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Dr. Guido Kreis

Neunzehntes Jahrhundert

Die Philosophie des 19. Jhs. ist in jedem Sinne nachidealistisch. Sie bildet sich als Kritik des deutschen Idealismus, vor allem des hegelschen Systems, ab den zwanziger Jahren heraus. In nahezu allen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen ist das 19. Jh. von Veränderungen und Umbrüchen gekennzeichnet, die für eine spekulativ-idealistische Philosophie nicht mehr günstig sind. Das Zeitalter der Industrialisierung und ein enormer Erfolg der technisch angewandten Naturwissenschaften gehören zu den Tendenzen der Epoche ebenso wie ein tiefgreifender ökonomisch-sozialer Wandel und die politische Durchsetzung des Bürgertums im Zeitalter der Revolutionen. Von einer übergreifenden und zeitlosen Vernunft und einem einheitlichen System der Philosophie ist nicht mehr die Rede. Die Vernunft wird vielmehr in historische und gesellschaftliche Kontexte eingeordnet und beginnt, sich in unterschiedliche Vernunftarten aufzuspalten. Dadurch erobert sich die Philosophie zahlreiche neue Themengebiete: Sie wird Religions- und Politik-Kritik und historisch-kritische Theorie von Gesellschaft und Wirtschaft mit politischer Intention (Linkshegelianismus, Marx), Philosophie der Existenz und des individuellen Lebens (Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche), Philosophie der historischen Welt und ideenrekonstruierende Geschichtsschreibung (Historismus, Dilthey), Erkenntnistheorie und mathematischer Logik (Positivismus, Frege, Neukantianismus). Eine Einheit dieser unterschiedlichen Gebiete ist nicht mehr abzusehen. Damit wendet sich das 19. Jh. auflösend gegen das metaphysische Erbe des Idealismus und bereitet die Themen vor, die noch das 20. Jh. und die Gegenwart beherrschen.

Die Auseinandersetzung um die Philosophie Hegels ist seit den dreißiger Jahren des 19. Jhs. vor allem in religionsphilosophischen und politischen Fragen geführt worden; der Kern von Hegels Philosophie, die spekulative Logik, stand dabei weniger im Mittelpunkt. Die folgenreiche Aufspaltung in eine althegelianische oder ›rechte‹ Hegelschule einerseits, in eine junghegelianische oder ›linke‹ Hegelschule andererseits ist im Anschluss an die Diskussion des Leben Jesu (1835–36) von David Friedrich Strauß vollzogen worden. Im Mittelpunkt dieser heute nur schwer zugänglichen Debatte standen die Frage nach der personalen oder pantheistischen Interpretation der Idee Gottes und das Problem einer historischen und anthropologischen Neudeutung des Christentums und der Evangelien. Eine gegenüber der theologischen Orthodoxie destruktive Religionskritik ist das Ergebnis gewesen.

Von besonderer Wirkung sind in diesem Zusammenhang die Schriften Feuerbachs gewesen. In Das Wesen des Christentums (1841) führt er Theologie und Religion auf ihre anthropologischen Grundlagen zurück. Dabei verfährt seine Kritik so, dass die Inhalte der Religion als Projektionen des Menschen in seiner natürlichen und historischen Umgebung gelesen werden. Dieses Verfahren hat deutliche Spuren in der Ideologiekritik des Marxismus oder in der Religions- und Kulturkritik Siegmund Freuds hinterlassen. Für die Religionskritik hat Feuerbach damit exemplarisch geleistet, was weite Teile der nachhegelschen Philosophie insgesamt kennzeichnet: die Rückführung der idealistisch-spekulativen Kategorien wie etwa Vernunft, Idee oder Gott auf eine materialistische Grundlage, in der sinnlich-physiologische, anthropologische und kontingente historische Faktoren die bestimmende Rolle spielen. Diese Versinnlichung und Verendlichung der idealistischen Vernunftkonzeption ist das Kennzeichen aller nachidealistischen oder »nachmetaphysischen« Philosophie geworden.

Zu den Althegelianern ist vor allem jene Gruppe von Schülern zu zählen, die in den dreißiger Jahren die erste Gesamtausgabe der Werke Hegels herausgegeben hat (Werke. Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten , 1832–1845 ). Eine Reihe von Vorlesungen Hegels sind hier anhand von Nachschriften zum ersten Mal veröffentlicht worden. Als erster Biograph Hegels ist Rosenkranz hervorgetreten. Er hat in neuerer Zeit durch seine Ästhetik des Häßlichen (1853) wieder Beachtung gefunden, die sich um eine ästhetische Wertung moderner Kunst bemüht, in der Bewahrung des hegelschen Klassizismus letztlich aber nur zur Abwertung der Moderne führt. Die Tendenz der Althegelianer, Hegels Philosophie zu konservieren und in historischen Spezialforschungen zu vertiefen, wird daran sichtbar. Die umfangreichste Kunstphilosophie nach dem Vorbild von Hegels Ästhetik-Vorlesungen hat dann Vischer in seiner dreibändigen Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen (1846–57) vorgelegt. Die erste kritisch-historische Hegeldarstellung hat Rudolf Haym geliefert (Hegel und seine Zeit , 1857 ), der die Verteidigung der hegelschen Philosophie weitgehend durch deren historische Erklärung ersetzt. Die historische Tendenz hat dann ihre deutlichste Konsequenz in den hegelianisch orientierten großen Philosophiegeschichten des 19. Jhs. gefunden. Am bekanntesten ist die umfangreiche achtbändige Geschichte der neueren Philosophie (1852–93) von Kuno Fischer geworden, die von F. Bacon bis Schopenhauer reicht. Hier ist der Hegelianismus schließlich in der Absicht, Hegel zu konservieren, zur Historisierung der Philosophie übergegangen, die auf ein eigenes systematisches Fundament verzichtet. Philosophiegeschichtlich folgenreicher ist die unterschiedliche politische Philosophie der beiden Hegelschulen gewesen. Die Linkshegelianer waren der Überzeugung, dass Hegels Staatsphilosophie insgesamt noch in die Wirklichkeit überführt werden müsse und nicht bereits im zeitgenössischen Staat ihre Erfüllung gefunden habe. Eine Tendenz zu radikaler Neuerung ist die Folge davon gewesen, die ihre prominenteste und historisch wirkungsvollste Gestalt schließlich im Marxismus gefunden hat.

Im Mittelpunkt der nachhegelschen Philosophie steht insbesondere Marx. Eine Reihe seiner Schriften sind im französischen und englischen Exil in einer Arbeitsgemeinschaft mit Engels geschrieben. Marx gehörte während seines Studiums in Berlin zur linkshegelianischen Gruppe. Er hat jedoch bald eine grundlegende Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie formuliert, die entscheidend von der Religionskritik Feuerbachs beeinflusst ist. Rechtsverhältnisse und Staatsformen sollen demnach nicht als abstrakte Formationen des objektiven Geistes gedeutet werden können, sie müssen vielmehr auf der Grundlage der materiellen, sozialen und ökonomischen Lebensverhältnisse erklärt werden. Marx behält Hegels dialektische Methode weitgehend bei, entfaltet sie jedoch auf materialistischer Grundlage neu. Zum endgültigen Bruch mit dem Linkshegelianismus ist es dann in der mit Engels geschriebenen Deutschen Ideologie und in der Heiligen Familie oder die Kritik der kritischen Kritik (1844) gekommen. Der Grund dafür liegt im Problem des Übergangs von Theorie in Praxis. Dabei wurde die Überlegung bestimmend, dass die (hegelsche) Philosophie nicht lediglich durch theoretische und ideologiekritische Reflexion aufgelöst werden kann, sondern vielmehr praktisch durch politikkritisches Handeln überwunden werden muss. Die von Marx geforderte Ausweitung der Kritik auf die reale Politik drückt sich prägnant in der berühmt gewordenen letzten der Elf Thesen über Feuerbach (1845) aus: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.«

Das materialistische Fundament seiner Sozialphilosophie hat Marx in einer politischen Ökonomie gelegt, die ihn zusammen mit umfangreichen wirtschafts- und sozialhistorischen Studien von seinen frühen Pariser Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten (1844, publiziert 1932) an beschäftigt hat. Im Mittelpunkt der frühen Schriften steht der Begriff der Entfremdung. Er meint im Kern den Umstand, dass dem Arbeiter Produktionsmittel und Produkt seiner Arbeit als fremde und selbstständige Größen gegenüber treten. Im Kontext der Industrialisierung tritt dann die eigentliche ökonomische Entfremdung als Folge der Lohnarbeit zutage. Die entwickelte politische Ökonomie hat Marx in seinem Hauptwerk Das Kapital (erster Band 1867) dargelegt. In dessen Zentrum steht eine Theorie des Wertes der von Menschen produzierten Waren, wobei Marx zufolge die Arbeitskraft im Falle der modernen Lohnarbeit selbst zur Ware geworden ist. Marx analysiert die sozialen und ökonomischen Verhältnisse mit den Kategorien von Mehrwert, Kapitalanhäufung und Ausbeutung; dabei bedeutet ›Kapital‹ insgesamt das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen im industrialisierten 19. Jh. Die geschichtsphilosophische Anwendung des Materialismus führt Marx zur Theorie eines gesetzmäßigen Geschichtsprozesses, der sich als Dialektik von so genannten Produktivkräften und Produktionsverhältnissen darstellt. Der Widerspruch beider Verhältnisse treibt die Geschichte in Gestalt von sozialen Revolutionen voran. Der Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, der den Kapitalismus beherrscht, soll sich in der sozialistischen Revolution in einen neuen gesellschaftlichen Zustand auflösen, in dem mit der Aufhebung des Privateigentums auch die ökonomische Entfremdung aufgehoben wäre; seine Staatsform soll die klassenlose proletarische Diktatur sein.

Ursprünglich ebenfalls in das linkshegelianische Umfeld gehört der dänische protestantische Theologe Kierkegaard. Er hatte als Student den späten Schelling in Berlin gehört. Der Gedanke eines ›positiven‹ Seins, das Schelling gegen Hegels Versuch gewendet hatte, Sein und Wirklichkeit als vernünftigen Begriff aufzufassen, findet in Kierkegaard seine Fortsetzung in der Reflexion konkreten menschlichen Daseins, der Existenz und der Innerlichkeit des Individuums. Kierkegaard ist als Hegel-Kritiker zugleich der erste Vertreter der dann im 20. Jh. einflussreichen Existenzphilosophie. Dabei hat sich Kierkegaards eigenes Werk in der Auseinandersetzung mit der frühromantischen Philosophie ausgebildet, deren Subjektivitätstheorie er mit den Mitteln philosophisch-ästhetischer Reflexion und Ironie fortsetzt. In seinem frühen Hauptwerk Entweder-Oder (1843) konfrontiert Kierkegaard eine subjektiv-ästhetische mit einer am Allgemeinen orientierten ethischen Lebenshaltung. Als zentrales Thema tritt damit das Problem eines freien Selbstverhältnisses in Verbindung mit einer authentischen Lebensführung hervor. Es wird von Kierkegaard zunehmend auf die Erfahrung von existenziellen Ausnahmesituationen zugespitzt, die das Individuum zu sich selbst führen, indem sie die Bedeutung des gesellschaftlich Allgemeinen außer Kraft setzen. Für diese so genannte »teleologische Suspension des Ethischen« liefert die religiöse Glaubensbeziehung in Furcht und Zittern (1843) das Beispiel. Eine wesentliche Rolle in Kierkegaards Theorie der Existenz spielen die Extremsituation von Angst und Verzweiflung (Der Begriff Angst , 1844 ; Krankheit zum Tode , 1849 ).

Auf der Grenze zwischen idealistischer Metaphysik und nachmetaphysischer Lebensphilosophie steht das Werk von Schopenhauer. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819, weitere Auflagen 1844 und 1859) operiert Schopenhauer mit einer strengen Zweiteilung von Welten. Die menschliche Erfahrungswelt ist den Prinzipien von Grund und Ursache unterworfen; sie ist nach dem Vorbild Kants von den subjektiven Bedingungen der Erkenntnis abhängig und insofern die »Welt als Vorstellung«. Dagegen stellt Schopenhauer die metaphysische Welt der Dinge an sich, in der das Prinzip des Willens herrscht. Diese »Welt als Wille« ist die Grundlage und das innere Wesen der Erfahrungswelt. Im metaphysischen Mittelpunkt der Welt steht für Schopenhauer demnach kein Vernunftprinzip, sondern ein irrationales Grundgeschehen, das in seinem endlosen Vorwärtsstreben eine zwanghafte und selbstzerstörerische Eigendynamik entwickelt. Das ist der Hintergrund für die zentrale These: Alles Lebendige leidet. Demzufolge ist die objektive Welt, in der die Menschen leben, eine Welt des Leidens. Diese pessimistische Weltsicht ist der Kern von Schopenhauers Philosophie.

Eine besondere Rolle spielt die Kunst in dieser Konzeption. In ihr ist innerhalb der Erfahrungswelt eine Erkenntnis der metaphysischen Willenswelt möglich, weil sie die Darstellung der Ideen, der Objektivationen des Willens, ist. Zudem sind Schopenhauer zufolge in der ästhetischen Erfahrung wenigstens momentweise Erlösungszustände wirklich, in denen Leben und Leiden aufgehoben sind. Eine ebenfalls zentrale Rolle spielt eine Ethik des Mitleids, in dem die Menschen durch wechselseitige Erkenntnis und Anerkennung ihres Leidens die Erscheinungswelt wenigstens zum Teil zu überwinden vermögen. Schopenhauer hat schließlich nach dem Vorbild der buddhistischen Lehre gefolgert, nur konsequente kontemplative Askese, die im Idealfall zum bewusstseinslosen Nichts führen soll, könne eine dauerhafte Entlastung vom Leiden in der Welt sein. Die überhaupt menschenmögliche Freiheit besteht für Schopenhauer in der konsequenten Resignation. Diese pessimistischen Elemente seiner Willensmetaphysik haben im späteren 19. und frühen 20. Jh. zu einer intensiven Rezeption Schopenhauers insbesondere in Kunst, Musik und Literatur geführt.

Einer der in der Kritik idealistischer Vernunftpositionen wirkungsvollsten Philosophen im 19. Jh. ist Nietzsche gewesen. Er stand zunächst lange Zeit erkennbar unter dem Einfluss von Schopenhauers pessimistisch-resignativer Willensphilosophie. Nietzsches frühe Schrift Die Geburt der Tragödie (1872) folgt Schopenhauer darin, der Kunst die bestimmende Rolle zuzuweisen, indem sie als die »eigentlich metaphysische Tätigkeit« gilt. Sie tritt dem Leben einerseits als Heilmittel gegenüber und führt andererseits zu einer ästhetischen »Rechtfertigung« der Welt; nur in der Kunst, nicht im Leben, ist Nietzsche zufolge ein sinnvolles Ganzes kohärent gestaltet. Nietzsche stellt der klassischen griechischen Tragödie vor allem das moderne Musiktheater Richard Wagners zur Seite, dem er lange Zeit persönlich und ästhetisch sehr nahe stand.

Nietzsche folgert dann in seinen späteren Schriften umgekehrt, dass der Mensch sein eigenes Leben nach dem Vorbild der sinnerfüllten Kunst selbstständig und eigengesetzlich zu gestalten habe. Dieser Gedanke setzt eine umfassende Kritik der traditionellen Moralphilosophie und Wertsetzungen insgesamt in Gang. Diese Kritik ist für die nachidealistische Philosophie vor allem methodisch als Alternative zur spekulativen Vernunftmetaphysik von exemplarischer Bedeutung geworden. Nietzsche rekonstruiert die Moral aus ihrer historischen Entwicklung und erklärt sie im Rahmen einer ›Genealogie‹ (Jenseits von Gut und Böse , 1886 ; Zur Genealogie der Moral , 1887 ). Dadurch verlieren die Prinzipien etwa der christlichen Ethik oder der kantischen Moralphilosophie ihren letztverbindlichen und überzeitlichen Charakter und werden im Lichte historischer und politischer Macht- und Interesse-Konstellationen neu verständlich. In einer psychologisch-kritischen Perspektive erscheinen Moral und Religion als Ausdruck einer unselbstständigen Lebenshaltung, die ihre eigene Schwäche durch Rationalisierung zu überdecken sucht. Das positive Resultat dieser Kritik ist die Idee einer Lebensführung aus autonomer Selbstgestaltung, die jenseits der traditionellen Moral steht und sich die Werte des Handelns nicht vorgeben lässt, sondern eigenständig setzt. Nietzsche hat diese Idee unter dem missverständlichen Namen eines neuen Menschen, des so genannten Übermenschen, entwickelt und ihr vor allem in Also sprach Zarathustra (1883–85) eine stilprägende literarische Gestalt gegeben. Das Ineinanderfließen von Dichtung und philosophischer Reflexion hat zu einer enormen Wirkung Nietzsches auch in Kunst und Literatur geführt; die tendenziöse Umdeutung seiner vernunftkritischen Philosophie, etwa im Nationalsozialismus, hat lange Zeit dazu beigetragen, ihn zu einem der umstrittensten philosophischen Autoren zu machen.

Eine der wirkungsvollsten Absetzbewegungen gegen den philosophischen Idealismus hat sich von der Mitte des 19. Jhs. bis heute im Namen der Geschichte etabliert. Die Durchsetzung des historischen Denkens ist auf allen kulturellen Gebieten zu beobachten und führt zur Ersetzung der idealistischen Geistphilosophie durch historische Disziplinen. Bereits zu Hegels Lebzeiten war der Streit um die so genannte historische Rechtsschule, vor allem mit Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), geführt worden, die zur Disziplin der Rechtsgeschichte geführt hat. Hinzu treten Kunstgeschichte, Religionsgeschichte und nicht zuletzt auch Philosophiegeschichte. Besonders deutlich ist diese Tendenz in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft in der ›historischen Schule‹. Sie hat die Deutung historischer Ereignisse auf die Untersuchung des je spezifischen historischen Kontextes mit seinen je eigenen Regularitäten und Besonderheiten zurückgeführt. Das ist gegen ein idealistisches Geschichtsverständnis gerichtet, das einzelne Ereignisse tendenziell in die Perspektive gesetzmäßig fortschreitender Universalgeschichte stellt. Das Ziel eines methodisch angeleiteten Verstehens der historischen Vorgänge ist für die historische Schule durch das wissenschaftlich abgesicherte Studium der historischen Einzelheiten zu erreichen. Die Entwicklung der methodischen Quellensicherung und Quellenkritik, die erstmals Barthold Georg Niebuhr (1776–1831) in seiner Römischen Geschichte (1812–32) angewandt hatte, ist davon die Folge. Dass die Geschichte als erfahrungswissenschaftliche Disziplin anzulegen sei, hat der Historiker Leopold von Ranke (1795–1886) in dem berühmten und programmatischen Anspruch ausgedrückt, sie habe zu zeigen, »wie es eigentlich gewesen«. Johann Gustav Droysen (1808–1884) hat mit seinem Grundriß der Historik (1858) den ersten umfassenden methodischen Kanon der Geschichtswissenschaft geliefert. Ein wichtiges späteres Dokument des geschichtswissenschaftlichen Historismus sind die Vorlesungen, die der Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt (1818–1897) über das Studium der Geschichte gehalten hat (aus dem Nachlass 1905 als Weltgeschichtliche Betrachtungen veröffentlicht).

Von herausragender Bedeutung für die Entwicklung des Historismus als eigenständige philosophische Position ist Dilthey gewesen. Im Mittelpunkt seiner Schriften steht die Bemühung um eine historische und systematische Grundlegung der Geisteswissenschaften, die vor allem in der Einleitung in die Geisteswissenschaften (1. Band 1883) und im Spätwerk Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910) ihren Niederschlag findet. Im Zentrum von Diltheys Konzeption steht die Hermeneutik des Zusammenhangs von Erleben, Ausdruck und Verstehen, der auf der umfassenden Grundlage des Lebens insgesamt beschrieben wird. Das Resultat ist bei Dilthey eine so genannte Kritik der historischen Vernunft , die in den Vernunftbegriff die zeitlichen und handlungsabhängigen Bedingungen der Veränderlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Erkennens aufnimmt. Vernunft kann nie in einer absoluten Geistphilosophie zeitlos gültig zum Thema der Philosophie werden, sie muss vielmehr historisch situiert in ihren jeweiligen Kontexten beschrieben werden. Absolute Geltungsansprüche werden zurückgewiesen, weil alle kulturellen Phänomene historisch bedingt, also von kontingenten Zeitumständen abhängig und daher variabel sind. Das ist der Kern von Diltheys philosophischem Historismus, der für die Entwicklung der Hermeneutik im 20. Jh. (Heidegger, Gadamer, Blumenberg) bestimmend gewesen ist.

Das 19. Jh. ist von den fortschreitenden Erfolgen in Naturwissenschaft und Technik in besonderer Weise geprägt. Einer der frühesten und zugleich radikalsten Versuche, die Philosophie dem Erkenntnisideal der Naturwissenschaft anzupassen, ist der so genannte Positivismus gewesen, der auf Comte zurückgeht. Comte hat in seinem Système de politique positive (1825) das berühmte Drei-Stadien-Gesetz formuliert. Demzufolge verläuft die intellektuelle und soziale Entwicklung der Menschheit in den drei Stadien von Theologie, Metaphysik und Wissenschaft. Das Stadium der Wissenschaft ist das intellektuell eigentlich reife Stadium. Auf der Grundlage von empirischer Forschung und logischem Denken sollte das Wissen metaphysikfrei reorganisiert werden und das allgemeine Wohl der Menschheit herbeiführen. Comte hat die naturwissenschaftliche Methode insbesondere auf die Theorie der Gesellschaft angewandt, die er als soziale Physik entwickelt. Darin ist ihm im späten 19. Jh. der Gründungsvater der modernen Soziologie, Emile Durkheim (1858–1917), mit der Lehre von den sozialen Tatsachen gefolgt, die den intersubjektiven Bereich der Gesellschaft durch empirisch messbare Fakten kausal und ohne Zuhilfenahme innerer oder psychologischer Handlungsmotive erklären will. Eine besonders konsequente Übernahme des Positivismus liegt im umfangreichen Werk von Hippolyte Taine (1828–1893) vor, der den Versuch unternommen hat, auch die Gegenstände der (später so bezeichneten) Geistes- und Kulturwissenschaften, also etwa Geschichte, Kunst und Literatur, auf streng naturwissenschaftlich-kausaler Grundlage zu erklären. Eine Verbindung des klassischen englischen Empirismus mit der positivistischen Philosophie Comtes hat Mill versucht (A System of Logic , 1843 ).

Auf der anderen Seite sind die Schriften der exakten Wissenschaftler selbst zunehmend Teil der philosophischen Erkenntnistheorie geworden. Charles Darwin (1809–1882) hat mit der Theorie der Evolution die biologischen Wissenschaften revolutioniert (On the Origin of Species by Means of Natural Selection, 1859 ) und eine breite Rezeption in Gang gesetzt. Unter den Physikern mit philosophischer Wirkung sind Hermann Helmholtz (1821–1894; Die Tatsachen in der Wahrnehmung: Zählen und Messen, erkenntnistheoretisch betrachtet , 1879 ) und Heinrich Hertz (1857–1894; Prinzipien der Mechanik , 1894) zu nennen, die selbst erkenntnistheoretische Schriften veröffentlicht haben. Hinzu kommt die rasche Entwicklung der Mathematik im 19. Jh., die für die Philosophie ebenfalls von erkenntnistheoretischer Relevanz gewesen ist. Hervorzuheben sind vor allem Georg Cantor (1845–1918) mit der Entwicklung der Mengenlehre, Richard Dedekind (1831–1916) als Begründer der modernen Algebra und David Hilbert (1862–1943) mit seinen Forschungen über die axiomatischen Grundlagen der Geometrie und der reellen Zahlen.

Von Grundlagenproblemen der Mathematik war ursprünglich auch Frege ausgegangen. Probleme der Zahlentheorie und der groß angelegte Versuch, die gesamte Arithmetik aus der Logik abzuleiten, führten Frege zu einer radikalen Neukonstruktion der Logik auf mathematischer Grundlage (Grundlagen der Arithmetik , 1884 ; Grundgesetze der Arithmetik , 1893–1903 ). Sie gilt als der eigentliche Bruch mit der bis dahin vorherrschenden klassisch-aristotelischen Logik. Von Freges logischer Grundlagenforschung geht die gesamte neuere Logik aus. Frege ist auch der Erste, der ein umfassendes formales Zeichensystem für die Logik und die Entwicklung logischer Kalküle entworfen hat (Begriffsschrift , 1879 ). Von höchster Bedeutung sind die Folgerungen, die Freges logische Untersuchungen für die Philosophie der Sprache und die Theorie der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke enthalten. Die berühmte Unterscheidung von Sinn und Bedeutung gehört dazu ebenso wie die grundsätzliche Klärung dessen, wie zum Beispiel Namen, Begriffe, Sätze und Urteile aufzufassen sind. Freges Überlegungen zur Sprache, die in wenigen, zumeist knappen Aufsätzen zusammengefasst sind, sind zum Ursprung der sprachanalytischen Philosophie geworden und haben damit eine der einflussreichsten Richtungen der Philosophie des 20. Jhs. in Gang gesetzt.

Bezeichnend für die Wissenschaftsbezogenheit der Epoche ist die breite Strömung des so genannten Neukantianismus gewesen, der das gesamte spätere 19. Jh. thematisch und wissenschaftspolitisch beherrscht hat und der erst mit dem ersten Weltkrieg erkennbar an Einfluss verloren hat. Otto Liebmann (1840–1912) hatte der Bewegung 1865 in seinem Buch Kant und die Epigonen eine sinnfällige Parole gegeben, indem er am Ende jedes einzelnen Kapitels refrainartig den Satz wiederholte: »Es muss auf Kant zurückgegangen werden!« Dahinter stand der Gedanke, dass die philosophische Reflexion angesichts des wissenschaftlich-technischen Fortschritts einer brauchbaren Erkenntnistheorie bedarf, die man in der kantischen Philosophie (in Abgrenzung zum Idealismus) gefunden zu haben glaubte.

Ein Zentrum des Neukantianismus war Marburg. Mit Cohen und Natorp ist der Name der Marburger Schule verbunden. Cohen hat Kants theoretische Philosophie als eine Theorie der wissenschaftlichen Erfahrung gelesen (Kants Theorie der Erfahrung , 1871 , weitere Auflagen 1885 und 1918). Die von Cohen entwickelte transzendentale Methode untersucht am ›Faktum der Wissenschaft‹ die formalen Bedingungen wissenschaftlicher Erfahrung durch eine Reflexion auf die Geltungsbedingungen wissenschaftlicher Sätze. Diese Untersuchung hat in Bezug auf die Wissenschaft eine beschreibend-explikative Funktion, ohne sie im strengen Sinn begründen zu wollen. Das Resultat ist eine transzendentale Kategorienlehre, die sich im entscheidenden Unterschied zu Kant als historisch wandelbar begreift, insofern auch die Naturwissenschaft selbst ständigem Fortschritt unterliegt (Logik der reinen Erkenntnis , 1902 , weitere Auflagen 1914 und 1922). Natorp hat die Erkenntnistheorie Cohens fortgeführt (Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften , 1910 ) und hat neben bedeutenden philosophiehistorischen (Platos Ideenlehre, 1903 ) und pädagogischen Schriften dann vor allem mit seiner Allgemeinen Psychologie (1912) die Grundlagen einer transzendental-logischen Bewusstseinslehre geliefert. Parallel zur Theorie naturwissenschaftlicher Erkenntnis haben Cohen und Natorp auch eine allgemeine Kulturtheorie auf moralphilosophischer Grundlage geliefert. Sie überträgt die transzendentale Methode auf Ethik, Ästhetik, Geschichts- und Religionsphilosophie.

In der so genannten süddeutschen Schule des Neukantianismus, mit Zentren in Freiburg und Heidelberg, ist das Problem der methodologischen Unterscheidung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften bestimmend gewesen, die Windelband erstmals formuliert hat. Rickert hat sie in seinem wissenschaftstheoretischen Hauptwerk Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung (1896/1902 , viele weitere Auflagen) ausgebaut. Einflussreich ist Rickerts Konzeption eines Systems von Werten gewesen, das den Bereich praktischer Orientierung begrifflich erfassen soll und damit die Grundlage der Kulturphilosophie bildet. Während die Naturwissenschaften empirische Phänomene durch die Unterordnung unter Naturgesetze zu erklären suchen (nomothetische, d. h. auf das Gesetz bezogene Methode), beziehen die Geisteswissenschaften das historisch einzelne Vorkommnis auf die Kulturwerte und geben ihm damit innerhalb der Vielfalt der Ereignisse den Charakter eines Gegenstandes der Kultur (idiographische, d. h. auf das Einzelne bezogene Methode). Das Resultat ist bei Rickert eine umgreifende Kulturphilosophie in der Form einer Theorie verschiedener Wert- und Geltungssphären.

Der bedeutendste Vermittler des Neukantianismus in die Philosophie des 20. Jhs. ist Cassirer, Marburger Schüler von Cohen und Natorp, gewesen. Cassirer ist zunächst mit systematischen Untersuchungen zur Begriffsbildung in Mathematik und Naturwissenschaften (Substanzbegriff und Funktionsbegriff , 1910 ) und mit einer umfangreichen Problemgeschichte der neuzeitlichen Philosophie hervorgetreten (Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit , 1906–1957 ). Seine eigenständige Position hat sich dann als so genannte Symbolphilosophie in der dreibändigen Philosophie der symbolischen Formen (1923–29) artikuliert. Cassirer interpretiert hier die Vielfalt intersubjektiv geteilter Erfahrungswelten auf der Grundlage je eigener ›symbolisch‹, d. h. im weitesten Sinne sprachlich verfasster Weisen des Weltverstehens, wie sie etwa in Kunst, Mythos, Religion, Alltagssprache, aber auch in der Wissenschaft vorliegen. Cassirers kulturphilosophische Bemühung, die Vielfalt der modernen Erfahrungswelten durch die systematische Einheit der symbolischen Formen auf den Begriff zu bringen, hat als einer der bedeutenden philosophischen Entwürfe des 20. Jhs. neuerdings wieder Beachtung gefunden.

W. Hogrebe, Deutsche Philosophie im 19. Jh. Kritik der idealistischen Vernunft , München 1987

K. Ch. Köhnke, Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus. Die deutsche Universitätsphilosophie zwischen Idealismus und Positivismus , Frankfurt/M. 1986

K. Löwith, Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des 19. Jhs. , (1941) Hamburg 1995

H. Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831–1933 , Frankfurt/M. 1983

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt