Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Holm Bräuer

Physis

Griech. ›Natur‹: Die Entdeckung der Natur als eines eigenständigen Wirklichkeitsbereichs gilt als eine der erstaunlichsten Leistungen der griechischen Philosophie, doch hatte dieser Begriff von Anfang an auch eine enorme Bedeutungsvielfalt. Aristoteles stellte den Versuch an, den verschiedenen Verwendungen eine Ordnung zu geben. Dabei kam er gleich auf sieben verschiedene Bedeutungen, in denen dieses Wort gebraucht wurde. In drei unterschiedlichen philosophischen Themengebieten gewann der physis -Begriff in der griechischen Antike seine Konturen: in der Ethik, in der antiken Sprachtheorie und in der Erkenntnistheorie.

Eine Hauptunterscheidung der griechischen Philosophie betraf die Differenz zwischen physis und nomos (Gesetz, Recht, Sitte). Während in der Medizin, der Geschichtsschreibung und der Ethnographie die Unterscheidung noch neutral zur Bestimmung des wechselseitigen Einflusses von Volkssitten und menschlicher Natur gebraucht wurde, stellt sich in der Reflexion über die Begründung moralischer und rechtlicher Normen des Gemeinschaftslebens die Frage nach dem Prinzip oder dem Ort, an dem sich die moralisch-rechtlichen Grundorientierungen verankern lassen: Sind es die Natur und die in ihr waltenden Gesetzmäßigkeiten, die ein Vorbild für die gesellschaftliche Ordnung und deren Gesetze abgeben und als Sitte und niedergeschriebenes Recht Einfluss auf unser Handeln nehmen? Oder ist es die rechtsstaatliche Ordnung, die den zivilisatorischen Fortschritt garantiert und die natürliche Ausstattung des Menschen kompensiert? Zu einem besonderen Einfluss gelangte diese Differenz in der Unterscheidung der griechischen Zivilisation von den nicht griechisch sprechenden Völkern, den so genannten Barbaren. Einerseits wird die These vertreten, dass die Barbaren von ihrer Natur aus dazu geschaffen sind, Sklaven der Griechen zu sein, andererseits wird die Überlegenheit der Griechen gegenüber anderen Völkern, wie z. B. den Persern, mit dem Hinweis auf die bessere Gesetzgebung begründet. Platon versucht den Widerspruch mit den Mitteln seiner Ideenlehre so zu lösen, dass er die Gesetze in einer unwandelbaren, transzendenten Natur gründen lässt, wobei die Gesetze des Staates zu Abbildern einer Idee der Gerechtigkeit, einer Natur des Gerechten werden. Die Legitimation der staatlichen Rechtsordnung durch eine transzendente physis muss sich allerdings dem Vorwurf des Totalitarismus stellen. Für Aristoteles setzt sich jede Rechtsordnung aus geschriebenen Gesetzen, die der Tradition oder der Gewöhnung entstammen, und ungeschriebenen Gesetzen, die ihren Ursprung in der menschlichen Natur haben, zusammen. Der Gegensatz zwischen physis und nomos wurde später durch die Unterscheidung zwischen Naturrecht und positivem Recht abgelöst.

Ein ähnlich wichtiges Gegensatzpaar findet sich in der sprachtheoretischen Diskussion der griechischen Antike. In Platons Dialog Kratylos findet sich der Streit darüber, ob die Angemessenheit des bezeichnenden Namens in der physis des Gegenstandes begründet liegt oder ob der Name für einen Gegenstand eine Sache der Konvention, der Thesis (Setzung) ist und in der Übereinkunft der Sprechenden zu suchen sei. Platon versucht in diesem Dialog eine vermittelnde Position zu begründen, die zwar eine getreue Abbildung des Gegenstandes im bezeichnenden Wort fordert, jedoch in der sprachlichen Vielfalt auch einen Spielraum für konventionell bedingte Festlegungen sieht.

Für Empedokles und Parmenides steht die physis für die Welt des Werdens. Sie ist der Meinung (doxa ) zugeordnet und nur auf den äußerlichen Schein gerichtet, die im Gegensatz zur Wahrheit des Seins steht, welches weder entsteht noch vergeht. Für Platon hingegen ist physis das wahre Wesen der seienden Dinge, der Tugenden und sogar der Ideen. Aristoteles vertritt eine teleologische Auffassung, nach der die physis das Wesen der Dinge ist, die einen Anfang der Bewegung, ein inneres Prinzip oder einen Zweck in sich selbst haben. Davon unterschieden sind die Dinge, die aus anderen Ursachen, wie aus der Kunst, dem Zufall oder der Absicht entstehen. Solche Dinge, die einen Anfang der Bewegung in sich selbst haben, z. B. Tiere oder Pflanzen, haben eine Natur; sie sind Substanzen, deren Wesen Aristoteles als ihre entwickelte Form begreift.

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt