Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Dr. Hartmut Pätzold

Kant, Immanuel

(1724–1804): Seine Lebenszeit fällt geistesgeschichtlich in die Epoche der europäischen Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung), deren Ziel es war, den Menschen als selbstdenkendes Vernunftwesen zu begreifen und in einem groß angelegten Befreiungsprozess alle Spielarten überlieferter Autorität sowohl im Bereich der Erkenntnismethoden als auch im Feld des menschlichen Handelns ins Licht einer methodisch abgesicherten Vernunftkritik zu rücken.

Die Stichworte des Zeitalters der Französischen Revolution (etwa 1770–1815): Kritik, Vernunft und Freiheit, sind zugleich die Schlüsselbegriffe der drei Hauptschriften Kants, die zwischen 1781 und 1790 erschienen sind, der Kritik der reinen Vernunft (1781) , der Kritik der praktischen Vernunft (1788) und der Kritik der Urteilskraft (1790) . Indem Kant die aufklärerische Frage nach der Legitimität von Geltungsansprüchen auf die Philosophie selbst anwendet, gelingt ihm eine fundamentale Kritik und Umgestaltung der dogmatischen Metaphysik, die sich als Wissen vom Seienden im Ganzen auch im Besitz der Erkenntnis des Weltengrundes, also des Göttlichen und Ewigen, wähnte.

Den Leitfaden für seine Suche nach einem autonomen, wissenschaftlichen Prinzipien genügenden Philosophieren, das von allen übermenschlichen Anmaßungen der endlichen Vernunft Abstand nimmt, hat Kant in seiner Logikvorlesung in vier berühmt gewordenen Fragen zusammengefasst: »Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?«

Die diesem Fragenkatalog beigegebene Erläuterung, dass die letzte Frage alle anderen umfasse, sodass man deren Beantwortung »im Grunde zur Anthropologie rechnen« könne, macht deutlich, dass es Kant auf die Rückbindung des metaphysischen Entwurfs der Philosophie an die spezifisch menschlich-endliche Subjektivität ankommt. In diesem Sinne eines alle Gegenstände der Erkenntnis übersteigenden Rückstiegs in das Subjekt der menschlich-endlichen Vernunft als dem maßgeblichen Bezugsbereich für eine legitime Auslegung des Seienden (Sein) ist die kritische Metaphysik Kants eine Transzendentalphilosophie, die dadurch, dass sie nach den Bedingungen der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis und menschlichen Handelns fragt, die Leistungsfähigkeit und die prinzipiellen Grenzen der menschlichen Zugangsweisen zum Seienden in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses rückt.

Das von Kant entwickelte Programm der Vernunftkritik sprengt die dem ursprünglichen Bedürfnis der Vernunft entsprechende Einheit des Wahren, Guten und Schönen und analysiert die unterschiedlichen Gesetzgebungen der verschiedenen Vernunftarten im Hinblick auf ihre je besondere Reflexionskompetenz. Indem sie das dogmatische Vernunftinteresse nach Einheit und Absolutheit des Erkennens einer vernünftigen Kritik unterzieht, entfaltet die transzendentale Erkenntnistheorie ihr aufklärerisch-restriktives Potenzial: Erkenntnis wird nicht mehr verstanden als Ideenschau oder als Spiegelung einer objektiv vorhandenen Realität, sondern als funktionale Konstruktion einer Welt gemäß den Bedingungen der Endlichkeit der Vernunft, die auf sinnliche Anschauung in Raum und Zeit angewiesen ist. Nur wenn die aller Erfahrung vorausliegenden (apriorischen) Grundformen des menschlichen Denkens, die Kategorien, die Möglichkeit erhalten, sinnlich in Raum und Zeit gegebene Vorstellungen in ihren konkreten Quantitäten, Qualitäten, Relationen und Modi (Modalität) begrifflich zu bestimmen, gewinnen sie »objektive Realität«, sodass der in ihnen gefasste Sachgehalt als Sachgehalt eines Gegenstandes zur Erkenntnis wird.

Die Bindung der Erkenntnis an die Formen der sinnlichen Anschauung hat im Hinblick auf die Ansprüche der dogmatisch verfahrenden Vernunft eine weitreichende Konsequenz. Wenn uns als Menschen die Gegenstände nämlich nur so erscheinen können, wie es unsere endlichen Anschauungs- und Denkformen in ihrem synthetische Urteile ermöglichenden Zusammenspiel erlauben, dann gerät mit dieser Grenzziehung für legitime Erkenntnisse der höchste metaphysische Gedanke, der Gottesgedanke, in eine grundsätzliche Krise, denn der Begriff eines übersinnlichen Wesens vermag unmöglich in Raum und Zeit zu erscheinen. Aus transzendental-kritischer Sicht können deshalb die Lehren vom Immerseienden und von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele keine Themen der theoretischen Philosophie mehr sein.

Das von Kant vorgelegte Angebot zur Rettung des Vertrauens in die Vernunft als einem Ort der Suche nach der Wahrheit über das Seiende im Ganzen besteht darin, dass er die Erkenntnis des Weltengrundes zur Glaubenssache der praktischen Vernunft erklärt. Um praktische Ziele setzen zu können, wo sicheres Wissen nicht möglich ist, macht Kant den Begriff der Freiheit zum Fundament der transzendentalen Metaphysik. Alle endlichen Naturdinge unterstehen dem Gesetz der Kausalität aus Wirkursachen. Infolgedessen kennen sie keine Selbstbestimmung. Nur der menschliche Wille ist, sofern er sich als vernünftig begreift, in der Lage, aus sich selbst heraus zu bestimmen, was moralisch gut ist; denn es steht ihm frei, ob er sich zu jener Verpflichtung aller Vernunftwesen bekennen will, die es erfordert, dass er die Grundsätze (Maximen) seines Handelns dem kategorischen Imperativ und damit den Einsichten der praktischen Vernunft unterstellt.

Wenn sich der menschliche Wille unabhängig von Naturursachen, natürlichen Bedürfnissen und von außen an ihn herangetragenen Geboten aus Achtung vor dem Sittengesetz zur Tat entschließen kann, beweist er durch sein Handeln auch in der Sinnenwelt zumindest punktuell ein wirkliches Freisein von den Bedingungen der Natur. Dies heißt aber zugleich auch, dass der Mensch sich immer erst zu dem machen muss, was er seiner Bestimmung nach ist. Der Fortschritt zu mehr Humanität folgt keinem Automatismus. Der in das Reich freier Selbstgesetzgebung entlassene, moralisch handelnde Mensch darf nach Kant hoffen, dass ihn der kategorische Imperativ, der ihm die Achtung vor der Persönlichkeit des Anderen gebietet, nicht zu einer Zielsetzung verpflichtet, für deren Erreichen die Bedingungen ausbleiben. Angesichts der Unzulänglichkeit und Todesverfallenheit seines Leibes, der ihn dazu verurteilt, das Reich der Freiheit immer nur als ein erstrebtes, niemals aber als ein an und für sich vollbrachtes zu erfahren, erweist sich für den Menschen auf Grund seines praktischen Vernunftinteresses der Glaube an einen gerechten Gott als ein unverzichtbares Postulat, eine »nützliche Idee«, die theoretisch weder beweisbar noch widerlegbar ist, der aber als Bindeglied zwischen dem vom guten Willen Gesollten als dem Projekt naturunabhängig handelnder Individuen und der durch Sinnlichkeit und Tod bestimmten existenziellen Wirklichkeit des Menschen im endlichen Bewusstsein eine bedeutsame Vermittlungsfunktion zukommt.

Da Kant sich darüber im Klaren ist, dass die moralische Freiheit ohne die äußere Freiheit in der gesellschaftlichen Realität nicht wirksamwerden kann, befasst er sich nach dem Abschluss seiner grundlegenden Arbeiten zur transzendentalphilosophischen Transformation der Metaphysik in der 1797 erschienenen Schrift zur Metaphysik der Sitten auch mit dem Vernunftbegriff des Rechts, dessen Entfaltung nicht zuletzt Einspruch gegen die tendenziell totalitäre Forderung erhebt, Recht und Staat hätten die Moralität ihrer Bürger zu befördern.

Kant versteht die Rechtsgemeinschaft als Gemeinschaft von freien, zur Selbstbestimmung fähigen Subjekten, die den äußeren Gebrauch der einem jeden zustehenden Freiheit so regelt, dass die für alle Bürger verbleibenden Freiheitsspielräume das vertretbare Maximum erreichen, ohne dabei wechselseitige Beeinträchtigungen hervorzurufen. Kants Rechtsdefinition zeigt, dass das in den republikanischen Verfassungen Amerikas und Europas verankerte Menschenrecht auf Freiheit seinen ideellen Ursprung einem Menschenbild verdankt, dem es darauf ankommt, das über Jahrhunderte tradierte Paradigma von der Gottesherrschaft über Mensch und Natur durch die Vorstellung von einer moralischen Würde und Unsterblichkeit des Menschen zu ersetzen.

Es lässt sich unschwer erkennen, dass zentrale Begriffe und Probleme der Philosophie Kants – ungeachtet aller Kritik an einzelnen Lösungsstrategien – bis heute überall dort die philosophische, ja sogar die verfassungsrechtliche Diskussion bestimmen, wo das Programm einer von der Vernunft selbst gesteuerten Vernunftkritik weiter verfolgt wird, ohne dass das grundsätzliche Vertrauen in die Vernunft dabei zur Disposition steht. In der auf Kant zurückgehenden zeitgenössischen Vernunftkritik lassen sich zwei transzendentalphilosophische Konzepte unterscheiden, deren gemeinsamer Nenner in der Hervorhebung der Sprachlichkeit aller menschlichen Erkenntnis liegt. Die Theoretiker der kommunikativen Vernunft ergänzen Kants Analyse der Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung durch eine Untersuchung der Bedingungen der Möglichkeit zwischenmenschlicher Verständigung über das Erkannte. Die von Apel und Habermas entwickelten Entwürfe einer Theorie der Kommunikationsgemeinschaft vollziehen eine Wendung vom transzendentalen Selbstbewusstsein als der entscheidenden Instanz für die Stiftung von Objektivität der Erkenntnis zur idealen Kommunikationsgemeinschaft, die argumentativ die Bedingungen von Wissenschaft, die Richtigkeit von Handlungen und deren Maximen und die Angemessenheit sprachlicher Ausdrücke festlegen soll.

Andere Richtungen der heutigen Vernunftkritik sehen im Aufklärungskonzept Kants insofern die Gefahr einer »Vernunftverwirrung« (Lyotard) angelegt, als trotz aller Unterscheidungen der Vernunftinteressen die Einheit der Vernunft letztlich doch gewahrt bleibe, weshalb die theoretische Vernunft auch dazu tendiere, auf die moralischen, politischen und ästhetischen Ordnungen in der Welt überzugreifen. Die Grundeinsicht Kants, dass für den Menschen nur das Gegenstand der Erkenntnis sein kann, was durch die spezifischen Weisen seines Zugangs zur Welt konstruiert wird, bleibt für Cassirers semiotische Transformation der kantischen Transzendentalphilosophie ebenso konstitutiv wie für die verschiedenen Varianten des Konstruktivismus oder das postmoderne Konzept einer pluralen transversalen Vernunft (Welsch). Die Selbsteinschätzung Kants, die Bedingungen menschlicher Erkenntnis überhaupt analysiert zu haben, weicht in diesen philosophischen Entwürfen allerdings der Hypothese, dass Kant nur die Bedingungen eines bestimmten, nämlich eines naturwissenschaftlichen Typs von Rationalität formuliert habe.

Wenn es sich tatsächlich als Aufgabe einer zukünftigen kritischen Philosophie herausstellen sollte, alle symbolischen Darstellungsleistungen des Menschen – auch die mythischen und ästhetischen – als gleichberechtigte Umgangsweisen mit der Welt ernst zu nehmen, dann stünde das rationalistische Bewusstsein der Moderne vor einer neuen fundamentalen Krise, deren Ausmaße denen des Übergangs von der dogmatischen zur kritischen Metaphysik durchaus entsprächen.

I. Kant, Werke in sechs Bänden , Studienausgabe. Hg. von Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1998

G. Böhme, Philosophieren mit Kant. Zur Rekonstruktion der Kantischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie , Frankfurt/M. 1986

O. Höffe, Immanuel Kant , 3. Aufl. München 1992

G. Schulte, Immanuel Kant , Frankfurt/M. 1991

K.-H. Volkmann-Schluck, Kants transzendentale Metaphysik und die Begründung der Naturwissenschaften , Hg. von L. Koch / I. Strohmeyer, Würzburg 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt