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Prof. Dr. Johannes Rohbeck

Geschichtsphilosophie

Das Wort Geschichte hat eine doppelte Bedeutung: Es bezeichnet sowohl den Sachverhalt Geschichte, d. h. die in der Zeit aufeinander folgenden Ereignisse, als auch die Darstellung dieser Ereignisse in der Geschichtsschreibung. Die Philosophie der Geschichte bezieht sich auf beide Aspekte und reflektiert in allgemeiner Weise die wissenschaftlichen Methoden der forschenden und darstellenden Historiker und damit verbunden den Inhalt, die Verlaufsform und den Sinn der Geschichte im Ganzen. In der Sinngebung kulminiert gewissermaßen jede Geschichtsphilosophie, weil sich darin ein jeweils bestimmtes Interesse manifestiert, sei es rückwärtsgewandt in die Vergangenheit als Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tradition, um eine persönliche und kulturelle Identität zu stiften, sei es als unterschiedliche Erwartungen an die Zukunft, um etwa die Furcht vor dem Verfall der gegenwärtigen Kultur oder umgekehrt die Hoffnung auf künftige Fortschritte auszudrücken.

Die Philosophie der Geschichte bringt ihren Allgemeinheitsanspruch noch einmal dadurch zum Ausdruck, dass sie sich auf die Geschichte im Singular bezieht; genauer gesagt: Es geht nicht um einzelne Geschichten, wie man sie im Alltag erzählt oder wie die Historiker von den vielen Epochen und Kulturen berichten, sondern im Zentrum des Interesses steht der Kollektivsingular Geschichte. In ihrer klassischen Ausprägung wird die Geschichtsphilosophie damit zur Theorie der Universalgeschichte oder Weltgeschichte. Universalität beansprucht sie in mehrerer Hinsicht.

Zunächst umfasst das Konzept der Universalgeschichte alle historischen Zeiten von den Anfängen der Menschheit bis zur Gegenwart, ohne allerdings einen mythischen Ursprung und ein in ferner Zukunft liegendes Ende der Geschichte behaupten zu müssen. Wichtiger ist die Berücksichtigung aller bekannten Epochen, was Unterbrechungen, Stagnationen und Brüche bestimmter Traditionen keineswegs ausschließt. Grundlegend vorauszusetzen ist lediglich ein zeitlich lineares und nicht umkehrbares Kontinuum zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Sodann enthält die Universalgeschichte alle geographischen Räume der Erde, beschränkt sich also nicht etwa auf die Geschichte Europas, sondern berücksichtigt auch die Geschichte anderer Erdteile und der dort lebenden Völker und Nationen. In diesem Sinne spricht man heute von Globalgeschichte, um zu betonen, dass diese Art Geschichte tendenziell den eurozentristischen Standpunkt verlassen muss und der Vielheit der Kulturen Rechnung zu tragen hat.

Die zeitliche und räumliche Dimension der Universalgeschichte hat eine nicht zu unterschätzende theoretische Konsequenz. Aus dem Vergleich zwischen Völkern, die in unterschiedlichen Regionen und Epochen leben, resultiert die Erkenntnis, dass verschiedene Stadien der Zivilisation nicht nur an einem Ort zeitlich aufeinander folgen, sondern auch gleichzeitig an verschiedenen Orten anzutreffen sind. Darin besteht die geschichtsphilosophisch bedeutsame Einsicht in die Ungleichzeitigkeit der Geschichte.

Bedeutsam ist diese Einsicht deshalb, weil die Geschichte auf diese Weise von der bloßen Chronologie von Tag und Nacht, Monaten und Jahren abgekoppelt wird und dadurch ihren eigenen Inhalt gewinnt. Gefragt wird nach einem allgemeinen Modell historischer Entwicklung, deren Kernbereich seit der Neuzeit (A) in Wissenschaft, Technik und Ökonomie gefunden wird. Dieser Komplex bildet auch die Grundlage für die Idee des Fortschritts. Sofern darüber hinaus erwartet wird, dass sich der wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Fortschritt auch auf andere Gebiete wie Moral und Politik übertragen lässt, beansprucht die Geschichtsphilosophie schließlich die gleichzeitige Universalität aller Lebensbereiche.

Da dieser Fortschritt eine eigene Dynamik entfaltet und einem beschleunigten Rhythmus folgt, trennt sich die Geschichte von der naturalen Zeit, die an den Kreislauf der Planeten sowie an den Wachstumszyklus der Lebewesen gebunden ist. Daher spricht man von einer Denaturalisierung der Geschichte und von einer daraus hervorgegangenen Verzeitlichung bzw. spezifisch historischen Zeit, die sich an der von den Menschen gemachten und bewussten Geschichte orientiert.

Mit dieser Wende zur selbst gemachten Geschichte ist auch deren Subjekt benannt. Die Geschichte hat sich nicht nur vom christlichen Heilsgeschehen getrennt und nunmehr ausschließlich profane Handlungsresultate zum Gegenstand, die neuzeitlichen Geschichtsphilosophen erklären auch programmatisch die Menschen zu Subjekten ihrer eigenen Geschicke. Und weil die Universalgeschichte tendenziell alle Menschen meint, postuliert sie die ganze Menschheit als Subjekt der Geschichte. Nicht die Individuen schreiten letztlich voran, sondern die menschliche Gattung. Aus diesem Grund lässt sich die Analogie zwischen der Menschheitsgeschichte und den Lebensaltern eines Individuums – Kindheit, Jugend, Reife, Alter – durchbrechen: Die Geschichte löst sich von der zyklischen Lebenszeit der Individuen und öffnet sich zur tendenziell endlosen Weltzeit.

Freilich stellt sich die Frage, wie aus den vielfältigen Handlungen der Menschen, die immer noch von einzelnen und teilweise auch widerstrebenden Zwecken geleitet werden, eine gemeinsame Richtung hervorgehen kann. Unhintergehbar ist die Zufälligkeit aller historischen Ereignisse, die sich allenfalls nachträglich so interpretieren lassen, als ob sie auf ein einheitliches Ziel hin gerichtet seien. Die meisten Geschichtsphilosophen sind sich dieser im Grunde unlösbaren Problematik bewusst und greifen zu Hypothesen, wie etwa Turgot eine Art göttliche ›Vorsehung‹, Kant eine ›Naturabsicht‹ oder Hegel eine ›List der Vernunft‹ angenommen haben. Da in solchen Konstruktionen ein objektives Ziel (telos ) der Geschichte unterstellt wird, münden sie meist in eine danach benannte Geschichtsteleologie ein. Vor allem Kant hat darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche Zielbestimmung nicht aus Erfahrung stammen könne, es handelt sich lediglich um eine Idee, die sich die Menschen vom Ziel und Verlauf der Geschichte vorstellen, um in die Geschichte, die ansonsten nur ein ewiges Auf und Ab zu bieten hat, einen Sinn hineinzulegen.

Nun sollte man sich davor hüten, die Philosophie der Geschichte selber ungeschichtlich zu betrachten. Außergewöhnlich ist der Umstand, dass die Geschichtsphilosophie in der soeben skizzierten klassischen Ausprägung ein verhältnismäßig kurzes Dasein hatte. Während andere philosophische Disziplinen wie Metaphysik, Ethik oder Politik bereits in der Antike entstanden sind, bildete sich die Geschichtsphilosophie erst während der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) um die Mitte des 18. Jhs. am Vorabend der Industrialisierung heraus. Auch wenn sich frühere Philosophen selbstverständlich schon Gedanken über die Geschichte gemacht haben, wurde der Begriff philosophie de l’histoire (Philosophie der Geschichte) im Jahr 1764 von Voltaire geprägt, der damit einen neuen theoretischen Anspruch geltend machen wollte. Seit der Französischen Revolution in Frankreich und nach der Blüte der Geschichtsphilosophie im deutschen Idealismus bei Hegel und den materialistischen Umdeutungen durch Marx ist die Geschichtsphilosophie allmählich in Frage gestellt worden.

Einerseits zieht man sich im so genannten Historismus des 19. Jhs. und in der analytischen Philosophie des 20. Jhs. auf Methodenprobleme zurück. Dabei spielt zunächst die Auswahl und kritische Würdigung der historischen Zeugnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle. Außerdem geht es um die Verknüpfung historischer Ereignisse, die sich nicht mehr allein nach dem Ursache-Wirkung-Schema begründen lassen. An die Stelle der naturwissenschaftlich orientierten Erklärung tritt nun das geisteswissenschaftliche Prinzip des Verstehens, das mit den Namen Dilthey, Droysen und Rickert verbunden ist. In neuerer Zeit konzentriert sich das Interesse auf die Strukturen der historischen Erzählung, die etwa von Ricoeur, Danto, White und Baumgartner untersucht wurden. In solchen Bemühungen kommt das Grundproblem historischer Erkenntnis zum Vorschein, zwischen der Besonderheit historischer Ereignisse und dem Anspruch auf wissenschaftliche Allgemeingültigkeit zu vermitteln. Wie auch immer dieses Problem zu lösen versucht wird, so zeigt sich, wie sehr jede Geschichtserzählung ein Konstrukt ist, das lediglich auf Anhaltspunkte in der Realität verweist. Radikalisiert man diese kritische Einsicht, dann erhält ein Ereignis erst durch Erinnerung, Darstellung und Bewusstwerdung seinen spezifisch geschichtlichen Charakter. Darin besteht die eigentümliche Geschichtlichkeit der Geschichte.

Andererseits ist die Idee des Fortschritts ihrem Inhalt nach immer mehr in Misskredit geraten. Bereits Rousseau hat 1750 den Fortschritt in Zweifel gezogen, weil seiner Auffassung nach die wissenschaftliche und technische Perfektionierung nur negative Folgen wie soziale Ungleichheit, politische Gewaltherrschaft und moralischen Egoismus hervorbringt. Wenig später hat sich Herder gegen die Vorstellung gewehrt, dass alle Völker und Epochen nach einem einheitlichen Maßstab beurteilt werden, statt den Eigenwert einer jeden Kultur anzuerkennen. Nach zwei verheerenden Weltkriegen, nach Hiroshima und Auschwitz haben Horkheimer und Adorno den Fortschritt als notwendigen Verfallsprozess umgedeutet und damit eine bloß ›negative‹ Geschichtsteleologie begründet. Im Zuge alltäglicher Erfahrungen mit der modernen Zivilisation glauben andere Philosophen wie Gehlen, Anders, Baudrillard und Lyotard ein ›Ende der Geschichte‹ und damit der großen ›Geschichtserzählung‹ konstatieren zu müssen. Dieses Ende ist jedoch nicht so misszuverstehen, dass in Zukunft nichts mehr passiert, sondern es soll bedeuten, dass der technische Fortschritt für die Menschen im Grunde sinnlos geworden sei. Die industrielle Massengesellschaft lässt die alten gewachsenen Kulturen verschwinden und ist außerstande, einen neuen Lebenssinn zu schaffen.

In jedem Fall hat sich eine optimistische Geschichtsphilosophie inzwischen überlebt. Angesichts der gegenwärtig global erfahrbaren negativen Kehrseiten des technischen Fortschritts wie ökologische Krisen und soziale Ungerechtigkeiten sollte sich das gegenwärtige Geschichtsdenken darauf einstellen, zumindest die Ambivalenzen dieses Fortschritts ernst zu nehmen und mit Prognosen für die Zukunft vorsichtig umzugehen. Vor diesem Hintergrund kann heute darüber nachgedacht werden, wie eine methodisch reflektierte und inhaltlich maßvolle Rekonstruktion der Geschichtsphilosophie möglich ist. Wenn gewaltige ›Fortschritte‹ erforderlich sind, um auch nur zu bewahren, was uns als lebenswert gilt, und wenn die Ankündigung des drohenden Untergangs mit Resignation gleichzusetzen ist, dann sei an Kant erinnert, der die bloße Hoffnung auf den Fortschritt, ohne dass dafür auch nur Anzeichen erkennbar sind, zur moralischen Pflicht erklärt hat. In diesem Sinn hat jede Geschichtsphilosophie eine ethische Dimension.

R. Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten , Frankfurt/M. 1979

E. Angehrn, Geschichtsphilosophie , Stuttgart / Berlin / Köln 1991

H. Nagl-Docekal (Hg.) Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten , Frankfurt/M. 1995

H. D. Kittsteiner, Listen der Vernunft. Motive geschichtsphilosophischen Denkens , Frankfurt/M. 1998

J. Rohbeck, Technik – Kultur – Geschichte. Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie , Frankfurt/M. 2000

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt