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Lic. phil. Gerhild Tesak

Neukantianismus

Auch Neokantianismus; Bezeichnung einer philosophischen Bewegung, die in der Mitte des 19. Jhs. in Deutschland ihren Ausgang nahm, wo sie in den folgenden 70 Jahren auch ihre weiteste Verbreitung fand und schulbildend wirkte. Vornehmliches Ziel ihrer Anhänger war die programmatische Rückbesinnung auf Kant, dessen kritische Philosophie die Neukantianer als methodischen Ausgangspunkt nicht nur für die Philosophie, sondern für jede mögliche Wissenschaft überhaupt sehen wollten. Die philosophische Landschaft jener Zeit bot das Bild einer Philosophie, die sich in Spekulationen verlor und der im Angesicht der sich neu bildenden jungen Naturwissenschaften jegliche wissenschaftliche Relevanz abhanden zu kommen drohte. Gegen spiritualistische, materialistische und positivistische Tendenzen gleichermaßen polemisierend, ging es dem Neukantianismus um eine methodische Grundlegung der Wissenschaften durch die Philosophie einerseits und um die Begründung und Etablierung der Philosophie als strenger Wissenschaft andererseits. In Anlehnung an Kant wurde der Bereich möglicher Erkenntnis auf den der Erscheinungen eingeschränkt, was jeglicher metaphysischen Spekulation einen Riegel vorschieben und Spiritualisten wie Materialisten gleichermaßen in ihre Schranken verweisen sollte. Daneben wandten sich die Neukantianer mit dem Hinweis auf die Abhängigkeit aller erfahrbaren Gegenstände von einem wahrnehmenden Subjekt, mithin auf die kreative Leistung des Subjekts beim Erfahrungsprozess, gegen eine positivistische Auffassung desselben, nach welcher sich Wahrnehmung als bloßer Rezeptionsvorgang gegebenen Datenmaterials darstellt. Die kantische Frage nach dem, was wir wissen können, erscheint im Neukantianismus – seinem neuen wissenschaftstheoretischen philosophischen Selbstverständnis entsprechend – in leicht abgeänderter Form, insofern das Interesse sich hier auf den Grund faktisch bereits gegebenen Wissens und nicht mehr nur primär auf dessen prinzipielle Möglichkeit richtet. Im Zentrum steht die philosophische Analyse der Grundlagen und Erkenntnisse der Wissenschaften mit dem weiteren Ziel der Herausbildung eines integrativen Gesamtweltbildes von Menschen, Kultur und Wissenschaft. Während die Bezeichnungen Neukantianismus und Kritizismus heute beide zur wertfreien Kennzeichnung der Bewegung dienen, wobei durch Erstere die Betonung mehr auf die Schulen und ihre Protagonisten gelegt, durch Letztere die methodische Vorgehensweise derselben in den Vordergrund gestellt wird, wurde ›Neukantianer‹ zu Beginn in diffamierender Absicht gebraucht. Der Name sollte verdeutlichen, dass es sich bei der in Frage stehenden Richtung um eine antioriginelle, bloß reproduzierende Philosophie handle, die im Übrigen nicht über die kantische Grundlage hinausgehe. Diese Polemik wird der neukantianischen Bewegung als Ganzer in keiner Weise gerecht, wurde doch gerade von deren Anhängern selbst die Forderung erhoben, von Kant ausgehend über diesen hinauszugelangen (ein Postulat, welches in der Folge auch dazu benutzt wurde, um darüber die Zugehörigkeit der zum Kreis der Neukantianer Gehörenden inhaltlich zu definieren). Die Aufgabe der Zuschreibung bereitet auch heute noch gewisse Schwierigkeiten, da die wenigsten Philosophen sich dem Kritizismus mit Haut und Haaren und lebenslänglich verschrieben. Unter denjenigen, die der Bewegung ihren ersten Anstoß gaben, seien gewissermaßen als ihre Vorläufer Helmholtz, Lange und vor allem Liebmann genannt. Sie alle verliehen, aus unterschiedlichen Forschungsbereichen kommend, der Notwendigkeit Ausdruck, dass das zeitgenössische wissenschaftliche Arbeiten auf eine neue Grundlage (eben die kantische) gestellt werden müsse. In besonders pointierter Form erhob Liebmann diese Forderung in seinem Buch Kant und die Epigonen (1865) , in welchem er die philosophischen Hauptrichtungen der nachkantischen Zeit untersuchte und als Fazit jede einzelne dieser Untersuchungen mit seinem ceterum censeo »Also muss auf Kant zurückgegangen werden« abschloss. Einer der Ersten, der dieser Forderung in seinen Arbeiten auch systematisch nachkam, war Cohen. Seine und die Arbeiten seines späteren Kollegen Natorp begründen einen Neukantianismus eigener Prägung, bekannt geworden unter dem Namen Marburger Schule. Dieser Richtung hat sich später unter anderen Cassirer angeschlossen, der mit seinem Hauptwerk Philosophie der symbolischen Formen (1923–1929) den Kreis des Neukantianismus (nicht nur Marburger Prägung) bereits sprengt. Die fast zeitgleich entstandene badische (südwestdeutsche) Schule, begründet und vertreten vor allem durch Windelband und Rickert, steht von Anfang an in Kontrast zu den Marburgern. Daneben entwickeln Riehl und Vaihinger als eigenständige und originelle Denker des Kritizismus ihre Positionen, die sich keiner der beiden genannten Richtungen zuordnen lassen.

Der Vergleich der beiden Hauptströmungen des Neukantianismus zeigt Folgendes: Einigkeit zwischen den beiden Schulen besteht in der gemeinsamen Ablehnung des kantischen Ding an sich, dessen Beseitigung sowohl in der Marburger als auch in der badischen Schule zur Ausbildung eines spezifischen kritischen Idealismus führt, sowie in dem beiderseitigen Bestreben, Kants Lehre weiterzubilden und für die Lösung zeitgenössischer Probleme fruchtbar zu machen. Über diese sehr allgemein gehaltenen Zielsetzungen hinaus lassen sich jedoch kaum weitere Gemeinsamkeiten feststellen. Obwohl beide Schulen die kantische Philosophie als eine Theorie des Wissens bzw. der Erfahrung interpretieren, unterscheiden sie sich bereits wesentlich in der Bestimmung dessen, was jeweils unter Erfahrung verstanden werden soll, was wiederum maßgeblich zur je spezifischen Ausrichtung der beiden Schulen beiträgt. Bedingt durch ein starkes naturwissenschaftliches Interesse Cohens richtet sich das Interesse der Marburger Schule ausschließlich auf die Form der naturwissenschaftlichen Erfahrung, welche als beispielhaft für jede Art von Erfahrung aufgefasst wird. Dieser Verengung auf die naturwissenschaftliche Perspektive, welche dem Neukantianismus Marburger Prägung insgesamt eigentümlich ist, entspricht eine unterschiedliche Gewichtung und Schwerpunktsetzung in Bezug auf die kantische Theorie, die nun in erster Linie zu einer philosophischen Grundlegung der Naturwissenschaften ausgebaut werden soll. Neben dem Ding an sich verwirft Cohen dabei auch die Annahme der Anschauung als einer neben dem Denken unabhängig und gleichrangig bestehenden Form der Erkenntnis. In dem Bestreben, alle realistischen Elemente aus der kantischen Theorie auszuschließen und somit jede Möglichkeit einer subjektunabhängigen Wirklichkeit von vornherein auszuschalten, bestimmt er die Anschauung als eine Form des Denkens. Das Ziel des Marburger Neukantianismus besteht nicht in der Erklärung des Zustandekommens konkreter Gegenstandserkenntnis, sondern im Aufzeigen der rein formalen Bedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis, sofern diese ihren Ursprung im Denken selbst hat. Im Gegensatz zur Marburger Schule ist die badische Schule nicht ausschließlich naturwissenschaftlich orientiert. Da ihre Vertreter unter dem Begriff der Erfahrung vor allem geschichtliche Erfahrung verstehen, wird für sie das Gebiet der Kulturwissenschaften zum Gegenstand transzendentalphilosophischer Untersuchungen. Ihr vorrangiges Ziel besteht in der Schaffung einer Theorie der Kulturwissenschaften, durch welche diese begründet und von den Naturwissenschaften abgegrenzt werden können. Einen wesentlichen Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe leistet hierbei Windelband durch die Einführung der Unterscheidung zwischen nomothetischen und idiographischen Wissenschaften. Diese prinzipielle, in der Folge durch Rickert zu einer systematischen Lehre ausgebaute Dichotomie beruht auf der Annahme, dass Kultur- und Naturwissenschaften sich nicht inhaltlich, sondern vom methodischen Zugriff auf einen jeweiligen Gegenstand und von der damit verbundenen Art des Erkenntnisinteresses her unterscheiden. Während die Naturwissenschaften als nomothetische Wissenschaften auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet sind, orientieren sich die Kulturwissenschaften als idiographische Wissenschaften am Einmaligen, Individuellen, Besonderen. Insofern nun das Interesse am Individuellen sich in der Praxis als die Bevorzugung gewisser Erscheinungen vor anderen auswirkt, kommt hierbei ein Prinzip der Auswahl zur Anwendung, das, wenn man diese Auswahl nicht als Produkt totaler Willkür verstehen will, sich an einem wie auch immer gearteten Maßstab orientieren muss. Diesen Maßstab sehen Windelband und Rickert in der Werthaftigkeit des Erfahrungsobjekts gegeben. Geschichtlich-kulturelle Erscheinungen sind demnach nur durch Werte bzw. durch ihre Beziehung zu Werten zu verstehen. Zwar kommt den Werten selbst dabei keine reale Existenz zu, wohl aber eine Art von Sein, die nach einem auf Lotze zurückgehenden Sprachgebrauch als Geltung beschrieben werden kann. Vor allem durch diese Grundlegung der Geistes- beziehungsweise Kulturwissenschaften im Rahmen eines werttheoretischen Kritizismus waren die Schriften der badischen Schule von einer weit nachhaltigeren Wirkung als diejenigen der Marburger Richtung.

Während es in England nie zur Herausbildung einer dem deutschen Neukantianismus vergleichbaren Bewegung kam, lassen sich entsprechende Geistesströmungen (wenn auch nicht im gleichen Umfang und in derselben Breitenwirkung wie in Deutschland) in Frankreich und Italien beobachten. In Frankreich entwickelte sich unter der Bezeichnung néo-criticisme eine auf Kant zurückgehende Bewegung, die eng mit den Namen Renouvier, Hamelin und Brunschvicg verbunden ist. Als Vertreter eines italienischen Neukantianismus wären vor allem Carlo Cantoni, Filippo Masci und Felice Tocco zu nennen.

K. C. Köhnke, Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus , Frankfurt/M. 1986

W. Röd, Der Weg der Philosophie , Band II: 17.bis 20. Jh., München 1996, S. 347–370

U. Sieg, Aufstieg und Niedergang des Marburger Neukantianismus , Würzburg 1994

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt