Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Holm Bräuer

Objekt

Lat. obiectum , ›Gegenwurf, Vorwurf, Gegenstand‹: In der Grammatik die Bezeichnung für den Satzteil, der den Zielpunkt des verbalen Handelns ausmacht und im Kasus durch das Prädikat oder durch ein Satzadjektiv bestimmt wird. In der philosophischen Fachsprache ist der Begriff zuerst bei Aristoteles durch sein griechisches Synonym antikeimenon (auch hypokeimenon ) vertreten. Als ein Begriff für das Gegensätzliche bezeichnet er bei Aristoteles insbesondere das, was einem Seelenvermögen gegenübersteht. Das der Seele Entgegengestellte kann entweder einen sinnlichen oder einen intelligiblen Charakter haben. In der Scholastik wurde das Verhältnis zwischen Seelenvermögen und Objekt weiter differenziert. So spricht man von verschiedenen Objektarten, die sich in ihrer Eigenart von den unterschiedlichen inneren und äußeren Sinnen bestimmen lassen. Thomas von Aquin unterscheidet zwischen einem passiven Vermögen der Seele, welches durch ein anregendes Objekt aktiviert wird, in dem der Seelenakt seinen Anfang hat, und einem selbsttätigen Vermögen der Seele, welches auf ein Zielobjekt gerichtet ist, in dem der Seelenakt sein Ende, aber auch erst seine eigentliche Form findet. Diese letztere Art von Objekt genießt bei Thomas von Aquin eine höhere Priorität, weil er im Allgemeinen der Zweckursache, dem Vorbild, auf welches alles Geschehen hingeordnet ist, eine Vorrangstellung vor allen anderen Ursachen einräumt. Für Objekt im Sinne dieses Zielpunktes der Seelentätigkeit wurde die Bezeichnung materia circa quam (Materie, um die es geht) geprägt. Des Weiteren unterscheidet man zwischen den Materialobjekten im Sinne der konkreten Gegenstände, die von den einzelnen Sinnen – wie z. B. dem Gesichtssinn – wahrgenommen werden und den Formalobjekten, welche von den Sinnen nicht direkt wahrgenommen, aber im Wahrnehmen implizit mit erfasst werden und – wie z. B. die Farbe oder der Ton – darüber hinaus einen einheitlichen Gesichtspunkt der unterschiedlichen konkreten Gegenstände bzw. Materialobjekte bilden. Aus dieser Trennung zwischen einem sinnlichen und einem intelligiblen Objekt entstand die Frage, was der eigentliche und der erste Gegenstand des menschlichen Wissens sein kann. Sie fand in der scholastischen Diskussion eine kontroverse Antwort. Für die platonistische Tradition ist es der die Wesenheit einer Sache repräsentierende Begriff im Sinne der unveränderlichen Ideen: was vom Verstand erkannt werden kann, unabhängig davon, ob die jeweilige Sache selbst existiert oder nicht. Duns Scotus bestimmt das adäquate Objekt der Erkenntnis im Sinne der Ontologie als das Seiende (Sein) in allgemeiner Bedeutung, welches den abstrahierbaren gemeinsamen Inhalt der natürlichen Dinge bildet. Wilhelm von Ockham bekämpfte die Annahme solcher Gemeinnaturen. In seiner nominalistischen Position bildet ausschließlich das Individuelle das erste und eigentliche Objekt des menschlichen Erkennens. Für das neuzeitliche Denken bildet Descartes’ Objektbegriff den Ausgangspunkt. Vermittelt durch die scholastische Unterscheidung zwischen Material- und Formalobjekt steht nach seiner Auffassung das erkennende Subjekt (res cogitans ) einer ausgedehnten Welt (res extensa ) als Objekt gegenüber. Beide, Subjekt und Objekt, werden als Substanzen aufgefasst, wobei dann die Frage entsteht, wie es dem Subjekt gelingt, zur Erkenntnis der Objekte zu gelangen. Locke unterscheidet zwischen zwei Quellen der Erkenntnis, der Sinnlichkeit und der Reflexion. Dementsprechend gebe es zwei Objektbereiche, die äußerlichen materiellen Dinge (Objekte der Sinnlichkeit) und die Wirkungen unseres Verstandes (Objekte der Reflexion). Leibniz spricht von inneren und äußeren Objekten. Das Problem, ob den äußeren Objekten ein von dem erkennenden Subjekt unabhängiges Sein zukommt und wie es möglich ist, dieses zu erkennen, bleibt dabei bestehen. Für Berkeley ist die Annahme einer transsubjektiven Realität verfehlt. Er setzt Objekt mit ›Bewusstseinsinhalt‹ bzw. ›Vorstellung‹ gleich. Das Objekt der Erkenntnis ist für Kant der Gegenstand der empirischen Erfahrung. Erkenntnis eines Gegenstandes der Erfahrung kommt ihm zufolge aber nur zustande, wenn das Objekt der sinnlichen Anschauung, die Erscheinung, mit den Begriffen des Verstandes zusammenwirkt. Dadurch wird das Objekt im Hinblick auf seine Erkennbarkeit vom Subjekt konstituiert. Demgegenüber hält aber Kant am Begriff eines Dings an sich fest. Denn obwohl es kein Objekt der sinnlichen Anschauung oder der Erfahrung ist und in diesem Sinne niemals zu einem Objekt einer Erkenntnis werden kann, zwingt uns die Möglichkeit der Erfahrung in Raum und Zeit zur Annahme externer Gegenstände. Neben Erscheinung und Ding an sich spricht Kant noch von einem transzendentalen Objekt bzw. einem Objekt überhaupt, welches den unbekannten Grund der Erscheinungen bildet und vor aller Erfahrung gegeben ist.

Brentano verweist in seiner Analyse der psychischen Phänomene darauf, dass jedes psychische Phänomen sich dadurch auszeichnet, dass es in Beziehung zu einem Inhalt steht, der dessen immanente Gegenständlichkeit ausmacht. Diese Gegenständlichkeit nennt er »intentionale Inexistenz eines Gegenstandes« oder auch »intentionales Objekt«. Die psychischen Phänomene zeichnen sich demnach gegenüber den physischen Phänomenen durch die Beziehung auf ein intentionales Objekt aus. Husserl hat diese Unterscheidung zwischen einem mentalen, immanenten und einem wirklichen, transzendenten Objekt kritisiert. Ihm zufolge ist es nicht möglich, dass sich in einem intentionalen Erlebnis zwei Realitäten, eine geistige und eine wirkliche, gegenüberstehen. Erst durch eine bestimmte philosophische Methode, die phänomenologische Reduktion, in der alle Annahmen über eine externe Realität ›eingeklammert‹ werden, sei es möglich, die auf diese Weise reduzierten Phänomene der Wahrnehmung selbst zum Objekt zu machen, wodurch deren noematischer Sinn sichtbar wird. Deshalb muss nach Husserl das intentionale Objekt als noematisches Objekt verstanden werden.

In der sprachanalytischen Philosophie wird mit Objekt oder Gegenstand das bezeichnet, was in der Veränderung der raum-zeitlichen Ereignisse eine gewisse Beständigkeit bzw. Dauer aufweist. Insbesondere Fragen danach, welche Arten von Gegenständen als existierend anzunehmen sind und welche Gegenstandsklassen auf andere Gegenstandsklassen zurückgeführt und schließlich reduziert werden können, nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Für Quine haben die physikalischen Objekte eine eindeutige Vorrangstellung vor idealen, abstrakten oder geometrischen Objekten. In den meisten, wenn auch nicht in allen Anwendungsgebieten, können wir auf die Letzteren verzichten. Für Quine sind Fragen nach der Existenz oder Nichtexistenz von Gegenständen Fragen der Ontologie. In der Theorie beantworten sich diese Fragen in der Entscheidung, was als Wert für die gebundenen Variablen, die die Theorie enthält, zugelassen wird und was nicht.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt