Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Lic. phil. Gerhild Tesak

Kulturphilosophie

Diejenige Teildisziplin der Philosophie, in deren Zentrum die philosophische Untersuchung der menschlichen Kultur, ihrer Bedingungen und Erscheinungsformen steht. Obwohl sie der Sache nach bereits sehr lange existiert (erste Formen finden sich beispielsweise in der griechischen Sophistik), wurde sie erst zu Beginn des 20. Jhs. als eigenständige philosophische Disziplin anerkannt. Innerdisziplinär lassen sich nicht nur einzelne Formen der methodischen Annäherung an das Phänomen Kultur unterscheiden, sondern auch verschiedene Vorstellungen davon, wofür der Begriff der Kultur inhaltlich steht.

Der Begriff Kultur kann erstens negativ definiert werden als Totalität all dessen, was nicht Natur ist. Innerhalb dieser Totalität lassen sich zweitens einzelne Kulturen, das heißt die unterschiedlichen Formen feststellen, die das Nicht-Natürliche zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten bei verschiedenen Gesellschaften angenommen hat und noch annimmt. (Nach dieser Definition sind beispielsweise die ägyptische Hochkultur und die westliche Kultur des 20. Jhs. zwei Kulturen.) Innerhalb solcher Kulturen wiederum lassen sich drittens aus dem Insgesamt kulturellen Handelns einzelne Bereiche ausgrenzen, die als ›Kultur in Reinform‹ gelten. Kultur nach diesem dritten Verständnis umfasst zum Beispiel die Bereiche Kunst und Bildung und grenzt sich deutlich ab gegen andere Bereiche, die (wie die Landwirtschaft) nach den ersten beiden Definitionen noch zum Kulturbegriff gehören. In methodischer Hinsicht unterscheidet man, je nach Weise des Zugriffs auf das Phänomen und dem dahinter stehenden Erkenntnisinteresse, prinzipiell drei verschiedene Formen von Kulturphilosophie: 1. die materiale Kulturphilosophie, 2. die formale Kulturphilosophie und 3. die philosophische Kulturkritik.

Die materiale Kulturphilosophie geht von der Annahme aus, dass die Entstehung unterschiedlicher Kulturen (nach Definition 2) sich der Bewältigung gewisser Probleme verdankt, die sich in vergleichbarer Weise allen Kulturen stellen, zu deren Lösung jedoch jede Gesellschaft (in Abhängigkeit von ihren je spezifischen Bedingungen) andere Wege einschlägt, d. h. neue Kulturformen entwickelt. Die materiale Kulturphilosophie geht der Frage nach, worin denn diese zu lösenden Probleme bzw. die von jeder Gesellschaft als solcher zu erfüllenden Aufgaben bestehen. Dabei verfährt sie generalisierend, das Ziel ihrer Untersuchung besteht darin, verallgemeinerungsfähige Antworten auf die gestellten Fragen zu gewinnen. Während der materialen Kulturphilosophie vor allem an einer inhaltlichen Bestimmung der Funktion von Kultur gelegen ist, geht das Interesse der formalen Kulturphilosophie in eine andere Richtung. Sie sucht nach den Merkmalen von Kultur, welche die rein formale Unterscheidung zwischen natürlichen und Kulturphänomenen ermöglichen. Der auf diese Weise gewonnene formale Kulturbegriff geht nicht auf die Phänomene direkt, sondern bestimmt vor allem unseren Zugriff auf dieselben, weshalb auch die Kulturwissenschaften zum Gegenstandsbereich der formalen Kulturphilosophie gehören. Die älteste und zugleich am weitesten verbreitete und populärste Form von Kulturphilosophie ist die Kulturkritik. Unbedingte Voraussetzung für jede Form von Kulturkritik (wie natürlich auch für alle erst später entstandenen Arten von Kulturphilosophie) bildet ein klares Bewusstsein von Kultur überhaupt. Das bedeutet, dass mit dem Bestehen einer Kultur noch nicht zugleich die Möglichkeit der Kritik an ihr gegeben ist, sondern dass erst die reflexive Erkenntnis der Kultur als Nicht-Natur den Bezugspunkt oder Standpunkt schafft, der notwendig ist, um eine kritische Perspektive auf die Kultur gewinnen zu können. Mit welcher Problematik die Eröffnung einer solchen Perspektive verbunden ist, wird deutlich an einem Beispiel aus den Anfängen der Kulturkritik: bei den Sophisten. Diese untersuchten die traditionellen Formen ihrer Lebensbereiche auf ihren natürlichen oder kulturellen Ursprung hin, wobei sie bemüht waren, jedes Ding und jede der untersuchten traditionellen Formen als vom Menschen erzeugtes Kulturgut zu erweisen. Die Empörung, die dieses Tun bei den damaligen Zeitgenossen hervorgerufen hat, lässt sich nur verstehen, wenn man überlegt, was diese Unterscheidung in ›natürlich‹ und ›nicht natürlich‹ für das Selbstverständnis jener Gesellschaft bedeuten musste. Solange die Menschen ihr Tun als in einer göttlich verstandenen Natur gegründet sahen, erhielt es von diesem Grund her seine übermenschliche Legitimation. Indem nun die Verbindung zu dem göttlichen Urgrund gleichsam gekappt wurde, indem man den Ursprung des menschlichen Tuns aus der Natur heraus in den Menschen selbst hineinverlegte, wurde diesem Tun damit seine unhinterfragbare Legitimation entzogen (als kulturelles Phänomen, d. h. vom Menschen Gemachtes, kann es als solches auch vom Menschen kritisiert, hinterfragt und wieder abgeschafft werden), der gesamte Bereich all dessen, was als Kultur gilt, muss nun vom Menschen selbst verantwortet werden.

Unabhängig von Zeit und Ort lässt sich sagen, dass die hier angesprochene Problematik von Legitimität und Verantwortung auch heute noch das geheime oder offene Thema jeder Diskussion über die Natur- oder Kulturbedingtheit einer Sache bildet. Auch für unsere Zeit gilt: Wird etwas als kulturelles Phänomen anerkannt, so ist damit die Einsicht in seine Beliebigkeit und in die Notwendigkeit seiner Beurteilung verbunden. Vor allen früheren Formen der Kulturkritik zeichnet sich die moderne Kritik vor allem durch ihre Form der ›reflexiven Reflektiertheit‹ aus. Zum Bewusstsein der kulturellen Bedingtheit gewisser Phänomene tritt in der Moderne das Wissen um die kulturelle Bedingtheit von Kulturkritik selbst, was bedeutet, dass ihr Maßstab und ihre Kriterien nun ihrerseits zum Gegenstand kritischer Prüfung werden. Während bei der formalen und der materialen Kulturphilosophie allfällige Wertungen mehr oder minder bewusst und gewollt mit einfließen, wird die Bewertung in der Kulturkritik explizit durch Bezugnahme auf einen Maßstab realisiert. Dabei kann sich die Kulturkritik erstens eines kulturexternen Maßstabs bedienen, sie kann zweitens einen innerkulturellen Maßstab anlegen oder drittens etwas als Maß zur Beurteilung wählen, das das zu Beurteilende oder zu Vergleichende bereits selbst in sich fasst. In exemplarischer Gestalt findet sich Kulturkritik der ersten Form bei Rousseau verwirklicht. Den kulturexternen Maßstab, an welchem die Kultur gemessen wird, bildet dort die Natur. In kritischer Absicht wird sie der Kultur (Definition 1) gegenübergestellt und das Verhältnis des Kulturmenschen zu seiner Natur als das Ergebnis eines Entfremdungsprozesses bestimmt. Jener Form von Kulturkritik, in welcher Kultur unter Rekurs auf ein Kulturfremdes kritisiert wird, steht die zweitgenannte Form einer innerkulturell vorgebrachten und orientierten Kritik gegenüber. Diese Form der Kritik erweist sich als notwendig, sobald von der Annahme des Menschen als eines autonomen Subjekts ausgegangen wird. Die Freiheit des Menschen neutralisiert die Natur in Bezug auf sein kulturelles Handeln, für das nun ausschließlich das Subjekt die Verantwortung übernehmen muss, wohingegen die Natur diesbezüglich nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann.

So erscheint es nur konsequent, wenn mit der Verantwortlichkeit der Natur auch ihre Normativität für die Kultur verschwindet und die Kulturkritik sich an innerkulturellen Maßstäben orientiert. Dies führt in der Folge dazu, dass innerhalb einer Kultur einzelne Gebiete ausgesondert werden, welche nun ihrerseits zum Maßstab für die Beurteilung der anderen Kulturbereiche (welche nun aber nicht mehr so genannt werden, weil sie Kultur nur im Sinne der zweiten Definition sind) avancieren. Während bei Rousseau die Natur dazu diente, die Kultur (im Sinne der zweiten Definition) zu kritisieren, wird in der innerkulturellen Kritik eine spezifische Ausprägung von Kultur selbst zum Maßstab, um damit diejenigen Bereiche zu kritisieren, denen die Ehre kulturellen Ausgezeichnetseins nicht zuteil wurde. Als typisches Beispiel für diese Art von Kritik (das sich in dieser Weise allerdings nur im deutschsprachigen Raum findet) sei die wertende Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation erwähnt. Sie findet sich in den unterschiedlichsten Varianten von Kant über Nietzsche bis Spengler, wobei der Begriff der Kultur inhaltlich jeweils durchaus verschieden gefasst wird. Wesentlich ist dabei nur, dass, gemessen an der sich durch ein bestimmtes Merkmal auszeichnenden Idealvorstellung von Kultur, die Zivilisation jeweils als defizitär erscheint. Eine eigenständige, dritte Form von Kulturphilosophie, die weder der inner- noch der außerkulturellen Kritik zugehört, stellt die lebensphilosophische Kulturkritik dar. In ihr wird der Begriff des Lebens, der in seiner Totalität nicht nur die Kultur, sondern auch alle Nichtkultur umschließt, zum Maßstab, auf welchen beispielsweise Kultur und Zivilisation wertend bezogen werden. Vom Leben als normativem Prinzip her wird alles, was das Leben fördert, positiv bewertet, wohingegen alles, was diesem abträglich ist, unter das negative Verdikt der Dekadenz fällt.

Neben der politischen Dauerdiskussion um die Frage, wie viel Kultur (im Sinne der 3. Definition) unsere Gesellschaft wirklich braucht, gehört nach Schnädelbach heute die Auseinandersetzung mit den Positionen des Naturalismus und des ›Kulturrelativismus‹ zu den vordringlichsten Aufgaben unserer modernen Kulturphilosophie. Der Naturalismus bestreitet, dass neben dem natürlich Gegebenen und Entstandenen noch ein von diesem total verschiedener, formal und inhaltlich deutlich abgrenzbarer Bereich der Kultur existiert. Die Folgen einer solchen Leugnung der Differenz zwischen Kultur und Natur wurden im Zusammenhang mit der Sophistik bereits unter umgekehrten Vorzeichen angesprochen. Wo Kultur nicht als ein von der Natur unabhängiger Bereich gilt, werden kulturelle Phänomene und Probleme zu natürlichen Phänomenen und Problemen, deren Lösung in den Kompetenzbereich der Naturwissenschaft fällt – und für deren Bestehen die Natur und nicht der Mensch verantwortlich ist. Im Unterschied zu den als solchen anerkannten Kulturphänomenen besteht gegenüber den geleugneten nicht mehr nur keine Pflicht zur Beurteilung und Kritik, sondern sie entziehen sich jeder Kulturkritik als nicht zu ihrem Objektkreis gehörig. Während die naturalistische Position in letzter Konsequenz so zu einer Aufhebung der Kulturkritik führt, indem sie dieser ihr Objekt entzieht, erreicht die kulturrelativistische Position dasselbe Ergebnis auf dem entgegengesetzten Weg. Der Kulturrelativismus anerkennt das gleichzeitige Bestehen der unterschiedlichsten Kulturkreise (nach Definition 2) und Kulturformen (nach Definition 3) und leitet gerade aus der Annahme der Kulturbestimmtheit des Menschen die Unmöglichkeit von Kulturkritik überhaupt ab. Insofern der Blick auf andere Kulturen und Kulturformen immer nur durch die gleichsam getönte Brille der eigenen Kultur möglich ist, verbietet sich jede Beurteilung einer fremden Kultur von vornherein. Dieser aufgeklärte wertneutrale Standpunkt verhindert nun zwar ungerechtfertigte Abwertungen, führt als praktische Folge jedoch auch die Haltung der moralischen Unverbindlichkeit im Gepäck und verfügt nicht über die geeigneten Mittel, um den durch Wertneutralität eröffneten Spielraum der Toleranz gegen nicht wertneutrale Einstellungen zu verteidigen.

F.-P. Burkhard (Hg.) Kulturphilosophie , Freiburg 2000

W. Ehrlich, Kulturphilosophie , Tübingen 1964

C.-F. Geyer, Einführung in die Philosophie der Kultur , Darmstadt 1996

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt