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Holm Bräuer

Nichts

Syntaktisch gesehen handelt es sich um die Nominalisierung des unbestimmten Pronomens nichts ; philosophiehistorisch jedoch gilt das Nichts zumeist als die durch eine Negation ausgedrückte Verneinung des Seins oder Seienden bzw. als ein Gegensatz zu Existenz.

Eine der zentralen Fragen der Antike war die Frage nach dem Vorhandensein oder der Möglichkeit eines Nichts gegenüber dem positiv aufgefassten Seienden. Von Parmenides stammt der berühmte Satz »Nichts ist nicht«. Seine Begründung für die Unmöglichkeit eines Nichts besteht in dem Argument, dass man das Nichts weder erkennen noch aufzeigen könne. Dagegen war für die antiken Atomisten das Nichts eine wichtige Vorstellung, denn es bezeichnet den Ort, in welchem sich die Atome bewegen können; eine in der Wirklichkeit existierende Leere. Platon und Aristoteles haben auf die sprachliche Natur des Nichts hingewiesen. Während es für Platon ein Verschiedenes – wie das Nicht-Gute ein vom Guten Verschiedenes ist – war, welches durch das Nichts ausgedrückt wird, bestimmte Aristoteles es in einem dreifachen Sinne: Im ersten Sinn ist das Nichts etwas, insofern es ein Nicht-Mensch oder Nicht-Schönes sein kann; im zweiten Sinne, insofern es durch einen falschen Satz ausgedrückt wird; im dritten Sinne ist es Nichts, insofern sich das Potenzielle vom Aktuellen unterscheiden lässt. Die Stoiker wiesen dem Nichts einen Ort ausschließlich im Gedachten oder bloß Vorgestellten zu. Damit fallen aber auch Vorstellungen nicht existierender Gegenstände – wie Einhörner und Riesen – unter die Kategorie des Nichts.

In der neuplatonischen Philosophie des Plotin wird das Nichts einmal als noch ungestaltete Materie, als das nur Potenzielle und vom Seienden Verschiedene, aufgefasst, ein andermal aber als das Eine, welches vor aller Vielheit und allem Seienden ist. Aus dieser Bestimmung heraus bekommt die frühchristlich-philosophische Lehre der creatio ex nihilo (Entstehung aus dem Nichts) ihren Anstoß. Auch Thomas von Aquin unterscheidet verschiedene Bedeutungen des Nichts. Die Naturdinge können im Sinne des Nichts entweder überhaupt keine Seienden sein oder aber sie sind Materie in einem nur potenziellen, nur möglichen Sein. Als Gedankending kommt das Nichts entweder als Privation (begriffliche Einschränkung, wie z. B. Blindheit), d. h. als eine besondere Art von Negation vor, oder als Fiktion, d. h. als ein in der Wirklichkeit nicht anzutreffender Gegenstand. In der mittelalterlichen Mystik bekommt das Nichts auch einen moralischen Sinn. Für Meister Eckhart, Tauler und Seuse ist der Mensch durch ein zweifaches Nichts bestimmt. Aufgrund seines gebrechlichen Naturwesens kommt dem Menschen das Nichts als eine Sünde zu. Indem er aber sich und seine Seele von allem Natürlichen läutert und auf diese Weise im ›reinen Nichts‹ verharrt, vollzieht sich seine Vereinigung mit Gott.

Von Duns Scotus wird die einseitige neuplatonische und scholastische Bestimmung des Nichts als ein Mögliches, nur noch nicht wirklich Seiendes, kritisiert. Ihm zufolge muss das Nichts vielmehr als eine Leugnung der Möglichkeit des Seins, d. h. im Sinne eines Unmöglichen aufgefasst werden. Diese Unterscheidung eines möglichen Nichts und eines unmöglichen Nichts wird auch in der deutschen Schulphilosophie von Wolff und Baumgarten vertreten. Sie unterscheiden das nihil privativum – das bloß Mögliche – vom nihil negativum , welches überhaupt keinen Seinsbezug hat und entweder unmöglich, widersprüchlich oder unvorstellbar ist. Kant fügt diesen Bestimmungen noch das ens rationis (Gedankending, wie z. B. das Ding an sich), welches zwar nicht selbstwidersprüchlich ist, dem aber keine Anschauung entsprechen kann, und das ens imaginarium hinzu, welchem ein Nichts im Sinne einer leeren Anschauung ohne Gegenstand (z. B. Raum und Zeit) entspricht. Von Schopenhauer wird aufgrund der Undenkbarkeit eines absoluten Nichts die Möglichkeit eines nihil negativum bestritten; jedes Nichts sei ein relativer Begriff, der sich auf etwas bezieht, und daher ein bloßes nihil privativum .

Für Hegel steht das Nichts mit dem Sein auf einer Stufe. Beide müssen in gleicher Weise als die völlige Leerheit oder Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit, als unbestimmbare Abstraktionen verstanden werden. Sie werden zwar als selbstständige Einheiten vorgestellt, schlagen aber aufgrund ihres identischen Charakters ineinander über. Dieses Ineinanderübergehen von Sein und Nichts ist in Hegels Logik die erste dialektische Synthese: das Werden. Nietzsche bezeichnet den »Willen zum Nichts« als eine dekadente Form des Willens zur Macht, der in der platonisch-christlichen Philosophie seinen lebensverneinenden Ausdruck gefunden habe. In der Philosophie Heideggers bildet das Nichts einen Grundbegriff neben dem des Seins. Der Grundmodus der menschlichen Erfahrung des Nichts sei die Angst, in welcher die »ursprüngliche Offenheit des Seienden« als solchem offenbar werde. Nach Sartre hat das Nichts seinen Platz im Sein selbst und nicht jenseits der Welt. Er spricht vom so genannten Wirklichkeitstyp der Negativitäten (Entfernung, Abwesenheit usw.). Bloch nennt seine Philosophie der Utopie auch »Ontologie des Noch-Nicht-Seins«. Im Nichts erlebe der Mensch einen Mangel und er strebe danach, diesen Mangel aufzuheben. Dieses Streben nach Überwindung, dieses Prinzip der Hoffnung liege nach Bloch als anthropologische Grundkonstante im Wesen des Menschen. Viele traditionelle Probleme, die sich aus der Rede vom Nichts ergeben hatten, wurden von der neopositivistischen und der Sprachphilosophie als Scheinprobleme kritisiert.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt