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PD Dr. Petra Kolmer

Konstruktivismus

Von lat. constructio , ›Zusammenfügung‹: Sammelbegriff zur Bezeichnung von Ansätzen in der Philosophie bzw. Wissenschaftstheorie des 20. Jhs., denen zufolge eine akzeptable (abschließbare, nicht zirkuläre und vor allem undogmatische) Begründung unseres wissenschaftlichen Wissens (d. h. eine Sicherstellung, dass der Anspruch auf Wahrheit, der für wissenschaftliche Aussagen erhoben wird, zu Recht besteht), nur auf dem Weg der Konstruktion erreicht werden kann. Was dann auch immer näherhin unter Konstruktion verstanden wird, der Terminus steht im Allgemeinen für das Programm einer Neubegründung vorhandener Wissenschaften durch schrittweise übersehbaren und gerechtfertigten (Neu-)Aufbau (im Ausgang von unstrittigen Auffassungen und Praktiken des Alltags), für den zweierlei vor allem kennzeichnend ist: a) dass kein wissenschaftliches Hilfsmittel verwendet wird, das nicht bei vorhergehenden Schritten schon zur Verfügung gestellt worden ist; und b) dass er sich sowohl auf die wissenschaftlichen Aussagebereiche (Theorien) als auch auf die Gegenstandsbereiche bezieht, denen die Theorien gelten. D.h.: Der Konstruktivismus schließt konstruktive Gegenstandskonstitution ein.

In historischer Hinsicht bezeichnet der Ausdruck zunächst eine Reihe von Ansätzen zur Neubegründung der Mathematik (Brouwer), später entsprechende Ansätze, die sich (im Anschluss an Dingler) auf die ›exakten‹ Wissenschaften überhaupt beziehen (also auf Logik, Mathematik und empirische Naturwissenschaften). Heute umfasst das konstruktivistische Begründungsprogramm in der von Lorenzen ins Leben gerufenen Erlanger (wie auch der Konstanzer) Schule der Wissenschaftstheorie – darüber hinaus auch die so genannten ›Kulturwissenschaften‹ (d. h. die Sozial- und Geisteswissenschaften inklusive der Ethik). Der Konstruktivismus tritt in einer Vielzahl von Ausprägungen auf, die durch verschiedene Konstruktionsbegriffe (damit auch durch verschiedene Begründungs- und Wahrheitsbegriffe) voneinander getrennt sind. Diese kommen aber doch in ihrer Wendung gegen philosophische bzw. wissenschaftstheoretische Positionen überein, die eine Begründung des wissenschaftlichen Wissen auf dem Wege nur einer (widerspruchsfreien) Ableitung von Sätzen aus Sätzen zu erreichen suchen. Ein solches Begründungsprogramm ist in der Perspektive des Konstruktivismus insofern problematisch, weil es nicht ohne (gleichsam ›dogmatische‹) Festsetzung von Sätzen als Grund-Sätzen auskommen kann, die dann als einer Begründung weder fähig noch bedürftig (als Axiome) gelten. Demgegenüber geht der Konstruktivismus davon aus, dass sich – eben durch Konstruktion – auch diejenigen Sätze (und auch Begriffe) noch absichern lassen, die in den Wissenschaften den Status von Grundsätzen (bzw. Grundbegriffen) gewonnen haben. So zeigte z. B. Dingler, dass sich die Grundbegriffe der euklidischen Geometrie (etwa der Begriff der Ebene) durch Konstruktionsverfahren, die sich aus Elementen handwerklicher Tätigkeiten zusammensetzen (im angesprochenen Fall: durch das Aneinanderreiben von drei starren Körpern), in Raum und Zeit realisieren, dadurch anschaulich und evident machen und auf diese Weise (und in dieser Bedeutung) begründen lassen.

Konstruktionsverfahren folgen Regeln. Wenigstens zwei Typen von Regeln werden heute unterschieden: 1. Regeln, die den Aufbau von Gegenstandsbereichen betreffen, seien es Regeln zur Erzeugung von formalen Symbolfiguren wie in der Arithmetik (nach Brouwer), oder Regeln zur handwerklichen Herstellung materialer Gegenstände wie in der Geometrie (nach Dingler); 2. Regeln, die den Aufbau von wissenschaftlichen Aussagebereichen betreffen: vor allem (nach Lorenzen, auch Kamlah) Regeln zur Regulierung von Rede und Gegenrede in einem Diskurs (konstruktive Dialogregeln).

Zur Geschichte: Ansätze, die in der Konstruktion das Prinzip für die Begründung wissenschaftlichen Wissens sehen, konstruktivistische Positionen also, sind ein Phänomen des 20. Jhs. Der Konstruktionsgedanke selbst aber – er entspringt dem Bereich der Mathematik – hat eine lange Tradition. Kurz zu erwähnen, weil für das Verständnis des Konstruktivismus relevant, sind (in grober Auswahl) folgende Positionen: 1. die mathematische Schule des Eudoxos, in der kritisch gegen die philosophische Schule Platons geltend gemacht wurde, dass die Existenz eines mathematischen Gegenstandes allererst in der Konstruktion entsteht und nicht im Sinne der Platoniker sozusagen ›immer schon‹ gegeben ist; 2. die Position Euklids, der, wie in der Neuzeit (A) dann 3. Kant, die Auffassung vertrat, dass für die Existenz eines mathematischen Gebildes dessen Konstruktion erforderlich ist. Dabei ist vor allem Kants Position für die Anfänge des Konstruktivismus bedeutungsvoll gewesen: Kant suchte – gegen Leibniz, der den Konstruktionsgedanken auch in der Physik zur Geltung zu bringen suchte, sowie gegen Lambert, der dies darüber hinaus noch für die Logik unternahm –, das Verfahren einer Konstruktion von Begriffen im Medium der reinen sinnlichen Anschauung (d. h. in den Formen räumlichen Nebeneinanders und zeitlichen Nacheinanders), durch welches der den Begriffen korrespondierende Gegenstand (gleichsam vor dem ›geistigen Auge‹) erzeugt wird, als ein autochthones Verfahren der Mathematik (Arithmetik und Geometrie) auszuweisen. Auch wenn dieses Verfahren für Kant durchaus in anderen Wissenschaften anwendbar war (so z. B. in bestimmten Teilen der Philosophie, die von konstruierbaren – allerdings im Unterschied zur Mathematik: empirischen – Grundbegriffen ausgehen, wie die ›Metaphysik der körperlichen Natur‹), so lag für ihn hier doch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal gerade der Mathematik von der (selbst an sich nur im Medium der Begriffe operierenden) Philosophie. – Zu nennen ist 4. aber auch noch der deutsche Idealismus (A), dessen Vertreter den Konstruktionsbegriff nicht nur (erneut) auf Logik und Naturphilosophie sowie auf die Psychologie auszudehnen, sondern nun auch in der Philosophie selbst zu beheimaten suchten: So sprach z. B. Fichte (im Anschluss an Maimonides) in Bezug auf die ursprünglichen, erkenntniskonstitutiven Leistungen des Ich bzw. den Nachvollzug dieser Leistungen durch den Philosophen von ›Konstruktion‹ bzw. ›Nachkonstruktion‹.

Die ersten Ansätze des Konstruktivismus entstanden in Reaktion auf die so genannte ›Grundlagenkrise‹ der Mathematik am Ende des 19. Jhs., in der zentrale mathematische Hilfsmittel – wie aristotelische Logik und Cantors Mengenlehre – problematisch wurden. In dieser Situation unternahm Brouwer den Versuch einer Neubegründung der Mathematik unter Bezugnahme nur auf den (im Sinne Kants verstandenen) Prozess des Zählens, der, weil im Alltag mit Erfolg praktiziert, als unproblematisch gelten konnte. »Das Zählen (aber) ist der einfachste Fall eines konstruktiven Verfahrens, nach dem von einem Anfangszeichen | ausgehend in endlich vielen Schritten (›effektiv‹) jedes weitere Zählzeichen hergestellt werden kann. Brouwer forderte, daß alle Konstruktionen der Mathematik auf das Zählen zurückzuführen seien und die Logik den besonderen Anwendungsbedingungen in der Mathematik Rechnung zu tragen habe« (Mainzer). – Untersuchungen zur Konstruktion nicht mehr nur der Grundsätze bzw. Grundbegriffe (Ideen) der Arithmetik, sondern auch der klassischen empirischen Physik legte schon Dingler vor. Diese bahnten zugleich einer neuen Disziplin den Weg: der ›Protophysik‹, einer der Physik nun systematisch vorgeordneten, nicht empirischen (apriorischen) Disziplin, die sich – entsprechend der Einteilung der Physik in die Messung von a) Längen bzw. (Längen im) Raum, b) Zeit und c) träger Masse – gliedert in a) euklidische Geometrie des dreidimensionalen Raumes, genannt die ›Protophysik der Längenmessung‹, b) Chronometrie und c) Hylometrie. Dass nach Dinglers Programmatik im Rahmen der Protophysik die Grundbegriffe der Physik (z. B. ›Punkt‹, ›Gerade‹, ›Ebene‹, ›Körper‹) durch handwerkliche Herstellung der ihnen entsprechenden Gegenstände (zumindest annäherungsweise) raumzeitlich realisiert, dadurch evident und in diesem Sinne begründet werden sollten, ist oben bereits angedeutet worden.

In vielerlei Hinsicht schließt der heutige (Erlanger wie Konstanzer) Konstruktivismus an Brouwer und Dingler an, fügt jedoch deren Verständnis von Begründung und Wahrheit ein neues Begründungskonzept hinzu: Während z. B. bei Dingler Begründung letztlich auf ein vereinzeltes Ich bezogen war, dessen Handlungen die Grundbegriffe axiomatischer Theorien realisieren und dadurch begründen sollten, ist der neuere Konstruktivismus – in Übereinstimmung mit der allgemeinen Wende zur Sprachkritik und zum Prinzip der Intersubjektivität in der Philosophie des 20. Jhs. – einem konsenstheoretischen Begründungs- und Wahrheitsbegriff verpflichtet. Demzufolge gilt ein Satz dann als begründet bzw. wahr, wenn in einem zwanglosen Diskurs jeder unvoreingenommene Sachkundige ihm zustimmen könnte. Diese Konsenstheorie der Wahrheit hat den Vorteil, dass in das konstruktivistische Begründungsprogramm nun auch die (als Sätze formulierten) Regeln noch einbezogen werden können, denen man bei der Konstruktion – sei es formaler arithmetischer Symbolfiguren, sei es materieller protophysikalischer Gegenstände – folgt. Im Anschluss an Wittgensteins Sprachspieltheorie sowie den Pragmatismus von Peirce hat Lorenzen für die Bereiche der Mathematik und der Physik eine Dialogtheorie und in ihr die Regeln formuliert, nach denen sich wissenschaftliche Aussagebereiche in Rede (Angriff) und Gegenrede (Verteidigung) zwischen Gesprächspartnern (als Proponent und Opponent) auf eine allgemein akzeptable Weise aufbauen lassen.

Neben der Fortführung dieses Programms stehen im Mittelpunkt des Konstruktivismus heute: 1. der Ausbau von Teilen der Protophysik, vor allem unter der Fragestellung, ob eine konstruktivistische Begründung auch der (von Dingler noch strikt abgelehnten) nicht euklidischen Geometrie und der relativistischen Physik (nach Einstein) geleistet werden kann; und 2. die Ausdehnung des konstruktivistischen Begründungsprogramms auf den Bereich der modernen formalen Logik, in dem unter Bezug auf Dialogspiele eine (dann zur ›Protologik‹ gehörende) Begründung des Gebrauchs der logischen Partikel und der Quantoren zu liefern versucht wird; sowie auf den Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften unter Einschluss (meta-)ethischerFragestellungen wie z. B. nach der Begründung von Zwecksetzungen und Mittelvorschlägen, Werturteilen, moralischen Aussagen und praktischen Vernunftprinzipien wie dem der ›Transsubjektivität‹ (bei Schwemmer).

Probleme: Nach konstruktivistischem Selbstverständnis ist diese ›bislang stärkste Erweiterung des selbstgesetzten Aufgabenbereichs des Konstruktivismus‹ mit den Ursprüngen konstruktivistischen Denken in der Grundlagendiskussion der exakten Wissenschaften durch ein bestimmtes Ziel verbunden: Es geht darum, in komplexeren Bereichen der Lebenswelt, insbesondere der wissenschaftlichen, technischen und politischen Praxis, im Ausgang von unstrittigen Verhältnissen »Begründungen und insbesondere Rechtfertigungen schrittweise methodisch aufzubauen, sie argumentativ zu vertreten und ihrerseits begründeten Revisionen offen zu halten, und somit die Gemeinsamkeit von Orientierungen in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens effektiv mit Mitteln der Vernunft herzustellen« (Thiel). In dieser letztlich praktischen Zielsetzung ist der Konstruktivismus eine respektable Position, die in theoretischer Hinsicht allerdings nicht unproblematisch ist. Als problematisch gilt z. B., dass im Konstruktivismus nur diejenigen Wissenschaften als vernünftige Unternehmungen (normativ) ausweisbar sind, die sich konstruktivistisch rekonstruieren lassen (dies ist z. B. nicht möglich für bestimmte Teile der Ökonomie). Oder auch: Der Konstruktivismus kann dem Umstand nicht Rechnung tragen, dass – vor allem im Bereich der empirischen Wissenschaften (der Natur- und Sozialwissenschaften) – Theorien immer wieder revidiert und durch neue, erfolgversprechendere Problemlösungen ersetzt werden, d. h. dass es faktisch einen Theorienpluralismus gibt. Der Konstruktivismus zielt – in Bezug auf welchen Wissenschaftsbereich auch immer – vielmehr auf Rekonstruktion der einen und wahren Theorie, d. h. auf eine nicht nur hypothetische Wahrheit und eine nicht nur vorübergehende Sicherheit, die es im empirischen Bereich aber nicht geben kann.

L. E. J. Brouwer, Over de Grondslagen der Wiskunde , Leipzig 1907

H. Dingler, Aufsätze zur Methodik , Hamburg 1998

P. Lorenzen, O. Schwemmer, Konstruktive Logik, Ethik und Wissenschaftstheorie , 2. Aufl. Mannheim / Wien / Zürich 1975

P. Janich, Das Maß der Dinge. Protophysik von Raum, Zeit und Materie , Frankfurt/M. 1997

P. Lorenzen, Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie , Stuttgart 2000

K. Mainzer, Art. ›Konstruktivismus‹ , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Basel 1974, Sp. 1019–1021

G. Kirchgässner, Zwischen Dogma und Dogmatismusvorwurf. Bemerkungen zur Diskussion zwischen Kritischem Rationalismus und konstruktivistischer Wissenschaftstheorie , in: Jahrbuch für Sozialwissenschaft 33, 1982

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt