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Dr. Thomas Blume

Intentionalität

Von lat. indendere , ›sich auf etwas wenden‹: Begriff zur Bezeichnung der Gerichtetheit im Allgemeinen, der Gerichtetheit des Bewusstseins auf einen Gegenstand im Besonderen. In die aktuelle Debatte wurde der Begriff von Brentano eingeführt, der Intentionalität als Kriterium benutzt, um zwischen Psychischem und Physischem zu unterscheiden und der mit dieser Unterscheidung die Psychologie gegenüber den naturalistischen Tendenzen seiner Zeit verteidigen will. Laut Brentano ist dem Psychischen eine Gerichtetheit zu eigen, die dem Physischen vollkommen fehlt. Gedanken, Wünsche, Ängste verweisen auf etwas anderes: Der Gedanke ist Gedanke von etwas; der Wunsch ist Wunsch nach etwas, die Angst ist Angst vor etwas. Wichtig dabei ist, dass der Gegenstand, auf den sich der entsprechende psychische Akt richtet, nicht selbst zu existieren braucht. Man kann sich Gedanken über Einhörner machen, ohne dass es Einhörner gibt und man kann sich etwas wünschen, das nicht erfüllbar ist.

Intentionalität wird zur zentralen Kategorie in der Phänomenologie Husserls. Allgemein bezeichnet Intentionalität bei Husserl die Gerichtetheit des Bewusstseins auf einen Gegenstand. Er erklärt sie dadurch, dass er annimmt, Empfindungsdaten, die im Bewusstsein vorkommen, erführen eine vergegenständlichende Auffassung. Empfindungen, die zunächst nur in zeitlicher Folge und in räumlichem Nebeneinander auftreten, erhalten in einem besonderen Akt, den Husserl als Apperzeption bezeichnet, eine Formung und werden so zu Gegenständen. Unterschieden von dieser Form der Intentionalität ist die Gerichtetheit des Bewusstseins auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Kommendes. Intentionalität liegt Husserl zufolge weiterhin auch dann vor, wenn etwas gedacht wird, ohne dass zugleich ein dem Gedanken entsprechender Sachverhalt anschaulich wahrgenommen würde. Hierbei handelt es sich nach Husserl um eine Leerintention. Findet diese Leerintention durch die entsprechende Anschauung Erfüllung, so ist der Satz, der den Gedanken ausdrückt, wahr. Von Intentionalität spricht Husserl schließlich auch in Bezug auf die nicht wahrgenommenen gegenständlichen Aspekte, also z. B. die Rückseite eines Gegenstandes. Diese sind ihm zufolge in jeder Gegenstandswahrnehmung implizit enthalten. Sie werden intendiert.

Innerhalb der in der aktuellen Philosophie des Geistes geführten Debatte um die Existenz des Mentalen wurde die von Brentano getroffene Unterscheidung von Psychischem und Physischem anhand des Kriteriums der Intentionalität aufgenommen und gegen Naturalisierungstendenzen, die Psychisches auf Physisches zurückführen wollen, eingesetzt. War es in den fünfziger Jahren vor allem Chisholm, der die Intentionalität des Psychischen bzw. Mentalen gegen behavioristische Reduktionsversuche ins Feld führte, so ist es heute Searle, der sich auf die Intentionalität des Mentalen beruft, um seine Irreduzibilität zu erweisen. Searles Gegner ist dabei ein Computermodell des Geistes, welches geistige Vorgänge in Analogie zur Software des Computers zu erklären versucht. Nach Searle kann der menschliche Geist kein Computer sein, weil ein Computer mit Symbolen arbeitet, deren Bedeutung er selbst nicht kennt, während der Geist bzw. das Bewusstsein weiß, was die im Denken vorkommenden (sprachlichen) Zeichen bedeuten.

Im Gegensatz zu Erklärungsansätzen, die Intentionalität als Merkmal des menschlichen Bewusstseins ansehen, entwickelt Dennett eine Konzeption, die Intentionalität als Erklärungsstrategie begreift. Dennett unterscheidet drei Typen von Einstellungen, die gegenüber einem zu erklärenden Phänomen eingenommen werden können: eine physikalische, eine funktionale und eine intentionale. Eine physikalische Einstellung liegt überall dort vor, wo das Verhalten eines Gegenstandes auf der Grundlage seiner physikalischen Bestandteile sowie von physikalischen Gesetzen erklärt wird. In funktionaler Einstellung wird das Verhalten eines Gegenstandes auf der Grundlage der Funktionsweise seiner Bestandteile erklärt. Besonderes Merkmal der intentionalen Erklärungsstrategie ist die Tatsache, dass dem Gegenstand, dessen Verhalten erklärt werden soll, Annahmen, Wünsche und Absichten sowie Zweckrationalität in Hinblick auf die Verwirklichung der Absichten zugeschrieben wird. Die intentionale Einstellung kommt vor allem dort zum Einsatz, wo die anderen beiden Erklärungsstrategien aufgrund der Komplexität des zu erklärenden Phänomens versagen. So lässt sich z. B. das Verhalten einer Maus gegenüber einer Katze dadurch erklären, dass man eine genaue Beschreibung der Ausgangslage aller Mikroteilchen von Maus, Katze und Umwelt anfertigt und unter Rückgriff auf bestimmte physikalische Gesetze das Verhalten der Maus vorhersagt (= physikalische Einstellung). Man kann aber auch die physikalische Konstitution der Maus vernachlässigen und die Verhaltensvorhersage auf das Wissen um die Funktion der verschiedenen Organe und ihren Zweck, den sie erfüllen sollen, stützen (= funktionale Einstellung). Schließlich kann man das Verhalten der Maus dadurch erklären, dass man ihr bestimmte Annahmen (Katzen fressen Mäuse) und Wünsche (den Wunsch zu überleben), sowie Rationalität in Hinblick auf Annahmen und Wünsche unterstellt (durch eine rasche Flucht kann man dem Gefressenwerden durch die Katze entgehen und sein Leben retten). Erklärt man das Verhalten der Maus auf die zuletzt genannte Weise, so nimmt man eine intentionale Einstellung ein.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt