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Lic. phil. Gerhild Tesak

Kritische Theorie

Philosophische Denkrichtung, als deren Begründer und Hauptvertreter Horkheimer, Adorno und Marcuse zu nennen sind. Habermas gilt als der bedeutendste und bekannteste Denker der kritischen Theorie in zweiter Generation. Alle genannten Philosophen sind bzw. waren Mitglieder des in Frankfurt ansässigen Instituts für Sozialforschung, weshalb die von ihnen begründete Richtung auch Frankfurter Schule genannt wird. Dieses Institut, dessen Leitung Horkheimer 1930 übernahm und zu dessen zeitweiligen Mitarbeitern auch Benjamin (dessen kunsttheoretischer Ansatz einen starken Einfluss vor allem auf Adorno ausübte), Fromm, Pollock und Löwenthal gehörten, war erst einige Jahre zuvor (1923) als außeruniversitäre Forschungsstätte für Marxismus, Sozialismus und die Probleme der Arbeiterbewegung begründet worden. Die philosophischen Frühschriften von Marx, der deutsche Idealismus (A) hegelscher Prägung, die Philosophie der Psychoanalyse und die Kulturphilosophie von Sigmund Freud und neuhegelianisch-marxistische Vorstellungen (von Korsch und Lukács) bilden das geistige Fundament, von dem aus sich das ›kritische Denken‹ entwickelt hat. Ganz allgemein formuliert, besteht die Aufgabe der kritischen Theorie darin, in enger Verbindung von Theorie und Praxis, Philosophie und Sozialwissenschaften und unter Berücksichtigung ihrer eigenen gesellschaftlichen Bedingtheit die jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse einer eingehenden Untersuchung und Kritik zu unterziehen. Analyse und Kritik dienen dem weiteren Ziel der Emanzipation der Menschen und der umfassenden Veränderung der Gesellschaft. Im Folgenden sollen zunächst der Begriff des Kritischen, durch welchen sich die kritische Theorie wesentlich definiert, und der Gegenstand bzw. das Ziel einer spezifisch kritischen Kritik untersucht werden. Im Anschluss daran folgt eine Zusammenschau der wesentlichen Punkte, welche – trotz unterschiedlicher Ausprägung der kritischen Theorie durch ihre einzelnen Vertreter – den Charakter derselben prägen.

In seinem Aufsatz von 1937 mit dem programmatischen Titel Traditionelle und kritische Theorie entwickelt Horkheimer den Gedanken einer sich spezifisch als kritisch verstehenden Philosophie. Diese bezieht ihr Selbstverständnis vor allem aus ihrer Frontstellung zur traditionellen Theorie, welche sie in all ihren Eigenschaften ablehnt. Diese traditionelle Theorie wird in ihrer Gesamtheit als nicht kritisch gebrandmarkt, weil ihr – nach Horkheimer – die Fähigkeit zur Selbstkritik abgeht. Insofern alle Theorie nicht nur aus einem gewissen gesellschaftlichen Zusammenhang heraus entsteht, sondern in diesen Entstehungszusammenhang auch weiterhin eingebettet bleibt, muss sie als gesellschaftlich bedingt betrachtet werden. Die Problematik der traditionellen Theorie besteht nun darin, dass in ihren diversen wissenschaftlichen Ausprägungen keine Möglichkeit gegeben ist, diese Verflechtung mit der Gesellschaft (und also ihre eigene gesellschaftliche Rolle) hinreichend zu reflektieren. Dieses Manko entsteht nach Horkheimer im Wesentlichen dadurch, dass ›traditionelle Theorie‹ sich auf Tatsachen bezieht, welche sie, weil diese in gewisser Hinsicht zugleich diejenigen sind, auf denen sie auch selbst beruht, nicht mehr hinterfragt. Sofern sie diese aber einfach als objektiv gegeben hinnimmt, verfällt sie damit einem folgenschweren Selbstmissverständnis. Die Tatsachen existieren nämlich nicht unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft, sondern sind vielmehr das Produkt einer allgemeinen gesellschaftlichen Praxis, welche zugleich mit den Tatsachen auch die spezifische Erfahrungsweise derselben produziert / bestimmt. So kommt es, dass die traditionelle Theorie ihr Erkenntnisstreben immer nur auf Teilaspekte richtet, wodurch sie die vorgefundene Lage als Ganze affirmiert und sie als ihre eigene Bedingung permanent aufrecht erhält beziehungsweise reproduziert. Die gesellschaftliche Praxis als solche wird von den Individuen (die ihre Träger und Erzeuger sind) nicht durchschaut, das beschriebene Zusammenspiel als solches kann nicht auf seine Vernünftigkeit bzw. Unvernünftigkeit hin befragt werden. Diese Begrenztheit herkömmlichen theoretischen Denkens aufzudecken, wird nun zur Aufgabe der kritischen Theorie. Sie versteht sich in diesem Sinne nicht als Alternative zu den kritisierten Systemen, sondern als Kritik in Reinkultur, welche die Gesellschaft als Ganze, ihre Strukturen und Theorien, zum Gegenstand hat. Als solche strebt sie keine Teilkorrekturen innerhalb des bestehenden Systems an, sondern eine Veränderung der Gesellschaft insgesamt – ein Ziel, dessen Verwirklichung von der Emanzipiertheit der Menschen abhängt, die sich endlich als Produzenten ihrer historischen Lebensformen verstehen sollen. Insofern das Ziel einer solchermaßen definierten kritischen Theorie in der Veränderung aller bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen liegt, verbietet sich in gewissem Sinn die konkrete Formulierung positiver Ziele, politischer Perspektiven, da diese durch ihre eigenen Entstehungsbedingungen wiederum selbst an die Tatsachen der bestehenden kritisierten Gesellschaft gebunden würden.

Worin manifestiert sich nun eine solch allumfassende Kritik, wo setzt die kritische Theorie konkret an, um ihren eigenen Vorgaben gerecht zu werden? – Die kritische Theorie reflektiert auf ihre eigenen Bedingungen. Insofern ihr Ziel in einer allumfassenden Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) besteht, wird diese selbst zum Ziel der Untersuchung und schließlich – in dem 1947 erschienenen und von Adorno und Horkheimer gemeinsam im amerikanischen Exil verfassten Buch Dialektik der Aufklärung – zum Zielpunkt der Kritik par excellence. Die Pointe dieses Buches, das als das eigentliche Manuskript der kritischen Theorie zu gelten hat, liegt (grob vereinfacht) darin, dass seine Autoren durch die Beschreibung einer sich in ihre eigenen Netze verstrickenden Vernunft aufdecken, inwiefern Aufklärung eigentlich nicht gelingen kann. Aufklärung als die selbstbewusste, durch die Vernunft zuwege gebrachte Befreiung von der ›Natur‹ durch deren Beherrschung wird durch ein Prinzip der Dialektik bestimmt, nach welchem die Freiheit der Preis für die Herrschaft ist, durch welche der Herrschende immer an das Beherrschte gekettet bleibt. Die Vernunft, welche die Mittel zur Selbstbefreiung des Menschen bereitstellt, produziert auch die Mechanismen der Macht, welche den Menschen unterdrücken. Ihre Vernünftigkeit erweist sich in letzter Konsequenz als irrational. Für das Unternehmen einer kritischen Theorie bedeutet das, dass die Vernunft der Aufklärung somit nicht der Standort bzw. Ausgangspunkt einer ›aufklärerischen‹ Kritik sein kann.

Nachdem auf diese Weise der Versuchung der Aufklärung eine klare Absage erteilt wurde, bleibt die Kritik auf sich selbst verwiesen. In dem Artikel Wozu noch Philosophie? formuliert Adorno diese Einsicht folgendermaßen: »Leibniz war der Kritiker des Empirismus; Kant der Leibnizens und Humes in eins; Hegel der Kants, Marx der Hegels. Bei ihnen allen war Kritik nicht die bloße Zutat zu dem, was man … ihren Entwurf genannt hätte. Sie dokumentierte keinen nach Geschmack einzunehmenden Standpunkt. Sondern sie lebte im triftigen Argument. Jene Denker hatten in Kritik die eigene Wahrheit. Sie allein, als Einheit des Problems und der Argumente, nicht die Übernahme von Thesen, hat gestiftet, was als produktive Einheit der Geschichte der Philosophie gelten mag.« Und somit kann und muss auch allein im Fortgang solcher Kritik Philosophie bestehen. In diesem Sinne sollen drei Punkte genannt werden, deren Kritisierung gewissermaßen zum Kernbereich der kritischen Theorie gehört.

Ein häufig angesprochener Kritikpunkt betrifft erstens das Phänomen der Entfremdung oder Verdinglichung des Menschen. Die industrielle Arbeitswelt ist nur ein Bereich, in welchem diese Entwicklung beobachtet wird. Die Konsumindustrie mit ihrer Werbung ist ein unbesiegbarer Kämpfer für das Stereotype. So gehört mittlerweile beispielsweise auch die Freizeit zu einem der bürokratisch verwalteten Bereiche des menschlichen Lebens, dessen gute Organisiertheit mit dem Verlust der Individualität bezahlt wird. Dass diesem Prozess der Normierung und Nivellierung nicht zuletzt auch die Kunst, zum Vergnügungsobjekt degradiert, zum Opfer fällt, wird vor allem von Adorno immer wieder beklagt. Zweitens wird das Vorherrschen einer bestimmten Denkweise konstatiert, die in ihrer Tendenz zur Quantifizierung, Formalisierung und Rationalisierung als eindimensional kritisiert wird. Die Verkennung der durch den Menschen selbst in die Natur hineingelegten Gesetzmäßigkeiten als objektive Sachzwänge, führt schließlich zu Resignation und Konformität gegenüber Verhältnissen, die in Wahrheit das Produkt menschlicher Rationalität sind. Als Protagonisten einer solchen ›instrumentellen Vernunft‹ werden vor allem die Philosophie des Pragmatismus und des Positivismus angegriffen (Positivismusstreit). Drittens wird der modernen Industriegesellschaft insgesamt (vor allem von H. Marcuse) ein Zug zur Repression vorgeworfen. So wird die Unterdrückung und Hemmung natürlicher Triebe, wie sie nach Freud zur Entwicklung sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft als Ganzer nötig ist, in der Moderne über das dazu notwendige Maß hinaus gesteigert. Als vierter und zugleich letzter der hier angesprochenen Kritikpunkte sei die durch Habermas in die Diskussion eingebrachte These von der Abhängigkeit wissenschaftlicher Forschung von einem sie leitenden Erkenntnisinteresse genannt. Habermas unterscheidet in diesem Zusammenhang ein technisches, ein praktisches und ein emanzipatorisches Interesse, welche als vorwissenschaftliche Bezugsrahmen die Richtung der Forschung wesentlich beeinflussen.

Während Adorno und Horkheimer in ihren späteren Schriften die Hoffnung auf reale Emanzipation und Veränderung der Gesellschaft weitestgehend aufgegeben zu haben scheinen, fanden vor allem die in den frühen Schriften entwickelten Gedanken der Frankfurter Schule Eingang in die Ideologie der Studentenbewegung der 60er Jahre und erreichten auf diesem Weg über den universitären Bereich hinaus unmittelbaren Einfluss auf die öffentliche Diskussion.

C. Albrecht, G. C. Behrmann, M. Bock, H. Homann, F. H. Tenbruck, Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule , Frankfurt/M. 1999

A. Waschkuhn, Kritische Theorie , München / Wien 2000

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt