoderne? , In: ders., Das spielende Kind. Nietzsche: Postvorsokratiker – Vorpostmoderner, Essen 1999, S. 14–33

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt