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Dr. Wulff D. Rehfus

Geschichte

Griech. historia : Eigentlich gibt es ›die Geschichte‹ gar nicht. Stattdessen gibt es eine Unzahl von Ereignissen, Geschehnissen und Geschichten, die alle mehr oder weniger miteinander zu tun haben. Diese geschehenen Dinge (res gestae ) können geordnet werden, sodass aus den Geschichten die Geschichte wird, die Geschichte der geschehenen Dinge (historia rerum gestarum ). Dazu muss eine Auswahl der Ereignisse vorgenommen werden, die Historiker aus den unterschiedlichsten Quellen gewinnen: von Berichten von Zeitzeugen über Denkmäler bis zu schriftlichen Dokumenten wie Briefe, Verträge, Urkunden etc. Aus diesen Quellen werden diejenigen, die für bedeutend gehalten werden, ausgewählt und dann in einer Abfolge zusammengestellt; in der Regel orientiert man sich an Kausalzusammenhängen, die jedoch kaum jemals die Strenge naturwissenschaftlicher Notwendigkeit haben. Geschichtliche Ereignisse sind Singularitäten und es ist bis heute nicht gelungen, Gesetze der Geschichte, die den Geschichten zugrunde liegen, zu formulieren. Das deduktiv-nomologische Erklärungsmodell (D-N-Erklärung) und das induktiv-statistische Erklärungsmodell (I-S-Erklärung), von Hempel für die Naturwissenschaften entwickelt, sind jedenfalls in den Geschichtswissenschaften nicht anwendbar. G. v. Wright hat einen ›praktischen Schluss‹ entwickelt, der das Problem teleologisch lösen soll: 1. A beabsichtigt, p herbeizuführen. 2. A glaubt, dass er p nur herbeiführen kann, wenn er a tut. 3. Also macht sich A daran, a zu tun. Dieser Syllogismus hat sich aber nicht durchgesetzt, sodass man heute von einem ›narrativen Erklärungsmodell‹ in den Geschichtswissenschaften spricht. Es bedeutet, dass sich der Historiker darauf beschränken muss, historische Ereignisse so darzustellen, dass sie in einen plausiblem Zusammenhang stehen. Nach Nietzsche gibt es drei Möglichkeiten der Geschichtsbetrachtung, sofern Geschichte nicht rein akademisch sein, sondern im Dienst des Lebens stehen soll: »In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: sofern es erlaubt ist, eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische Art der Historie zu unterscheiden.« (Vom Nutzen und Nachteil der Historie , 2 ).

Narrative Geschichtskonzeptionen gibt es lange, bevor überhaupt von einem Geschichtsbewusstsein gesprochen werden kann. So hat Hesiod den Versuch unternommen, die Entstehung, das Werden und das Vergehen der Welt in einer Göttererzählung darzustellen (Theogonie, Kosmogonie, Kosmologie). In seiner Theogonie berichtet er vom Ursprung der Götter, davon, wie die Welt entstand, wie sich Götter gegenseitig bekämpften, wie sich einzelne Geschlechter und Weltepochen ablösten und wie schließlich das Menschengeschlecht entstand. Das Grundprinzip seiner gesamten Darstellung ist eine Geschichtskonzeption des Abfalls von einem Goldenen Zeitalter, sodass die Geschichte letztlich als eine Verfallsgeschichte beschrieben wird. Eine solche Geschichtskonzeption des Abstiegs liegt auch dem Alten Testament zugrunde – ausgehend vom Sündenfall und der anschließenden Vertreibung aus dem Paradies, dem Brudermord Kains an Abel bis zur schließlichen Sintflut, in der Gott seine Geschöpfe bis auf Noah vernichtet. Doch mit diesem schließt dann Gott den ›neuen Bund‹, sodass die Geschichte der Menschheit noch nicht zu Ende ist, sondern in der Hoffnung auf Besserung und Erlösung fortgesetzt wird. An diesem Punkt setzt die Geschichtskonzeption des Christentums an. Die im Judentum noch ausstehende und erwartete Versöhnung ist für das Christentum durch Jesus und seinen Kreuzestod erreicht, die Geschichte zum Heilgeschehen gewendet.

Damit ist ein Gedanke ausgesprochen, der Geschichte nicht als abfallendes, sondern aufsteigendes Geschehen ansieht. Hegel hat diesen Gedanken aufgegriffen und mit der Universalgeschichte ein Konzept entwickelt, das Geschichte versteht als »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«. Analog zum christlichen Heilsgeschehen konstruiert er Geschichte als Verwirklichungsprozess des ›absoluten Geistes‹ bzw. der ›absoluten Vernunft‹, die sich in den Einzelgeistern (d. h. in den einzelnen Denkformen) und den historischen Einzelereignissen realisiert. Die Realgeschichte ist damit die Erscheinungsweise des Absoluten, das sich gemäß seiner eigenen Dialektik bewegt und so die Geschichte hervorbringt. Die geschichtlichen Ereignisse sind damit gedacht als Folgen der Eigendynamik des Geistes, der sich in unterschiedlichen Bewusstseinsformen entwickelt: vom Bewusstsein der ›sinnlichen Gewissheit‹ über die ›Herr-Knecht-Dialektik‹ und ›die absolute Freiheit und den Schrecken‹, bis schließlich der absoluten Geist im ›absoluten Wissen‹ wieder bei sich selbst ankommt, vergleichbar dem christlichen Gedanken der Trinität von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Hegel schließt seine Phänomenologie mit den Worten: »Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reiches vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins, ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffnen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffne Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre.« Der Lauf der Geschichte folgt damit der so genannten ›List der Vernunft‹, was meint, dass sich das Besondere aneinander abarbeitet und genau damit den Gang des Allgemeinen befördert: »Das ist die List der Vernunft zu nennen, daß sie die Leidenschaften für sich wirken läßt, wobei sie das, durch was sie sich in Existenz setzt, einbüßt und Schaden leidet. Denn es ist die Erscheinung, von der ein Teil nichtig, ein Teil affirmativ ist. Das Partikuläre ist meistens zu gering gegen da Allgemeine, die Individuen werden aufgeopfert und preisgegeben. Die Idee bezahlt das Tribut des Daseins und der Vergänglichkeit nicht aus sich, sondern aus den Leidenschaften der Individuen.« (Philosophie der Geschichte ). Die Geschichte endet, wenn das Absolute wiederhergestellt ist, nicht aber als einfache Negation des Vergangenen, sondern als dialektischer Dreischritt von Negation, Negation der Negation und neuer Position, in der die vergangenen Positionen als notwendige Entwicklungsstufen zwar einerseits negiert sind (negare ), nicht aber spurlos vernichtet und vergessen, sondern als negierte aufbewahrt (conservare ) und auf eine höhere Stufe, nämlich der (Selbst-)Vermittlung, gehoben sind (elevare ).

Gegen dieses optimistische Geschichtsverständnis hat Adorno Einspruch erhoben. »Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe«, schreibt er in seiner Negativen Dialektik . Der Titel ist Programm. Eine dialektische Geschichtskonstruktion, die auf dialektische Versöhnung ziele, missachte die Opfer der Geschichte und täusche Versöhnung nur vor. Die hegelsche Dialektik sei in Wahrheit ›Identitätsdenken‹, in dem das Besondere bruchlos vom Allgemeinen vereinnahmt wird und somit untergeht. Um nun das Besondere gegen das Allgemein zu retten, muss Dialektik anders gedacht werden. Dialektik muss von ihrer ›erpreßten Versöhnung‹ befreit werden, sie muss auf die Synthesis verzichten und offen bleiben.

Gegenüber solch linearen Geschichtskonzeptionen, die Geschichte als Verfall oder als Fortschritt deuten, wurde ein ganz anderes Modell entwickelt: Geschichte nämlich als eine Kreisbewegung. Nietzsche hat diese Konzeption aufgegriffen. In seinem Theorem der ›ewigen Wiederkehr des Gleichen‹ behauptet er, dass sich alle historischen Ereignisse mit Notwendigkeit wiederholen würden und zwar genau in derselben Abfolge. Dieser Gedanke scheint ihm der Höhepunkt des Nihilismus zu sein: Alles wiederholt sich, sodass es weder Fortschritt gibt noch Freiheit noch Sinn. Der ›schwache Nihilist‹ bricht unter diesem Gedanken zusammen und versucht ihn zu kompensieren. Der ›starke Nihilist‹, nämlich der Übermensch, hält ihn aus und zieht daraus sogar seine Stärke: Der Übermensch braucht keinen Sinn, denn er selbst ist der Sinn.

Ausgehend von Hegels These des Endes der Geschichte, das erreicht ist, wenn der absolute Geist bei sich selbst angekommen und die größtmögliche Freiheit hergestellt ist, wurde von Gehlen die These der ›Posthistoire‹ vertreten, dass wir nämlich in einer Zeit nach der Geschichte lebten. Dieser Gedanke wurde aufgegriffen von Fukuyama, der sie politisch deutete als Ende der Geschichte durch den Sieg der liberalen Demokratien über totalitäre Systeme. Auch die Denker der Postmoderne spielen mit dem Gedanken des Endes der Geschichte in dem Sinne, dass in der Gegenwart das Ende der ›großen Erzählungen‹ (sowohl der Metaphysik als auch der Geschichtsphilosophie) erreicht sei. Die monistischen Denkformen seien überlebt und wir seien eingetreten in ein Stadium nach der Moderne, das von einem prinzipiellen Pluralismus getragen sei. Wie der späte Wittgenstein von einzelnen Sprachspielen spricht, für die es kein tertium comparationis gebe, so habe sich die gesamte Wirklichkeit in unzusammenhängende Einzelbereiche aufgelöst, die alle ihren eigenen, gerechtfertigten Geltungs- und Wahrheitsanspruch hätten, aber in keiner Metaerzählung zusammengezwungen werden könnten.

R. Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt , Frankfurt/M. 2001

R. Koselleck, W.-D. Stempel (Hg.) Geschichte – Ereignis und Erzählung , München 1974

R. J. Evans, Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis , Frankfurt/M. / New York 1999

J.-F. Lyotard, Das postmoderne Wissen , Graz / Wien 1986 [frz. 1979]

L. Niethammer, Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende? , Hamburg 1989

A. Gehlen, Studien zur Anthropologie und Soziologie , Neuwied / Berlin 1963

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt