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Prof. Dr. Hans Baumgartner

Lebensphilosophie

Es ist historische Erfahrung, dass Philosophien veralten und philosophische Begriffe und Begriffssysteme unbrauchbar werden, die Wirklichkeit von Natur, Welt und Geschichte und das Bewusstsein von ihr angemessen zu deuten. Die theoretischen Begriffe ebenso wie die moralischen werden schal und erscheinen dem Zeitgenossen als leere Formeln. Die Wirklichkeit, die sie auslegen sollten, scheint ihrem Zugriff nicht mehr verfügbar und fordert, gleichsam von sich her, einen neuen Versuch, sie denkend zu erfassen. Dasjenige Denken, das einem solchen Anspruch gerecht zu werden behauptet, setzt sich notwendig zu den zu überwindenden Systemen in Widerspruch, indem es vorerst selbst einmal alle Begrifflichkeit aufgibt, um der lebendigen Dynamik zum Durchbruch zu verhelfen, und daher jene als unzureichend, leer und tot erklärt. Das so konzipierte neue Denken etabliert sich als Irrationalismus und deklariert die intuitiv-mystische Einfühlung, das lebendige Erlebnis, als die einzig mögliche Weise, die Wirklichkeit adäquat zu erkennen. Eine solche Situation und ein so geartetes Selbstverständnis charakterisiert auch jene philosophische Strömung, die als Lebensphilosophie in die Geschichte der neueren Philosophie Eingang gefunden hat. Sie umfasst einen Zeitraum von etwa 60 Jahren, dessen Scheitel die Wende zum 20. Jahrhundert ist. Die an ihr maßgeblich beteiligten Denker waren in Deutschland Dilthey, Nietzsche, Simmel, Klages und Spengler; in Frankreich Guyau und Bergson; in Spanien de Unamuno y Jugo und Ortega y Gasset. Bei aller Verschiedenheit im Einzelnen verbindet sie ein gemeinsames Pathos der autonomen Deutung des sich selbst genügenden schöpferischen Lebens aus ihm selbst und die radikale Abkehr sowohl von jedweder positivistischen Welterklärung als auch von aller als rationalistisch deklarierten Vernunft- und Verstandesmetaphysik.

Vorläufer war F. Schlegel mit dem Versuch, gegen Kant und Hegel eine Philosophie des Lebens (1828) als eine Transzendentalphilosophie des vollständigen Bewusstseins (und nicht nur des Verstandes) zur Geltung zu bringen. In der Gegenwendung gegen Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung), Veräußerlichung des gesellschaftlichen Lebens, gegen Verstandesdenken, Reflexionsphilosophie und tote Gelehrsamkeit zeigen auch, beeinflusst von Rousseaus Hinweis auf die ursprüngliche Natur des Menschen, Sturm und Drang (Herder, Jacobi, Goethe), Romantik und der deutsche Idealismus (A) mit Fichte und Schelling der Lebensphilosophie verwandte Züge. Unter dem Einfluss der historischen Schule und der christlichen Mystik ebenso wie der antibourgeoisen Kulturkritik und dem dionysischen Lebensverständnis Nietzsches entfaltet sich dann bei Dilthey und Bergson jene antirationalistische Auffassung der unmittelbaren, nicht abstrakten, kontinuierlich fließenden Erlebnis- und Werdewirklichkeit, welche im engeren Sinne den Namen Lebensphilosophie trägt. In der Reduktion des Erkennens und aller objektiv-geistigen Phänomene auf ihre Funktion im Leben und auf Lebensbewahrung und Lebenssteigerung verwandt mit dem Pragmatismus (Dewey), hat die Lebensphilosophie vor allem durch die Hervorhebung von Intuition (Bergson) und Verstehen (Dilthey) als den allein adäquaten Erkenntnisweisen und durch das auf der Objektseite korrespondierende physiognomische Verständnis der Wirklichkeit als Ausdruck des schöpferischen, sich in Gestalten ergießenden und wieder zurücknehmenden Lebens starken Einfluss genommen auf Dichtung (D’Annunzio, Gide, Proust, George, Hofmannsthal, Rilke, Hesse), Kunst (Expressionismus) und politisch-gesellschaftliche Bewegungen ihrer Zeit (Jugendbewegung, Schulreform). Auch auf philosophischem Gebiet war die Lebensphilosophie bestimmend für neue Fragestellungen. Phänomenologie (Scheler) und Existenzphilosophie (Heidegger) sind ohne sie ebenso wenig zu denken wie gewisse neuere Formen einer geistesgeschichtlichen Pädagogik (Nohl, Litt, Spranger), und es hat den Anschein, dass das Problem der Geschichtlichkeit, welches die gegenwärtige Situation des Philosophierens noch bestimmt, aus dem Erbe der Lebensphilosophie und ihrer Verquickung von Leben, Geschichte und Metaphysik stammt. Überflüssig, zu sagen, dass eine Reihe von Wissenschaften (Graphologie, Charakterologie, geisteswissenschaftliche Psychologie) allererst aus lebensphilosophischer Konzeption entstanden ist und dass über die methodologischen Reflexionen zur Begründung der Geisteswissenschaften (Rothacker, Gadamer) hinaus Literatur und Sprachwissenschaft und Kunstgeschichte bleibend durch sie bestimmt sind. Nach Ursprung, Entfaltung und Intention ist die Lebensphilosophie, selber geistesgeschichtlich betrachtet, Typus einer bestimmten literarisch-geistigen Reaktion: Sie steht als Paradigma für jenen in philosophischer Reflexion sich explizierenden, utopisch-kritischen Protest gegen die Erstarrung des Lebens in überkommenen Begriffsschemata, deren Anspruch auf gültige Deutung der Wirklichkeit nicht mehr mitvollzogen werden kann und will, deren Begriffsgehalte, als abstrakte, nicht mehr verstanden werden und den neuen Erfahrungen in Menschenwelt und Geschichte unangemessen und äußerlich bleiben. Da indessen auch eine neu erfahrene Wirklichkeit, soll sie philosophisch reflektiert werden, wieder nur durch Begriffe gedacht und erkannt wird, so ist jener lebensphilosophische Impuls nie selbst Philosophie (vgl. schon Rickert), sondern allenfalls Stimulans, eine adäquate Philosophie zu entwerfen. Lebensphilosophie ist daher Phänomen eines Übergangs, wenn auch ein notwendiges in der Entwicklung philosophischen Denkens. Verwechselt man vorschnell ihren negativen Charakter des destruierenden Protests und ›Aufbruchs zu neuen Ufern‹ mit der Positivität einer durchdachten und reflektierten Auskunft über die Wirklichkeit im Ganzen, so kommt es zu jenen in sich widersprüchlichen Erscheinungen eines Historismus und Irrationalismus, deren Pendants dem Gebiete der Theologie unter den Namen Traditionalismus und Fideismus bekannt sind. Gleichwohl erweist sich solche Destruktion darin als gerechtfertigt, dass sie jene falsche Selbsteinschätzung des Begriffsdenkens aufdeckt, welche die bleibende Differenz von Begriff und Leben verkennt und mit dem Begriff die Wirklichkeit zu besitzen vorgibt.

Schon das Grundwort ›Leben‹ zeigt jene innere Ambivalenz, dass es als Ausdruck des Protests, als Kampfbegriff (vgl. schon Bollnow), eine sinnvolle Funktion erfüllt, als Grundbegriff der Wirklichkeitserkenntnis aber, weil in sich bestimmungslos, versagt. Macht es gegenüber einem Weltbild der reinen Gegenständlichkeit, gegenüber einer statischen Seins- und Verstandesphilosophie, die Erlebniswirklichkeit der schöpferischen Bewegung (evolution creatrice ), des heraklitischen Werdens geltend; steht es gegen die Einseitigkeit des Verstandes für die Gesamtheit und Ganzheit der seelischen Kräfte: für Stimmung, Gefühl, Leidenschaft, Sehnsucht, so gewinnt es seine eigene, sachliche Überzeugungskraft, seine Evidenz, lediglich aus der Alternative (vgl. Lersch), während es für sich selbst gehaltlos und leer bleibt. Alle hier einschlägigen Gegensätze: Innen – Außen, Intuition – Intellekt (Bergson), Geschichte – Natur, Verstehen – Erklären (Dilthey), Organisches – Mechanisches, SchicksalKausalität, Tiefe – Oberfläche, WeisheitWissenschaft (Spengler), Prinzip der Seele – Prinzip des Geistes (Klages), ZeitRaum, Kontinuität – Diskontinuität, Leben – Form (Simmel), haben zunächst nur Phänomencharakter und sind Probleme, die allererst auf eine philosophische Durchdringung warten und, statt dass sie selbst schon als Philosophie ausgegeben werden, erst für eine Gesamtdeutung der Wirklichkeit fruchtbar gemacht werden müssten. Schritte in dieser Richtung finden sich vor allem bei Bergson, Dilthey und Simmel, wenngleich die kritische Frage nach dem Sinn des Lebens, selbst im Begriff der Selbsttranszendenz des Lebens (Simmel), wieder zurückgebogen wird in die Unergründlichkeit und Unerklärbarkeit des schöpferischen Alllebens.

Erweist sich aber das lediglich von der Alternative getragene Leben als in sich selbst gehaltlos und leer, so wird jede beliebige Interpolation möglich: die spezifische Gefahr jeder den Begriff negierenden Philosophie. Irgendein aus der Historie aufgegriffener Gehalt oder das Neue, rein um seiner verheißungsvollen Dynamik willen, wird als das ›eigentlich Wahre‹ dem Leben substituiert. Dies um so mehr, als mit dem untergründigen pantheistischen Einschlag ein unkritischer Optimismus als Kompensation des Misstrauens gegen den reflektierenden Verstand bestimmend wird, der alles Lebendige als zu bejahenden Ausdruck des Lebensgrundes verstehen lässt. Mit der so vollzogenen Nivellierung alles geschichtlich Gewordenen verbindet sich schließlich ein rein kontemplatives Verhältnis zur Geschichte, das Gegenwart und Zukunft nur noch im Modus der Vergangenheit denken lässt und gerade das verleugnet, was die Lebensphilosophie selbst entstehen ließ: die kritisch gerechtfertigte, sich von der Vergangenheit distanzierende oder für sie entscheidende Tat. Ging die historische Bewegung der Lebensphilosophie auch am Selbstwiderspruch einer begriffslosen Philosophie und an der inneren Gehaltlosigkeit ihres Grundwortes zugrunde, so bleibt doch ihre Intention als Aufgabe der Selbstunterscheidung des Begriffs vom Leben für jedes Philosophieren von Bedeutung.

H. Rickert, Die Philosophie des Lebens , Tübingen 1920

V. Jankélévitch, Deux philosophes de la vie, Guyau et Bergson , Revue philosophique·de la France, 1924, S. 402–449

F. Heinemann, Neue Wege der Philosophie. Geist – Leben – Existenz , Leipzig 1929

Ph. Lersch, Lebensphilosophie der Gegenwart , Berlin 1932

J. Kessel, M. de Unamunos Lebensphilosophie , Diss. Bochum 1937

A. Poggi, La Fiosofia come scienza del vivere , Genua 1948

H. Piñera Llera, Filosofía de la vida y filosofía existencial , Avana 1952

O. F. Bollnow, Die Lebensphilosophie , Berlin / Göttingen / Heidelberg 1958

K. Albert, Lebensphilosophie. Von den Anfängen bei Nietzsche bis zu ihrer Kritik bei Lukács , Freiburg / München 1995

K. Albert, E. Jain, Philosophie als Form des Lebens. Zur ontologischen Erneuerung der Lebensphilosophie , Freiburg / München 2000

M. Großheim, Perspektiven der Lebensphilosophie , Bonn 1999

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt