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Dr. Thomas Blume

Erkenntnis

Bezeichnet den Vorgang oder die Beziehung, in der etwas, das Erkannte, von einem Subjekt auf bestimmte Weise aufgefasst wird. Umgangssprachlich ist der Erkenntnisbegriff dem Begriff der Einsicht verwandt. Jemand hat dann etwas erkannt, wenn er es eingesehen hat. Dabei spielen oftmals die Gründe eine Rolle, durch die jemand zur Erkenntnis einer Sache gelangt. Daneben kann Erkenntnis auch für den Gegenstand des Wissens, das Erkannte, stehen. Als Kriterium dafür, ob jemand zu einer bestimmten Erkenntnis gelangt ist, zählt oftmals die Tatsache, dass er seine Auffassung begründen kann, er also begründetes Wissen von der betreffenden Sache hat. Auf den Bereich der Sinneswahrnehmung bezogen heißt erkennen soviel wie ›etwas von etwas zu unterscheiden in der Lage sein‹. Jemand hat dann etwas erkannt, wenn er in der Lage ist, durch verbales oder nonverbales Handeln (dadurch, dass er seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, auf den Gegenstand weist oder ihn mit Worten beschreibt) darauf Bezug zu nehmen.

Die philosophische Behandlung des Begriffs der Erkenntnis rückt ihn in die Nähe zum Begriff des Wissens. Erkenntnis ist eine Art von Wissen, und zwar begründetes Wissen; Wissen, das zu seiner Rechtfertigung Gründe beibringen kann. Als solches stehen Erkennen und Erkenntnis der Meinung (doxa ) als einer Form des Wissens gegenüber, die nicht mit dem Anspruch auftreten kann, Wahrheit zu besitzen. Erkenntnis, zumindest in der antiken Philosophie, ist dadurch ausgezeichnet, auf das Ewige, Unwandelbare ausgerichtet zu sein, während Meinung (doxa ) es mit der Welt des Scheins, dem Scheinbaren und dem Wandel Unterworfenen zu tun hat. Im Ergreifen des Ewigen und Unwandelbaren erwirbt Erkenntnis den Anspruch auf Wahrheit.

In der modernen Debatte um den Begriff der Erkenntnis hat man sich von den metaphysischen Annahmen der antiken und mittelalterlichen Philosophie weitgehend befreit. Festgehalten hat man allerdings am Zusammenhang von Wissen und Erkenntnis. Jemand hat etwas dann erkannt, wenn er etwas weiß. Um etwas zu wissen, müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: 1. Wahrheitsbedingungen: Um von jemandem sagen zu können, er wisse etwas, muss das, was er weiß, wahr sein. Man wird z. B. nicht sagen wollen, jemand wisse, dass die Zahl der Planeten 10 beträgt, wenn es nicht wahr ist, dass es zehn Planeten gibt. 2. Überzeugungsbedingungen: Um von jemandem sagen zu können, er wisse etwas, muss er von dem entsprechenden, als gewusst bezeichneten Sachverhalt selbst überzeugt sein. Es genügt nicht, irgendetwas bloß bei irgendeiner Gelegenheit zu sagen. 3. Rechtfertigungsbedingungen: Nur dann wird man von jemandem sagen können, er wisse etwas, wenn er in der Lage ist, sein Wissen zu rechtfertigen, Gründe zu nennen, Beweise zu erbringen. Man kann etwas behaupten, das wahr ist, und man kann davon überzeugt sein. Dennoch kann einem ein Wissen um das, was man behauptet, abgesprochen werden, wenn man nicht in der Lage ist, seine Position zu begründen. Dabei ist es wichtig, dass jemand nicht nur irgendwelche Gründe nennt, sondern auch die relevanten Gründe anführen kann. Ob ein Grund als relevant gilt, wird letztlich durch die Gemeinschaft bestimmt.

Was die Rechtfertigung einer Behauptung angeht, so hat die klassische Philosophie entweder das in der Wahrnehmung Gegebene oder das intuitiv mit dem Geist Erschaubare als Fundament der Rechtfertigung und damit von Wissen und Erkenntnis angesehen: Jemand ist nur dann in Hinblick auf eine Behauptung gerechtfertigt, wenn es in der Wahrnehmung oder in einem geistigen Reich eine dem Behaupteten entsprechende Tatsache gibt. Stimmen Behauptung und Tatsache überein, so ist die Behauptung gerechtfertigt und man ist im Besitz von Wissen bzw. im Besitz der Erkenntnis der betreffenden Sache. Bei Nichtübereinstimmung liegt kein Wissen und keine Erkenntnis vor. Nachfolger dieser Art von Rechtfertigungstheorien sind externalistische Konzeptionen der Rechtfertigung, wie sie vor allem im angelsächsischen Raum in den letzten dreißig Jahren entwickelt worden sind: Eine Behauptung gilt dann als gerechtfertigt, wenn die richtige Verbindung zwischen dem Inhalt der Behauptung, also der Überzeugung im Kopf des Sprechers, und der Realität besteht. Jemand geht z. B. richtig in der Annahme, etwas Rotes zu sehen, wenn seine Überzeugung, etwas Rotes zu sehen, durch einen roten und nicht etwa durch einen blauen Sachverhalt verursacht wurde. Gehen die beiden zuletzt genannten Konzeptionen der Rechtfertigung davon aus, dass es bestimmter, durch die Welt abgesicherter Grundüberzeugungen bedarf, damit Wissen und Erkenntnis zustande kommen, so besteht dazu entsprechend der Kohärenztheorie kein Erfordernis. Jemand ist nach Meinung der Kohärenztheoretiker dann berechtigt, etwas zu behaupten, wenn sich seine Behauptung auf kohärente Weise, d. h. ohne Widersprüche mit anderen seiner Überzeugungen hervorzurufen, in das Gesamtnetz seiner Überzeugungen einreiht.

Im Bereich der Sinneswahrnehmung (aber nicht nur dort) wird Erkennen und Erkenntnis mit der Fähigkeit zur Unterscheidung in Zusammenhang gebracht. Etwas wird als etwas wahrgenommen. Wahrnehmung ist selten oder nie pure Wahrnehmung. Das Wahrgenommene, der Gegenstand, wird stets als einer bestimmten Kategorie angehörend, bestimmte Eigenschaften besitzend wahrgenommen. Man vernimmt z. B. akustisch nicht nur Geräusche, sondern hört das Hupen eines Autos, das Lachen eines Kindes usw. Wahrnehmung besitzt eine kategoriale Formung. Die verschiedenen in der Tradition vertretenen Ansätze unterscheiden deshalb zwischen dem Inhalt und der Form einer Erkenntnis. Den Inhalt bilden nach Meinung vieler Autoren Sinnesdaten, Daten, die auf eine Begegnung der Sinnesorgane mit den verschiedenen Eigenschaften des Gegenstandes hervorgerufen werden. Je nachdem, welchen erkenntnistheoretischen Standpunkt ein Philosoph bezieht, geht er davon aus, dass die formalen Eigenschaften durch den Gegenstand selbst auf der Seite des Wahrnehmenden erzeugt werden, eine Leistung des Wahrnehmenden sind oder beide, Inhalt und Form, allein durch den Wahrnehmenden konstituiert werden.

Erkenntnistheoretischer Grundsatz des Empirismus ist es, dass ausnahmslos alle Erkenntnis ihren Ursprung in der Sinneserfahrung hat. Äußere Gegenstände wirken auf die Wahrnehmungsorgane eines Menschen ein und führen in seinem Geiste zu Sinnesdaten, aus denen auf dem Wege der Abstraktion allgemeine Begriffe gewonnen werden. Grundprinzip des transzendentalen Idealismus ist es, Erkenntnis als Synthese zweier Seiten, sinnlicher Anschauung und Verstand zu erklären, wobei angenommen wird, dass die Sinnlichkeit das Material, der Verstand die Form der Erkenntnis bereitstellt. Nach Auffassung des transzendentalen Idealisten hat das Material eine äußere, jenseits des Subjekts liegende Ursache. Idealistische Ansätze gehen davon aus, dass es überhaupt keine äußere, jenseits des Subjekts liegende Ursache, weder für den Inhalt noch für die Form gibt. Beide Seiten werden im Subjekt konstituiert.

E. Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit , 4 Bde., Darmstadt 1994 [Reprint]

P. Baumann, Erkenntnistheorie , Stuttgart 2002

G. Gabriel, Grundprobleme der Erkenntnistheorie , Paderborn 1998

N. Schneider, Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert. Klassische Positionen , Ditzingen 1998

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt