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Holm Bräuer

Okkasionalismus

Auch Occasionalismus, von lat. occasio , ›Anlass, Gelegenheit«: ein von Anhängern und Schülern Descartes’ angebotener Lösungsversuch für das Leib-Seele-Problem (Dualismus Leib – Seele). Nachdem durch Descartes die vollständige Trennung zwischen geistiger Substanz (res cogitans ) und körperlicher Substanz (res extensa ) vollzogen worden war, stellte sich die Frage, ob es eine Wechselwirkung zwischen Leib und Seele gibt und wie diese möglich ist.

Der Okkasionalismus geht davon aus, dass Seele und Körper, da es sich um getrennte Substanzen handelt, nicht aufeinander einwirken können. Eine dauerhafte Entsprechung zwischen psychischen und physischen Ereignissen sei daher nur möglich, wenn Gott als eine allgemeine Ursache (causa universalis ) durch unmittelbares Eingreifen bei Gelegenheit (occasio ) eines Willensaktes eine Verbindung zwischen beiden herstellt. Seele und Leib befinden sich, wie Clauberg annimmt, in einem Verhältnis wie Steuermann und Schiff. Es gibt aber einen Mechanismus, der es dem Steuermann ermöglicht, sein Schiff zu lenken. Die Möglichkeiten der Kraftübertragung, wie die zwischen den Bewegungen des Seemannes und denen seines Schiffs, bestehen hingegen zwischen Leib und Seele nicht. Deshalb muss Gottes Fügung in die entstandene Lücke eintreten, um beide aufeinander abzustimmen, sobald es zu willentlichen Handlungen kommt.

Von Cordemoy und De la Forge wird der Okkasionalismus noch radikalisiert. Nicht nur die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele kann nicht auf natürliche Ursachen zurückgeführt oder durch solche erklärt werden, auch die Übertragung einer Wirkung von einem Körper auf einen anderen sei ein ungelöstes Problem. Da wir nur Ortsveränderungen der Körper wahrnehmen können und nicht wissen, wie ein Körper auf einen anderen Körper einwirken kann, müssen wir annehmen, dass selbst diese Verursachung, die zwischen zwei Körpern stattfindet, eine Sache Gottes sei. Auf dem Hintergrund der cartesianischen Zwei-Substanzen-Lehre stellt auch Geulincx sich die Frage, wie es möglich ist, dass ein Willensentschluss zu einer Muskelbewegung führt und umgekehrt, wie durch eine Einwirkung der Welt auf unsere Sinnesorgane eine bewusste Sinneswahrnehmung entsteht. Ein Verursachungsverhältnis zwischen Körper und Geist sei nicht denkbar, weshalb uns ein bewusstes Handeln nur innerhalb unseres Geistes möglich ist. Weder unser Selbst ist in der Lage, auf unseren Körper einzuwirken, noch kann die Sinneswahrnehmung in das Innere unseres Geistes gelangen. Beides wird nur durch einen göttlichen Werkmeister ermöglicht, der Seele und Körper wie zwei gleich laufende Uhren aufeinander abgestimmt hat.

Auch Malebranche lässt sich von den Grundannahmen des Okkasionalismus leiten: von der Überzeugung einer völligen Trennung der körperlichen und geistigen Substanz, der Annahme einer komplizierten göttlichen Weltmaschine, die zwischen beiden vermittelt, und von der Tendenz zur Einebnung der Kausalität auf eine einzige, die göttliche Verursachung. Weil weder die Sinne uns ein wahres Bild der Wirklichkeit liefern können, noch unser körperliches Handeln von uns selbst verursacht ist, sei Erkenntnis und sittliches Handeln nur durch die Partizipation des Menschen am göttlichen Geist möglich. Indem der menschliche Geist in Gott die Ideen der erschaffenen Dinge schaut, erkennt er die Welt und denkt das allein Wahre; indem der Mensch das sittlich Gute ergreift, ergreift er die unendlichen Güte Gottes und er lebt in Gottes Liebe, wenn er nur das Richtige liebt.

Leibniz vertritt eine alternative Konzeption, die zwar auch von der Metapher zweier synchron gehender Uhren lebt, aber – im Gegensatz zu den Okkasionalisten – nicht von einem direkten göttlichen Eingriff auf Leib und Seele ausgeht. Dem Okkasionalismus setzte Leibniz das Prinzip der prästabilierten Harmonie entgegen.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt