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Dr. Axel Spree

James, William

(1842–1910): Obwohl James, geboren am 11. Januar in New York, gestorben am 26. August in Chocorua, New Hampshire, allgemein zu den wichtigsten amerikanischen Denkern gezählt wird, ist gerade seine philosophische Reputation doch nicht unumstritten. Während seine 1890 erschienenen Principles of Psychology bis heute zu den Klassikern der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie gezählt werden, ist seinen philosophischen Schriften – insbesondere außerhalb der Vereinigten Staaten – nie die Beachtung zugekommen, die sie verdient hätten. Für viele gilt James als derjenige, der den Pragmatismus seines Freundes Peirce in unzulässiger Weise verkürzte, vergröberte und popularisierte. Erst in neuerer Zeit hat ein wieder erstarktes Interesse am Pragmatismus allgemein auch zu einer erneuten Beschäftigung mit James geführt. Mittlerweile wird er sogar zu den Begründern der so genannten postmodernen Philosophie gezählt.

James kam erst verhältnismäßig spät zur Philosophie; der Schwerpunkt seines Forschens lag zunächst im Bereich der Psychologie. Auf diesem Gebiet suchte er den Ausweg aus dem von ihm diagnostizierten Dilemma zwischen einem religiös begründeten Glauben an den freien Willen auf der einen Seite und einem wissenschaftlich begründeten, deterministischen Weltbild auf der anderen. Auf rein naturwissenschaftlichem Weg ließ sich das Phänomen des spontanen freien Willens nicht erklären. Auf der Grundlage seiner funktionalistischen Psychologie, die auch Einflüsse der Evolutionstheorie Darwins erkennen lässt, konnte James aber den psychischen Leistungen des Menschen eine Funktion für die Bewältigung der Umwelt und somit für das Überleben des Organismus zusprechen. In der 1897 erschienenen Aufsatzsammlung The Will to Believe and Other Essays in Popular Philosophy tritt dieses Problem zum ersten Mal als James’ zentrales philosophisches Anliegen in Erscheinung: die Verbindung oder gar Versöhnung des moralischen und religiösen Lebens und damit auch des Glaubens an Gott mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, die diesen Glauben in Frage zu stellen scheinen. James vertritt die These, dass in vermeintlich rein rationale Entscheidungen des Menschen immer auch Vorlieben, Interessen und Glaubensvorstellungen eingehen. Daraus leitet er eine Rechtfertigung des Glaubens ab, also das Recht, sich in religiösen Fragen auf den Standpunkt des Glaubens und nicht der Wissenschaft zu stellen, auch wenn dies den Ergebnissen des logisch denkenden Verstandes zu widersprechen scheint. Bereits die Formulierung dieses Problems, vor allem aber die von James gebotene philosophische Lösung, trägt deutlich pragmatistische Züge, wenn er auch den Ausdruck selbst erst ein Jahr später auf seine Philosophie anwendet.

In den Vorlesungen Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking von 1907 (dt.: Pragmatismus: Ein neuer Name für einige alte Denkweisen ) gibt James eine Zusammenfassung seiner Philosophie des Pragmatismus, die zwar an Peirce anschließt, jedoch weit über dessen ursprüngliches Ziel hinaus geht. James stellt zwei Aspekte heraus: Zum einen liefere der Pragmatismus eine Methode zur Schlichtung philosophischer und wissenschaftlicher Streitigkeiten und damit letztlich eine Methode zur Klärung philosophischer und wissenschaftlicher Begriffe. Die Anwendung dieser Methode besteht darin, sich angesichts unterschiedlicher Ansichten über die Welt bzw. divergenter Begriffsauffassungen die jeweiligen praktischen Konsequenzen für das Handeln klar zu machen, die aus den verschiedenen Auffassungen resultieren. Begriffliche Unterscheidungen, die nicht zu Unterschieden im praktischen Handeln führen, können anhand dieses Kriteriums als sinnlos aussortiert werden. Diese Vorgehensweise impliziert einen Verzicht auf abschließende Urteile, denn die das Handeln leitenden Interessen können Veränderungen unterliegen; das von James gegebene Kriterium ist also ein variables oder dynamisches, kein statisches.

In der Formulierung der pragmatistischen Methode stimmt James noch weitgehend mit der Position von Peirce überein, die dieser bereits 1878 in seiner »pragmatischen Maxime« zusammengefasst hatte. James geht jedoch über Peirce hinaus, indem er den Pragmatismus zum Zweiten auch zur Begründung einer Theorie des Denkens, des Handelns, der Bedeutung und nicht zuletzt auch der Wahrheit benutzt. Für James besteht die Aufgabe des Denkens nicht in der Erkenntnis ein für allemal gegebener Sachverhalte, sondern vielmehr in der Orientierung in einer Welt, über deren objektive oder absolute Gestalt wir keine verlässlichen Aussagen treffen können. Das Denken dient demnach ebenso wie das Handeln eher der Verwirklichung bestimmter Interessen und der Erreichung bestimmter Ziele als der Erkenntnis im traditionellen Verständnis. Vor diesem Hintergrund wird auch das philosophisch zentrale Problem der Wahrheit angegangen. Zwar bestimmt James ›Wahrheit‹ zunächst ganz konventionell als Übereinstimmung eines Gedankens, einer Vorstellung oder einer Aussage mit der Wirklichkeit; die pragmatistische Definition der Begriffe ›Übereinstimmung‹ und ›Wirklichkeit‹ führt jedoch zu einer vollständigen Umdeutung dieser korrespondenztheoretischen Wahrheitsauffassung. Wenn nämlich Übereinstimmung mit der Wirklichkeit bedeutet, dass man ein realistisches Bild eines Gegenstands oder eines Sachverhalts besitzt, so kann dies streng genommen nur auf solche Gegenstände zutreffen, die einer unmittelbaren Verifikation durch direkte Wahrnehmung offen stehen. Wie aber steht es mit dem realistischen Bild bei abstrakten Vorstellungen wie beispielsweise der Elastizität einer Uhrfeder? Solche Vorstellungen lassen sich nach James nur durch die Untersuchung der praktischen Konsequenzen verifizieren, die diese Vorstellungen mit sich bringen. Wenn eine nicht auf direktem Wege zu verifizierende Vorstellung ›funktioniert‹, wenn sie uns also in intellektueller oder praktischer Hinsicht ›weiter bringt‹ und unseren anderen Vorstellungen und Überzeugungen nicht widerspricht, so gilt sie als wahr. Diese an bestimmten Sonderfällen gewonnene Wahrheitsauffassung überträgt James auf die Wahrheit im Allgemeinen. Wahrheit kann demnach nicht als statische Relation zwischen einer Vorstellung oder einer Aussage und der Wirklichkeit aufgefasst werden, sondern vielmehr als ein dynamischer Prozess, als Prozess der Verifikation nämlich, in dessen Verlauf bestimmte Vorstellungen ›wahr gemacht‹ werden.

Insbesondere in James’ Rede vom cash-value (»Barwert«) der Wahrheit zeigt sich ein Zug, der eine vor allem außerhalb der USA verbreitete Grundsatzkritik am Pragmatismus als Ganzem begünstigte. Demnach stellt der Pragmatismus eine typisch amerikanische ›Finanzphilosophie‹ dar, in der die Gesetze des Marktes auf Fragen der Wahrheit und Moral übertragen wurden; marxistische Kritiker sahen im Pragmatismus gar einen »integrierenden Bestandteil der Ideologie des amerikanischen Imperialismus«. Aus heutiger Sicht erweist sich James’ metaphorische Gleichsetzung von Geld und Wahrheit – wenn man von ihren zweifelhaften ›moralischen‹ Implikationen absieht – durchaus als modern und diskussionswürdig; die Übereinstimmung mit aktuellen Auffassungen der Wahrheit, die nicht an sich und absolut existiert, sondern immer im Zusammenhang symbolischer Interaktionsprozesse und gekoppelt an Interessen, Vorlieben und Ziele gesehen werden muss, rückt James für manche Autoren in die Nähe postmodernen Denkens. Die Wahrheit über James’ Wahrheitstheorie dürfte freilich irgendwo in der Mitte zwischen diesen extremen Deutungen zu suchen sein.

Für die »bleibende Aktualität William James’« (H. Putnam) sind nicht zuletzt auch die pluralistischen Konsequenzen verantwortlich, die James selbst in seinen Vorlesungen A Pluralistic Universe (1909 ; dt. Das pluralistische Universum ) zog und die heute beispielsweise in politikwissenschaftlichen Zusammenhängen zunehmend eine Rolle spielen. Aufbauend auf der Grundposition des Pragmatismus, dass nämlich die Wirklichkeit nicht absolut und unabänderlich ist, sondern entsprechend den Erfahrungen und des Handelns stets neu geformt wird, deutet James die Welt (oder das Universum) nicht als Einheit, sondern als Vielheit, nämlich als »Multiversum«. Dieser Begriff beschreibt für James eine Vielheit von Dingen, Eigenschaften, Erfahrungen usw., die nicht durch ein gemeinsames, ewiges oder universales Grundprinzip zusammengehalten werden, sondern eigenständig und unabhängig voneinander existieren und in vielfältige Beziehungen zueinander gesetzt werden können. Zwar kennt auch James’ pluralistische »Philosophie des UND« durchaus den Begriff der Einheit; allerdings wird diese Einheit nicht als gegebene, sondern als zu suchende aufgefasst, sodass auch hier das pragmatistische Motiv des praktischen Handelns gegenüber dem passiven Erkennen in den Vordergrund tritt.

W. James, Das pluralistische Universum. Vorlesungen über die gegenwärtige Lage der Philosophie , Ins Deutsche übertragen von J. Goldstein. Mit einer neuen Einführung hg. von K. Schubert und U. Wilkesmann, Darmstadt 1994 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1914]

W. James, Pragmatismus. Ein neuer Name für einige alte Denkweisen , [1906], Übersetzt und hg. von K. Schubert und A. Spree, Darmstadt 2000

H. Putnam, Pragmatismus. Eine offene Frage , Frankfurt/M. / New York 1995

R. Diaz-Bone, K. Schubert, William James zur Einführung , Hamburg 1996

The Cambridge Companion to William James , Hg. von Ruth Anna Putnam, Cambridge 1997

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt