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Holm Bräuer

Person

Von lat. persona , ›Maske, Rolle, Charakter‹: In der römischen Antike diente der Begriff sowohl zur Bezeichnung der Rolle des Schauspielers auf der Bühne als auch zur Bezeichnung der Rolle eines Individuums in der Gesellschaft. Noch heute hat der Person-Begriff in juristischer Hinsicht die Funktion, die Rechtsfähigkeit von Individuen gegenüber Sachen oder anderen Lebewesen zu definieren (juristische Person).

In der Patristik fand der Begriff seinen Eingang in die trinitätstheoretischen Spekulationen, die in der Frage mündeten, wie die Dreiheit Gottes (Vater, Sohn und Heiliger Geist) mit seiner Einzigkeit zusammengedacht werden könne. Die Formel tres personae, una substantia (drei Personen, ein Wesen) gab dafür eine Lösungsmöglichkeit an die Hand. Die Kappadokier (die drei großen Kirchenväter. Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz) und später auch Augustin stellten gegen den Subordinationismus – die Abwertung des Heiligen Geistes und des Sohnes zugunsten des Vaters – die Gleichwertigkeit der drei Instanzen fest. Eine jede göttliche Person habe ihre Eigentümlichkeiten, die auf der Relation zu den beiden anderen Personen beruhen, weshalb sie zwar unterschiedlich, aber wesensgleich seien. Der Ausdruck ›Person‹ nimmt dabei die Bedeutung realer Beziehungen zwischen den göttlichen Instanzen an. Ein ähnliches Problem bestand darin, die Einheit Christi mit seinen zwei Naturen, der menschlichen und der göttlichen, in Einklang zu bringen. Es galt zu erklären, warum er einmal Gott und einmal Mensch und zudem ein und dasselbe Wesen sei. Eine klassische Lösung dieses Problems hat Boethius in seiner Definition gefunden, die die Merkmale der Vernunftbegabung und der Individualität zusammenführt: persona est naturae rationabilis individua substantia (»Person ist die individuelle Substanz einer rationalen Natur«). Obwohl sie in der Scholastik durch Duns Scotus kritisiert und präzisiert worden ist, war Boethius’ Definition so erfolgreich, dass noch heute ›Person‹ und ›vernunftbegabtes Individuum‹ gleichgesetzt werden.

Durch die Fragen nach der personalen Identität und nach der Autonomie des handelnden Subjekts erlangt der Begriff der Person eine besondere Stellung in der Philosophie der Neuzeit (A). Hobbes unterscheidet zwischen einer natürlichen Person und einer künstlichen Person. ›Natürlich‹ heißt eine Person, wenn ihr Worte und Handlungen von Menschen beigelegt werden, ›künstlich‹ hingegen, wenn ihr die Handlungen eines anderen zugeschrieben werden. Künstliche Personen sind Rechts-Personen wie Körperschaften, Versammlungen und Staat, denn dieser zeichnet sich nach Hobbes dadurch aus, dass ihm ein einziger Wille, der der Wille aller ist, zugeschrieben wird. Für Locke war der Begriff der personalen Identität von zentraler Bedeutung. Das Problem der personalen Identität lässt sich durch folgende Fragen ausdrücken: Wie komme ich dazu, einen früheren Zeitpunkt meines Lebens als zu mir gehörig anzusehen? oder: Wie weiß ich zu einem späteren Zeitpunkt, dass ich in einem früheren eine Handlung begangen habe, die mit meinem jetzigen Zustand in einer Beziehung steht? Locke lehnt die Idee einer durchgängigen Seelensubstanz ab, was ihn zu der Auffassung führt, dass es das Selbstbewusstsein sei, welches die personale Identität konstituiert. Die Reflexion des Subjekts auf sich selbst bildet dabei die theoretische Wurzel, die Sorge um das Glück in der Zukunft und die Verantwortlichkeit für die eigene Vergangenheit die praktische Wurzel der Identität einer Person. Berkeley hingegen weist auf Widersprüchlichkeiten in der Annahme, dass das Bewusstsein für die personale Identität verantwortlich ist, hin und hält an der Existenz immaterieller, geistiger Substanzen fest. Auch Hume kritisiert den Gedanken Lockes, dass es neben der gewöhnlichen Wahrnehmung noch eine Selbstwahrnehmung gebe, die den Begriff der Person oder der personalen Identität rechtfertigen würde. Hume bestreitet die Möglichkeit der philosophischen Begründbarkeit des Person-Begriffs. Personale Identität wird ihm zufolge durch Erinnerung an frühere Wahrnehmungen aufgedeckt, nicht jedoch erzeugt. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen und die Möglichkeit der Erinnerung werde dabei von allgemeinen Prinzipien der Assoziation von Ähnlichkeiten sowie durch Verursachungsprinzipien geleistet. Auch Kant kritisiert in theoretischer Hinsicht die Idee der Personalität. In seiner Kritik der rationalen Psychologie versucht er nachzuweisen, dass sich die Einheit des Bewusstseins, die er »transzendentales Ich« nennt, nicht vergegenständlichen lässt. Das transzendentale Ich in ›ich denke…‹ ist eine bloß formale, inhaltlich leere Vorstellung und als solche bloß Bedingung von Erkenntnis und kein gegenständliches Quasi-Objekt, wie es von den rationalistischen Seelenkonzepten unterstellt wird. Daher kann, wie Kant argumentiert, aus der transzendentalen Verfassung des Bewusstseins nicht auf die Struktur der Seele, noch weniger auf ihre Beharrlichkeit, die den Grund für die personale Identität abgeben könnte, geschlossen werden. Im Bereich der praktischen Vernunft bezeichnet der Person-Begriff hingegen sowohl die Zugehörigkeit des Menschen zur sinnlichen als auch zur intelligiblen Welt. »Persönlichkeit« heißt nach Kant das Vermögen, dem von der eigenen Vernunft gegebenen Gesetz zu folgen und sich dadurch selbst zu bestimmen. Der Begriff der Person ist damit eng an den der Autonomie geknüpft, denn sich selbst bestimmen, ein »Zweck an sich selbst« sein, sind Merkmale eines vernünftigen Wesens, welches sich gegenüber anderen Wesen dadurch auszeichnet, dass es seinen Willen selbst bestimmen kann und in seinem Handeln nicht vollständig von subjektiven Neigungen abhängig ist. Für Fichte und Hegel wird das Subjekt nicht schon durch seine Möglichkeit zur Selbstbestimmung zu einer Person, sondern erst dadurch, dass es sich in interpersonale Bezüge zu anderen Subjekten begibt. Durch das Prinzip der wechselseitigen Anerkennung und der Einschränkung der abstrakten Freiheitsspielräume der Subjektivität werde das Subjekt öffentlich als eine Person anerkannt und damit zum Träger von institutionellen Rechten. Während Fichte die interpersonale Konstitution des Ich-Bewusstseins als apriorische Figur ansieht, gehört für Hegel der Kampf um Anerkennung und die Herstellung des Rechtszustandes zu einem Bewegungsmoment in der Geschichte des Geistes.

In der phänomenologischen und in der Wertphilosophie des 20. Jhs. stellt sich die Frage nach der personalen Identität erneut. Für Husserl ist das personale Ich nur als eine Konstitutionsleistung des transzendentalen Ego verständlich, welches sich durch eine Art von Selbstapperzeption verweltlich und sich dadurch in Beziehung zur Welt, zu anderen Personen und zu seiner eigenen Habitualität setzt. Scheler lehnt den Begriff des transzendentalen Ego ab und erklärt die Person selbst als jene übergegenständliche Instanz, in der die unterschiedlichen Bewusstseinsakte vollzogen werden. Die Identität der Person ergibt sich für ihn als die Richtung der Aktvariationen des Bewusstseins und ist weder in der objektiven noch in der phänomenalen Zeitstruktur zu suchen, sondern die übergegenständliche Person legt sich erst im Vollzug ihrer Akte in die Zeit hinein. Hartmann kritisiert die von Scheler behauptete Übergegenständlichkeit der Person und betont ihren Realitätscharakter. Sie sei eine Realkategorie, deren Besonderheit es sei, einen Wertbezug zu haben. Ein Subjekt wird deshalb zu einer Person, weil es wertvernehmend ist, sich mit seinem Verhalten als ein Träger von Werten erweist. Heidegger kritisiert den phänomenologisch orientierten Person-Begriff, da mit diesem die eigentliche Grundfrage, die Frage nach dem Sein der Person und nach dem, was es ist, das die Akte als solche bestimmt, unbeantwortet bleibt. Der Begriff der Person, so seine Analyse, sei ein Erbgut der traditionellen Philosophie, welche die Frage nach dem Sinn von Sein unbeantwortet gelassen hat.

Der wichtigste Beitrag zum Begriff der Person in der analytischen Philosophie stammt von Strawson. Ihm zufolge ist die Person ein Wesen, dem sowohl Prädikate für körperliche Eigenschaften (M-Prädikate) als auch Prädikate für Bewusstseinszustände (P-Prädikate) zugeschrieben werden. Der Begriff einer Person ist jedoch nicht aus diesen beiden Typen von Prädikaten zusammengesetzt, sondern er gilt als logisch primitiv, d. h. als nicht weiter analysierbar (zerlegbar, reduzierbar). Beide Typen von Prädikaten lassen sich zwar unterscheiden, es ist aber aus begrifflichen Gründen notwendig, dass Prädikate für Bewusstseinszustände nur im Rückgriff auf raum-zeitlich lokalisierbare Körper angewandt werden können. Zu einer Person gehört demnach begrifflich auch immer ihr Körper. Williams und Frankfurt erhoben den Einwand, dass es allein durch die Zuschreibung von Bewusstseinszuständen oder körperlicher Charakteristika nicht möglich ist, mit dem Begriff der Person Menschen von anderen Lebewesen abzugrenzen. Zum Begriff der Person gehören daher nicht nur kognitive und körperliche Eigenschaften, sondern auch die Fähigkeit, willentlich zu handeln. Frankfurt geht einen Schritt weiter und zählt nicht nur die Fähigkeit zu absichtlichen Handlungen zu den Eigenschaften einer Person, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit zur reflektierenden Selbstbewertung. Diese Leistung gehört wesentlich zur Willensfreiheit, denn nur jemandem, dem es gelingt, seine unmittelbaren Wünsche (erster Stufe) zu Wünschen (zweiter Stufe) zu machen, die sich als seine allgemeinen Willensbestimmungen ausdrücken lassen, handelt frei und kann als eine Person bezeichnet werden.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt