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Prof. Dr. Kurt Wuchterl

Existenzphilosophie

Um 1930 setzt sich in Deutschland die Bezeichnung Existenzphilosophie für eine Reihe von zunächst als Anthropologien gedeuteten philosophischen Entwürfen durch, die sich in den geistigen Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auf den innersten Kern des Menschen besinnen und in einer zutiefst persönlichen Reflexion um eine denkerische Seinserfahrung bemühen. Die in ihnen durch leidenschaftliche Interessenahme am eigenen Selbst erlangte existenzielle Teilhabe am Sein tritt in offenen Gegensatz zur rationalen Weltbemächtigung durch Wissenschaft und Technik sowie zur abstrakten Vernünftigkeit objektivierenden Denkens. Das »neue Denken« (F. Rosenzweig) erfasst alle Kulturbereiche. Die Erfahrung der Ungeborgenheit und Auf-sich-Verwiesenheit des endlichen Menschen zwingt in der dialektischen Theologie (Barth), in der Dichtung (Kafka, Rilke, Malreaux), in der modernen Kunst (Munch, Expressionismus, Surrealismus), später auch in der Politik (französischer Widerstand) und auf der Bühne (Sartre, Marcel) zur Entwicklung neuer gedanklicher und künstlerischer Ausdrucksformen. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird die weitere Ausbreitung dieser Gedanken zwar abgebrochen, doch die motivierenden Erlebnisse, die zur Ausbildung der neuen Philosophie geführt haben, werden durch die erneut hereingebrochenen Katastrophen noch intensiviert. Man spricht in diesem Zusammenhang geradezu von einer ›Katastrophenphilosophie‹, welche die seinsbejahenden Aspekte der frühen Existenzphilosophie vergessen hat. Vor allem in Frankreich erscheint der Existenzialismus in neuer Gestalt und verbreitet sich in Intellektuellen- und Künstlerkreisen zu einem resignativen modischen Lebensstil. Mit dem Erstarken des gesellschaftlich engagierten Denkens Ende der sechziger Jahre gerät die Existenzphilosophie durch ihren betonten Rückzug auf das Innere in Misskredit. Seitdem spricht man nur noch von existenzphilosophischen Elementen innerhalb verschiedener Konzepte. Wir unterscheiden deshalb im Folgenden die Existenzphilosophie als philosophische Strömung von der existenzphilosophischen Denkform, die in verschiedenen philosophischen Disziplinen wie Metaphysik, Anthropologie, Ontologie und Religionsphilosophie eine wichtige Rolle spielt. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der zuerst genannten Ausprägung.

In der Existenzphilosophie als philosophischer Strömung geht es darum, alles von einem ›Kern‹ des Menschen her erfahrend zu verstehen. Dieses fundamentale Prinzip der Innerlichkeit bezeichnet man mit dem von Kierkegaard geprägten Begriff der Existenz, der im ›existierenden Denker‹ im Gegensatz zum ›abstrakten Denker‹ Hegels seine anschauliche Konkretion gefunden hat. Mit diesem Begriff ist nicht das abstrakte Das-Sein (existenzia ) als Gegenbegriff zum Was-Sein (essentia ) der klassischen Ontologie gemeint, das ja auch Dingen und Beziehungen zukommt, sondern die Fülle des Erlebten eines auf das nackte Dasein zurückgeworfenen Menschen. In diesem erlebten Das-Sein erfährt der Mensch Furcht und Angst (Kierkegaard), Krankheit und Schuld (Jaspers), das Wissen vom eigenen Tod und die Ahnung des Nichts (Heidegger), die Absurdität menschlichen Handelns (Camus), aber auch die Möglichkeit von Freiheit (Sartre), die Offenheit für Andere, sowie Treue und Hoffnung auf ein göttliches Du (Marcel). Obwohl sich die Existenzphilosophie in den positiv wie in den negativ gestimmten Ausprägungen verbreitet, wird der personalistische und religiöse Existenzialismus (Kierkegaard, Marcel) im Allgemeinbewusstsein bald vom säkularen und atheistischen Existenzialismus (Jaspers, Heidegger, Sartre) verdrängt. Die Bezeichnung Existenzphilosophie wird von den Zeitgenossen vor allem mit den drei zuletzt Genannten verbunden, obwohl sich Heidegger sehr früh von dieser Etikettierung distanziert, bei Jaspers einige Jahre später das Gleiche geschieht und Sartre seine Lehre zuletzt als neue Form des Humanismus (A Renaissance – Humanismus) deutet.

Erste existenzphilosophische Gedanken schreibt Marcel während des Ersten Weltkriegs in seinen Metaphysischen Tagebüchern unabhängig von Kierkegaard nieder und führt darin die Tradition von M. Blondel, M. de Biran, Pascal und Augustinus fort. Er ist überzeugt, dass Antworten auf Sinnfragen nur in Situationen möglich sind, in denen dem Menschen die existenzielle Teilhabe am Sein gewährt wird. Nur dort überwindet er die innere Entfremdung, die ihn durch Betrachtung des Lebens als Schauspiel und der Welt als Feld objektivierender Beherrschung gefangen hält. Grundbedingung der Existenz ist nach Marcel die personale Treue zum menschlichen und zum göttlichen Du, das heißt die Hoffnung auf etwas, dessen man nicht habhaft wird und das sich uns gewährt. Wie alle Existenzphilosophen ist auch Marcel davon überzeugt, dass diese existenziellen Erfahrungen als Bestimmungen einer allgemeinen menschlichen Seinsweise ausgelegt werden können, die bei ihm in einer ›Philosophie der Hoffnung‹ beschrieben werden.

Für Heidegger steht eben diese alle Menschen betreffende Daseinsanalyse im Vordergrund, die er allerdings nicht wie Marcel im Sinne einer religiösen personalistischen Metaphysik, sondern als Fundamentalontologie deutet, die den endlichen Menschen betrifft. Der Mensch wird in dem Jahrhundertwerk Sein und Zeit (1927) als seinsverstehendes Seiendes ausgelegt, das sich zu sich selbst, der Existenz, eigentlich oder im Verfallensein an das seinsvergessene Man uneigentlich verhält. Das vorgängige In-der-Welt-Sein, das Descartes’ isoliertes cogito ad absurdum führt, und andere existenzphilosophische Kategorien (Existenzialien) wie Sorge, Geworfenheit, Mitsein, Möglichsein, Verstehen oder Sein zum Tode beschreiben die Grundformen des endlichen menschlichen Daseins. In seiner Spätphilosophie, nach der ›Kehre‹, entfernt er sich weiter vom auf Innerlichkeit zielenden existenzphilosophischen Ansatz und deutet den Menschen als Ek-sistenz, das heißt als ekstatisches Wesen, das sich auf das sich öffnende Sein bedingungslos einlässt und dies als ›Schickung‹ erfährt.

Das zentrale Dilemma jeder Existenzphilosophie, von etwas sprechen zu wollen, was gerade durch Unausdrückbarkeit ausgezeichnet ist – denn alle Sprache ist allgemein und das Existenzielle aber einmalig, kontingent und »jemeinig« –, veranlasst Jaspers, den Begriff der Existenzerhellung einzuführen, um den appellativen Charakter gegen den systematisch-beschreibenden herauszustellen. Was in mythischer Ausdrucksweise Seele und Gott heißt, nennt Jaspers Existenz und Transzendenz. Seine Philosophie betont das Scheitern an den Grenzen, das Gewahrwerden eines Umgreifenden oder Transzendenten, das allerdings, anders als bei den religiösen und dialogischen Existenzialisten, völlig unbestimmt bleibt. Die Erfahrung der Transzendenz erfolgt allein in Grenzsituationen wie Leid, Krankheit, Tod – alles Themen, in denen die Herkunft Jaspers’ aus der Psychopathologie deutlich wird. Die das Umgreifende erfahrenden Vernunftprozesse finden ihren Ausdruck in einem ›philosophischen Glauben‹, den Jaspers dem religiösen Glauben entgegenstellt. Der philosophische Glaube kennt weder Kultus und Mythos noch eine Gemeinde oder ein vom Profanen abgetrenntes Heiliges, sondern beschränkt sich auf den Glauben an die Transzendenz. Es handelt sich dabei um eine letzte Gewissheit, die keines Beweises bedarf – denn »ein bewiesener Gott ist kein Gott« –, ferner um die unsere Handlungen leitende unbedingte Forderung sowie um den Ursprung unserer Existenz. Der philosophische Glaube bleibt stets im Unbestimmten und muss auf alle Absicherungen verzichten. Später betont Jaspers die kommunikativen Elemente seines Ansatzes und entfernt sich damit von seiner ursprünglichen Lehre des permanenten Scheiterns philosophischer Bemühungen.

Auch bei Sartre, dem bedeutendsten Vertreter des französischen Existenzialismus, tritt das Verhalten des Einzelnen zum Anderen in den Vordergrund. Als Schüler Husserls und Heideggers entwirft er in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts eine phänomenologische Ontologie der menschlichen Existenz. Dabei betont er, dass die menschlichen Strukturen vor allem durch das Nichts bestimmt sind. Dies zeigt sich in Grundstimmungen wie Angst und Ekel, im Scheitern menschlicher Handlungen und in der Absurdität des Daseins. Existenz ist grenzenlose und damit bodenlose Freiheit, ein engagiertes Sich-Entwerfen, das erst durch völlig freie Entscheidung Wesenheiten und Werte erzeugt. Die Existenz geht der Essenz voraus und erlaubt keinerlei vernünftige Letztbegründungen in Erkennen und Handeln. Auch der Bezug zum Anderen ist von der Negativität bestimmt. Eine Analyse des Blickes zeigt, dass in allen menschlichen Beziehungen wegen der gegenseitigen Vergegenständlichungstendenz unüberwindbare Konflikte vorgegeben sind. Jede Beziehung zum Anderen ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil der Andere in die Sphäre des eigenen Für-sich-Seins hineingezogen wird. Später deutet Sartre die Analysen als eine neue Form eines atheistischen Humanismus (A Renaissance – Humanismus) und sympathisiert zugleich mit einem unorthodoxen Marxismus. Die große Wirkung seiner Gedanken, die offensichtlich Grundstimmungen des modernen, von Gott entfremdeten und allein auf sich gestellten beziehungsunfähigen Menschen beschreiben, ist nicht nur seinen philosophischen Werken, sondern vor allem den zahlreichen Theaterstücken zu verdanken. Seine Hinwendung zum Marxismus beschleunigt die allgemeine Auflösung des auf Innerlichkeit fixierten Existenzialismus hin zu einem gesellschaftlichen Engagement und bewirkt damit eine Aufwertung der Gemeinschaft, die sich als Ganze den Existenzbedrohungen zu stellen anschickt.

Zur existenzphilosophischen Denkform: Besonders im Anfangsstadium treten existenzphilosophische Gedanken im Bereich metaphysischer und anthropologischer Überlegungen auf. Marcel spricht ausdrücklich von »metaphysischen Grundbezügen des Menschen zum Universum« und schreibt seine Gedanken in Metaphysischen Tagebüchern nieder. Bei P. Wust rückt später der existenzbezogene Akzent in seinem Metaphysik-Verständnis in den Vordergrund. Schon in seiner Auferstehung der Metaphysik konzentrieren sich die Analysen auf die insecuritas humana , also auf ein echt existenzphilosophisches Thema. Während beim späten Heidegger die Abgrenzung zur Metaphysik offensichtlich ist, wird Sein und Zeit zunächst als Beitrag zum neuen Denken innerhalb der Anthropologie gedeutet. Doch spätestens in der Davoser Disputation zwischen Heidegger und Cassirer (1929) wird deutlich, dass Heidegger mit Hilfe der Kant-Interpretation eine der abendländischen Tradition entgegengesetzte neue Seinslehre entwickeln will.

Besonders enge Bezüge zur existenzphilosophischen Denkweise finden wir in der dialogischen Philosophie (Ebner, Rosenzweig, Buber) und in der Religionsphilosophie (Przywara, Tillich, Guardini), wobei hier allerdings die Fixierung auf die individuelle Innerlichkeit durch die Betonung des Bezugs zu Gott und den Mitmenschen beseitigt wird. Das isolierte Ego weicht dem kreatürlichen Mitmenschen vor Gott. Aufgrund der Tatsache, dass alle Existenzphilosophen im engeren Sinne über die individuellen Erfahrungen hinaus auch eine explizite philosophische Lehre vertreten, bleibt der Begriff des Existenzphilosophischen weiterhin sehr allgemein.

In einem sehr weiten Sinne gehört existenzielles Engagement zu jedem echten Philosophieren. Seit Sokrates bemühen sich Philosophen um den Menschen, und Kant hat deutlich gemacht, dass alle Philosophie letztlich auf die Frage nach dem Menschen hinausläuft. Insofern darf das Ende der Existenzphilosophie als Strömung nicht mit der Antiquiertheit der existenzphilosophischen Grundanliegen gleichgesetzt werden. Zahlreiche wertvolle Elemente wirken weiterhin in anderen philosophischen Lehren fort, so beispielsweise die Hochschätzung der Freiheit, das Bestehen auf einem inneren Engagement jedes Philosophierenden, die Betonung der – allerdings über die Einzelexistenz weit hinausgehenden – Verantwortung in neuen ethischen und ökologischen Konzepten oder die Distanzierung von einer alles vereinnahmenden technischen und wissenschaftsgläubigen Denkweise. Zudem haben existenzphilosophische Gedanken dazu beigetragen, die Augen für die Gefahren einer allmächtigen Vernunft zu öffnen. Bei den religiösen Existenzphilosophen schließlich finden sich Betrachtungen, die auf Möglichkeiten einer erfüllten Existenz auch unter modernen Lebensbedingungen hinweisen.

O. F. Bollnow, Existenzphilosophie , 4. Aufl. Stuttgart 1955

F. Heinemann, Existenzphilosophie. Lebendig oder tot? , Stuttgart 1954

E. Mounier, Einführung in die Existenzphilosophien , Bad Salzig 1949 [frz. Paris 1947]

M. Müller, Existenzphilosophie , Freiburg / München 1986

T. Seibert, Existenzphilosophie , Stuttgart 1997

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hg. v. Wulff D. Rehfus
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1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt