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Dr. Thomas Blume

Erkenntnistheorie

Neben Ontologie und Bedeutungstheorie eines der drei Hauptgebiete der theoretischen Philosophie. Fragt die Ontologie nach dem, was existiert, die Bedeutungstheorie nach der Bedeutung unserer Worte, so ist die zentrale Frage der Erkenntnistheorie die Frage danach, wie wir zu Wissen bzw. Erkenntnis über uns und die Welt gelangen und welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit etwas als Erkenntnis gelten kann.

Innerhalb der Erkenntnistheorie unterscheidet man zwischen Theorien des Wissens und Theorien der Wahrnehmung. Bei der Einteilung philosophischer Wahrnehmungstheorien orientiert man sich an zwei Kriterien: Welche Einstellung nimmt die Theorie in Hinblick auf die unbeobachtete Weiterexistenz von Gegenständen ein? Worum handelt es sich bei dem wahrgenommenen Gegenstand? Eine philosophische Wahrnehmungstheorie gilt als realistisch, wenn sie davon ausgeht, dass ein Gegenstand auch unabhängig davon, ob er wahrgenommen wird, existiert. Eine philosophische Theorie der Wahrnehmung wird als antirealistisch bezeichnet, wenn sie behauptet, dass ein Gegenstand nur dadurch existiert, dass er wahrgenommen wird.

Dementsprechend unterstellt eine realistische Wahrnehmungstheorie, dass es sich bei dem wahrgenommenen Gegenstand um etwas Externes handelt, während eine antirealistische Wahrnehmungstheorie den Gegenstand als etwas im Bewusstsein Liegendes betrachtet. Wo der Realist die Auffassung vertritt, wir seien im Falle von Gegenstandswahrnehmung auf externe Gegenstände bezogen, hält ihm sein Gegner, der Antirealist, entgegen, wir seien stets nur auf Inhalte unseres Bewusstseins gerichtet. Auf realistischer Seite lassen sich weiter direkt und indirekt realistische Konzeptionen von Gegenstandswahrnehmung unterscheiden. Jemand ist ein direkter Realist in Hinblick auf Gegenstandswahrnehmung, wenn seine Theorie nicht auf Mittler zurückgreift, wie sie Perzepte oder Sinnesdaten darstellen, um das Zustandekommen von Wahrnehmung zu erklären. Direkt realistische Tendenzen weist nach Meinung vieler Autoren unser vorwissenschaftliches Verständnis von Gegenstandswahrnehmung auf, wie es seinen Ausdruck in der Alltagssprache findet. Im Gegensatz dazu bedient sich der indirekte Realist eines dreigliedrigen Modells zur Erklärung von Wahrnehmung. Seiner Meinung nach wird der Gegenstand nicht, wie der direkte Realist glaubt, auf direkte Weise wahrgenommen, sondern vermittelt durch einen geistigen Gegenstand, welcher von den verschiedenen Autoren als Sinnesdatum, Sensum, Eindruck, Idee oder Perzept bezeichnet wird.

Auf Seiten des Antirealismus lassen sich idealistische von phänomenalistischen Ansätze unterscheiden. Der Idealist betrachtet das Sein der Gegenstände als gleichbedeutend mit ihrem Wahrgenommenwerden. Esse est percipi , so das bekannte, auf Berkeley zurückgehende Credo des Idealisten. Äußere Gegenstände existieren nur insofern und auch bloß, solange sie wahrgenommen werden. Ohne Betrachter auch kein Gegenstand. Gott als der permanente Betrachter aller Dinge gewährleistet deren Weiterexistenz für den Fall, dass die Menschen ihren Blick gerade einmal von den Dingen abgewandt haben. Phänomenalistische Ansätze sind hier moderater, indem sie die Möglichkeit von unabhängig von ihrem Wahrgenommenwerden existierenden Gegenständen einräumen, sie jedoch zu Konstruktionen erklären, die auf den Daten beruhen, die einem Subjekt unmittelbar in dessen Wahrnehmung gegeben sind.

Zwischen den eben genannten Theorieansätzen kann ein systematischer Zusammenhang hergestellt werden: Empirische Belege untergraben den direkten Realismus. Die Widersprüche des als Alternative in Frage kommenden indirekten Realismus drängen in Richtung Idealismus. Der Idealismus findet seine konsequenteste Ausprägung im Solipsismus. Dieser zieht einen totalen Außenweltskeptizismus nach sich. Einem naiven direkten Realismus, wie er unserer Alltagskonzeption von Gegenstandswahrnehmung zugrunde liegt, wird die Behauptung unterstellt, er gehe erstens von der unbeobachteten Fortexistenz der Gegenstände aus und nähme zweitens an, die Gegenstände würden alle ihre Eigenschaften auch dann behalten, wenn sie von keiner Person wahrgenommen werden. Der Haupteinwand gegen einen naiven direkten Realismus besteht im Verweis auf die Kontext- und Subjektabhängigkeit der qualitativen gegenständlichen Eigenschaften: Ein Gegenstand weist eine bestimmte Farbe nur unter bestimmten Beleuchtungsbedingungen und nur für einen Standardbeobachter auf. Mit den Beleuchtungsbedingungen ändert sich immer auch die Farbe des Gegenstandes. Für einen Farbenblinden sieht ein Gegenstand anders aus als für einen Farbsehenden. Das Gleiche gilt für die anderen so genannten sekundären Sinnesqualitäten wie Geschmack oder Geruch. Als Erklärung bietet sich eine dispositionale Theorie der sekundären Eigenschaften des Gegenstandes an. Eine bestimmte Farbe zu haben ist dasselbe wie die Disposition zu besitzen, unter geeigneten Umständen auf der Seite des Beobachters ein bestimmtes subjektives Farberleben hervorzurufen. Ein indirekter Realismus in Hinblick auf die qualitativen Eigenschaften eines Gegenstandes wird zu einem generellen indirekten Realismus, wenn er auch noch annimmt, dass selbst die primären Eigenschaften, also Form, Größe, Bewegung usw. ihren Platz auf der Seite des Subjekts haben. Gegen einen vollständigen indirekten Realismus kann der Einwand erhoben werden, dass er von der Existenz von außerhalb seines Bewusstseins liegenden Gegenständen überhaupt nichts wissen kann. Um feststellen zu können, dass die subjektiven Vorstellungen auf den Einfluss externer Gegenstände zurückgehen, müsste der indirekte Realist beide Seiten der Wahrnehmungsbeziehung einsehen können. Er kann jedoch seine subjektive Vorstellungswelt nicht verlassen. Als Antwort auf diesen Einwand bietet sich die Position eines inferentiellen Realismus an, der davon ausgeht, dass es sich bei den uns umgebenden Gegenständen um Schlussfolgerungen handelt, die sich auf das unmittelbar in der Wahrnehmung Gegebene stützen. Indem externe Gegenstände zu Konstruktionen eines Subjekts erklärt werden, ist die Grenze zum Antirealismus bereits überschritten. Dessen konsequenteste Ausprägung, der Solipsismus, geht davon aus, dass die gesamte Welt aus den Daten eines einzigen Subjekts konstruiert wird. Der Solipsist wiederum ist mit dem Problem konfrontiert, nicht entscheiden zu können, ob es überhaupt andere Wesen außer ihm selbst gibt oder ob nicht vielmehr alles, was er für Gegenstände hält, nur Gegenstände seiner Einbildung sind.

Neben der Wahrnehmungsthematik bildet das Problem des Wissens einen weiteren Schwerpunkt erkenntnistheoretischer Überlegungen. Die Standarderklärung von Wissen definiert es als gerechtfertigte wahre Überzeugung. Damit eine Person um einen bestimmten Sachverhalt weiß, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: 1. Wahrheitsbedingungen, 2. Überzeugungsbedingungen, 3. Rechtfertigungsbedingungen (Erkenntnis).

In Hinblick auf die dritte Bedingung des Wissens, die Rechtfertigung einer Überzeugung, unterscheidet man zwischen Fundierungs- und Kohärenztheorien. Fundierungstheorien unterteilen die Überzeugungen einer Person in zwei Gruppen: solche, die andere Überzeugungen stützen und selbst keiner Stützung durch andere Überzeugungen bedürfen und solche, die von anderen Überzeugungen gestützt werden. Erstere bilden die erkenntnistheoretische Grundlage, das Fundament unseres Wissens, letztere den darauf errichteten Überbau. In Hinblick auf den Inhalt der grundlegenden Überzeugungen unterscheidet man rationalistische und empirische Fundierungstheorien sowie kausale Repräsentationstheorien. Empirische Fundierungstheorien gehen davon aus, dass unsere grundlegenden Überzeugungen solche sind, die unsere eigenen Empfindungszustände, unsere unmittelbare Sinneserfahrung betreffen. Rationalistische Fundierungstheorien nehmen an, dass es bestimmte Grundwahrheiten gibt, die uns entweder angeboren sind oder in einem besonderen Akt geistiger Schau erfasst werden können. Kausale Repräsentationstheorien behaupten, dass eine Überzeugung dann gerechtfertigt ist, wenn sie auf die richtige Weise zustande gekommen ist, d. h. durch den richtigen Gegenstand verursacht wurde.

Kohärenztheorien der Rechtfertigung versuchen ohne die Annahme von grundlegenden Überzeugungen auszukommen. Kohärenztheorien gehen davon aus, dass eine Überzeugung in dem Maße gerechtfertigt ist, als sie Mitglied einer kohärenten Menge von Überzeugungen ist. Jede einzelne Überzeugung wird in Hinblick auf ihre Rolle innerhalb einer Menge von Überzeugungen bewertet. Eine Überzeugung ist dann nicht gerechtfertigt, wenn die Kohärenz innerhalb des Gesamtsystems steigen würde, wenn man die Überzeugung fallen lassen würde.

In Hinblick auf den Ursprung der Erkenntnis unterscheidet die Erkenntnistheorie zwischen einer empirischen und einer rationalistischen Auffassung. Der Empirismus geht von der Annahme aus, dass der menschliche Geist bei der Geburt einer unbeschriebenen Tafel gleicht. Erkenntnis kommt allein durch Erfahrung und zwar genauer durch Erfahrung der Sinne zustande. Alle Begriffe von Einzelgegenständen, aber auch die Allgemeinbegriffe stellen Abstraktionsleistungen dar, die ihren Ursprung letztlich in den Daten der inneren und äußeren Sinneserfahrung haben. Das bedeutet umgekehrt, dass sich alle Resultate des Denkens auf Sinnesdaten zurückführen lassen, oder, auf Aussagen bezogen, dass sich alle Aussagen über abstrakte Sachverhalte in solche über Sinnesdaten übersetzen lassen.

Dem Empirismus steht der Rationalismus gegenüber. Er vertritt die Auffassung, dass Allgemeinbegriffe, logische Wahrheiten und Sätze der Mathematik ihren Ursprung im Verstand haben. Da die Erfahrung unserer Sinne aufgrund der sie bestimmenden Kontingenz niemals in der Lage ist, uns Erkenntnisse zu liefern, die schlechthin notwendig sind, es jedoch derartige Erkenntnisse gibt, muss ihr Ursprung im Verstande selbst liegen und das heißt, dass diese Erkenntnisse angeboren sein müssen. Descartes, einer der Hauptvertreter des erkenntnistheoretischen Rationalismus, geht in seinen Schriften davon aus, dass es nur in Hinblick auf diese angeborenen Begriffe (Ideen) sichere, zweifelsfreie Erkenntnis geben kann, während die aus den Sinnen stammenden Erfahrungen niemals mit letzter Sicherheit als wahr oder falsch bestimmt werden können.

Der Gegensatz von Empirismus und Rationalismus basiert auf der Unterscheidung zweier Erkenntnisvermögen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand bzw. Vernunft. Seit Platon ist es in der Philosophie üblich, Erkenntnis in zwei Stämme zu unterteilen, nämlich sinnliche Wahrnehmung, d. h. Wahrnehmung vermittels der Sinnesorgane einerseits und Vernunfterkenntnis andererseits. Sinnliche Wahrnehmung ist nach Auffassung dieser dualistischen Konzeption von Erkenntnis auf die Welt der Erscheinungen, das sich stets Verändernde und niemals Bleibende gerichtet. Erkenntnis, die auf dem Wege sinnlicher Wahrnehmung zustande kommt, kann nicht als Wissen im strengen Sinne angesehen werden, sondern wird zur bloßen Meinung abgewertet. Wirkliches Wissen liefert allein die Vernunfterkenntnis. Diese ist auf die allgemeinen Beschaffenheiten, das so genannte Wesen der Gegenstände, sowie auf die allgemeinen Grundsätze von Mathematik und Naturwissenschaften gerichtet. Weil ihre Gegenstände nicht wie die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung vom Wandel betroffen sind, sondern unveränderlich feststehen, kann nur die Vernunfterkenntnis mit dem Anspruch auf Wahrheit auftreten.

In engem Zusammenhang mit der Einteilung der Erkenntnisstämme in sinnliche Wahrnehmung und Verstand bzw. Vernunft steht die Untergliederung in apriorische und aposteriorische Erkenntnis. Als Erkenntnisse a priori bezeichnet man diejenigen Erkenntnisse, die unabhängig von der Erfahrung sind und daher über die Merkmale der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit verfügen. Bei ihnen handelt es sich um die Bedingungen von Erfahrung, also Bedingungen, die Erfahrung ermöglichen. Kant, der den Begriff geprägt hat, geht in seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft , davon aus, dass jedem konkreten Denkakt bestimmte Prinzipien oder strukturelle Eigenschaften zugrunde liegen, die nicht aus sinnlicher Erfahrung gewonnen werden, sondern durch Analyse der logischen Struktur des Gedachten gefunden werden. Erkenntnisse a posteriori sind dagegen die Erkenntnisse, die ihren Ausgangspunkt in Wahrnehmungssachverhalten haben. Hierzu gehören beispielsweise alle Einsichten in das Wirken naturgesetzlicher Zusammenhänge, die auf der Beobachtung vieler einzelner Fälle beruhen.

Von einer primär auf die Erkenntnis materieller Gegenstände, mathematischer Sachverhalte und naturwissenschaftlicher Gesetze orientierten Erkenntnistheorie unterscheidet sich der erkenntnistheoretische Ansatz der Hermeneutik. Die Hermeneutik als Kunst der Auslegung beschäftigt sich mit dem individuellen Sinngebilde in seinen Zusammenhängen. Der Theologie entstammend, wo sie in erster Linie mit der Auslegung der Heiligen Schrift befasst war, hat sich die Hermeneutik der Auslegung literarischer Texte im Allgemeinen, aber auch von Ereignissen in historischen Zusammenhängen sowie des individuellen Seins von Personen zugewandt.

P. Prechtl, Husserl zur Einführung , Hamburg 1991

R. Bernet, I. Kern, E. Marbach, Edmund Husserl. Darstellung seines Denkens , Hamburg 1989

E. Ströker, P. Janssen, Phänomenologische Philosophie , Freiburg / München 1989

H. R. Sepp (Hg.) Edmund Husserl und die phänomenologische Bewegung. Zeugnisse in Text und Bild , Freiburg / München 1988

L. Landgrebe, Der Weg der Phänomenologie , Gütersloh 1963

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt