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Holm Bräuer

Ordnung

Philosophischer Terminus, der genauso wie der umgangssprachliche Begriff eine breit gefächerte Bedeutungsvielfalt besitzt. In der neueren Diskussion hat der Ordnungsbegriff seinen Platz vor allem in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung, in der er mehr und mehr als ein typisierendes Prinzip verwendet und als Struktur oder Regel- bzw. Normsystem auf unterschiedliche Legitimationsprinzipien politischer und gesellschaftlicher Ordnungen angewandt wird. Auch in der Ethnologie hat der Begriff einen klassifizierenden Charakter, indem verschiedene Gesellschaftsordnungen nach ihren Verwandtschaftsbeziehungen, nach ihrer sozialen Organisation bzw. nach den sozialen und wirtschaftlichen Schichtungsverhältnissen beurteilt werden.

In der philosophischen Logik und der Philosophie der Mathematik tritt der Ordnungsbegriff besonders in der Mengenlehre auf. Die Relationen zwischen geordneten Paaren einer Menge M bestimmen die Art ihrer Ordnung. Man unterscheidet Mengen, die als Quasi-, Total-, Partial-, Strikt- und Wohlordnung definiert sind. Ausschlaggebend für die Einteilung ist, ob die geordneten Paare x, y in einem Verhältnis der Symmetrie, der Transitivität, der Reflexivität oder der Vergleichbarkeit stehen und ob es für jede (nicht leere) Teilmenge ein kleinstes Element gibt.

Im antiken Sprachgebrauch treten als analoge Begriffe vor allem taxis und Kosmos auf. Ordnung steht hier im Gegensatz zu Chaos und Unordnung, die im Allgemeinen als moralisch verwerflich und in der Stufung der Natur und des Weltalls als minderwertig gelten. Vollkommenheit und Ordnung sind daher nahezu gleichbedeutend. Ordnung findet sich vor allem im supralunaren Bereich. Kontroverse Antworten hat nur die Frage nach dem Ursprung und der Art der Naturordnung gefunden. Während Platon einen schaffenden Demiurgen annimmt, der durch seine Tätigkeit eine Verbindung zwischen allen sichtbaren Dingen herstellt und diese in ein Verhältnis setzt, widerspricht Aristoteles allen Theorien der Genese des Kosmos. Für Aristoteles hat der Kosmos eine ewige Ordnung, die zwar veränderlich und in Bewegung ist, selbst aber weder einen Anfang noch ein Ende besitzt. Der Bereich des Menschen und seine sozialen Beziehungen sind in unterschiedlichem Maße der vollkommenen Ordnung teilhaftig. Der Staat gilt als ein geordnetes Ganzes und ist durch seine Gesetze (nomoi ) bestimmt, die in einer Verfassung zusammengefasst sind. Es werden verschiedene Verfassungstypen und Staatsordnungen unterschieden (Oligarchie, Tyrannis, Demokratie).

In der mittelalterlichen Diskussion steht der Begriff des Ordo im Vordergrund, mit dem die normative Strukturiertheit des Universums in Stufen der Seinsintensität bezeichnet wird. Die Vorstellung von einer universalen Ordnung und Rangfolge aller Kreaturen in einem übergeordneten Seinszusammenhang ist mit dem Gedanken des Schöpferwirkens Gottes verbunden, der alle Geschöpfe in eine gerechte Stufenfolge bringt. In der Neuzeit (A) hat der Ordnungsbegriff mehrere wesentliche Wandlungen durchgemacht. Er wird zunehmend aus dem starren hierarchischen Muster der Rangfolge herausgelöst und auf ein organismisches Modell bezogen, nach dem Ordnung auf dem Zusammenspiel mehrerer Glieder mit unterschiedlichen Funktionen basiert. Ordnung wird auch nicht mehr als eine primär von Gott gegebene Gliederung angesehen, sondern gilt als abhängig von einem Subjekt, welches die Ordnung erst erkennt oder als Erkenntnisprinzip einsetzt. Die entscheidende Folge ist, dass Ordnung nicht mehr als ein fraglos gegebener und immer gültiger Zusammenhang angesehen werden konnte, sondern als ein Arrangement, das stets neu zu schaffen ist. Im Bereich der sozialen Verhältnisse gibt es daher keine Ordnung mit unhinterfragbarer Gültigkeit mehr, was zur Kritik der bestehenden politischen Ordnung, zur Ausarbeitung konkurrierender Gesellschaftsmodelle und zu einem beständigen Zwang zur besonderen Begründung der Legitimation und Geltung der historisch gewachsenen Verhältnisse geführt hat.

In der modernen Debatte entstand eine Kontroverse zwischen den Anhängern des Ordnungsdenkens, die den Verlust stabiler Ordnungsformen in den modernen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Schwund ihrer Legitimation mit der Forderung nach einer Stabilität in Gesellschaft und Staat verbunden haben, und den Theoretikern, die für Individualität und Freiheit eintreten und mit ideologiekritischen Einwänden gegen übermäßige Ordnungstendenzen argumentieren. Besonders die Analyse der Zwangsmechanismen in totalitären Staaten hat dieser Debatte in letzter Zeit neuen Aufwind gegeben.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt