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Ralf Goeres, M. A.

Familienähnlichkeit

Das Wort ist bereits im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm (1862) verzeichnet und taucht in den Schriften Schopenhauers, Nietzsches und Fritz Mauthners auf. Als Terminus technicus gehört die Familienähnlichkeit (engl. family resemblance ) zu den zentralen Konzepten der Spätphilosophie Wittgensteins. Sie ist für ihn das Ordnungsprinzip unserer alltagssprachlichen Grammatik. Nachdem Wittgenstein in seinem Frühwerk Tractatus logico-philosophicus noch eine ideale Sprache entwirft, deren Grundbegriff die strenge und exakte ›logische Form‹ aller sinnvollen Sätze ist (mit den Denkformen der Mathematik und rein extensionalen mathematischen Logik, das heißt mit Funktionen, Gleichungen usw., war er seit seinem Ingenieurstudium vertraut), wendet er sich in seinen späteren Aufzeichnungen zunehmend Untersuchungen unserer gewöhnlichen Alltagssprache zu. Die normale Umgangssprache stellt sich ihm als ein nur locker geregelter Gebrauch sprachlicher Ausdrücke innerhalb gewisser sprachlicher und handlungsmäßiger Kontexte, den in bestimmte Lebensformen eingebetteten Sprachspielen, dar. Die Verwendung alltagssprachlicher Begriffe ist vage, offen für noch nicht bekannte Fälle und weist unscharfe, verschwommene Grenzen und Randbezirke auf. Eine Definition der Ausdrücke, wie sie z. B. von Frege gefordert wird, lässt sich nicht angeben. Diese Unbestimmtheit bedeutet für Wittgenstein aber keineswegs einen Mangel. Die praktische Beherrschung der Worte zeigt, dass sie für das Sprachhandeln im täglichen Leben völlig ausreicht und absolute Präzision oft sogar hinderlich wäre. Den lose geordneten Gebrauch der Worte, bei dem ein Gemeinsames innerhalb der verschiedenen Anwendungsfälle fehlt, beschreibt er nun als einen familienähnlichen Zusammenhang. Ein entsprechendes Modell zu seiner Fassung entwickelt er in der so genannten Übergangsphase seines Denkens. Insbesondere in den postum erschienenen Philosophischen Untersuchungen (§§ 65–67 ff.) vergleicht er dann begriffliche Strukturen mit den Ähnlichkeiten und Verwandtschaften zwischen den Mitgliedern einer Familie. Zwar gleichen sich je einige Familienmitglieder hinsichtlich ihres Wuchses, ihrer Gesichtszüge, ihrer Augenfarbe, ihres Gangs, ihres Temperaments etc., aber es gibt kein Merkmal, das allen Familienangehörigen zukäme. Und doch gehören sie alle zu einer Familie beziehungsweise verwenden wir in allen Fällen dasselbe Wort. Der paradigmatische Fall, an dem Wittgenstein diesen Zusammenhang immer wieder demonstriert, ist der Begriff des Spiels. Anhand dieses Beispiels zeigt er, dass sich bei unserem alltäglichen Sprachgebrauch lediglich ein »Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen« aufweisen lässt.

Als Inspirationsquellen für die Entwicklung der Familienähnlichkeitsidee lassen sich – neben Mill, Whewell, Stewart, Mauthner, Spengler und anderen – insbesondere die ›Sammelbegriffe‹ von James und die Konzeption synchytischer Begriffe des Logikers Johannes von Kries, vermittelt durch den damals in Wien lehrenden Bühler, ausmachen. Weiterhin veranschaulicht die composite portraiture von Francis Galton, mit der Wittgenstein experimentierte, die vorgestellten Verhältnisse. Bei dieser Technik des Photographierens werden verschiedene Porträts übereinander projiziert, sodass man durch Verstärkung der gemeinsamen und Verschwinden der vereinzelten Merkmale ein Kollektivphoto erhält, das ein charakteristisches oder typisches Gesicht darstellt. Ein solcher ›Idealtypus‹ (dieser Begriff Webers ist ebenfalls in der genannten Tradition zu sehen) hat dabei keine eigene Existenzweise, es wird keine tatsächlich lebende Person abgebildet. Somit kommt auch Wittgensteins Ablehnung völlig abstrakter, unzugänglicher Entitäten zum Ausdruck. Zahlreiche Autoren haben versucht, die Vorstellung einer familienähnlichen Ordnung zu formalisieren. Beispielsweise gibt Renford Bambrough in einem einflussreichen Aufsatz, in dem er die Beziehung zwischen der Familienähnlichkeit und dem Universalienproblem herausstellt, das folgende Diagramm an:

Dabei überlagern sich die Merkmale (A-E) der einzelnen Fälle (e-a), die zu einem einheitlich bezeichneten Begriff gehören, jeweils teilweise; es gibt partielle Übereinstimmungen. Andere Formalisierungsversuche legen die Ansicht dar, dass bei einer derartigen Verkettung den weit auseinanderliegenden Fällen überhaupt kein Merkmal mehr gemeinsam zu sein braucht (was im oben angegebenen Schema nicht der Fall ist). Diese Möglichkeit wird von Wittgenstein ausdrücklich zugestanden. Er selbst vergleicht den Zusammenhang auch mit dem Ineinandergreifen der Glieder einer Kette sowie mit einem Faden, bei dem die einzelnen Fasern einander übergreifen, es jedoch nicht irgendein Etwas gibt, das durch den ganzen Faden läuft. Einige Interpreten bringen nun die zeitliche Dimension mit ins Spiel und deuten das partielle Übergreifen als Entwicklungsfolge, bei der sozusagen von einer Generation zur nächsten gewisse Merkmale weitergegeben werden und neue auftreten können, sodass sich die jeweilige Merkmalskonstellation im Laufe der Zeit verändert. Die Gesamtheit der bisherigen Fälle bildet dann den Hintergrund für die Festlegung der Zugehörigkeit zu einer Familie.

Durch sein Konzept der Familienähnlichkeit leistet Wittgenstein einen wirkungsvollen Beitrag zur Diskussion über das Wesen und den logischen Status der Allgemeinbegriffe, der mit dem Anspruch auftritt, eine Alternative zur Begriffslehre der klassischen Logik zu bieten. Einem solchen Denken gelingt es jedoch nicht, den Prozess einer klassisch-logischen Begriffsbildung, bei dem sowohl die extensionale als auch die intensionale Dimension von Begriffsgeflechten berücksichtigt wird, hinreichend zu klären. Ein Blick auf die Wirkungsgeschichte zeigt aber, welch großen Einfluss die Idee der Familienähnlichkeit – und damit die Vorstellung von Vagheit und Unschärfe der Begriffe – in vielen Bereichen von Wissenschaft (man vergleiche die wissenschaftstheoretischen Entwürfe von Kuhn und Feyerabend), Philosophie (insbesondere der analytischen Philosophie) und Logik (vergleiche die so genannte fuzzy logic ) sowie in den Kulturwissenschaften (vergleiche z. B. die verschiedenen Ausprägungen des Dekonstruktivismus) ausgeübt hat.

L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen , Frankfurt/M. 1967

R. Bambrough, Universals and Family Resemblances , in: Proceedings of the Aristotelian Society 61, S. 207–222, 1960/61

R. Goeres, Die Entwicklung der Philosophie Ludwig Wittgensteins , Würzburg 2000

H. W. Krüger, Ähnlichkeiten und Analogien – Diachronische Bemerkungen zur Entstehung des Wittgensteinschen Begriffs der Familienähnlichkeit , in: Wittgenstein Studies 2/ 1994

R. Teuwsen, Familienähnlichkeit und Analogie , Freiburg 1988

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt