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Prof. Dr. Kurt Wuchterl

Gegenwart – Zwanzigstes Jahrhundert

Die Philosophie der Gegenwart ist von Entwicklungen und Traditionen geprägt, die das soeben zu Ende gegangene Jahrhundert bestimmt haben. Das 20. Jh. gilt allgemein als eine Epoche der Krisen und Totalitarismen. Politisch markiert der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Beginn eines neuen Zeitalters; doch manifestiert sich in diesem Ereignis die allgemeine kulturelle Krisensituation, die schon im 19. Jh. einerseits durch die von Marx, Kierkegaard und Nietzsche verbreiteten geistigen Traditionsbrüche, andererseits durch die Fortschritte in Wissenschaft, Wirtschaft und Technik heraufbeschworen wurde. Die Bemühungen zu Beginn des 20. Jhs., diese Herausforderungen zu bewältigen, führten zu Entstehung neuer philosophischer Traditionen besonders in Deutschland. In der Phänomenologie erfolgte der letzte groß angelegte Versuch einer Letztbegründung der Philosophie sowie eine Zurückweisung der naturalistischen Ansprüche des Positivismus, der die Philosophie als ein durch Naturwissenschaft und Gesellschaftstheorie überwundenes Zwischenstadium abqualifizierte. Unterstützung fanden die Angriffe der Phänomenologie gegen den Positivismus durch die neue Hermeneutik mit ihren lebensphilosophischen Antithesen und durch den Neukantianismus, dessen Transzendentalismus nicht nur die Grundlagen und Grenzen der Wissenschaften problematisierte, sondern zugleich fast alle bedeutenden Philosophen der ersten Jahrhunderthälfte beeinflusste.

In Heideggers Sein und Zeit (1927) wurden die genannten Traditionen gebündelt und in einer neuen Sichtweise überstiegen. Heidegger fragte nach dem Sinn von Phänomenalität, nach dem Subjekt der Transzendentalität und nach der daseinsanalytischen Fundierung des Verstehens. Verstehen wurde zur Seinsart des Daseins. An die Stelle der Bewusstseinsanalysen traten Daseinsanalysen, das transzendentale Ich Husserls wich dem endlichen Dasein in der Zeit und die ewig gleichen Wesenheiten lösten sich im Wirbel der Geschichtlichkeit auf. Heideggers »Kehre«, die Anfang der dreißiger Jahre vollzogen wurde, ließ alle Aspekte der Subjektivität hinter sich und erhob die Erfahrung des Unverfügbaren zur zentralen Thematik. In seiner Metaphysikkritik propagierte Heidegger eine völlig neue, der Endlichkeit und Zeitlichkeit verpflichtete Denkweise, die jede Letztbegründung ad absurdum führte und der darin zum Ausdruck kommenden philosophischen Selbstermächtigung ein seinsbezogenes Ereignis an die Seite stellt. Heidegger diagnostizierte den totalitären Charakter der gesamten abendländischen Kultur als schicksalhafte Folge des seinsvergessenen Denkens. Seine Kulturkritik gab den zahlreichen wissenschafts- und technikfeindlichen Tendenzen der zweiten Jahrhunderthälfte ein philosophisches Fundament.

Parallel zu diesen neuen, in der seinsgeschichtlichen Metaphysikkritik gipfelnden Traditionen auf dem Kontinent entstand im angelsächsischen Sprachbereich die so genannte analytische Philosophie, die zunächst mit Hilfe von Logik und Sprachanalyse die Grundlagenkrisen in Mathematik und Physik zu überwinden versuchte, dann aber ihre stark an Naturwissenschaft und common sense orientierte Methode auch für die gesamte Philosophie fruchtbar machte. Hier wurde also der entgegengesetzte Weg eingeschlagen, indem man Wissenschaft und Leben philosophisch zu versöhnen suchte. Die Bedrohungen in einer verwissenschaftlichten Welt wurden nicht als ›Seinsgeschick‹, sondern als Herausforderung aufgefasst, die der Analyse und aktiven Gegensteuerung bedurfte. Man entwickelte ein neues Verhältnis zur Sprache und erkannte die Mängel des alten Positivismus. Besonders im Neupositivismus des Wiener Kreises (Schlick, Neurath, Carnap) und in der durch die deutschen Emigranten der dreißiger Jahre befruchteten amerikanischen Philosophie (Quine) trat der Empirismus mit einem neuen Selbstbewusstsein auf, indem er Logik und Sprachanalyse für seine Zwecke einsetzte.

Doch Wittgenstein, der schon im Tractatus die Selbstwidersprüchlichkeit des nur auf Logik und Naturwissenschaft beschränkten Denkens erkannt hatte, ging in seiner Spätphilosophie über alle analytischen Schulbildungen hinaus. Er postulierte Sprache als kommunikativ fundierte Grundkategorie der gesamten Wirklichkeit und entwickelte daraus eine in Lebensformen verankerte Sprachspiel-Konzeption, die es ermöglichte, philosophische Fragen durch Klärung von sprachlichen Verirrungen zum Verschwinden zu bringen. In der »Kehre« Heideggers und in der »sprachlichen Wende« Wittgensteins trat die ursprüngliche, kritische Grundtendenz modernen Philosophierens wieder zutage, die eine Zeit lang hinter der Beschäftigung mit Einzelanalysen in hermeneutischem beziehungsweise analytischem Geiste verborgen geblieben war.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen sich eine Reihe weiterer kritischer Modifikationen und Wenden, die ähnliche Auflösungserscheinungen signalisierten und die Existenzberechtigung der Philosophie als solche in Frage stellten. Nach den Katastrophen der nationalsozialistischen und stalinistischen Totalitarismen stellte sich die Frage nach den geistigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die ein solches Unheil ermöglicht hatten. Die Philosophie entdeckte die Gesellschaft als Fundamentalkategorie und die Gesellschaftstheorie übernahm die Rolle einer ›ersten Philosophie‹. In der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die nach dem gewachsenen Einfluss marxistischer Gedanken schon in den dreißiger Jahren die treibenden Kräfte innerhalb ›der kapitalistischen Gesellschaft‹ analysiert hatte, erfolgte eine Wende von der Philosophie zur Soziologie. In ihr verstärkte sich die Kritik an der bürgerlichen Kultur, wie sie auf völlig andere Weise schon in Spenglers Untergang des Abendlandes (1918) ihren ersten Ausdruck gefunden hatte. In der so genannten negativen Dialektik (Adorno) wurden die sich widersprechenden Elemente der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) illusionslos aufgedeckt und insbesondere die Tendenz der aufgeklärten Vernunft zu Gewalt und Unterdrückung an den Pranger gestellt. Habermas und Apel transformierten diese resignative Dialektik in eine Theorie des kommunikativen Handelns und des vernünftigen Gesprächs.

Eine besonders intensive Reaktion auf die geistigen Verwerfungen führte zur totalen Abwendung von der Vernunft durch die Verbreitung existenzphilosophischer Entwürfe. In der Existenzphilosophie, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und später vor allem in Frankreich ausbreitete, finden sich Analysen zur Grundstimmung des modernen Menschen. Die Suche nach Kompromissen in bedrohlichen Überlebenssituationen bewirkte in der ›pragmatischen Wende‹ schließlich eine Selbstbescheidung der Philosophie. Nach der Dialektik der Aufklärung, nach der Verflüchtigung des Letztbegründungs-Gedankens in das Postulat der idealen Kommunikationsgemeinschaft und nach der Sprachlosigkeit der existenziellen Denker blieb als einzige Möglichkeit der »Abschied vom Prinzipiellen« (Marquard). Unter Rückgriff auf den amerikanischen Pragmatismus und durch die Einbeziehung analytischer und konstruktivistischer Anregungen etablierten sich praktische und medizinische Ethiken, Philosophien der Ökonomie und Formen der Technikphilosophie. Die Suche nach Leitlinien des Handelns zur aktuellen Daseinsbewältigung im weitesten anthropologischen und sozialen Sinne trat an die Stelle der Systematisierung objektiver Wahrheiten in einer philosophia perennis .

Am Ende des 20. Jhs. stehen wir vor einer Überfülle von Themen, Einzeluntersuchungen und Disziplinen, die sich als philosophische Beiträge präsentieren. Neben umfangreichen Untersuchungen zur Philosophiegeschichte und zur Interpretation klassischer Texte lassen sich zwei weitere Tendenzen aufzeigen: zum einen die postmodernen Bemühungen, die Pluralität positiv und als Chance für eine neue philosophische Konzeption zu deuten, zum anderen die naturalistischen Betrachtungsweisen, die durch die Verwissenschaftlichung unserer Existenz rigoros vorangetrieben wurden.

Die Beschäftigung mit der Philosophiegeschichte hat in Deutschland, Italien und Frankreich eine lange Tradition und wurde neuerdings in Gadamers These von der Philosophie als Horizontverschmelzung des Selbstverständnisses mit dem Vorverständnis philosophischer Klassiker neu artikuliert. Philosophie beginnt danach weder beim Nullpunkt selbstevidenter Subjektivität noch durch wissenschaftliche Kontrolle reflexiver Prozesse, sondern realisiert sich im immer wieder neu geführten Gespräch mit den klassischen Denkern und damit durch die Einordnung in den großen Traditionszusammenhang. Zahlreiche Impulse zur Analyse der geschichtlichen Entwicklungslinien hin zur Gegenwart gingen von Ritter und seinen Schülern aus. Unter Betonung der Bedeutsamkeit der Geschichtlichkeit stellt sich Ritter gegen die mystifizierende Eigentlichkeit existenzphilosophischer Entscheidungen und verweist auf die Bedeutung der Institutionen des Rechts und der Sitten für die Konkretion menschlichen Daseins. Der Mensch braucht objektive Zusammenhänge als Bedingung für ein verantwortungsvolles Leben in der Gesellschaft. Dazu liefert die praktische Philosophie des Aristoteles zahlreiches Material. Aber dieser Rückgriff wird für Ritter nur dann fruchtbar, wenn er durch das hegelsche Freiheitsprinzip ergänzt wird. In diesem erhebt der Mensch die Freiheit seines Denkens, seines Handelns und seiner Religion zur autonomen Instanz seiner Subjektivität. So verbinden sich in dieser Auffassung die historische Forschung mit dem systematischen Entwurf und die Tradition mit der Aufklärung. Bei Lübbe richtet sich das Geschichtsdenken gegen Zivilisationskritik, Wissenschaftsfeindlichkeit und Untergangsprophetien, aber auch gegen Utopien, wie sie im Marxismus und in der Idee vom voll emanzipierten Diskursobjekt (Habermas) vorzufinden sind. Seine Bemühungen zielen auf die Erhaltung des Bewährten in Politik und Gesellschaft, wozu er Liberalität, Menschenrechte, freie Marktwirtschaft und die Institutionen der Demokratie zählt. Philosophie ist nicht dazu da, die Wirklichkeit zu beschreiben, was die Wissenschaften besser können, oder gar das Glück der Menschen zu verwirklichen, sondern ihre Aufgabe besteht in der Lösung von Orientierungskrisen. Spaemann relativiert die Geschichtsinterpretation insofern, als er aus den Werken der Großen – das sind für ihn vor allem Platon, Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin – zeitlose Antworten herausliest, die auch für die ethischen Herausforderungen unserer Tage von Bedeutung sind. Der Idee einer metaphysikfreien Ethik (Patzig) stellt er die These entgegen, dass es keine Ethik ohne Metaphysik geben kann, die ihrerseits die Quellen in einem transzendierenden Unbedingten hat. Davon zeugen nach Spaemann die Teleologie alles Seienden, die durch Kommunikation bedingte Struktur des ethischen Subjekts und dessen unabdingbare Würde.

Aber auch andere Denker versuchen, durch historische Untersuchungen einiges vom Erfahrungsschatz der vergangenen zwei Jahrtausende zu heben und durch Neuinterpretation mit der Lebenswelt der Moderne in Einklang zu bringen. Blumenberg beispielsweise widmet viele Analysen den Epochenumbrüchen und hier besonders ausführlich dem Übergang zur Neuzeit. Unter Verwendung zahlreicher Metaphern, die unsere Existenz prägen, beschreibt er das Denken der Neuzeit als ateleologischen Selbsterhaltungsprozess. Der neuzeitliche Mensch fragt nicht mehr demütig nach der vorgegebenen Seinsordnung, sondern bemüht sich selbstbewusst um die ›Herstellbarkeit der Phänomene‹, das heißt um dasjenige, was er zu konstruieren und als Norm zu entwerfen vermag. Blumenberg stellt zahlreiche gängige Thesen über die Neuzeit in Frage, wie beispielsweise deren Interpretation als Ergebnis einer Säkularisierung christlicher Bestände oder die Deutung des Fortschritts als Folge eschatologischen Denkens.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Versuche, aus der geschichtlichen Entwicklung und aus den Gedankengebäuden der »großen Philosophen« (Jaspers) bedeutsame Hinweise zum Verständnis menschlicher Daseinsverhältnisse zu gewinnen, in vielen Fällen nicht nur zu Skepsis und kritischer Distanz führten. Sie sind in ihren Ergebnissen so vielfältig und kontrovers, dass man von einer »neuen Unübersichtlichkeit« (Habermas) sprechen kann. Da die Inkommensurabilität der Anschauungen durch die Aufwertung der Geschichtlichkeit und die damit verbundenen Relativierungen unübersehbar ist, versuchte die philosophische Postmoderne die Pluralität der Konzeptionen als Fortschritt zu deuten. Dabei ist zu beachten, dass die Vielzahl der Artikulationen nicht nur die verschiedenen Richtungen und Standpunkte innerhalb der klassischen Themen der Philosophie betrifft, sondern auch völlig neue Betätigungsfelder erschlossen wurden. Neben der Problematisierung der eigenen Kultur finden wir Theorien über multikulturelle Denkweisen, zur neu entstandenen feministischen Philosophie tritt eine Kinderphilosophie, durch die enormen Ausbreitungsmöglichkeiten der modernen Kommunikationsmittel etabliert sich eine Medienphilosophie und in philosophischen Praxen übernimmt die Philosophie allgemeinbildende und therapeutische Funktionen für Manager, sozial Engagierte und Hilfesuchende.

Die Postmoderne als philosophisches Konzept bezieht sich im Allgemeinen auf die eigene philosophische Tradition, die bisher von den Klassikern beherrscht wurde. Obwohl das Wort Postmoderne die Bedeutung ›nach der Moderne‹ enthält, werden dort durchaus auch Wesenszüge der Moderne bewahrt, sodass Welsch von »unserer postmodernen Moderne« sprechen kann. Die Postmoderne hält an der autonomen Emanzipation der Menschen in das Reich der Freiheit und an der Beschränkung auf das endliche Sein fest. Als überwunden dagegen gelten die Harmonisierungen und Fortschrittsideen in Wissenschaft und Gesellschaft, die seit Auschwitz und Hiroshima jeden Sinn verloren haben. Der Kampf richtet sich vor allem gegen die »Meisterdenker« (Glucksmann), deren Gedanken als geistige Totalitarismen gedeutet werden, welche den politischen Gewaltherrschaften den Weg geebnet haben. Die Philosophie der Prinzipien und Letztbegründungen, der Systeme und ›großen Geschichten‹, wie wir sie in Aufklärung, Idealismus, Phänomenologie, neomarxistischer Dialektik und in modernen Kommunikations- und Systemtheorien vorfinden, wird in eine Philosophie der ›kleinen Geschichten‹ oder in eine »narrative Philosophie« (Rorty) verwandelt. An die Stelle der philosophischen Architektonik der Vernunft treten kurzlebige Skizzen zur Realisierung des glücklichen Lebens, in denen sich die Konfrontationen der Prinzipien auflösen. Freiheit, Originalität, Vitalität und Auffälligkeit sind die Kriterien, die trotz Pluralität, Diskontinuität, Widerstreit und Ambivalenz eine neue Lebensform ermöglichen sollen.

Da jede Lebensform einen Rahmen fester Überzeugungen voraussetzt, scheint sich hinter der neuen Konzeption nur eine Variante des aufgeklärten Skeptizismus zu verbergen, der ohne Festlegungen existieren zu können glaubt. Kein Wunder, dass sich in diesem Umfeld die Auflösung der Philosophie verstärkte. Kulturkritiker, Publizisten, Journalisten, Kunstkritiker, Künstler, Regisseure und Talkmaster fühlen sich kompetent, auf Fragen Antworten zu geben, um die sich einst Philosophen bemühten. Eben diese Entwicklung bedingte in Frankreich, der Hochburg der Postmoderne (Derrida, Lyotard, Lacan, Barthes, Baudrillard), einen Gesinnungswandel. Die Szene wird nicht mehr von pauschalen Verdächtigungen beherrscht, in denen ein falsches, von der Vernunft verführtes totalitäres Bewusstsein entlarvt wird, sondern man bemüht sich in konkreten Analysen der menschlichen Verhaltensweisen um eine Neuorientierung, welche die Klassiker wieder ernst nimmt und dem Diskurs um ein Ende der Philosophie entgegenwirkt.

Eine gewichtige Stimme gegen Skeptizismus, Relativismus und pluralistische Unbestimmtheit ganz anderer Provenienz erheben zahlreiche Denker, die von der fundamentalen Bedeutung der modernen Naturwissenschaften überzeugt sind und jene Fragen im Sinne eines philosophischen Naturalismus zu beantworten suchen. Die Geschichte der Philosophie zeigt, dass sich immer mehr Teilgebiete zu wissenschaftlichen Einzeldisziplinen verselbstständigt haben, sodass Russell die Philosophie geradezu als Restbestand der von den Wissenschaften noch nicht bearbeiteten Bereiche betrachtete. Sogar die innerhalb der analytischen Philosophie verbreitete Interpretation der Philosophie als wissenschaftstheoretische Metatheorie verlor nach der Emanzipation der Logik, Grundlagenmathematik, Semantik und neuerdings der physikalischen Kosmologie ihren Gegenstand. So verbreitete sich im Laufe der Zeit die naturalistische Denkweise, in der die philosophischen Probleme innerhalb des naturwissenschaftlichen Naturkonzepts behandelt werden. Dabei verwischen sich die Grenzen zwischen Philosophie und Wissenschaft (Quine), und die philosophische Kompetenz wird nicht mehr ausschließlich der Physik, sondern vor allem der Biologie und Informationswissenschaft übertragen.

Eine herausragende Rolle in dieser Entwicklung kommt der Philosophy of Mind zu, in der man die geistigen Phänomene wie Intentionalität, Bewusstsein, Willensfreiheit u. ä. zunächst sprachanalytisch zu klären versuchte (Chisholm, Nagel, Davidson, Dennett, Sellars), um zu verstehen, welche Fragestellungen überhaupt sinnvoll sind. Inzwischen ist in vielen Fällen an die Stelle der begrifflichen und logischen Fragen der Versuch getreten, eben jene Phänomene auf der Grundlage der physikalischen und neurobiologischen Wissenschaften als Teile des Naturgeschehens zu erklären. Dabei wird aus erkenntnistheoretischen Gründen eine physikalische einheitliche Trägersubstanz postuliert, andererseits aber auf Grund der Ergebnisse der Chaostheorie Pluralität in den emergenten Ausprägungen verschiedener Seinsschichten zugestanden. Der zugrunde liegende holistische Naturbegriff erinnert durch die Annahme von emergenten und selbstorganisatorischen Prozessen zwar an organismische Naturkonzepte (Schelling, V. von Weizsäcker), wird in der Praxis aber meistens einem rigiden Materialismus und Reduktionismus unterworfen. Die naturgesetzlichen Prozesse können danach zwar nicht mehr durchgängig vorausberechnet werden, bleiben aber dennoch determiniert. Freiheit, moralisches und partnerschaftliches Verhalten der Menschen, seine Emotionalität und Leiblichkeit, ja der Umgang mit der Natur selbst scheinen einer naturbedingten Eigendynamik unterworfen zu sein.

Diese durch Grenzüberschreitungen heraufbeschworene naturalistische Radikalisierung der Verfügungsgewalt über die Natur erfährt in der Gegenwart ihre absolute Krönung, indem sich die Menschheit anschickt, sich mit Hilfe von Genveränderungen selbst zu konstruieren. So steht die Gegenwartsphilosophie vor der Aufgabe, diesen eindeutigen und durch relativierende Betrachtungsweisen nicht wegzuinterpretierenden Herausforderungen zu begegnen. Ob ihr die Bewältigung durch pragmatische Kompromisse oder doch nur durch den Rückgriff auf bestimmte Elemente der ›großen Erzählungen‹ – sei es humaner, ökologischer oder gar transzendenter Art – gelingt, ist eine offene Frage.

A. Hügli, P. Lübcke (Hg.) Philosophie im 20. Jh. , 2 Bde., Reinbek 1992

E. Nordhofen (Hg.) Physiognomien. Philosophen des 20. Jhs. in Porträts , Königstein 1980

H. Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831–1933 , Frankfurt/M. 1983

W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie , 4 Bde., Stuttgart 1960 ff.

K. Wuchterl, Bausteine zu einer Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts , Basel / Stuttgart / Wien 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt