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Holm Bräuer

Pflicht

Kann in der philosophischen Literatur in zweierlei Formen auftreten, als subjektive Verbindlichkeit (Gesinnung) oder als objektive Pflichtgemäßheit von Handlungen.

Die stoische Philosophie sieht diejenigen Handlungen als verpflichtend an, die der vernünftigen menschlichen Natur, dem Logos, entsprechen. Einerseits hat dieser Pflichtbegriff die Bedeutung des naturgemäßen, andererseits die des sittlichen Lebens. Dieser verobjektivierende Pflichtbegriff ist ausgerichtet an rechtlichen und sittlichen Normen und zeichnet sich, da der Beweggrund des menschlichen Handelns als wählender Logos verstanden wird, durch einen auf praktische Lebensregeln zielenden Rechtfertigungsgrund aus. Neben diesem auf die Natur des Menschen gerichteten Pflichtbegriff kennt die stoische Ethik aber auch einen auf die sittlichen Verhältnisse ausgerichteten Begriff der Pflicht. Erst durch das Wissen und die Gesinnung des Weisen werden die praktischen Lebensregeln zu einem wirklich vernünftigen und sittlichen Gut. In der Patristik erhält die Pflichtenlehre ein christlich-religiöses Fundament. Die Abstufung von Graden verpflichtender Handlungen ist ausgerichtet an der christlichen Heilslehre. Im Allgemeinen wird zwischen vollkommenen Pflichten (officia perfecta ) und mittleren Pflichten (officia media ) unterschieden. Mittlere Pflichten ergeben sich aus den Handlungsverboten des Dekalogs und dienen der Vermeidung der Sünde. Durch die Erfüllung vollkommener Pflichten hingegen, wie die Ausübung von Barmherzigkeit, kann sich der Handelnde die göttliche Gnade erwerben. Die mittelalterlichen Pflichtenlehren von Wilhelm von Ockham und Duns Scotus sind vollständig am Begriff des göttlichen Willens orientiert. Allein die Handlungen, die dem göttlichen Willen entsprechen, sind geboten und verbindlich. Pufendorfs Naturrechtstheorie dagegen gibt den Pflichten eine deutliche inhaltliche Bestimmung: Pflicht ist das, was dem friedlichen Zusammenleben der Menschen dient und in Übereinstimmung mit der Anlage und dem Ziel der menschlichen Gesellschaft steht. Auch die Unterscheidung zwischen vollkommenen Pflichten oder Schuldigkeiten, die dem Sein des Menschen insgesamt dienlich sind und deren Einhaltung deshalb erzwungen werden muss, und unvollkommenen Pflichten oder humanitären Forderungen, die von den persönlichen Umständen und individuellen Fähigkeiten der Menschen abhängig und daher nur auf freiwilliger Basis einzuhalten sind, erfährt ihre Ausgestaltung ganz im Sinne der Naturrechtslehre der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung). Letzte begründende Instanz für das Verpflichtungsverhältnis ist aber für Pufendorf immer noch der göttliche Gesetzgeber, dessen verpflichtende Kraft erst die Unterordnung unter die jeweiligen Pflichten gebietet.

Die Ethik Kants wird oft als eine Pflichtenethik bezeichnet, da in ihr der Begriff der Pflicht eine zentrale Bedeutung hat. Als Bestimmungsgründe für moralische Handlungen können sowohl Neigungen als auch Pflichten herangezogen werden. Kant lehnt jede Ausformulierung des Moralgesetzes aus bestimmten Neigungen ab und anerkennt ausschließlich diejenigen Handlungen als moralisch, die »aus Pflicht« ausgeführt worden sind. Subjektive Bestimmungsgründe des Willens können ihm zufolge niemals einer objektiven praktischen Gesetzgebung zugrunde liegen, da sie abhängig von den jeweiligen besonderen menschlichen »Begehrungsvermögen« (Trieben, Bedürfnissen) sind. Das praktische Gesetz ist daher notwendig nur formal bestimmbar als die Geneigtheit einer Maxime (einer subjektiven Handlungsregel) zu einer allgemeinen Gesetzgebung, d. h. zu deren Verallgemeinerungsfähigkeit. Als Prinzip der moralischen Verbindlichkeit und des pflichtgemäßen Handelns formuliert Kant den kategorischen Imperativ: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Kant beurteilt jedoch Handlungen nicht nur danach, ob sie durch das Moralgesetz begründet worden sind, sondern auch nach deren Gesinnung (Gesinnungsethik), d. h. ob sie ohne alle Rücksicht auf subjektive Neigungen allein aus Achtung vor dem Gesetz ausgeführt worden sind. Diese doppelte Bestimmung des Pflichtbegriffs und der Handlungsmoralität, nach objektiver Pflichtgemäßheit und nach der subjektiven Gesinnung aus Pflicht motiviert zu sein, entspricht Kants Einsicht in den Charakter moralischer Gesetze: Einerseits gelten sie ohne Einschränkung auf eine bestimmte Person universell und stellen eine »objektive Notwendigkeit aus Verbindlichkeit« dar, andererseits entspringen sie aus der Einsicht in die Vernünftigkeit einer Handlungsmaxime. Allerdings muss Kant sicherstellen, dass beide Elemente zu einem übereinstimmenden Resultat führen, d. h. dass die subjektive Antizipation der allgemeinen Willensbildung zugleich als ein allgemeines Gesetz angesehen werden kann. Dies gelingt ihm nur unter dem Rückgriff auf ein »Faktum der reinen Vernunft«, welches sicherstellt, dass eine Willensbestimmung ganz ohne die Zutaten sinnlicher Neigungen allein aus Bestimmungen der reinen Vernunft möglich ist, indem sie den Menschen auf seine Zugehörigkeit zu einem Reich verweist, das ganz frei und unabhängig von allen Mechanismen der Natur ist.

Gegen diesen rigoristischen Pflichtbegriff haben sich Schiller, Hegel, Schopenhauer und insbesondere Nietzsche ausgesprochen. Schiller und Hegel kritisieren die Reduktion moralischer Handlungen auf ein abstraktes Gesetz der Pflicht, welches alle anderen moralischen Handlungsbezüge des Menschen abwertet und erniedrigt. Pflicht ist nach Hegel ein Bestandteil der institutionalisierten Verhaltensregulierungen einer menschlichen Gemeinschaft und entspringt nicht der formalen Selbstgesetzgebung der Vernunft, sondern der Entwicklung eines sittlichen Gemeinwesens. Auch Schopenhauer wendet sich gegen die menschliche Sympathie und Mitmenschlichkeit entwertende Vorstellung einer reinen Pflichtgesinnung und macht zudem darauf aufmerksam, dass der Begriff der Pflicht nur Sinn in Bezug auf einen mit Sanktionsmöglichkeiten versehenen Gesetzgeber macht und deshalb das Motiv eines reinen Sollens sinnleer ist. Nietzsche sieht in der kantischen Ethik eine falsche Übertragung wissenschaftstheoretischer Grundlagenbegriffe wie ›Allgemeinheit‹ und ›Notwendigkeit‹ auf lebenspraktische Fragen. Die Konstruktion einer unpersönlichen Pflicht entspringe einem Unterordnungsinstinkt in einer »Herdenmoral«, der Nietzsche ein »Ich will«, einen unbedingten Willen zur Macht entgegenstellt, der zu den lebensbejahenden und nicht zu den lebensverneinenden Kräften des Willens gehört.

Hobbes unterscheidet zwischen zwei Arten von Verpflichtungen: den »Verpflichtungen, die aus Versprechen und Verträgen stammen« (obligation which rises from contract ) und den »natürlichen Verpflichtungen« (natural obligations ), die der menschlichen Ohnmacht gegenüber der Herrschaft Gottes entspringen. Das Prinzip der freiwilligen Selbstbindung durch Rechtsverzichte und Rechtsübertragungen macht den Kern von Hobbes’ Theorie der Staatsgründung aus. Anders als bei den natürlichen Verpflichtungen, die ihren Grund in der Ohnmacht der Untergebenen haben, besteht der Grund zur Gehorsams-Pflicht gegenüber dem Staat in einer freiwilligen Selbstbindung und Freiheitsbeschränkung durch einen Vertrag zwischen den Menschen. Neben den Pflichten, die in einem aufgeklärten Selbstinteresse gründen, kennt Hume eine ursprünglichere Klasse natürlicher Pflichten, die im Affektiven gründen und sich auf natürliche Sozialgefühle richten. Pflichten, die auf natürlichen Instinkten beruhen, und Pflichten, die dem Selbstinteresse entspringen, sind aber in einer komplexen Gesellschaft nicht ausreichend, um konforme Handlungsmuster auszubilden, weshalb sich im Laufe der Entwicklung gesellschaftlich geformte Dispositionen ausgebildet haben, die als künstlich geschaffene Motivationen (moral obligations ) die natürlichen Verpflichtungen des Affekts und des Eigeninteresses verdrängen.

Soziologisch orientierte Theorien des Pflichtgefühls machen dessen Ursprung am Vergesellschaftungsprozess fest. Für Spencer, Paulsen und auch für Simmel hat das Pflichtgefühl zunächst externe und repressive Entstehungsgründe, nämlich den Zwang, den eine Gruppe oder eine Gemeinschaft von Individuen auf den Einzelnen ausübt. Diese externen Drohungen werden dann im Zivilisationsprozess, durch Anpassung an den sozialen Zustand, internalisiert und gehen so in eine innerliche, habituelle Sittlichkeit über, die nicht mehr nur durch äußere Sanktionsandrohungen aufrecht erhalten werden muss, sondern inzwischen selbst zu einem handlungsleitenden Moment des Individuums geworden ist. Gegen den Versuch, den Ursprung des Pflichtgefühls in der gesellschaftlichen Entwicklung zu suchen, spricht sich Bergson aus. Ihm zufolge wurzelt die Verpflichtung im Organisationsinstinkt des Lebens, durch den Bindungen nicht nur zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft hergestellt würden, sondern auf eine analoge Weise ebenso zwischen den Ameisen im Ameisenhaufen oder zwischen den Zellen in einem Organismus. Für Scheler und N. Hartmann konstituiert sich die Pflicht aus einem Ergreifen des den Werten anhaftenden Sollens. Aus dem idealen Seinsollen der Werte entstünde ein Spannungsverhältnis zur Wirklichkeit, das vom Menschen erfahren und in seinem Realisierungsstreben aufgegriffen wird.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt