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Prof. Dr. Jürgen Court

Locke, John

(1632–1704): Geboren am 29. 8. in Wrington, Somerset; gestorben am 28. 10. in Oates, Essex: Locke wird gemeinhin (nehmen wir die Epoche) als einer der bedeutendsten Denker der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) bezeichnet, dessen Lehre (beziehen wir uns auf seine Position) als Ausgangspunkt des neuzeitlichen Empirismus bzw. Sensualismus gilt. Diese klassische Einschätzung hält jedoch der differenzierten Quellenanalyse der heutigen Forschung nur bedingt stand. Die Existenz so verschiedenartiger Persönlichkeiten wie La Mettrie und Herder, Marquis de Sade und Locke im Zeitalter der Aufklärung hat zu der These geführt, dass der ihnen gemeinsame Nenner in der Ablösung des traditionellen metaphysischen Begriffs der Substanz durch den der Funktion besteht. Der Wandel von der Vorstellung des Geistes als einer unveränderlichen Entität zu der einer genetisch zu begreifenden Aktivität betrifft nicht nur die Auflösung des Intellekts, sondern die gesamte Vermögenshierarchie: der Abwertung des Seelischen entspricht eine Aufwertung des Körperlichen. Die dadurch möglich gewordenen Verflechtungen von empirischen und rationalistischen Theorieanteilen haben Auswirkungen auf die theoretische und die praktische Philosophie.

Für die Tragfähigkeit dieser Überlegungen ist Locke ein bestechendes Beispiel, der schon auf der biografischen Seite eine ›gelebte‹ Einheit von Theorie und Praxis verkörpert: Sein weit gespanntes Studium (Logik, Sprachen, Metaphysik), sein großes Interesse an Fragen der Chemie und Medizin, seine umfangreichen Tätigkeiten als Dozent, Schriftsteller, Arzt, Erzieher, Politiker und Geschäftsmann fanden ihren Niederschlag in einer Publikationsbreite, die sich von der Theologie und Philosophie über den Weinbau bis zur Finanzpolitik erstreckt. Aber erst die begriffene Einheit von Theorie und Praxis, die Locke im aristotelischen Sinne versteht, ist es, die Lockes philosophischen Rang legitimiert. Seine erkenntnistheoretische Hauptschrift Essay Concerning Human Understanding (1690) ist nicht nur in dieser Kategorie sein wirkungsmächtigstes Werk: Auf ihr fußt auch seine moralische, d. h. vor allem seine politische Philosophie.

Diese Einreihung jedoch darf nicht missverstanden werden, wofür schon spricht, dass sich Locke lieber als philanthropus (Menschenfreund) denn als ›moderner Aristoteles‹ bezeichnen lassen wollte. Von der Sache her gesprochen: Auch wenn die Geltung der praktischen Philosophie in der (erkenntnis-)theoretischen fundiert ist, gilt dies nicht für ihre Genese. Der Anstoß zur Erkenntnistheorie liegt im praktisch begründeten Interesse: Was für uns von Nutzen sein kann, was wir mit Aussicht auf Erfolg unternehmen können. Deshalb ist das grundlegende Motiv des Essay nicht die Lösung der Aufgabe, wie wir möglichst alle Dinge dieser Welt begreifen können, sondern lediglich diejenigen, die unser mögliches Verhalten angehen: Unser Geist erhält seine ureigene Funktion für unsere Handlungen. An der Existenz Gottes zweifelt Locke nicht, weil wir es schließlich ihm zu verdanken haben, dass der Weg zu einer besseren Lebensführung in den Bereich unserer Erkenntnis gestellt wurde. Vor dieser Folie befasst sich Lockes Hauptwerk mit der Unterscheidung von Ursprung, Gewissheit und Umfang der menschlichen Erkenntnis.

Die Verbindung von empirischen und rationalen Elementen wird deutlich in der ersten Einzelanalyse des Essay , der Auseinandersetzung mit der Lehre von den angeborenen spekulativen Prinzipien, mit der Locke die über Hobbes und Gassendi begrifflich vermittelte Kritik an Descartes fortführt. Die Lehre von angeborenen Ideen (ideae innatae ), die im Übrigen die Zwiespältigkeit von Descartes’ eigenem Rationalismus offen legt, hat ihre Ursprünge bereits in der Antike und wurde in der Renaissance (A) aktualisiert. Das rationale Element in Lockes Empirismus kommt hier in der Spanne zwischen einem Empirismus der Ideen und einem der Aussagen zum Vorschein. Jener enthält die These, dass alle unsere Ideen aus der Erfahrung stammen; gleichgültig, ob sie theoretischen oder moralischen Ursprungs sind: Der Geist gleicht bei seiner Geburt einem unbeschriebenen Blatt; erst durch Erfahrung kann er Ideen enthalten. Diese selbst liefert aber lediglich das Material für das Denken, das entweder als Produkt äußerer Wahrnehmung (sensation ) oder innerer Beobachtung geistiger Operationen (reflection ) auftritt. Die Ideen der sensation stellen den weitaus größten Anteil; zu jenen gehören Ideen wie Erkennen, Wahrnehmen, Glauben oder Wollen. Weil nicht die Wahrnehmung, sondern der Verstand die logischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Sinneserfahrungen herstellen kann, ist Lockes Empirismus der Ideen mit einem Rationalismus der Erkenntnis verknüpft, und der erwähnte Empirismus der Aussagen kommt hier ins Spiel, weil er die behauptete Legitimität einer Erkenntnis auf eine frühere Wahrnehmung zurückführt.

Von den zahlreichen Einzelstudien des Essay sollen nur zwei erwähnt werden, die einen besonders großen Einfluss auf die Philosophiegeschichte verraten. Mit der Überzeugung, dass Erkenntnistheorie notwendig Sprachphilosophie im Sinne von Sprachkritik zu sein habe, weil unbestimmt oder falsch verwendete Begriffe die Philosophen dazu verführen, die Macht langer Gewohnheit für Gelehrsamkeit zu halten und mit wahrer Erkenntnis zu verwechseln, hat Locke den zentralen Ansatz der sprachanalytischen Philosophie des 20. Jhs. und mit der These von der Zeichenhaftigkeit der Sprache das Gerüst der Semiotik vorweggenommen. Diese Wirkung auf das moderne Denken gilt auch für Lockes Untersuchung des Begriffs der Qualität. Während eine Qualität allgemein die Kraft eines Gegenstandes definiert, eine Idee in unserem Geist zu erzeugen, sind primäre Qualitäten (Ausdehnung, Gestalt, Zahl) Eigenschaften, die den Körpern unmittelbar selbst zugesprochen werden, welche in uns jene ebenbildlichen einfachen Ideen erzeugen. Sekundäre Qualitäten (Farbe, Geschmack) hingegen sind lediglich Dispositionen zu Wirkungen, die keine klare und deutliche Erkenntnis zulassen.

Der sinnliche Quell unseres Wissens und seine aus diesem Grunde notwendige Beschränktheit ist der Leitfaden, der auch Lockes praktische Philosophie durchzieht. Anlass zum Skeptizismus ist gleichwohl nicht gegeben, da wir durchaus Einsicht in die richtigen Handlungen erlangen können, wozu uns Erziehung verhilft (Some Thoughts Concerning Education , 1693 ; Of the Conduct of the Understanding , 1706 ). Als sittliche Erziehung ist unser Lernen Einübung in menschliches Verhalten, Verabschiedung von Vorurteilen, Konzentration auf Prinzipien anstatt auf Sachen, auf abgewogene Urteile und nicht auf Leidenschaften.

Der durch Erziehung beeinflussbaren Entwicklung individueller Vernunft korrespondiert der Übergang vom Naturzustand zum Gesellschaftsvertrag. Anders als in Hobbes’ bellum omnium contra omnes ist Lockes Urzustand ursprünglich als friedlich konzipiert; freie, gleiche und Eigentum besitzende Individuen organisieren sich jedoch politisch (Two Treatises of Government ; 1690 ), weil Habgier und Konkurrenz diesen Frieden bedrohen. Wichtigstes Motiv sowohl des Vertragsschlusses als auch des Staatszwecks ist der Schutz des persönlichen Eigentums unter gesetzlichen Regelungen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass der bürgerliche Staat das in ihn eingebrachte Eigentum neu verteilt. Weil privates Eigentum durch Arbeit am eigenen Leibe erworben wird, bedarf seine Aneignung weder der Erlaubnis durch andere noch der Zuteilung des Staates. In Lockes liberalistischem Konzept hat er lediglich Gesetze zum Schutz des Eigentums zu erlassen, durch welche die Rahmenbedingungen für den Tauschhandel verbessert werden. Dieser ermöglicht Eigentumsdifferenzen, die aber letztlich dem Wohlstand aller zugute kommen. Die bürgerliche Gewalt ersetzt ferner das natürliche Recht zur Selbstjustiz; sie darf über Krieg und Frieden entscheiden und den Bürgern exekutive Pflichten auferlegen – die Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Legislative (erst bei Montesquieu wird explizit die Judikative als dritte Gewalt in die politische Philosophie eingeführt), welche Locke empfiehlt, soll zur Vermeidung von Konflikten beitragen.

Die Entscheidung über die endgültige politische Form eines Gemeinwesens beruht für Locke auf einer Mehrheitsentscheidung der Bürger. Greift der von ihnen gewählte Herrscher widergesetzlich in die das Gemeinwesen zusammenhaltende Legislative ein, fehlt eine oberste Berufungsinstanz. Das natürliche Widerstandsrecht lebt auf, weil das ursprüngliche Verbrechen in jener widerrechtlichen Aufkündigung der bürgerlichen Ordnung, die Staatszweck ist, liegt. Von seinem Vorgänger Hobbes grenzt sich diese Konstruktion deshalb ab, weil bei ihm keine Rechtsbeziehungen zwischen den Individuen und dem Herrscher bestehen, die ein Recht auf Widerstand legitimierten; auch bei Lockes Nachfolger Rousseau werden im Gesellschaftsvertrag alle natürlichen Rechte aufgegeben.

Lockes Nachwirkungen in der politischen Philosophie werden am augenfälligsten an dem Vorwurf, der an Thomas Jefferson gerichtet wurde und besagt, er habe in der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und Verfassung von 1789 Locke schlichtweg plagiiert. Schlegel hingegen nannte Locke einen »Vor-Rousseau«. Was die theoretische Philosophie angeht, hat Locke in der angelsächsischen Welt – stärker als Berkeley oder Hume – den Begriffsapparat und Richtungen wie die erwähnte analytische Philosophie und den logischen Empirismus beeinflusst; in Frankreich hat Voltaire Lockes Gedanken zum Durchbruch verholfen, die in Condillacs Sensualismus dann ihren differenzierten Niederschlag gefunden haben. In Deutschland sind hauptsächlich Thomasius, Wolff, Kant und Husserl zu erwähnen, deren Deutungen der Erkenntnislehre Lockes als Physiologie (Kant) bzw. Psychologismus (Husserl) jedoch den Blick auf ihre fruchtbaren rationalistischen Ansätze verstellen.

R. Specht, John Locke , München 1989

Th. Schneider, John Locke , in: Metzler Philosophen-Lexikon. Hg. von B. Lutz, 2. Aufl. Stuttgart / Weimar 1995, S. 512–517

R. Woolhouse, John Locke , in: The Oxford companion to philosophy. Hg. von T. Hondrich, Oxford, New York 1995, S. 493–496

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt