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Prof. Dr. Karl Bormann

Metaphysik

Griech. ta meta ta physika , ›das, was auf die Physik folgt‹: Der Titel Metaphysik begegnet erstmals im 1. Jh. v. Chr. bei Nikolaus von Damaskus und wird in der Folgezeit regelmäßig verwendet; anzunehmen ist, dass er auf den älteren Zeitgenossen des Nikolaus, auf Andronikos von Rhodos und dessen Edition der aristotelischen Schriften zurückgeht und die vierzehn Schriften bezeichnet, die in der antiken Aristoteles-Edition hinter den naturphilosophischen Werken angeordnet wurden. Möglicherweise bedeutet das, dass diese Schriften wegen ihres Schwierigkeitsgrades nach der Naturphilosophie zu erörtern sind. Eindeutig geklärt ist das nicht; zu berücksichtigen ist auch die Meinung, Aristoteles selbst oder Eudemos von Rhodos, neben Theophrast der bedeutendste Schüler des Aristoteles, habe den Titel geprägt und ihn als Bezeichnung des Inhalts verwendet: Die Philosophie vom nicht sinnlich wahrnehmbaren Seienden (Sein), die den Bereich der Physis, der Natur, transzendiert. Diese Bedeutung hat der Titel eindeutig in den neuplatonischen Schulen. Mittelalterliche Aristoteliker kombinieren die Deutungen.

Hinsichtlich der Metaphysik ist sehr vieles einschließlich der Beantwortung der Frage nach ihrer Möglichkeit kontrovers, und auch unter den Vertretern dieser philosophischen Disziplinen gibt es kaum Übereinstimmung darüber, worum es in der Metaphysik geht. Was ihr Ziel und ihr Gegenstand war, kann indessen recht genau angegeben werden. Das sei durch einige Beispiele belegt, wobei zu berücksichtigen ist, dass Metaphysik als philosophische Grundwissenschaft in ihren Anfängen keinen eigenen Namen hatte.

Parmenides unterscheidet sehr scharf zwischen dem, was die Menschen hinsichtlich der Wirklichkeit zu erkennen meinen, womit sie insgesamt in Irrtümer geraten, und dem, was sich dem schauenden Geist als ›seiend‹ präsentiert. Zu dieser Schau des Seienden gelangen die Menschen nicht aus eigener Kraft, sondern aufgrund einer Offenbarung durch eine namenlose Gottheit. Das Seiende ist Eines, unentstanden, unveränderlich, unvergänglich, völlig gleichartig, unteilbar, und hat die Gestalt eines ›wohl gerundeten Balles‹; es ist kein Gott und hat keine göttlichen Eigenschaften. Anscheinend ist hiermit das Weltall als stereometrisch fester Körper gemeint, welcher vom Denken als reinem Seienden erfasst wird.

Platon knüpft einerseits an Parmenides an, andererseits entfaltet er seine eigene Lehre unabhängig von Parmenides. Das höchste Prinzip der Seienden transzendiert den Seins- und Erkenntnisbereich; es wird zwar ›das Eine‹ und ›das Gute‹ genannt, aber mit diesen Namen ist lediglich gesagt, dass von ihm alles abhängig und auf es hingeordnet ist; es kann nicht adäquat benannt werden. Von ihm kann nur ausgesagt werden, was es nicht ist; es ist überseiend und übereines. Wenn es nur ein Prinzip gäbe, wäre die Vielheit der Seienden und der veränderlichen Dinge unmöglich; folglich gibt es in Abhängigkeit vom namenlosen höchsten Prinzip das Vielheitsprinzip, d. h. die ›unbegrenzte Zweiheit‹. Der Seinsbereich, d. h. der Ideenkosmos, verdankt Sein und Wesen dem überseienden Einen; die Vielheit der Ideen ist durch das Vielheitsprinzip bedingt. Die Ideen sind weder menschliche Begriffe noch Gedanken Gottes (als Gedanken Gottes bestimmte sie Platons zweiter Nachfolger, Xenokrates), sondern seiende, ewige und unveränderliche Wesenheiten, die außerhalb der Erfahrungswelt jenseits von Zeit und Raum eine Welt für sich bilden, die wahrnehmbaren Dinge prägen und nur durch reines Denken (noesis ) mit Hilfe der Dialektik fassbar sind. Der Dialektiker erkennt, dass »eine Idee durch vieles Verschiedene, einzeln voneinander Getrennte hindurch nach allen Seiten ausgespannt« ist, dass vieles voneinander Verschiedene »von einer einzigen Idee von außen umfasst« ist und »wiederum eine durch viele Einheiten hindurch in einer Idee verbunden und viele in jeder Hinsicht voneinander getrennt« sind. Höchste Ideenbereiche sind Seiendes, Ruhe oder Ständigkeit, Bewegung als Gemeinsamkeit (koinonia ) der Ideen, Identität und Verschiedenheit oder Andersheit, ferner Proportion (so im Sophistes ; im Parmenides und in den antiken Referaten über Platons ungeschriebene Lehren werden noch mehr genannt). Alle Gattungen und Arten innerhalb der erfahrbaren Welt sind durch Teilhabe an den ewigen Wesenheiten konstituiert; mit ›Teilhabe‹, ›Abbild‹ oder ›Nachahmung‹ umschreibt Platon das Verhältnis der sinnenfälligen Dinge zu den Ideen; die Erfahrungsdinge partizipieren insofern an den Ideen und ahmen sie nach, als die Ideen die urbildhaften Formen der sinnenfälligen Dinge sind. Das darf nicht so aufgefasst werden, als seien die Ideen jeweils etwas Statisches; Platon hebt ausdrücklich hervor, dass der Ideenwelt Leben und Denken zukommt. Ideen von Individuen setzt Platon nicht an; jedes Individuum innerhalb der Erfahrungswelt ist Abbild oder Nachahmung so vieler Ideen, als es Eigenschaften besitzt. Das hat zur Folge, dass es nicht nur Ideen von Naturdingen und vom Gerechten, Schönen usw., sondern auch von den Produkten der Technik, zudem von Hässlichem, Schädlichem und Bösem gibt. Das Mathematische, das einen eigenen Bereich zwischen den Ideen und dem Veränderlichen bildet, unterscheidet sich von den Ideen dadurch, dass die mathematischen Entitäten zwar wie die Ideen ewig und unveränderlich sind, aber viel Gleichartiges enthalten, welches die mathematischen Operationen (Addition, Subtraktion usw.) ermöglicht, während jede Idee einmalig und nicht mathematisch kombinierbar ist. Zur Ideenlehre werden die Lehre von der Weltentstehung, von der Seele, von der besten Polis und den ethischen Vortrefflichkeiten (aretai ) in Bezug gebracht.

Was Aristoteles anlangt, so ist zu berücksichtigen, dass er trotz aller Kritik an seinem Lehrer Platon, vornehmlich an der Getrenntsetzung der Wesensgründe, immer Platoniker blieb, ferner, dass er kein System der Metaphysik entwarf, nie ein Lehrbuch der Metaphysik verfasste und dass es auch keine aristotelische ›Urmetaphysik‹ gibt, die Aristoteles allmählich erweitert hätte; der Beweis hierfür ist die Uneinheitlichkeit der vierzehn Bücher, die später unter dem Titel Ta meta ta physika zusammengefasst wurden. Die Wissenschaft von den Seinsprinzipien nennt Aristoteles ›erste Philosophie‹ (zweite Philosophie ist die Physik = Naturphilosophie, dritte die Mathematik) oder Theologie; sie untersucht »das Seiende, insofern es seiend ist«, worunter Aristoteles »jede Seinsheit (ousia ), wie sie von Natur aus ist« versteht, und »das Ewige, Unveränderliche und seinsmäßig Selbständige«, d. h. das Göttliche. In diesen beiden Bestimmungen schien der Unterschied von metaphysica generalis und metaphysica specialis angegeben zu sein, was indessen ein Missverständnis ist; allgemeine Seinswissenschaft (erste Philosophie) und Wissenschaft vom Göttlichen (Theologie) sind für Aristoteles identisch: »Wenn es eine unveränderliche Seinsheit gibt, bildet deren Untersuchung die erste Philosophie; sie ist allgemein in der Weise, dass sie die erste ist; ihre Aufgabe besteht darin, Wesen und Eigentümlichkeiten des Seienden zu betrachten, insofern es ist«, das heißt, dass erste Philosophie als Theologie zugleich allgemeine Seinslehre ist.

Der Gedankenreichtum der aristotelischen Ausführungen über die erste Philosophie kann ebenso wie die platonische Ideenlehre hier kaum angedeutet werden; thematisiert wird u. a. Folgendes: Höchstes Seins- und Erkenntnisprinzip ist der von Platon formulierte Satz vom Widerspruch; hinzu kommt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Zwischen Sein und Nichtsein gibt es kein Mittleres. Merkmale der ousia (Seinsheit) sind 1. hypokeimenon (ontologisches Subjekt); 2. choriston (getrennt: a) selbstständig existierend, b) Wesen, in der Definition ohne Angabe der Akzidenzien fassbar); 3. tode ti (individuell, Grund der Individualität); dementsprechend sind ousia das Wesen, das in der ›ersten Philosophie‹ ousia im primären Sinne ist, und das selbstständig existierende Individuum. Die an sich selbst bestimmungslose hyle (ontologische Möglichkeit) ist potenzielle ousia , weil sie nicht selbstständig, sondern nur in Verbindung mit den Wesensformen existiert. Zu unterscheiden sind drei Gruppen von ousia , nämlich zwei wahrnehmbare und eine nicht wahrnehmbare: die vergänglichen wie Pflanzen und Sinnenwesen, ihre Wesensformen existieren nur in Verbindung mit der hyle ; die ewigen (Fixsterne und Planeten); die absolut unveränderlichen, die ohne jede hyle sind; dass es sie gibt, wird bewiesen.

In allen Entstehungsprozessen der Natur, Technik und Kunst sind die gleichen Faktoren nachweisbar, nämlich Stoff-, Wesensform-, Ziel- und Wirkursache (»Praktisches Können, techne, ahmt die Natur nach«). Die absolut unveränderliche ousia ist reine Form, frei von jeder hyle und demzufolge uneingeschränkte und höchste Weise von Wirklichkeit; als solche ist sie reines Denken und ihre Tätigkeit ist Denken ihrer selbst, also ›Denken des Denkens‹; Einfluss auf die Welt nimmt sie nur in der Weise, dass sie als Zielursache die Fixsternsphäre bewegt.

Der erste Nachfolger des Aristoteles, Theophrast, dürfte mit seiner Metaphysik und ihrer Kritik – vornehmlich an der Lehre vom unbewegten Beweger – den Verzicht auf Ontologie im nachtheophrastischen Peripatos begünstigt haben; zu einer Erneuerung der Seinslehre und Theologie im aristotelischen Sinne kam es bei Alexander von Aphrodisias; spätere griechische Kommentatoren des Aristoteles verbinden nicht selten aristotelische und platonische Auffassungen, zumal die Metaphysik seit dem 3. Jh. n. Chr. wesentlich von Platonikern wie Plotin, Porphyrios, Proklos Diadochos, Pseudo-Dionysios Areiopagites u. a. geprägt wurde, welche die Lehren Platons erneuerten, aristotelische Gedanken übernahmen und die aristotelischen Ausführungen über den ersten Beweger, der sich selbst denkt, im Sinne der Ideenlehre deuteten. Aristotelische Konzeptionen wurden dem lateinischen Mittelalter (A) vor der Aristoteles-Rezeption (12.-13. Jh.) durch arabische Texte (Avicenna, Averroës u. a.) vermittelt. Platons Werke wurden zwar während des Mittelalters nur sporadisch ins Lateinische übersetzt; partielle Kenntnis platonischer Philosophie erlangte man hauptsächlich durch Augustinus, Boethius und durch Aristoteles’ Auseinandersetzung mit Platon. Dass darüber hinaus mittelalterliche Metaphysik sehr mit Platonismus durchsetzt ist, beruht auf Schriften, die unter dem Namen des Aristoteles kursierten, aber auf Platoniker zurückgehen (Liber de causis von Proklos Diadochos, Theologia Aristotelis von Plotin); der viel gelesene Pseudo-Dionysios galt als Schüler des Apostels Paulus. Gegenstand und Aufgaben der Metaphysik werden unterschiedlich bestimmt, zudem wird die Unterscheidung von metaphysica generalis und metaphysica specialis erkennbar. Thomas von Aquin z. B. bestimmt Gegenstand und Namen der Metaphysik in folgender Weise: Theologie heißt sie, insofern sie Gott und die reinen Geistwesen zu erkennen sucht; Metaphysik wird sie genannt, insofern sie Seiendes und die ihm folgenden Bestimmungen wie Eines – Vieles, Potenz – Akt untersucht; als ›erste Philosophie‹ wendet sie sich den ersten Ursachen zu. Diese dreifache Betrachtungsweise kommt einer einzigen Wissenschaft zu. Im 15. Jh. legt Nikolaus von Kues eine Metaphysik vor, welche Offenbarungstheologie mit Ontologie verbindet und besonders vom Platonismus beeinflusst ist. Die bedeutendste Metaphysik der frühen Neuzeit (A) findet sich Disputationes metaphysicae des Jesuiten Suárez (1597); sie greift auf Aristoteles zurück, zeichnet sich durch systematische Ordnung und Klarheit aus und hat großen Einfluss auf die deutsche Schulmetaphysik des 17. Jhs. Im 18. Jh. fasst Wolff die gesamte Metaphysik systematisch zusammen und gliedert sie in allgemeine und spezielle Metaphysik mit den Teilen Kosmologie, Psychologie und natürliche Theologie. Kants Transzendentalphilosophie, Fichtes Wissenschaftslehre, Schellings und Hegels Philosophie können als höchste Ausformung der Metaphysik seit Aristoteles gelten. Unterschiedliche Bemühungen charakterisieren die Metaphysik auch seit der Mitte des 19. Jhs.: Bewahrung und Ausgestaltung des Überkommenen, mehr oder weniger neue Ansätze (Scheler, Hartmann u. a.), ferner der sehr unterschiedlich motivierte Glaube an das Ende der Metaphysik. Heidegger sieht in der Metaphysik das »Geschick … der Vergessenheit des Seins« und ist überzeugt, dass die Philosophie an der Metaphysik zugrunde gehe.

K. Bormann, Platon , 3. Aufl. Freiburg / München 1993

I. Düring, Aristoteles , Heidelberg 1966

L. Oeing-Hanhoff, Th. Kobusch, T. Borsche, Metaphysik , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Basel / Stuttgart 1980, 1186–1279

Grundriß der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike , Bd. 3, hg. von H. Flashar, Basel / Stuttgart 1983

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt