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Ralf Kauther

Kritizismus

Der Begriff hat zwei Hauptbedeutungen: Im engeren Sinne bezeichnet er die kritische Methode transzendentalphilosophischer Prägung, die von Kant entwickelt wurde. Gelegentlich wird Kritizismus in noch engerem Sinn auch verwendet, um die Methode / den Gehalt des kritischen Teils der kantischen Philosophie, der hauptsächlich in den drei Kritiken niedergelegt ist, zu bezeichnen. Im weiteren Sinn, der vor allem von H. Albert aufgebracht wurde, meint Kritizismus ein methodologisches Prinzip, das jede wissenschaftliche Bemühung anleiten soll. Auch in diesem Bedeutungsfeld finden sich Verwendungsweisen, in denen Kritizismus eine Schule, nicht eine schulübergreifende Methode bezeichnet. In dieser Verwendung bedeutet das Wort dasselbe wie kritischer Rationalismus, eine von Popper gegründete und von Albert weitergeführte Schule.

Das Wort taucht nur zweimal in Kants Werken auf, beide Male in 1790 erschienenen Schriften. Definitorischen Charakter hat die Stelle im zweiten Abschnitt der Polemik gegen Eberhard: Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll . Kant charakterisiert zunächst den Dogmatismus als das Verfahren, ohne vorangehende Kritik des Vernunftvermögens, also ohne erkenntnistheoretische Überlegungen, welche die prinzipiellen Grenzen der menschlichen Einsicht ausloten, metaphysische Behauptungen aufzustellen; im Gegensatz dazu bestreite der Skeptizismus gleichfalls ohne erkenntnistheoretische Fundierung – die Wahrheit schlechthin aller metaphysischer Behauptungen. »Der Kriticism des Verfahrens mit allem, was zur Metaphysik gehört, ist dagegen die Maxime eines allgemeinen Misstrauens gegen alle synthetische Sätze derselben, bevor nicht ein allgemeiner Grund ihrer Möglichkeit in den wesentlichen Bedingungen unserer Erkenntnisvermögens eingesehen worden.« Der derart eingeführte Begriff des Kritizismus zeichnet sich durch drei Bestandteile aus: Die kritische Prüfung geschieht in nicht-skeptischer Absicht, sie dient der Erarbeitung wahrer metaphysischer Behauptungen, nicht dazu, Metaphysik allgemein zurückzuweisen. Geprüft werden ausschließlich metaphysische Behauptungen. Die kritische Methode wird nicht auf empirische Urteile ausgedehnt. Zugrunde liegt die Annahme, dass empirische Urteile durch Erfahrung geprüft werden können und von grundsätzlich anderer Natur sind als die metaphysischen Behauptungen, die, wenn überhaupt, dann ohne Rekurs auf Erfahrung – oder, wie Kant sagt, vor aller Erfahrung (a priori ) – gerechtfertigt werden können, dafür aber auch notwendig wahr sind. Die Kritik metaphysischer Behauptungen im Sinne des ›Kriticism‹ ist eine transzendentalphilosophische Kritik: Eine Rechtfertigung ist nur möglich, indem die metaphysischen Behauptungen als Aussagen über Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung herausgestellt werden. Alle metaphysischen Aussagen, die nicht nachweislich (wesentliche) Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung formulieren, sind zu verwerfen. Daraus ergibt sich der Vorrang vor allen anderen Wissenschaften und eine eigentümliche Zielsetzung der Erkenntnistheorie: Nur ihre Sätze sind letztbegründbar (im Rahmen theoretischer Philosophie). Vordringliche Aufgabe der Erkenntnistheorie ist es, alle wesentlichen Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung festzustellen. Dabei versteht Kant unter wesentlichen Bedingungen offenbar diejenigen Bedingungen, die sich a priori als Implikationen des Begriffs sinnlich-vernünftiger Erkenntnis beweisen lassen. Empirische Bedingungen, wie sie etwa wahrnehmungspsychologische oder physiologische Theorien erforschen, spielen transzendentalphilosophisch keine Rolle.

Kants Zeitgenossen und unmittelbare Nachfolger verwenden Kritizismus in diesem Sinne. Im Neukantianismus bleibt Kritizismus, sofern er nicht sowieso ausschließlich die kantische Lehre im engeren Sinn bezeichnet (häufig z. B. bei Erdmann), weiterhin an die transzendentalphilosophische Lehre von der apriorischen Erkennbarkeit der Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis gebunden (z. B. Natorp, Riehl). Ebenso wird die Unterscheidung metaphysischer und empirischer Urteile beibehalten, allerdings bezieht sich die Forderung nach kritischer Prüfung jetzt häufig auf alle Behauptungen.

Generalthese des Kritizismus in der von Albert aufgebrachten Bedeutung, zuweilen neuer Kritizismus genannt, ist die Ablehnung des ›Rechtfertigungsdenkens‹, das die gesamte philosophische Tradition beherrsche, zugunsten der allumfassenden kritischen Prüfung von Behauptungen hinsichtlich ihres Erkenntniswerts. Zugrunde liegt die von Popper vehement vorgetragene Überzeugung, dass überhaupt keine abschließende Begründung irgendeiner Behauptung möglich ist. Eine konsequente Befolgung der Begründungsforderung führt nach H. Albert ins Münchhausen-Trilemma; der Forderung nach Begründung kann nur auf einem von drei Wegen nachgegangen werden: 1. Jede Aussage wird durch eine neue (fundamentalere) Aussage begründet, ohne dass das Verfahren jemals zum Ende kommt (unendlicher Regress). 2. An irgendeiner Stelle des Begründungsprozesses wird eine Aussage benutzt, um sich selbst zu rechtfertigen (logischer Zirkel). 3. Das Verfahren wird abgebrochen, es werden (angeblich) nicht weiter begründungsbedürftige Sätze behauptet. Traditionell wird die dritte Möglichkeit favorisiert, es werden selbstbegründete, letztbegründete, selbstevidente Sätze in Anspruch genommen. Derartige Behauptungen sind für Albert ausnahmslos Erzeugnisse dogmatischen Denkens; es ist unakzeptabel, weil sich prinzipiell jede Aussage ›dogmatisieren‹ lässt: Jede vorgeblich nicht bezweifelbare Behauptung ist in Wirklichkeit eine dogmatische Festsetzung. Klarerweise sind damit auch die von Kant selbst behaupteten apriorischen Sätze, die Kants Anspruch nach transzendental unbezweifelbar gerechtfertigt werden können, dogmatische Behauptungen. Der Kritizismus ist nicht mehr an transzendentalphilosophische Annahmen geknüpft, sondern widerspricht ihnen sogar.

An die Stelle der Begründungsforderung als oberster methodologischer Leitlinie tritt die kritische Prüfung. Alle Aussagen werden als prinzipiell zu prüfende Annahmen über die Wirklichkeit (Hypothesen) betrachtet und ausschließlich nach ihrer Fruchtbarkeit (Tragweite der durch sie möglichen Vorhersagen – ›Erklärungskraft‹) beurteilt. Sie bleiben so lange in Geltung, bis sie widerlegt (falsifiziert) sind. Da alle Aussagen auf gleiche Art überprüft werden müssen, fällt eine prinzipielle Unterscheidung von metaphysischen und empirischen Behauptungen weg (auch metaphysische Behauptungen, wenngleich sie nicht durch Beobachtung überprüfbar sind, stehen in der Regel in logischen Beziehungen zu direkt überprüfbaren Aussagen. Grundsätzlich nicht falsifizierbare Aussagen sind aus den Wissenschaften auszuschließen). Der neue Kritizismus vertritt eine extrem liberale Auffassung hinsichtlich der erlaubten Hypothesenbildung: Jede falsifizierbare Hypothese ist zugelassen. Dabei werden abwegige Hypothesen sogar bevorzugt, weil sie eingefahrene Denkgewohnheiten der Prüfung aussetzen. Grundsätzlich gilt: Je mehr Möglichkeiten der Falsifikation eine Hypothese bietet, desto besser ist sie. Daher sind metaphysische Aussagen willkommene Bereicherungen der Theorielandschaft, wenn sie nicht als (angebliche) apriorische Einsichten immunisiert werden, sondern überprüfbare Konsequenzen für die empirische Forschung haben.

Die Falsifikation von Aussagesystemen erfolgt immer durch den Aufweis von Widersprüchen. Solche Widersprüche aufzuspüren, ist eine vordringliche Aufgabe der Forschung (auch eine empirische Widerlegung lässt sich als Widerlegung durch Aufweis eines Widerspruchs auffassen; wenn festgestellt wird, dass eine Theorie mit einer Beobachtung kollidiert, dann muss diese Beobachtung mit den Mitteln der Theorie beschrieben worden sein und aus der Theorie ein Beobachtungssatz ableitbar sein, der mit dem Satz, der die tatsächliche Beobachtung formuliert, logisch unverträglich ist).

In diesem Zusammenhang sind zwei Probleme zu nennen: Erstens ist die Nichtwiderspruchsforderung im Kritizismus, so wie er bei Albert formuliert ist, offensichtlich unaufgebbar. Im Rahmen des klassisch logischen Rahmenwerks, in dem Albert operiert, ist das zunächst kein dogmatischer Restbestand. Die Aufgabe der Nichtwiderspruchsforderung muss in diesem Rahmen nicht unbedingt und undiskutiert abgelehnt werden, sondern wird mit dem Argument abgelehnt, dass es erkenntnisverhindernd wäre, Widersprüche zuzulassen. Der Grund besteht darin, dass nach klassisch logischen Regeln alle in einem System formulierbaren Aussagen beweisbar sind, sobald ein Widerspruch (der Form ›p & ¬p‹) beweisbar ist. Das Nichtwiderspruchsprinzip muss in diesem Rahmen also nicht immunisiert werden, es steht zur Diskussion, aber keine Methodologie, die die klassische Logik akzeptiert, kann es aufgeben, weil sie ansonsten ihr Ziel, die Förderung von Erkenntnis, total verfehlen muss. In jüngerer Zeit sind jedoch Logiken entwickelt worden, die für wissenschaftliche Zwecke durchaus diskutabel sind und in denen vereinzelte Widersprüche nicht dazu führen, dass alle Sätze im System beweisbar sind (parakonsistente Logiken). Im Lichte solcher Logiken ist es nicht ausgemacht, dass das Nichtwiderspruchsprinzip in jede viel versprechende Methodologie gehört. Zweitens weisen wissenschaftstheoretische Forschungen darauf hin, dass eine extrem liberale Hypothesenbildung nach der Maxime ›Je gewagter, je besser‹ unproduktiv ist. Sie führte (konsequent durchgeführt) dazu, dass jede Erfolg versprechende Theorie über irgendeinen kleinen oder größeren Gegenstandsbereich willkürlich ausgeweitet würde: der Gegenstandsbereich würde aufgebläht und/oder kühne Behauptungen würden hinzugefügt, beides erhöhte die Wahrscheinlichkeit der Falsifikation immens.

Weitere Kennzeichen des Kritizismus im Sinne H. Alberts sind: Erstens die Umdeutung der kantischen erkenntnistheoretischen Fragestellung als Frage nach den grundsätzlichen, a priori festzustellenden Erkenntnismöglichkeiten des Menschen als eines sinnlichen Vernunftwesens in eine technologische Frage nach der vielversprechendsten Art und Weise, fruchtbare Erkenntnisse zu gewinnen und falsche Auffassungen auszuscheiden. Daher kommen neben gattungsspezifischen Beschränkungen die psychosozialen Faktoren des Erkenntnisprozesses in den Wissenschaften in den Brennpunkt. Zweitens wird die traditionelle Unterscheidung von vorurteilsfreier Erkenntnis als Ideal wissenschaftlicher Theorien und irrationaler Entscheidung als Normalfall praktischen Handelns fallengelassen. So wie alle Erkenntnis auf Entscheidung (für eine Methode, für ein theoretisches Rahmenwerk, für ein Erkenntnisziel) beruht, also von Wertsetzungen gar nicht zu trennen ist, werden umgekehrt die sozialwissenschaftlichen Implikationen und sozialen Auswirkungen von theoretischen Erkenntnissen zur Beurteilung dieser Theorien herangezogen. Es besteht nach dem Kritizismus kein prinzipieller Unterschied zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften.

H. Albert, Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens , Tübingen 2000

K. Popper, I. Pies, M. Leschke (Hg.) Karl Poppers kritischer Rationalismus , Tübingen 1999

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt