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Holm Bräuer

Perspektivismus

Von lat. perspicere , ›deutlich sehen, betrachten‹: Philosophische Standpunkte oder Positionen, die die Geltung von Theorien abhängig machen vom (theoretischen) Standort des Betrachters. Der Perspektivismus taucht in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten auf. Besonderen Einfluss hat er in der Erkenntnistheorie, der Hermeneutik, der Wissenschaftstheorie und der Soziologie erlangt. Der Perspektivismus, obwohl auch er ein bestimmtes Objektivitätsideal in der Philosophie bekämpft, ist insofern vom Relativismus verschieden, als er die Legitimität oder Gültigkeit von Erkenntnisansprüchen nicht prinzipiell ausschließt, sondern diese nur auf eine je bestimmte Position bezogen denkt.

In seiner Monadologie sieht Leibniz die Perspektivität als eine Grundstruktur der Welt an, in der die einzelnen Monaden mit ihren unterschiedlichen Standpunkten stehen. Die objektive Einheit der Welt zeigt sich danach erst in einer Vielheit unterschiedlicher Gesichtspunkte. Der Gedanke der Perspektive oder des Standpunktes wurde von Chladenius in die Geschichtswissenschaft eingeführt, womit er einen Ausgangspunkt für die hermeneutische Philosophie vorgezeichnet hat. Die Relativität in der Geschichtsschreibung bezieht demnach ausdrücklich die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte historischer Wahrheiten in ihre Überlegungen ein. Auch Kants kopernikanische Wende, wonach sich die Erkenntnis nicht nach gegebenen Gegenständen, sondern diese sich nach der Erkenntnis richten, beansprucht einen Begriff der erkenntnistheoretischen Perspektivität. Von Nietzsche wurde der Perspektivismus radikalisiert. Das Perspektivische stellt ihm zufolge eine Grundbedingung allen Lebens dar. Jedes Sehen, jede Erkenntnis, jeder Affekt gibt eine bestimmte Perspektive auf die jeweilige Sache frei. Auch in der Phänomenologie hat der Gedanke des Gesichtspunktes einen zentralen Stellenwert. Jeder mögliche Gegenstand ist uns in einem bestimmten Horizont, in einem gewissen Gesichtskreis und in einer bestimmten Abschattung gegeben. Durch Mannheim ist der Perspektivismus in die Wissenssoziologie eingegangen. Er vergleicht die Welt mit einer Landschaft, die nie als solche, sondern immer nur aus bestimmten Perspektiven zugänglich ist. Bilder dieser Landschaft sind jedoch nicht willkürlich gezeichnet, sondern an der Landschaft ausgerichtet und sie stehen in einer Beziehung zu anderen möglichen perspektivischen Bildern dieser Landschaft. Mannheim spricht von der »Seinsverbundenheit des Wissens«, wobei er die kulturelle und historische Abhängigkeit dessen, was als Wahrheit gilt, im Auge hat.

Die von Kuhn, Hanson und Feyerabend vertretene Wissenschaftstheorie wendet den Perspektivismus auf die Betrachtung der Entwicklung wissenschaftlicher Theorien an. Durch den Wechsel des wissenschaftlichen Begriffsapparates werde die Aufmerksamkeit auf eine entsprechende Weltperspektive gelenkt, die grundsätzlich andere Paradigmen als ihre Leitvorstellungen verlangt als die, die von der vorhergehenden wissenschaftlichen Weltsicht in Anspruch genommen wurden. Putnam bezeichnet in seiner Kritik des metaphysischen Realismus eine Position, die von der Auffassung einer vorgegebenen Welt mit einer feststehenden Gesamtheit an Gegenständen ausgeht, als den »Mythos vom Standpunkt Gottes«. Da es für uns keinen Standpunkt Gottes gibt, sondern nur die unterschiedlichen Perspektiven wirklicher Personen, kann Wahrheit nicht in einer Übereinstimmung mit unabhängig gegebenen Gegenständen bestehen, sondern nur in der rationalen Akzeptierbarkeit einer Aussage bezüglich der Kohärenz unserer Überzeugungen untereinander und in Bezug auf unsere Erfahrung.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt