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Holm Bräuer

Platonismus

Bezeichnung für eine Reihe sehr unterschiedlicher philosophischer Standpunkte. Als Platonismus wird zum einen jede Form der Rezeption Platons verstanden, die einen Anschluss an einzelne Lehrstücke seines Werkes sucht, andererseits wird dieser Begriff aber auch zur Kennzeichnung der in verschiedenen Epochen der Philosophiegeschichte vertretenen Denkschulen verwandt, die sich als direkte Nachfolger der platonischen Philosophie verstehen. Zudem gibt es eine Reihe von philosophischen Motiven, die als platonisch bezeichnet werden und in äußerst unterschiedlichen Konzeptionen und Traditionen auftauchen.

Die von Platon ausgehende philosophische Tradition bezieht sich zunächst auf die von ihm 385 v. Chr. gegründeten Akademie, welche bis 529 n. Chr. als Philosophenschule weitergeführt wurde. Unter den ersten Leitern befanden sich Speusippos und Xenokrates, die das platonische Spätwerk mit Elementen der spekulativen Zahlenmystik des Pythagoras verbanden. Später, in der ›mittleren Akademie‹, vollzog sich eine Wendung zum Skeptizismus, der sich auf die frühen Werke von Platon berief. Unter Antiochos – dem Lehrer Ciceros – wurde diese Richtung aufgegeben. Ab ca. 110 v. Chr. wurde eine eklektische Denkrichtung, die verschiedene philosophische Standpunkte zu vereinen suchte, bestimmend für die Akademie. Hauptsächlich ging es dabei um den Versuch der Vereinigung der Metaphysik des Aristoteles mit der platonischen Prinzipienspekulation. Diese Phase wird auch als ›mittlerer Platonismus‹ bezeichnet, der schließlich ab ca. 200 n. Chr. vom Neuplatonismus abgelöst wird. Der Neuplatonismus, hauptsächlich durch Plotin, Porphyrios und Proklos Diadochos geprägt, hatte einen großen Einfluss auf die Spätantike und die frühe christliche Theologie, was zu einem erneuten Aufblühen des Platonismus geführt hat. Im Neuplatonismus kam es zu einer ganzen Reihe von Schulneugründungen, deren Einfluss bis zu Augustinus, in die mittelalterliche Scholastik und die christliche Mystik reicht. Der große Einfluss, den die platonische und neuplatonische Philosophie auf die Entwicklung der christlichen Theologie hatte, war im 17. bis 19. Jh. Anlass für eine ganze Reihe historischer und theologischer Kontroversen über das Verhältnis von Tradition und Dogmatik sowie Theologie und Philosophie. Zu einem neuen Einfluss der platonischen Philosophie kam es in der Renaissance (A) durch die Gründung der platonischen Akademie in Florenz unter Cosimo de Medici. Auch in England führte der Einfluss der Cambridge School zu einer Blüte des Renaissance-Platonismus. Durch die von Schleiermacher angefertigte Übersetzung der Schriften Platons kam es zu einer bedeutenden Wende in der Platonforschung der neueren Zeit. Insbesondere die Kunstfertigkeit seines philosophischen Stils, die stark von den üblichen Formen der philosophischen Diskussion abweicht, galt als Gegenbild zu der vorherrschenden schulmäßigen Gelehrsamkeit.

Platons berühmtestes Lehrstück, die Ideenlehre, in der ein eigenständiges Reich unsinnlicher Gegenstände (Ideen) postuliert wird, hat auch in der modernen Philosophie beständig Anlass gegeben, verschiedene Positionen mit dem Ausdruck Platonismus zu versehen, die auf irgendeine Weise Gegenstände, Wesenheiten oder Wirklichkeitsbereiche zulassen, welche weder psychisch-subjektiv noch physisch-objektiv oder materiell sind. Im Neukantianismus der südwestdeutschen Tradition wird die Ideenlehre Platons im Sinne eines übersinnlichen und überzeitlichen Geltungsbegriffs gedeutet. Die Ideen dürfen demnach nicht in einem gesonderten Seinsbereich angesiedelt werden, sondern müssen als dasjenige verstanden werden, was eine ewige Gültigkeit besitzt. In der Erkenntnistheorie und Logik werden diejenigen Ansätze als platonistisch bezeichnet, in denen die Eigenständigkeit der logischen gegenüber der empirischen Erkenntnis und die Unabhängigkeit der logischen Gebilde von ihrer psychischen oder physischen Gegebenheitsweise behauptet werden. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Auffassung, die auch als Logizismus bekannt ist, gehören Bolzano und Frege. Nach Bolzano sind Gesetze, Wahrheiten, Vorstellungen und Begriffe einem Reich zuzuordnen, welches nicht zur Wirklichkeit gehört und in dem diese Wesenheiten ›an sich‹ vorkommen. Freges Platonismus ist von einer Kritik des Psychologismus, des Naturalismus und des Relativismus in den Grundlegungen der Logik motiviert. Ihm zufolge muss neben dem objektiv Wirklichen und dem subjektiv Wirklichen noch ein »drittes Reich«, ein Reich des objektiv Nichtwirklichen angenommen werden, das weder zeitlich noch räumlich ist. In der Grundlagentheorie der Mathematik wird von Frege und Gödel die Auffassung vertreten, dass die Einführung mathematischer Größen eine Einbeziehung idealer oder abstrakter Gegenstände notwendig macht. Es hat sich aber gezeigt, dass eine Verabsolutierung platonischer Konzeptionen in der Grundlegung von Mathematik und Logik zu Antinomien führt, die sich nur schwer vermeiden lassen. Quines Kriterium für die ontologischen Verpflichtungen einer Theorie ermöglicht eine Unterscheidung zwischen nominalistischen und platonischen Positionen. Theoretische Konstruktionen, in denen zunächst nur die Variablen der Theorie definiert werden, lassen diesbezüglich noch keine Unterscheidungen zu. Erst durch die Entscheidung, was als Wert dieser Variablen zugelassen wird, also ob sich der Wertebereich neben Individuen (Nominalismus) auch auf Universalien wie Eigenschaften, Mengen oder Begriffe erstrecken soll, wird festgelegt, ob es sich um eine platonische Auffassung handelt oder nicht. Hierbei lässt sich noch ein extensionaler Platonismus, der sich nur auf Extensionen, d. h. Begriffsumfänge, Mengen und Klassen bezieht, und ein intensionaler Platonismus, der auch Begriffe, Eigenschaften oder Gedanken zulässt, unterscheiden.

Whitehead hat die außerordentliche Bedeutung Platons für die gesamte europäische Geistesgeschichte auf die möglicherweise etwas überspitzte Formel gebracht, dass die ganze Tradition der europäischen Philosophie aus nichts anderem besteht als aus Fußnoten zu Platon.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt