Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Dr. Wulff D. Rehfus

Kategorien

Von gr. kategorein , ›aussagen‹, ›zu erkennen geben‹, bzw. kategoria , ›Prädikat‹: Aristoteles stellt fest, dass von jedem Ding Unterschiedliches ausgesagt werden kann, das ihm als Eigenschaft zugesprochen wird. Ein Ding kann groß sein, rot, weich usw. Diese Eigenschaften sind gewissermaßen unterschiedliche Seinsweisen desselben Dinges, allerdings sind sie nicht gleichrangig. Eine Eigenschaft ist dominierend, nämlich die Eigenschaft, nach der ein Ding genannt wird. ›Groß‹, ›rot‹ und ›weich‹ sind keine selbstständigen Seinseinheiten, vielmehr sind sie Eigenschaften eines Gegenstandes, z. B. eines Sessels. Die dominierende Eigenschaft eines Dinges nennt Aristoteles die Substanz. Die Substanz tritt an die Stelle von Platons Idee. Sie ist sozusagen das Wesen einer Sache, die aber nicht in einem Reich der Idee ihren ontologischen Ort hat, sondern im Seienden (Sein) selbst. Die Substanz zeichnet sich durch zwei Momente aus: Sie ist choriston , ungetrennt, was bedeutet, dass die Substanz etwas ist, das nicht weiter zerlegbar ist und notwendigerweise zusammen mit Materie ›existiert‹ und für und aus sich allein bestehen kann. Zweitens ist sie akineton , unbewegt, was bedeutet, dass sie das gleich bleibende Wesen (ousia ) der Einzeldinge ausmacht. Als solch ›Konkretes‹ (von lat. concrescere , zusammenwachsen) hat sie auch noch andere Eigenschaften: Solche, die die Substanz inhaltlich bestimmen, die ›zweite Substanz‹, die sozusagen die Substanzialität der Substanz ausmacht. Denn Seiendes wird in Definitionen bestimmt, und Definitionen verbinden immer ein Gattungsmerkmal (genus proximum ) mit einem ›artbildenden Unterschied‹ (differentia specifica ). So ist ›Mensch‹ (erste Substanz) bestimmt als ein Lebewesen (Gattungsbegriff), das mit Vernunft (zweite Substanz, artbildender Unterschied) begabt ist. Es gibt noch weitere Kategorien (Eigenschaften), die der Substanz hinzugefügt werden können, ohne diese jedoch in ihrem Wesenskern zu verändern, die insofern zufällig sind und deshalb auch fehlen oder andere sein könnten. Ob ein Tisch rot oder blau ist, ändert nichts an seinem ›Tischsein‹. Diese äußerlichen Eigenschaften nennt Aristoteles Akzidenzien. Die Substanz ist die einzige Kategorie, die selbstständiges Sein besitzt, alle anderen Kategorien sind unselbstständige Eigenschaften, eben Akzidenzien, die zu ihrer Existenz einer Substanz bedürfen und zu dieser hinzutreten können, dann aber mit ihr verbunden sind.

Zehn solche Kategorien kennt Aristoteles: Die erste Kategorie ist die Substanz (ousia ), dazu kommen: Quantität (poson ), Qualität (poion ), Relation (pros ti , Beziehung), Raum / Ort (pou ), Zeit (pote ), Lage (keisthai ), Haben / Verhalten (echein ), Wirken / Tun (poiein ) und Leiden (paschein ). Substanzen haben also gemeinsame Kategorien. Als solche sind die Kategorien nicht singulär, individuell, vielmehr sind sie etwas Allgemeines, Universelles. Diese Universalität der Akzidenzien ist nur denkerisch klassifizierbar, was nicht heißt, dass sie auch einen ontologischen Status hätten, sie ›existieren‹ nicht selbstständig wie die Substanz: Die ›Weichheit‹ kann sowohl die (zufällige) Eigenschaft (Akzidens) eines Sessels als auch eines Kissens sein. Deshalb kann sie denkerisch klar getrennt werden von der Substanz, ohne dass aber die ›Weichheit‹ in gleicher Weise existiert wie der Sessel.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen der aristotelischen Metaphysik und Platons Ontologie. Platon spricht allen in der Erscheinungswelt erfahrbaren Eigenschaften eine Idee zu, deren Abbild sie sind, insofern entspricht allen Erscheinungen eine ontologische Entität, Seinseinheit. Aristoteles dagegen analysiert denkerisch die seiende Wirklichkeit ohne zu behaupten, dass den Kategorien, gemäß denen Dinge gedacht werden, eine irgend geartete ontologische Existenz und Wirklichkeit entspräche. Aus den gedachten Kategorien ontologische Ideen gemacht zu haben, wirft Aristoteles Platon als Fehler vor; gleichzeitig formuliert er ein Problem, mit dem sich das gesamte Mittelalter (A) ergebnislos beschäftigt hat: Was ist der ontologische Status der Kategorien, nämlich der Universalien (Universalienstreit)? Wobei im Prinzip um die zweite Substanz (den artbildende Unterschied) gestritten wurde. In der Scholastik wurden sechs Kategorien (›Prädikabilien‹) angenommen: Sein bzw. Wesen, Qualität, Quantität, Bewegung (Veränderung), Beziehung und Sich-Verhalten (Habitus).

Kant hat den Begriff der Kategorie aufgegriffen. Für ihn sind die Kategorien apriorisch, reine Begriffe des Verstandes, gemäß denen die Vorstellungen geordnet bzw. klassifiziert werden, sodass die erscheinende Wirklichkeit begrifflich erkannt wird. Kant entwickelt die Kategorien aus den Urteilsformen; Urteile verstanden als Verstandesoperationen, die auf die sinnliche Erfahrung eingeschränkt sind, d. h. auf die Verknüpfung von Begriffen. Betrachtet man nun die reinen Urteilsformen (völlig unabhängig vom Inhalt der jeweiligen Urteile), dann gibt es nach Kant nur vier prinzipiell urteilende Verstandesoperationen, nämlich: 1. Urteile der Quantität: Das können allgemeine Aussagen sein (›für alle x gilt …‹), besondere (›für einige x gilt …‹) oder einzelne (›für dieses x gilt …‹). 2. Urteile der Qualität: Diese können bejahend sein (›x ist a‹), verneinend (›x ist nicht a‹) oder unendlich (›x ist nicht a, kann aber sonst alles sein‹). 3. Urteile der Relation: Diese können kategorisch sein (›x ist‹), hypothetisch (›wenn a, …dann b‹) oder disjunktiv (›entweder … oder‹). 4. Urteile der Modalität: Diese können problematisch sein (›es kann sein‹, logische Möglichkeit), assertorisch (›es ist so‹, logische Wirklichkeit) oder apodiktisch (›es muss notwendig so sein‹, logische Notwendigkeit). Bezüglich der Urteile der Quantität ist zu fragen, ob diese alle kategorisch sind. Bei den Urteilen der Qualität ergeben sich die unendlichen Urteile notwendig aus den bejahenden und verneinenden, sodass die unendlichen eigentlich überflüssig sind. Bei den Urteilen der Relation fehlt die Konjunktion (›und‹); zudem gibt es keine verneinenden Relationen. Aus diesen Urteilsformen entwickelt Kant dann die Kategorien, also »gerade so viel reine Verstandesbegriffe, welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es (…) logische Funktionen in allen möglichen Urteilen gibt: denn der Verstand ist durch gedachte Funktionen völlig erschöpft, und sein Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen« (KV , B 105). Folglich gibt es vier Kategorien, die ihrerseits in drei Unterpunkte gegliedert sind: erstens die Quantität mit den extensiven Größen Einheit, Vielheit und Allheit; zweitens die Qualität mit den intensiven Größen Realität, Negation und Limitation (Einschränkung); drittens die Relation mit Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens , Substanz, Akzidens), Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung) und Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen dem Handelnden und Leidenden); viertens die Modalität mit dem Gegensatzpaar Möglichkeit und Unmöglichkeit (nicht im logischen Sinne, sondern im transzendentalen, gemäß dem möglich ist, was den Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung nicht widerspricht), mit dem Gegensatzpaar Dasein und Nichtsein (wirklich ist, was in der Wahrnehmung gegeben ist) und dem Gegensatzpaar Notwendigkeit und Zufälligkeit (notwendig ist, was im Zusammenhang mit dem Wirklichen nach den Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist). Mit diesen vier Kategorien beansprucht Kant, »alle ursprünglich reinen Begriffe der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um derentwillen er auch nur ein reiner Verstand ist« (KV , B 106) aufgelistet zu haben.

Aristoteles, Die Kategorien , Hg. und übersetzt von I. Rath, Ditzingen 1998

I. Kant, Kritik der reinen Vernunft , in: Werke in sechs Bänden, hg. von W. Weischedel, Darmstadt 1998

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt