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Holm Bräuer

Naturgesetz

Bezeichnet eine allgemeine objektive Gesetzlichkeit natürlicher Prozesse, die unter der Voraussetzung gleicher oder ähnlicher Bedingungen notwendig auf die vom Gesetz vorgeschriebene Weise ablaufen. Von philosophischem Interesse sind dabei insbesondere die Fragen nach dem Wesen dieser Gesetze, nach der Art und Weise ihrer Darstellung, nach ihrer Wirklichkeit, ihrer Gültigkeit und die Frage nach deren Art, d. h. ob es sich um deterministische oder Wahrscheinlichkeitsgesetze handelt.

In der Antike ist der Begriff des Gesetzes noch eng mit dem Begriff des logos verbunden. In der stoischen Philosophie wird darunter die unverrückbare Ordnung des Alls verstanden, die als göttliches Weltgesetz das menschliche Handeln leitet. Im Mittelalter (A) findet sich denn auch der Bezug zu einem göttlichen Willen (Augustinus). Thomas von Aquin ordnet das göttliche Gesetz den Gesetzen der Natur und des praktischen Lebens vor. Auch noch bei Leibniz wird das Naturgesetz in den Willen Gottes verlegt und bei Descartes findet sich die Ableitung regelhafter natürlicher Zusammenhänge aus der Unveränderlichkeit Gottes. Mit der Herausbildung der modernen Naturwissenschaften wurde die Frage nach der externen Kraft, die für alle naturgemäßen Regelmäßigkeiten verantwortlich ist, obsolet. Wesentlich ist nun der Gesichtspunkt der Voraussage von Vorgängen, die sich aufgrund ihres regelmäßigen Auftretens unter standardisierten Bedingungen verallgemeinern und durch mathematische Funktionsausdrücke darstellen lassen. Dieser neuzeitliche Gesetzesbegriff wurde durch Newton wesentlich vorangebracht, indem es ihm z. B. gelungen ist, sein Bewegungsgesetz – die Proportionalität der Bewegungsänderung zur einwirkenden Kraft – in einer mathematischen Schreibweise auszudrücken. Als die entscheidende Methode zur Erforschung der Naturgesetze hat sich das Experiment erwiesen, mit welchem funktionale Zusammenhänge festgestellt bzw. nachgewiesen werden können.

Obwohl die Naturgesetze nicht mehr auf außerweltliche Ursachen zurückgeführt werden, besteht die Frage, ob es sich um Gesetzmäßigkeiten der Natur selbst oder um bloße Ideen der Naturforscher bzw. um Gesetzmäßigkeiten handelt, die ihren Ursprung im Verstand haben. Nach Kant kann es keine objektiven, an sich bestehenden Gesetze geben. Der Verstand selbst schreibt (a priori ) der Natur die Gesetze vor. Auch Mach vertritt die Position, dass es keine Erkenntnis der an sich seienden Natur geben kann. Die Aufgabe der Naturwissenschaft besteht nach ihm in der Formulierung einfacher mathematischer Beschreibungen für empirisch erforschte Zusammenhänge. Für die Position des Empirismus hingegen sind Naturgesetze durch Erfahrung induktiv gewonnene Erkenntnisse über die Naturvorgänge, so wie sie an sich bestehen. Der Gedanke einer objektiven Gesetzlichkeit in der Natur wurde von Hume kritisiert. Er wendet ein, dass man von beobachtbaren Einzelfällen nicht induktiv auf allgemeine Gesetze schließen kann, sondern dass nur eine bestimmte Regelmäßigkeit in der Erscheinungswelt festgestellt werden kann, die auf der gewohnheitsmäßigen Wiederholung bestimmter Vorgänge beruht. Demnach besteht ein Problem in der Rechtfertigung des Übergangs von einzelnen beobachteten Fällen auf eine allgemein und immer gültige Gesetzmäßigkeit.

Aufgrund dieser Schwierigkeit, dass sich der Notwendigkeitscharakter, d. h. die Allgemeingültigkeit von Naturgesetzen nicht rein empirisch begründen lässt und dass eine rein apriorische Begründung dieser Gesetze durch die meisten Vertreter der modernen Naturwissenschaft abgelehnt wird, stellt sich erneut die Frage, woher die Naturgesetze ihre Gültigkeit beziehen. Bis heute ist die Frage nach den Quellen der Gültigkeit der Naturgesetze nicht hinreichend geklärt. Einen gewissen Ausweg bieten konventionalistische Theorien (z. B. Poincaré), die auf die aller Naturerkenntnis zugrunde liegenden Konventionen, auf die von den Fachgelehrten getroffenen Übereinkünfte, aufmerksam machen. Popper ist mit seinem Falsifikationsprinzip einen anderen Weg gegangen. Ihm zufolge kann die Geltung der Gesetze (nomologische Hypothesen) nicht objektiv festgestellt (verifiziert) werden, sondern die Gesetze werden einfach so lange als gültig angesehen, wie ihre Widerlegung (Falsifikation) auf einem wissenschaftlichen Weg noch nicht gelungen ist. In der modernen Wissenschaftstheorie wird im Anschluss an Duhem und Quine eine ganzheitliche Interpretation von Theorien angestrebt. Der Duhem-Quine-Holismus geht davon aus, dass sich Theorien nur als Ganze akzeptieren oder verwerfen lassen und wissenschaftliche Sätze nur innerhalb ganzer Theorien Bedeutung haben. Einzelne Sätze können als solche gar nicht verifiziert oder falsifiziert werden, denn es hängt von der Entscheidung des Wissenschaftlers ab, welcher Satz innerhalb seiner Theorie verändert wird, wenn eine Erfahrung gegeben ist, die den Annahmen einzelner theoretischer Sätze zu widersprechen scheint.

Die Frage, ob die Naturgesetze kausal oder final zu erklären sind, ist von Leibniz aufgeworfen worden. Er unterscheidet die mechanischen Naturgesetze, die Gesetze von Wirkursachen, die kausal sind, von den Gesetzen, denen die Seele folgt, die an Zweckursachen, d. h. final orientiert sind. Newton hat in seiner Wissenschaftskonzeption nur kausale Gesetze zugelassen. Euler hat bewiesen, dass sich finale Gesetze immer auch kausal interpretieren lassen. Eine weitere Frage nach der Art der Naturgesetze ist die, ob sie deterministisch sind oder nur eine hohe Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmter Vorgänge aufzeigen, d. h. statistischen Interpretationen genügen. Die klassische Ansicht war, dass alle Gesetze deterministisch und statistische Gesetze nur vorläufige Resultate der Wissenschaft sind. Mit der Einführung der Quantenphysik ist diese Ansicht immer mehr zurückgedrängt worden und man nimmt nun im Gegenteil an, dass alle deterministischen Gesetze sich auf statistische Gesetze zurückführen lassen.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt