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Dr. Wulff D. Rehfus

Humanität

Von lat. humanitas , ›Menschlichkeit‹. Seit Beginn der Überlegungen, was der Mensch denn sei (bei den Sophisten und insbesondere bei Platon und Aristoteles), sah man das Besondere des Menschen in seiner Geistigkeit, seiner Vernunftfähigkeit: Der Mensch ist ein animal rationale . Die Griechen diskutierten den Menschenbegriff jedoch weder als Individuum noch als sittliches Wesen. Für sie war der Mensch Grieche (alle anderen waren ›Barbaren‹), er war kein Sklave, er war eingebunden in die Polisgemeinschaft, war tugendhaft und ausgestattet mit gewissen Seelenvermögen. So unterscheidet Platon zwischen dem unsterblichen Teil der Seele (psyche ), dem Logos und Weisheit (sophia ) zugeordnet sind, und dem sterblichen Teil, dem Gemütsbewegungen wie Mut und Begehren (pathos bzw. mania ) zugeschrieben werden, die für Tapferkeit (thymos ) und Erwerbssinn zuständig sind. Weiter gibt es Eros, Bedürftigkeit, die den Körper (physis ) auszeichnet. Die Polis soll nun so strukturiert sein, dass jeder Polisbürger gemäß seinen Anteilen an den Seelenvermögen sein Sein-Können verwirklichen kann. Platon konzipiert also eine Polis, in der der Einzelne sozusagen anthropologisch eingebunden ist. Der Polisbürger lebt im freien Selbstvollzug seiner Seele, wobei er im Tun des Seinigen (Gerechtigkeit) Teil gewinnt am Ganzen. Auch Aristoteles entwickelte eine Seelenlehre. Die Seele ist zuständig für das richtige Handeln und für die Erkenntnis des Richtigen. Sie besteht aus zwei Teilen: einem irrationalen und einem rationalen, der wieder unterschieden wird in einen spekulativen und einen abwägend-reflektierenden. Um das richtige Handeln und Erkennen zu gewährleisten, besitzt die Seele drei Vermögen: die Sinneswahrnehmung (aisthesis ), den Verstand (nous ) und das Streben, die Begierde (orexis ).

Dass der Mensch als solcher, d. h. unabhängig von seiner Volks- oder Staatszugehörigkeit, unabhängig von seiner Stellung, seinem Besitz etc. eine eigene Würde habe, diesen Gedanken fassten erst die hellenistischen Philosophen, etwa wenn der Begriff des ›Weltbürgers‹ aufkommt. Innerhalb der Stoa wurde erstmals ein ausdrücklich humanistisches Menschenverständnis entwickelt, das über eine Seelenlehre weit hinausgeht. So fordert Cicero de rebus humanis – »Über die menschlichen Dinge« –, ut cognitionem adferat generis humani – »dass man das Menschengeschlecht kennen lerne« – (Gespräche in Tusculum ), und Seneca schreibt, esse commune ius generis humani , »dass es ein gemeinsames Recht des Menschengeschlechts gebe« (An Lucilius ). Die Römer prägten den Begriff humanitas , der ein urbanes Menschenbild propagiert, für das die sittliche und geistige Bildung im Zentrum steht, gepaart mit Edelmut, Würde, Güte, Milde, Menschenfreundlichkeit, Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Diese Eigenschaften wurden aus und mit der Natur des Menschen (natura humana ) begründet. Die Grundmaxime der Stoa lautete: In Übereinstimmung mit der Natur leben. Dies heißt zugleich: vernunftgemäß leben, denn die Vernunft gehört zur Natur des Menschen.

Schon bald nach Cicero beginnt der Begriff der humanitas seine Bedeutung zu verlieren. Im delphischen Spruch gnothi seauton (›erkenne dich selbst‹) wird der Mensch in Abgrenzung zu Gott gesehen, nämlich als sterblicher Mensch im Gegensatz zu den unsterblichen Göttern. Ähnlich ist für das mittelalterliche Denken der Mensch der hinfällige, schwache und sterbliche (Augustinus) im Gegensatz zum allmächtigen Gott.

Das ›humanistische Zeitalter‹ beginnt dann mit der Renaissance (A) in Italien. Das Mittelalter (A) wird verstanden als ein Rückfall hinter die klassische Antike, sodass eine Erneuerung nur im Rückgriff auf die Antike möglich erschien. L. Bruni erfand dazu die studia humanitas , d. h. die Ausrichtung der Bildung an der griechisch-römischen Antike, insbesondere durch das Studium der antiken Literatur. In Anknüpfung an den hellenistischen Gedanken des Weltbürgers sprachen die Renaissance-Humanisten vom uomo universale , der über den Ständen und Völkern steht. Der Humanitätsgedanke der Renaissance ist weniger moralisch geprägt, vielmehr bedeutet er die Emanzipation des Menschen vom mittelalterlichen Ordo-Denken. Der Renaissancemensch löst sich aus der institutionellen und intellektuellen Vorherrschaft der katholischen Kirche (was nicht heißt, dass er ungläubig oder gar atheistisch geworden wäre). Gleichwohl gilt, dass seit der Renaissance nicht länger von Gott her, sondern vom Menschen her gedacht wird. Prototyp dieser Wende ist der Künstler, der nicht länger in Abhängigkeit vom Klerus und den christlichen Themenbereichen steckt, sondern die Autonomie entdeckt und sich selbst als kreativ erfährt, als Schöpfer einer im Kunstwerk gestalteten Welt. Der neue Status hatte jedoch moralische Implikationen. Mit der Wende zum Menschen war zugleich eine neue Verantwortung dem Menschen übertragen worden; er wurde in einem höheren Maße verantwortlich sowohl für die Welt als auch für sich selbst.

Erkenntnistheoretisch wurde die Wende zum Menschen von Descartes vollzogen, der das denkende Ich zum Ausgangspunkt der Erkenntnis machte, ein Ich allerdings, das nicht das lebensweltliche, konkrete Individuum war, sondern das abstrakte, logische (und deshalb verallgemeinerungsfähige) Ich von Denkvollzügen. In der zweiten Hälfte des 18. Jh. und am Beginn des 19. Jh. entwickelte sich vornehmlich in Deutschland ein ›Neu-Humanismus‹ (Paulsen), der für die literarische deutsche Klassik, die universitäre und gymnasiale (humanistische) Bildung, die Geschichtswissenschaften und die klassische Philologie große Bedeutung erlangte.

Die Wende zum Menschen fand ihren Niederschlag auch in der Einführung einer neuen philosophischen Disziplin, der philosophischen Anthropologie, die in Deutschland im 20. Jh. sehr stark von der biologischen Forschung geprägt war und den Versuch machte, den Menschen vom Tier abzugrenzen. So hat für Scheler der Mensch insofern eine Sonderstellung, als er Geist hat und Person ist. Als geistiges Wesen ist er nicht an seine Umwelt gebunden, sondern er ist ›weltoffen‹. Insofern kann Scheler sagen, dass das Tier Umwelt hat (in die es eingebunden ist), der Mensch sich von dieser jedoch lösen kann und insofern Welt hat. Für Gehlen unterscheidet sich der Mensch vom Tier prinzipiell-qualitativ. Das entscheidende Merkmal ist, dass er, biologisch gesehen, ein Mängelwesen ist, weil er wesentlich nicht von Instinkten gesteuert ist. Nur kraft seines Geistes gelingt es ihm, diesen Mangel auszugleichen. Hat sich der Humanismus (A Renaissance – Humanismus) bei Scheler und Gehlen in Anthropologie verwandelt, hielt Sartre am Humanismusbegriff fest und beanspruchte, dass sein Existenzialismus ein Humanismus sei. Deshalb nämlich, weil der Mensch als solcher zum Gegenstand des Nachdenkens wurde. Seine zentrale These lautet, dass der Mensch ontologisch Freiheit ist, völlig unabhängig davon, ob es dem Einzelnen gelingt, die Freiheit, die er ist, in allen Situationen auch zu realisieren. Kennzeichen des Humanen ist es, keine vorgegebene Wesensbestimmung zu realisieren; der Mensch ist dasjenige Wesen, das in und durch sein Handeln sein eigenes Wesen erzeugt. Sartre drückt das so aus, dass beim Menschen die Existenz der Essenz vorausgehe: Der Mensch ist, wozu er sich macht. Genau dies macht seine Humanität aus, genau deshalb ist der Mensch verantwortlich: für sich und für die gesamte Menschheit.

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt