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Holm Bräuer

Naturzustand

Benennt die Fiktion eines vorstaatlichen oder vorgesellschaftlichen Zustands, in dem die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens durch keine staatlichen Gewaltinstitutionen oder gesellschaftlichen Zwänge begrenzt sind. Diese Begründungsfigur eines das natürliche Recht auf Freiheit einschränkenden Staatswesens hat besonders in den rationalistischen Staatstheorien der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) ihren Platz. Der Naturzustand wird im Allgemeinen entweder als historisch nachweisbare Realität aufgefasst (Locke) oder lediglich als gedankliche Konstruktion zu dem Zweck hypothetisch entworfen, die Bedeutung des Staates für die Gewährleistung der Rechtssicherheit zu begründen (Hobbes, Kant, Pufendorf).

Das Zusammenleben der Individuen im Naturzustand wird nur von den Gesetzen geregelt, die der menschlichen Natur unabhängig jeglicher staatlicher Obrigkeit zukommen, und ist nur durch das faktische Durchsetzungsvermögen der Individuen gegeneinander begrenzt. Je nachdem, wie die menschliche Natur ›als solche‹ vorgestellt wird, ergeben sich unterschiedliche Varianten des Naturzustandes. Im Allgemeinen lassen sich drei Versionen unterscheiden: 1. Die menschliche Natur ist selbstsüchtig und gewalttätig. Demzufolge erscheint der Naturzustand als ein Zustand der Barbarei, der Rohheit und Gewalttätigkeit. Dieser muss durch einen Herrschaftsvertrag, dem sich alle Individuen zum Schutz ihrer eigenen Selbsterhaltung fügen, überwunden werden. Indem die Machtbefugnisse jedes Individuums an die staatliche Gewalt abgegeben werden, konstituiert sich ein staatliches Individuum, welches so viel Macht besitzt, dass es in der Lage ist, alle kriegerischen Zustände zwischen seinen Untertanen zu unterbinden. Besonderen Einfluss auf diese Auffassung hatte die Theorie von Hobbes. Ihm zufolge sind die vorgesellschaftlich vereinzelten Individuen nur ihren mechanisch wirkenden Trieben unterworfen, insbesondere einem Macht- und einem Selbsterhaltungstrieb. 2. Die Natur des Menschen ist friedfertig und wohlwollend. Der Naturzustand gleicht dadurch einem paradiesischen Urzustand, welcher erst durch die zivilisatorischen Institutionen eingeschränkt und durch die staatliche Ordnung verdorben wurde. So wurde für Rousseau der Begriff des Naturzustandes zum Gegenbegriff der Gesellschaft: Hier sind alle Menschen gleich und frei. Durch den Eintritt in die Kultur und Gesellschaft und alle damit einhergehenden institutionellen Schöpfungen werde der paradiesische Zustand unwiederbringlich zerstört. Rousseaus Konzeption ist gesellschaftskritisch und wendet sich vor allem gegen die bestehenden Klassengegensätze und die staatlichen und kirchlichen Machtinstitutionen. Diese müssen durch eine freie gesellschaftliche Vereinigung (einen Gesellschaftsvertrag, contrat social ) im Sinne einer radikalen Demokratie auf der Basis der Volkssouveränität überwunden werden, doch dazu sei der ideale Gemeinschaftswille der ideal guten Menschen (volonté generale ) notwendig, der zuerst durch eine häusliche »Erziehung der Natur« herangebildet werden müsse. 3. Eine vermittelnde Position ergibt sich aus der Annahme, dass im vorzivilen Stadium des Menschen zwar schon alle natürlichen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens bestanden haben, jedoch ohne die Garantie, dass sich jeder diesen noch unausgebildeten Regeln der Gemeinschaft unterordnet. Zum Zwecke der Sicherung der Befolgung dieser Regeln bedarf es dann der Richter und einer überlegenen Gewalt, weshalb die Menschen durch einen Gesellschaftsvertrag den natürlichen Zustand mit dem staatlichen Zustand vertauschen. Die wichtigsten Anregungen für diese Position sind von Locke ausgegangen. Er konzipierte den Naturzustand als Zustand, in welchem einerseits die natürlich gegebenen moralischen Normen und andererseits die trieb- oder interessenbedingte Normverletzung eine gesellschaftliche Unbeständigkeit schaffen, die zwischen dem Kriegs- und dem Friedenszustand schwankt. Deshalb müssen die Menschen einen Gesellschaftsvertrag eingehen, der die Bedingungen für eine politische Herrschaft schafft, welche die Aufgabe der Sicherung der natürlichen Rechte und der persönlichen Freiheit sowie der Korrektur der natürlichen Unbeständigkeit übernimmt.

In der mittelalterlichen Theologie stand der Begriff des Naturzustandes für die ›reine‹ bzw. ›gefallene‹ Natur des Menschen im Gegensatz zum Zustand der göttlichen Gnade.

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt