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Holm Bräuer

Philosophie

Von griech. philos , ›Freund‹ und sophia , ›Weisheit‹: Im Unterschied zu den jeweiligen Einzelwissenschaften beschäftigt sich die Philosophie nicht so sehr mit einzelnen Gegenstandsbereichen der Welt und ihren Beziehungen untereinander, sondern sie geht von allgemeineren Fragestellungen aus. Das Wissen der alltäglichen Lebenspraxis (common sense ) und die Antworten und Lösungen der Fachwissenschaften können nicht alle Fragen, die der Mensch über sich und die Welt stellt, lösen. Gewöhnlich werden Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Wesen der Welt und nach den Ursachen für Vergangenes und Zukünftiges von religiösen oder mythischen Lehren und Legenden oder von Weltanschauungen beantwortet. Auch die Philosophie beschäftigt sich ursprünglich mit diesem nur sehr unscharf abgegrenzten Fragenkanon, doch unterwirft sie im Unterschied zu den anderen Antwortversuchen ihre Argumentation und ihre Theoreme rationalen Kriterien, denen gemäß sie sich in Analogie zu den Fachwissenschaften als allgemein nachvollziehbare, rationale Wissenschaft ausweisen muss. Zu bestimmten immer wiederkehrenden Fragen der Philosophie gehören solche wie: Was sind die ersten Ursachen und was ist das Wesen der Welt als Ganzer (Metaphysik)? Was ist das Wesen des Seienden (Sein) als solchem (Ontologie)? Auf welche Weise sind uns die Gegenstände der Welt gegeben und welche Rolle spielt das für die Erkenntnis (Erkenntnistheorie / Epistemologie)? Was ist der Sinn des Lebens und das Ziel des menschlichen Handelns (Ethik)? Was ist das Schöne (Ästhetik)? Eine besonders pointierte Zusammenfassung der Grundprobleme des Menschen und der damit zusammenhängenden philosophischen Fragen stammt von Kant. Ihm zufolge steht die Philosophie vor drei Fragestellungen, die sich wie folgt formulieren lassen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und: Was darf ich hoffen? Und diese Fragen gründen nach Kant letztlich alle in der Grundfrage überhaupt: »Was ist der Mensch?«

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Fragen, mit denen sich die Philosophie seit der Antike beschäftigt, entwickeln sich Gliederungen, die das philosophische Bemühen in eigene Fachbereiche einteilen. Die mittelalterliche Scholastik unterscheidet die Metaphysik, zu der Ontologie und Theologie gehören, die Physik, die Kosmologie und Psychologie umfasst und die Ethik, an welche sich die Politik anschließt. In der Neuzeit (A) kommen Erkenntnistheorie und Ästhetik hinzu. Mit der Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften ergaben sich auch weitere Problemfelder für philosophische Überlegungen. Neben der klassischen Einteilung der Philosophie entstand eine neue, jedoch auch sehr heterogene Gliederung der Philosophie in Problembereiche, die mehr und mehr den philosophischen Fragestellungen in den jeweiligen einzelwissenschaftlichen Aufgabenfeldern zugeordnet sind. So spricht man heute, nachdem sich ein eher positivistisches Philosophieverständnis durchgesetzt hat und die Philosophie als ein Fach unter anderen gleichrangigen Fächern angesehen wird, von einer Naturphilosophie, einer Rechtsphilosophie, Geschichtsphilosophie, Kulturphilosophie, Kunstphilosophie (Ästhetik), von Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, analytischer Philosophie, Religionsphilosophie, Anthropologie, sowie Technikphilosophie usw.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen zum Verlauf und zur Eigenart der Philosophiegeschichte und zu den in ihr diskutierten Themenbereichen. Eine in der modernen Debatte sehr einflussreiche Ansicht spricht von drei großen Paradigmen in der Geschichte der Philosophie, die die unhinterfragten Leitbilder in lang andauernden Kontexten philosophischer Auseinandersetzung bilden. Für die ersten griechischen Philosophen war die Gesamtheit des Seienden, die Natur, der Gegenstand des Philosophierens. Diese Art von Philosophie, die an der Natur und der Ordnung der Welt orientiert ist, bezeichnet man als das ontologische Paradigma. Wesentlich hierbei ist der Übergang von der Mythologie, in welcher bestimmte Göttervorstellungen den Erklärungsgrund für das Geschehen in der Welt abgeben, zur Kosmologie, in der es zu einer Entpersönlichung, d. h. zu einer Zurückführung der Erklärgründe des Weltgeschehens auf abstrakte Prinzipien kommt. Als die Hauptvertreter dieses ersten Paradigmas gelten Platon und Aristoteles, deren Lehren in Verbindung mit der christlichen Theologie auch im Mittelalter (A) der Patristik und Scholastik bestimmend waren. In der Neuzeit kommt es zu einer Umorientierung der Philosophie. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Welt oder das Sein, sondern das erkennende Subjekt. Das Aufkommen dieses zweiten, des mentalistischen Paradigmas ist eng an den philosophischen Zweifel hinsichtlich der Erkennbarkeit der Welt gekoppelt, als dessen Initiator Descartes angesehen wird. Neben den Lehren des klassischen Empirismus, der in der sinnlichen Erfahrung die alleinige Quelle der Erkenntnis sieht und dem Rationalismus, der sich auf das reine Denken stützt, nimmt Kants transzendentaler Idealismus eine Zwischenposition ein. Kant ordnet zwar die Prinzipien der Erkenntnis der reinen Vernunft zu, deren Geltung aber ist nur auf die sinnliche Erfahrung beschränkt. Insofern alle Theorien, in denen das Bewusstsein oder Selbstbewusstsein eine zentrale Rolle in der philosophischen Argumentation spielt, zum mentalistischen Paradigma gerechnet werden, können die Philosophien des deutschen Idealismus (A) sowie die Phänomenologie von Husserl diesem Paradigma zugeordnet werden. Die philosophischen Strömungen des 19. und des beginnenden 20. Jhs. lassen sich schwer unter eines der Paradigmen einordnen. Zu einem relativ großen Einfluss sind u. a. die Lebensphilosophie, der Existenzialismus, der Historismus, die Geschichtsphilosophie, die Anthropologie und der Materialismus gelangt. In der Mitte des 20. Jhs. wird besonders in den angelsächsischen Ländern mit dem Aufkommen der analytischen Philosophie das dritte, das linguistische Paradigma eingeleitet. Mit der Orientierung an der Sprache sollen die alten philosophischen Fragen in ein neues Licht gesetzt und die Lösung bzw. Auflösung traditioneller Probleme der Philosophie in Angriff genommen werden. Dass die Klärung der Gedanken nur über eine Klärung der Sätze in der Sprache möglich ist, gilt als die Grundüberzeugung der analytischen Philosophie. Neben dieser Hauptrichtung der Philosophie im 20. Jh. sind in den Philosophien des kritischen Rationalismus, des logischen Empirismus, der kritischen Theorie, des Pragmatismus, sowie des Konstruktivismus und Strukturalismus eigenständige Lösungsversuche klassischer und moderner Fragestellungen erarbeitet worden.

Wenn von Philosophie gesprochen wird, beschränkt sich dies oft auf die abendländische, europäische Philosophiegeschichte. Es darf aber nicht vergessen werden, dass es auch in anderen Kulturkreisen philosophisches Denken und eine Tradition der Philosophie gegeben hat bzw. gibt. Zu denken ist hier z. B. an die Tradition der arabischen Philosophie im 8.–10. und im 12. Jh., die sich eng an die griechische Philosophie und insbesondere an Aristoteles anlehnte. Bedeutenden Einfluss übte die arabische Philosophie, besonders durch Averroës, der den Höhepunkt des philosophischen Rationalismus im Islam ausmacht und zahlreiche Aristoteles-Kommentare verfasste, auf das lateinische Mittelalter aus. Auf dem asiatischen Kontinent prägten sich vor allem in China und Indien eigenständige philosophische Lehren und Schulen heraus. Fast zur gleichen Zeit wie in Griechenland kam es im China der Han-Dynastie zu einer Blüte der Kultur und einer Explosion philosophischer Schulen. Zwar gelang es dem Konfuzianismus, sich über Jahrhunderte hinweg als die dominierende Philosophenschule zu etablieren, doch auch der Daoismus und der philosophische Buddhismus gelangten zu großem Einfluss. Die Entfaltung der chinesischen Philosophie zu einzelnen Disziplinen hat geradezu einen enzyklopädischen Charakter, sodass man von den ›hundert Schulen‹ sprechen konnte. Zu den historisch wichtigsten gehören neben Konfuzianisten, Daoisten und Buddhisten die Moisten, die Logiker, die Naturphilosophen, die Legisten, die Politikphilosophen, die Eklektiker und die Landwirtschaftsschule. Die fünf Klassikerschriften, die zu den ältesten Schriftdokumenten Chinas gehören, bilden dabei den gemeinsamen Ideenhorizont. Zu ihnen gehören: das Buch der Wandlung , das Buch der Dokumente , die Frühlings- und Herbstannalen , das Buch der Gedichte und das Buch der Sitten . Die indische Philosophie erwächst aus dem Boden des Brahmanismus, einem Vorläufer des Hinduismus. Die ritual-exegetischen Texte des Brahmanas bilden die Vorstufe der Upanisaden und der Veda , welche die Grundtexte der orthodoxen hinduistischen Denkschulen bilden. Neben dem Hinduismus bilden die zwei Hochreligionen des Buddhismus und des Jainismus die drei Grundsäulen des indischen Interesses an der Philosophie. Im Unterschied zu den hinduistisch-philosophischen Systemen brechen der Jainismus und der Buddhismus mit der Anerkennung der Veda als einer letzten religiösen und philosophischen Autorität, durch die das traditionelle Kastensystem, die Lehre von der Weltordnung und der individuellen Seele begründet werden. Alle indischen religiös-philosophischen Systeme haben eine Erlösungstheorie zum Zentrum, deren praktischen Formen von Meditation und asketischen Praktiken geprägt sind. Mittels Meditation soll auf dem Weg der Erlösung der Unterschied zwischen der empirischen und der transzendenten Wirklichkeit überbrückt werden.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt