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Lic. phil. Gerhild Tesak / Dr. Wulff D. Rehfus

Gerechtigkeit

Einer der Grundbegriffe der politischen und praktischen Philosophie und Ethik. Für Platon spielt die Gerechtigkeit (dikaiosyne ) in seinem Entwurf einer Polis die entscheidende Rolle: Das Ziel seiner Konstruktion ist die Herstellung und Sicherung der Gerechtigkeit. Bevor nun aber eine Poliskonzeption der praktizierten Gerechtigkeit erstellt werden kann, stellt sich die Frage, was Gerechtigkeit denn ist. Die Voraussetzung der platonischen Antwort ist, dass sich die Gerechtigkeit auf die Polis als Ganze bezieht und nicht auf das Individuum (ein Begriff, den Platon gar nicht kennt). Die Polis als solche, so Platons These, soll gerecht sein. Eine gerechte Polis ist die, die es den Bürgern ermöglicht, das zu tun, was ihren Fähigkeiten entspricht. Das Kriterium der Gerechtigkeit ist also die Kompetenz des Polisbürgers. Der Staat ist deshalb genau dann gerecht, wenn er es seinen Bürgern ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu realisieren.

Welche Fähigkeiten das sind, ist abhängig vom Anteil der Seelenteile, sie sind also angeboren. Drei Seelenteile sind von Bedeutung: Vernunft, Mut und Begierde. Keiner dieser Seelenteile hat einen Vorrang vor einem anderen, vielmehr müssen alle als ein Gesamt gesehen werden – beim Ausfall eines einzigen bricht die gesamte Polis zusammen: Die Polis benötigt, um bestehen zu können, Gewerbe- und Handeltreibende, sie benötigt die Herstellung der inneren und äußeren Sicherheit und schließlich benötigt sie diejenigen, die für die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit sorgen, die Philosophen. Wenn also Platon sagt, die Gerechtigkeit (der Polis) sei dann erreicht, wenn jedem das Seine wird (suum quique ), dann zeigt dies, dass Gerechtigkeit ein relationaler Begriff ist, in dem die Fähigkeit des Polisbürgers verbunden ist mit dem Wohl der Polis und ihrer Bürger. Einen solch relationalen Begriff der Gerechtigkeit vertritt auch Aristoteles. In seiner Nikomachischen Ethik spricht er sich gegen eine ›arithmetische‹ Gerechtigkeit aus, die Gerechtigkeit als distributive Gleichverteilung der Güter an alle, unabhängig von deren Verdienst, versteht. Auch für ihn gilt, dass Gerechtigkeit bezogen sein muss auf die Bürger, allerdings nicht, wie bei Platon, auf deren Fähigkeiten, sondern auf deren Verdienst. Gerechtigkeit ist demnach für Aristoteles eine geometrisch-analoge Proportion: »Nachdem aber das Gleiche ein Mittleres ist, muss das Gerechte wohl ein Mittleres sein. Nun setzt aber das Gleiche mindestens zwei Glieder voraus. Folglich muss das Gerechte ein Mittleres und Gleiches sein und eine Beziehung aufweisen, und zwar auf bestimmte Personen. … Das Gerechte ist also etwas Proportionales – das Proportionale ist ja nicht nur der Zahl eigen, die aus (abstrakten) Einheiten besteht, sondern der Zahl überhaupt –, Proportion ist nämlich Gleichheit der Verhältnisse« (Nikomachische Ethik , Buch V, 6, 1131 a f.). Geht es bei Platon also um eine anthropologisch fundierte Gerechtigkeit, die ihr Kriterium in den Seelenfähigkeiten des Menschen hat, sodass Gerechtigkeit die Realisierung der (wie wir heute sagen würden) genetisch bedingten Fähigkeiten der Individuen ist, so geht es bei Aristoteles um eine Verteilungsgerechtigkeit, die nichts mit Fähigkeiten und deren Realisierungsmöglichkeiten zu tun hat, sondern bei der eine angemessene Relation zwischen den tatsächlich erreichten Verdiensten des Einzelnen und seinem Anteil an den von den Polisbürgern gemeinsam erwirtschafteten Gütern im Vordergrund steht.

In der Gegenwart wird Gerechtigkeit auf den Menschen schlechthin bezogen, sodass die individuellen Fähigkeiten und Verdienste kaum noch eine Rolle spielen. Im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit hat der Mensch als solcher Anrecht auf bestimmte Güter – völlig unabhängig von seinem persönlichen Tun und Lassen, allein nur deshalb, weil er Mensch ist. Was bezüglich einer Verteilungsgerechtigkeit umstritten ist, ist innerhalb des politisch-kulturellen ›Westens‹ bezüglich der Menschenrechte unumstritten. Hier geht es nicht um die individuelle Verteilung gesamtgesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums, sondern um die seit der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) für den Menschen allgemein selbstverständlichen Rechte.

Ein Verfahren zur genaueren Bestimmung der Prinzipien, durch welche Gerechtigkeit in menschlichen Gemeinschaften verwirklicht werden könnte, wurde in neuerer Zeit von Rawls (Eine Theorie der Gerechtigkeit ) entwickelt. Es beruht auf der Annahme der hypothetischen Unkenntnis der eigenen zukünftigen gesellschaftlichen Position in einer utopischen Gesellschaft. Auf der Basis solcher Unkenntnis (d. h. also unter Ausschluss aller persönlicher Interessen) soll das Interesse aller an der optimalen Gestaltung sämtlicher möglicher sozialer Positionen zur Entwicklung eines ›fairen‹ Gesellschaftssystems führen.

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Druck-Ausgabe: 12,95 €
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt