Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Prof. Dr. Karl Bormann

Parmenides von Elea

(um 515–445): Wohl der bedeutendste und einflussreichste Vorsokratiker; hinterließ eine Schrift in Hexametern, in der er Wahrheit und Schein scharf abgrenzt. Die Lehre von der Wahrheit ist zu einem beträchtlichen Teil erhalten, während die Ausführungen über den Schein sehr lückenhaft tradiert sind. Das Proömium stellt die Auffahrt des Dichterphilosophen aus dem Dunkel ins Licht zu einer namenlosen Göttin dar, von welcher er über Wahrheit und Irrtum belehrt wird. Soweit das Verlangen reicht, wird der Mensch auf dem von der Gottheit festgesetzten Weg dahingetragen, auf welchen ihn Streben nach Erkenntnis sowie gute Fügung, göttliche Satzung und göttliches Recht gebracht haben. Gegenstände der Belehrung sind die Wahrheit über das Seiende (Sein) und die Inhalte menschlicher Meinung. Lediglich drei Forschungswege können gedacht werden: 1. Seiendes ist, das Nichtsein ist unmöglich. Dieser Weg ist der Pfad der Überzeugung und folgt der Wahrheit/Wirklichkeit. 2. Der zweite Weg ist gänzlich unerforschbar und führt zu nichts: Nichtsein ist mit Notwendigkeit. 3. Sein und Nichtsein sind identisch und verschieden, von allem gibt es eine gegenwendige Bahn. Dass die Meinungen, Nichtseiendes sei oder Seiendes und Nichtseiendes seien identisch und verschieden, als Forschungswege bezeichnet werden, ist durch methodische Reflexion bedingt: Wenn die Methode, die bei der Erörterung der Realität anzuwenden ist, bedacht wird, ergeben sich drei Möglichkeiten, von denen zwei ausscheiden. Bezug der beiden abgelehnten Forschungswege auf andere Philosophen muss angenommen werden, weil andernfalls nicht erklärt werden kann, weshalb Parmenides sich nicht mit einer kurzen Abweisung des zweiten und dritten Wegs begnügt, sondern diesbezüglich von einer viel umstrittenen Argumentation spricht. Mit der Ablehnung des zweiten Wegs werden Lehren zurückgewiesen, die aus der Sicht des Parmenides dem Nichts Sein zusprechen, wie z. B. Anaximanders Ansatz eines quantitativ und qualitativ unbestimmten Urstoffes und Anaximenes’ Lehre von der unvorstellbar weit ausgedehnten Luft. Der dritte Weg charakterisiert die Meinungen »unwissender Menschen«, die Veränderungsprozesse für seiend halten und hierdurch Sein und Nichtsein identifizieren und zugleich unterscheiden; anscheinend wird Heraklit hierzu gezählt. In Betracht kommt nur der erste Weg: Seiendes ist. Nur Seiendes kann als Reales erfasst werden (›als Reales erfassen‹ heißt zur Zeit des Parmenides noein , ›denken‹). Dieser Satz ist konvertierbar: Nur das, was als Reales erfasst werden kann, ist seiend. Das bedeutet: ›Dasselbe kann gedacht werden und kann sein.‹ Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit sind im Seienden zur Einheit verbunden: Das, was sein kann, ist mit Notwendigkeit, weil nichts es hindern könnte zu sein. Für das Denken gilt Entsprechendes: Es gibt nichts, wodurch das von der Gottheit belehrte Denken gehindert werden könnte, Kenntnis des Seienden zu sein. Das Wort ›Sein‹ wird innerhalb der parmenideischen Seinslehre weder kopulativ noch als Existenzaussage verwendet, sondern bedeutet ›unveränderlich bestehen‹ im Gegensatz zu Entstehen, Vergehen, Veränderung. Der Weg der Wahrheit schließt alles andere als das Seiende aus. Außerhalb des Seienden existiert nichts, d. h. das Seiende ist die alles andere ausschließende Ganzheit. Hiermit ist auch gesagt, dass es innerhalb des Seienden nichts geben kann, das von der Ganzheit verschieden wäre. Das Seiende kann also keine Teile haben, weil sie vom Seienden als der Ganzheit verschieden und folglich nichtseiend wären. Das Seiende ist ganz es selbst; hieraus ergibt sich, dass es einzig ist. Weiterhin besagt Ganzheit des Seienden, dass dem Seienden nichts mangelt, dass es autark und vollkommen ist und sich deshalb in Ruhe befindet. Hierdurch ist jede Bewegung ausgeschlossen, womit in erster Linie gemeint ist, dass das Seiende nicht entsteht und nicht vergeht – es hat keine Grenzen in der Zeit –, sodann aber auch, dass es sich in keiner Weise verändert. »Veränderung« umfasst bei Parmenides wie später bei Aristoteles Entstehen und Vergehen, Ortswechsel, qualitative und quantitative Veränderung. Die aus ›seiend‹ deduzierten ›Merkzeichen‹ sind Grundlage direkter und indirekter Beweise. Seiendes ist nicht aus Nichts entstanden, denn aus dem Nichts kann nichts werden, was generell altgriechische Überzeugung ist. Wäre das Seiende aus Nichts entstanden, dann ist es nicht; weil es nicht aus Nichts entstand, ist es ohne Einschränkung. Das heißt in den Worten des Parmenides: »So muss es entweder ganz und gar sein oder gar nicht.« Die Argumentation gegen Werden aus Nichts gelangt also zu der Alternative: Das Seiende ist – das Seiende ist nicht, womit der Beweis gegen die Herkunft aus dem Nichts auf die Position der beiden Forschungswege zurückgeführt ist. Das Seiende kann auch nicht aus Seiendem entstanden sein; wäre es das, dann gäbe es ein zweites Seiendes; das bedeutete, dass ihm die aus ›seiend‹ deduzierten Merkmale fehlten, was zur Folge hätte, dass es mit dem Nichts identisch wäre. Das aber ist ausgeschlossen; der zweite Forschungsweg, der dem Nichts Sein zuspricht, ist ungangbar. Somit bleibt nur die Position des ersten Wegs: Das Seiende ist; es ist unentstanden, als Unentstandenes ist es unvergänglich und in jeder Hinsicht mit sich selbst identisch. Aus der Identität des Seienden mit sich selbst folgt, dass es an keiner Raumstelle ein Mehr oder Weniger von Seiendem geben kann; das Seiende ist gleichmäßig von sich selbst erfüllt, d. h. es gibt nichts in ihm, das nicht das eine Seiende wäre. Das sich selbst absolut gleiche Seiende ist unveränderlich, womit primär der Ortswechsel verneint ist. Weil Ortswechsel der Elementarkörper Grundlage jeder Veränderung ist, wird dem Seienden auch jede andere Weise der Veränderung abgesprochen. Das Seiende ist in räumlichen Grenzen eingeschlossen; eine Lockerung dieser als »Fesseln« beschriebenen Grenzen würde bedeuten, dass das Seiende sich örtlich bewegen könnte, womit der Beginn der Veränderung und auch des Entstehens und Vergehens gegeben wäre, was bedeuten würde, dass das Seiende nicht mehr vollkommen, nicht autark und nicht absolut mit sich identisch wäre; es wäre nichtseiend. Werden und Vergehen sind nicht seiend; sie bestehen nicht unveränderlich, weil sie Prozesse sind, und deshalb ist sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft eine Vielheit von Seiendem unmöglich. Hieraus ergibt sich, dass alles, was die von der Gottheit nicht belehrten Menschen als real bezeichnen, nämlich Veränderliches, ›Namen‹ ohne Bedeutung sind, Bezeichnungen, denen im Bereich des Seienden nichts entspricht. Hinsichtlich seiner Gestalt und seines inneren Zusammenhangs ist das Seiende vollkommen; daher ist die Gestalt des Seienden absolut ebenmäßig. Absolutes Ebenmaß der Gestalt kommt nur der Kugel zu: Das Seiende ist kugelgestaltig. Nicht zu verkennen ist, dass die Argumentation oft kreisförmig verläuft und die Kugelgestalt des Seienden nachahmt. Die Frage, was außerhalb des räumlich begrenzten Seienden sei, ist für Parmenides sinnlos: Außerhalb des Seienden gibt es nichts, auch nicht den leeren Raum, den Parmenides anscheinend mit dem Nichts identifiziert. Diese nach modernem Verständnis vielleicht befremdende Auskunft wird von Platon und Aristoteles akzeptiert; die Fixsternsphäre als Grenze des Kosmos ist kugelförmig, außerhalb ihrer existiert nichts. Entsprechend allem, was Parmenides ausführt, ist das Seiende ein stereometrisches Gebilde, ein homogener Körper, der den gesamten Raum ausfüllt, nicht durch die Sinne fassbar ist und auch nicht durch menschliches Denken erkannt werden kann, sofern es nicht von der Gottheit belehrt wurde; menschliches Denken ist immer an die Sinneswahrnehmung gebunden und kann sich ohne göttliche Hilfe nicht von ihr lösen. Weil transzendente Seinsregionen wie Platons Bereiche der höchsten Prinzipien, der Ideen und des mathematischen Seienden für Parmenides noch nicht in Betracht kommen, kann das unveränderliche Seiende nur das Weltall sein, dieses aber nicht gemäß seiner wahrnehmbaren Erscheinung in Vielheit, Vereinzelung und Veränderung, sondern geschaut als zusammenhängende, homogene und unteilbare Einheit. Zu dieser Schau vermag menschliches Denken sich nur zu erheben, wenn ihm die Seinswahrheit von einer Gottheit geoffenbart wird; unbelehrtes Denken sieht statt des einen unveränderlichen Seienden die Vielheit der veränderlichen Dinge. Diese Trennung von göttlichem und menschlichem Wissen ist schon in den homerischen Epen ausgeprägt und wird von Xenophanes, Heraklit und Alkmaion in das philosophische Denken übergeleitet. Parmenides ist jedenfalls der Erste, welcher eine Antwort auf die Frage erteilt, weshalb menschliches Wissen ohne göttliche Offenbarung Schein ist und woher der Schein stammt. Die Menschen halten das, was ihnen in der Wahrnehmung erscheint, für das Seiende; hierdurch wenden sie sich vom unveränderlichen Seienden ab und kehren sich dem Schein zu. Der Schein besteht darin, dass Veränderliches, Entstehendes und Vergehendes durch die Wahrnehmung als real erfasst wird und hierdurch den Schein des Seins erregt. Veränderliche Dinge aber sind nicht, weil sie nicht unveränderlich bestehen. Weil es den Menschen unmöglich ist, sich ohne göttliche Offenbarung zum Seienden zu erheben, sind Meinen und Irrtum die notwendige Weise menschlichen Denkens. Die Wahrheit ist göttliches Wissen; sie wird den Menschen als Geschenk zuteil. Somit steht der Mensch nicht »je schon in der Wahrheit und Unwahrheit«, sondern als Mensch in der Unwahrheit; der Irrtum ist die notwendige Form menschlichen Denkens. Menschlicher Natur entspricht das Ansetzen einer Mehrheit von obersten Prinzipien anstelle des einen Seienden. Dieses stellt Parmenides im zweiten Teil seines Lehrgedichtes dar. Die Menschen setzen zwei Prinzipien für den Bereich des Veränderlichen an, Licht und Nacht (Feuer und Erde in aristotelischer Diktion) und halten sie für die Realität. Hierdurch spalten sie die eine Wirklichkeit des Seienden in eine Zweiheit. Das Ergebnis der Spaltung ist nicht eine abbildhafte Welt gegenüber dem Urbild des Seienden, sondern die scheinbare Realität, welche in keinem ontologischen Zusammenhang mit dem Seienden steht. Von der Wahrheit des Seienden her betrachtet ist die Spaltung illegitim, von menschlicher Erkenntnisweise aus erfolgt sie mit Notwendigkeit. Aus den beiden Prinzipien, welche als Elementarkörper aufzufassen sind, bestehen alle veränderlichen Dinge.

Die wenigen Fragmente des zweiten Teiles lassen erkennen, dass nach der Erörterung der beiden Elementarkörper die Entstehung der einzelnen Dinge behandelt wird; im Einzelnen kommen zur Sprache das Werden des Kosmos einschließlich der Sonne, des Mondes, der Sterne und der Erde sowie das System der »Stoffkränze«, über das jedoch nichts Sicheres gesagt werden kann. Auf die Kosmogonie folgte vielleicht die Lehre von der Entstehung der Götter, von der ein Vers erhalten ist; an sie schloss sich die Anthropologie an, von der einige Zeilen überliefert sind, die unter anderem Aufschluss über die Bedeutung der beiden Elementarkörper für menschliches Denken geben. Der menschliche Leib ist eine Mischung der Elementarkörper; veranlasst wird die Mischung durch die alles lenkende Göttin, die ihren Sitz inmitten der Stoffkränze hat und nicht mit der offenbarenden Göttin identisch ist. Entsprechend der bei den einzelnen Menschen jeweils verschiedenen Mischung gestaltet sich das Denken, das keineswegs Tätigkeit einer unstofflichen Geistseele, sondern Funktion des Leibes ist. Größerer Anteil des Lichtelements bewirkt größere Klarheit des Denkens, ohne dass hierdurch jemals eine Befreiung vom Irrtum, dem menschliches Denken verhaftet ist, ermöglicht würde. Hiermit bietet Parmenides eine physiologische Deutung eines Phänomens, das in archaischer Zeit Gegenstand der Reflexion wurde: Die Menschen sind nicht nur unfähig, ihr äußeres Geschick zu bestimmen, sondern sie können nicht einmal in ihrem Denken eine gerade Linie einhalten, weil sie der jeweils ohne ihr Zutun entstandenen Situation hilflos ausgeliefert sind.

Die Fragmente der Vorsokratiker , hg. von H. Diels / W. Kranz, Bd. 1, 1989 [Nachdr. der 6. Aufl. Berlin 1952]

J. Mansfeld, Die Vorsokratiker (Auswahl) , Bd. 1, Stuttgart 1983

The Presocratic Philosophers. A Critical History with a Selection of Texts , hg. von G. S. Kirk / J. E. Raven / M. Schofield, 2. Aufl. Cambridge 1983 [dt. von K. Hülser, Stuttgart 1994]

W. Röd, Geschichte der Philosophie: Die Philosophie der Antike 1. Von Thales bis Demokrit , 2. Aufl. München 1988

K. Bormann, Parmenides. Untersuchungen zu den Fragmenten , Hamburg 1971

H. Fränkel, Wege und Formen frühgriechischen Denkens , München 1955

O. Gigon, Der Ursprung der griechischen Philosophie von Hesiod bis Parmenides , 2. Aufl. Basel 1968

U. Hölscher, Parmenides, Vom Wesen des Seienden , Frankfurt/M. 1969

J. Mansfeld, Die Offenbarung des Parmenides und die menschliche Welt , Assen 1964

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt