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Dr. Wulff D. Rehfus

Kopernikanische Wende

→Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft eine Wende in der Metaphysik bzw. Erkenntnistheorie hin zur Transzendentalphilosophie eingeleitet, die er selbst mit der kopernikanischen Wende in der Physik der Himmelskörper vergleicht. ›Transzendental‹ bedeutet für Kant immer die Bedingung der Möglichkeit betreffend. Die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung sind die reinen Vorstellungs- bzw. Anschauungsformen Raum und Zeit, sowie die reinen Stammbegriffe des Verstandes (Kategorien). Erst durch sie gibt es überhaupt Gegenstände, aposteriorische Inhalte des Bewusstseins. Während die Tradition eine gegebene Welt annahm – entsprechend der ruhenden Erde des ptolemäischen Systems –, sieht Kant die Welt der Gegenstände als für und durch den Menschen in Erscheinung Tretendes. Zum ruhenden Pol wird jetzt die Verstandestätigkeit des erfahrenden und erkennenden Ichs, gleichsam die Sonne, durch deren Licht überhaupt etwas zu schauen da ist. Von daher sind alle Naturgesetze bloß empirisch, unverwandelbar sind allein die apriorischen Formen des Verstandes.

Die vorkantische Erkenntnistheorie geht also davon aus, dass die zu erkennende Wirklichkeit in ihrer Objektivität vorhanden ist, und das erkennende Subjekt diese rezeptiv und passiv aufnehmen muss, um sie möglichst genau zu erfassen. In diesem Sinne bestimmt das Objekt die Erkenntnis des Subjekts, die Erkenntnis richtet sich nach dem Gegenstand. Wenn dies so ist, ist es prinzipiell unmöglich, dass über die Gegenstände apriorische Aussagen gemacht werden können, durch die die Erkenntnis der Gegenstände erweitert wird. Das Beispiel der Mathematik und der Naturwissenschaft zeige aber, so Kant, dass sehr wohl apriorische, synthetische Urteile möglich sind.

Es besteht folgendes Analogieverhältnis: So wie Kopernikus das Bewegungssystem Erde – Sonne revolutioniert hat, verwandelte Kant die Beziehung der Gegenstände der Erkenntnis zum erkennenden Subjekt. Kopernikus habe die Bewegung der Himmelskörper genau dadurch erklärt, dass er nicht das erkennende Subjekt zum Fixpunkt machte, um den sich die Sterne drehen, sondern umgekehrt die Sonne zum Fixpunkt machte, um den sich der erkennende Mensch drehe. Er erkannte also, dass nicht die Erde im Mittelpunkt aller Rotationsbewegungen des Universums steht, sondern dass sie selbst in einer Kreisbahn um die Sonne läuft. Kant sieht seine transzendentalphilosophische Wende in vergleichbarer Art:

In einer gewagten Analogie möchte Kant also eine solche Wendung auch in der Metaphysik bzw. Erkenntnistheorie durchführen. Gewagt deshalb, weil Kant im Gegensatz zu Kopernikus das erkennende Subjekt zum ›Fixpunkt‹ der Erkenntnis macht: »Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen« (KV , B XVII). Der zu erkennende Gegenstand richtet sich also nach dem menschlichen Erkenntnisvermögen. Also steht nach Kant der Mensch (bei Ptolemäus die Erde) im Mittelpunkt der Erkenntnis, während für Kopernikus die Sonne das Zentrum des Weltalls wird. In einer gewissen Weise lässt sich die kopernikanische Wende jedoch auch als eine Radikalisierung des kopernikanischen Neuansatzes in der Physik interpretieren: Sie ist insofern noch radikaler als die des Kopernikus, als sie nicht nur Eingriffe in die Hierarchie von Zentrum und Peripherie vornimmt, sondern die Welt der Gegenstände mit einem Schlag ihrer Selbständigkeit beraubt und an ihre Stelle den denkend die Welt der Erscheinung konstituierenden Menschen setzt. Der Preis dieser ›Subjektivierung‹ ist allerdings hoch: Denn diese kopernikanische Wende besagt, dass der Mensch die Welt ›an sich‹ gar nicht erfassen kann, sondern nur noch die Welt, wie sie für den Menschen erscheint. Es ergibt sich also, dass der Mensch »nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen« kann. Die menschliche Erkenntnis zeichnet sich also dadurch aus, »dass sie nämlich nur auf Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns unerkannt, liegen lasse« (KV , B XX). Ergebnis der kopernikanischen Wende ist damit ein erkenntnistheoretischer Dualismus, der alle Fragen nach der ›Welt an sich‹ abweisen muss (dies ist der Kern des kantischen Kritizismus) und sich nur noch damit befassen kann, welche Bedingungen der Möglichkeit erfüllt sein müssen, damit der Mensch Erkenntnisse im Bereich der Erscheinungen machen kann. Wodurch dann sofort das Problem auftritt, wie gewährleistet werden kann, dass Erkenntnisse im Bereich der Erscheinung Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Dies Problem löst Kant durch seine ›Vermögensphilosophie‹, d. h. dadurch, dass er dem Menschen schlechthin ein und dieselben (apriorischen) Erkenntnisvermögen unterstellt, sodass dadurch gewährleistet ist, dass alle Menschen notwendig dieselben Erkenntnisleistungen bezüglich der erscheinenden Welt vollziehen müssen.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt