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Dr. Thomas Blume

Ich

Umgangssprachlich handelt es sich bei dem Wort ›ich‹ um ein Personalpronomen, mit dem sich ein Sprecher auf sich selbst bezieht. In der philosophischen Diskussion wird der Begriff des Ich zusammen mit den verwandten Begriffen des Selbst, der Subjektivität und des Selbstbewusstseins am Beginn der Neuzeit (A) für mehr als dreihundert Jahre zum philosophischen Zentralbegriff.

In Form eines denkenden Ich avanciert das Ich zum erkenntnistheoretischen Grundprinzip der Philosophie Descartes’. Descartes, der eine erkenntnistheoretische Fundierungstheorie vertritt, geht davon aus, dass die Wahrheit aller Einzelerkenntnisse letztlich auf die Wahrheit einer besonderen Tatsache zurückführbar ist. Nach Descartes lässt sich die Wahrheit aller Dinge bezweifeln. Nur eine Tatsache entzieht sich dem Zweifel: die Tatsache, dass das Ich, der Zweifelnde bzw. – da Zweifeln eine Form von Denken ist – der Denkende existiert. Der sich daraus ergebende erkenntnistheoretische Grundsatz lautet: cogito, ergo sum . Die Wahrheit aller anderen Erkenntnisse leitet sich aus der Wahrheit des cogito, ergo sum ab, indem es als klar und deutlich erkannte Tatsache den Maßstab der Wahrheit aller anderen Erkenntnisse liefert: Immer wenn etwas so klar und deutlich wie das unbezweifelbar wahre cogito, ergo sum erkannt wird, dann ist es auch wahr. Entsprechend der aristotelischen Substanzontologie fasst Descartes das Ich als eine Substanz auf, und zwar als eine denkende Substanz (res cogitans ), die allen Denkakten als Träger zugrunde liegt. Der denkenden steht die ausgedehnte Substanz (res extensa ), die Welt der physikalischen Gegenstände gegenüber.

An der Auffassung einer allen Bewusstseinszuständen zugrunde liegenden Seelensubstanz, welche mit dem Ich identifiziert wird, entzündet sich die Kritik Humes. Für Hume als strengen Empiristen existieren nur die in der Erfahrung gegebenen Gegenstände. Ein Ich als dasjenige, was alle einzelnen Bewusstseinszustände trägt, findet sich nicht unter den erfahrbaren Gegenständen. Allenfalls kann das Ich also die Summe der einzelnen Gedankeninhalte sein, nicht aber deren Träger.

Gegenüber Hume räumt Kant ein, dass sich unter den jeweiligen Bewusstseinsinhalten eines Subjekts keine Ich-Substanz finden lasse. Das ist jedoch für Kant kein Grund, das Ich als bloße Summe einzelner Inhalte aufzufassen. In den Bewusstseinsinhalten findet sich nämlich nach Kant so etwas wie Einheit. Einzelne Daten werden zu einem Bewusstsein von Gegenständen geeinigt. Die jeweiligen Bewusstseinsinhalte selbst wiederum werden zur Einheit eines einzigen Selbstbewusstseins geeinigt. Dieser Einheit muss nun Kant zufolge ein einigendes Prinzip zugrunde liegen, etwas, das die Einheit, die sich unter den Gegenständen des Bewusstseins findet, konstituiert hat. Kant bezeichnet dieses Einheitsprinzip als transzendentales Ich und stellt ihm ein empirisches Ich gegenüber. Das transzendentale Ich als Grund der Einheit der Inhalte des Bewusstseins entzieht sich der Erfahrung. Es kann erschlossen werden, ist jedoch selbst kein Gegenstand der Erfahrung. Erfahren wird dagegen das empirische Ich.

Der Gedanke eines Ich als Quelle der Gegenstandskonstitution erfährt in der Frühzeit des deutschen Idealismus (A) bei Fichte und Schelling eine Ausweitung. War bei Kant das Ich Einheitsprinzip, also dasjenige, was unter dem durch die Sinne gegebenen Material Einheit stiftet und alle Bewusstseinsinhalte zur Einheit eines Selbstbewusstseins vereinigt, so kommt dem Ich bei Fichte und Schelling die Konstitution der gesamten Realität zu. Im Akt einer intellektuellen Anschauung konstituiert sich das Ich selbst. Sodann setzt es sich ein Nicht-Ich entgegen. Beide, Ich und Nicht-Ich, schränken sich gegenseitig ein und konstituieren auf diese Weise alle weiteren Gegenstandsbereiche. Anders als bei Descartes, wo das Ich zwar erkenntnistheoretisch an erster Stelle stand, ontologisch jedoch Gott der erste Rang zukam, ist das Ich im frühen deutschen Idealismus zugleich erkenntnistheoretisch wie ontologisch erstes Prinzip. Das Ich erkennt sich nicht nur, sondern bringt sich mit diesem Erkennen zugleich auch hervor. Indem es sich denkt, existiert es.

Ähnlich Kant unterscheidet auch Husserl zwischen einem reinen und einem empirischen Ich. Für Husserl ist Bewusstsein intentional, das bedeutet: auf Gegenstände gerichtet. Stellt man sich Gerichtetheit als einen Strahl vor, so ist das Ich dasjenige, wovon der Strahl seinen Ausgangspunkt nimmt. Dieses Ich ist Husserl zufolge unteilbar sowie numerisch dasselbe und kann insofern die Grundlage der Identität eines Subjekts bilden. Versucht man es allerdings durch Reflexion zu erfassen, so erfährt es eine phänomenologische Wandlung und wird zu einem Gegenstand, ist also als das, was es eigentlich ist, nicht in der Reflexion zu fassen.

Innerhalb der in der analytischen Philosophie geführten Debatte hat man sich zunächst auf den Gebrauch des Personalpronomens ›ich‹ konzentriert. Nach Strawson bildet keine körperlose Ich-Substanz den Bezugsgegenstand des Wortes ›ich‹, sondern der Sprecher, welcher mittels des Personalpronomens auf sich verweist.

Einen Diskussionsschwerpunkt innerhalb der aktuellen Philosophie des Geistes bildet die Frage, inwiefern der ersten Person, also dem Ich, eine besondere Autorität in Hinblick auf die Zuschreibung geistiger Zustände zukommt. Die Diskussion teilt sich in zwei Lager: die Individualisten und die Antiindividualisten. Gehen die Individualisten davon aus, dass der jeweilige Sprecher selbst die Autorität der Zuschreibung geistiger Zustände besitzt, so behaupten die Antiindividualisten, dass der Gesellschaft bzw. der Umwelt die entscheidende Rolle zukommt, wenn es darum geht, was jemand mit seinen Worten meint.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt