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Holm Bräuer

Norm

Lat. ›Winkelmaß, Richtschnur, Regel‹: Ursprünglich ein in der antiken Bautechnik verwendeter Begriff, der schon bald auf geistige und juristische Problemstellungen übertragen wurde. Er wird in unterschiedlichen Zusammenhängen mit jeweils abweichenden Bedeutungen verwandt. Im Allgemeinen ist der Begriff mit einer Zweideutigkeit behaftet, da er sich einerseits in Bezug auf ›normal‹, anderseits aber auch auf ›normativ‹ verstehen lässt. Im Sinne von normal stellt die Norm entweder einen – in Beziehung auf eine bestimmte Größe – durchschnittlichen Wert dar oder lässt sich, wie in messtheoretischen Zusammenhängen, als ein Wert begreifen, der einen durch praktische Erwägungen gesetzten Idealzustand festlegt. Eine normativ verstandene Norm hingegen dient entweder der Evaluation, d. h. der Einschätzung von Zuständen oder Handlungsweisen, oder sie dient der Präskription, d. h. dem Aufstellen von Vorschriften, Ge- oder Verboten für Handlungen.

Einen besonderen Stellenwert nimmt der Normbegriff in erkenntnistheoretischen, ästhetischen, logischen, ethischen, juristischen, soziologischen und naturwissenschaftlichen Kontexten ein. Der naturwissenschaftliche Normbegriff bezieht sich auf Fragen, die mit messtheoretischen Problemen zusammenhängen. So werden in Bezug auf Längen-, Zeit- oder Gewichtsmessungen gewisse Grundeinheiten oder Einheitsmaße festgelegt, die für alle Messungen eine Norm abgeben. Wenn es um die Objektivität wissenschaftlicher Messungen geht, spielen die Normen für die Herstellungsverfahren und die Verwendungsweise von Messgeräten eine große Rolle, denn nur durch diese können einwandfreie und aussagekräftige Resultate sichergestellt werden. Ästhetische Normen werden in der Ästhetik und in den Kunstwissenschaften behandelt. Sie dienen im Allgemeinen der Einschätzung schon bestehender Kunstwerke oder können bei deren Produktion, wie bei Gesetzen der Perspektive in der Malerei oder bei den Regeln der Harmonie in der Musik, schon zugrunde gelegt sein. Ein spezifisches Problem bildet in diesem Bereich die Frage, ob der Wert eines Kunstwerkes nach dem Grad der Umsetzung und Verarbeitung normativer Richtlinien oder nach der Autonomie und Individualität des jeweiligen Künstlers bemessen werden sollte. Je nachdem spielt entweder der Aspekt der handwerklichen Umsetzung oder die Originalität der individuellen Idee und deren Ausarbeitung eine größere Rolle. Kant hat in seiner Ästhetik zwischen einer so genannten »Normalidee« und einem »ästhetischen Ideal« unterschieden. Normalidee sei demzufolge ein in der individuellen Anschauung sichtbar werdendes Muster, welches das Verhältnis von Gattung und Spezies bestimme. In seiner Erkenntnistheorie spielen die Normen in der Begründung der Geltung empirischer Gesetze eine Rolle. Empirische Gesetze sind für Kant nur nach der Norm der Gesetze der Vernunft möglich. In der soziologischen Theoriebildung spielen Normen – so bei Durkheim und Simmel – eine zweifache Rolle: Sie sind entweder deskriptiv, d. h. sie dienen der Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge, oder sie werden präskriptiv verstanden, d. h. dass die Normen zugleich reglementierende Vorschriften für das Verhalten der Individuen bilden; sie üben in diesem Sinne, wie Durkheim sich ausdrückt, einen äußeren Zwang auf den Einzelnen aus. Für Max Weber spielt der Begriff der Wertfreiheit eine große Rolle. Ihm zufolge geht es der Soziologie nicht um die Bewertung bestimmter Normen, sondern um die Einschätzung der faktischen Gültigkeit von Normen in bestimmten sozialen Kontexten. Für Parsons sind Normen »Muster generalisierter Erwartungen«, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen der Handelnden ergeben. Luhmann hat diesen Aspekt weiter spezifiziert, indem er die Normen als »kontrafaktisch stabilisierte Verhaltenserwartungen« bestimmt. Kontrafaktische Erwartungen sind die Normen deshalb, weil sie nicht, wie etwa die kognitiven Erwartungen über das Eintreffen bestimmter Umstände, bei faktischen Abweichungen von den erwarteten Ereignissen entsprechend korrigiert werden, sondern trotz der Abweichungen aufrecht erhalten werden.

Eine besonders wichtige Rolle spielt der Normbegriff in ethischen und juristischen Überlegungen. In juristischen Zusammenhängen wird ›Norm‹ meist synonym mit ›Gesetz‹ verwendet. Rechtliche Normen in diesem Sinne zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch eine staatliche Zwangsgewalt gestützt und damit als verbindliche Handlungsregeln, die in Rechtssätzen niedergelegt sind, gelten. Im Unterschied zu Handlungsregeln, die historisch entstanden sind und der Sittlichkeit zugerechnet werden, können Rechtsnormen mittels Sanktionen durchgesetzt werden, die im Falle der Normenübertretung das Individuum mit entsprechenden Rechtsfolgen konfrontieren. In ethischer Bedeutung tritt der Normbegriff zumeist in der Diskussion um Handlungsregeln auf. Handlungsregeln können sowohl Vorschriften (Gebote oder Verbote) als auch Zielsetzungen (Aufforderungen) sein. Beide werden jeweils in Beziehung zu den Umständen angegeben, für die die Vorschriften gelten oder auf die in den Zielsetzungen hingearbeitet werden soll. Handlungen können in den für sie zutreffenden Situationen untersagt, vorgeschrieben, erlaubt oder weder vorgeschrieben noch untersagt sein. Die Beziehungen zwischen den moralischen Urteilen, die Prädikate des Vorschreibens, Erlaubens und Untersagens enthalten, werden in der deontischen Logik behandelt.

Die Frage nach der Begründbarkeit und der Quelle der Begründung moralischer Normen ist kontrovers diskutiert worden. Als außernormative Instanzen, in denen sich die Normen verankern lassen, wurden in der Philosophiegeschichte u. a. Gott, die Natur bzw. die natürliche Ordnung, die Vernunft, der Wille der gesellschaftlichen Mehrheit, die Interessen der Herrschenden, eine unverrückbare ontologische Ordnung, die im gleichberechtigten Diskurs erzielten Entscheidungen oder ein ideales Maß der Vollkommenheit angenommen. Auch die Auffassung von dem, was den Inhalt der Normen bildet, hängt weitestgehend von der zugrunde liegenden Philosophie ab. U.a. können Normen als Prinzipien der Gerechtigkeit, als Bestimmungen des Guten, als universalisierbare Handlungsmaximen oder als Bestimmungen des Nutzens, der dem Glück der größten Anzahl der Individuen dient, angesehen werden. Für die Wertethik, die zu Beginn dieses Jahrhunderts entwickelt wurde, sind es die gesellschaftlichen Werte, die den Normen zugrunde liegen. Die ethischen Werte selbst werden dabei auf eine phänomenologische Grundlage gestellt. Sie existieren der Wertphilosophie zufolge als moralische Wesenheiten, die die verbindlichen Normen erzeugen. Moderne Formen der Normenbegründung stützen sich im Wesentlichen auf deren sprachliche Verfasstheit und versuchen im Anschluss daran, universelle Verfahren und Prinzipien der Normbegründung durch diskurs- oder argumentationsheoretische Überlegungen zu rechtfertigen.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt