Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Dr. Thomas Blume

Erfahrung

Bezeichnet umgangssprachlich eine durch den fortgesetzten Umgang mit einer bestimmten Tätigkeit erworbene Übung und Fähigkeit der Beherrschung der Tätigkeit, ohne dass dazu theoretisches Wissen um die relevanten Ursachen und Vorgänge erforderlich wäre. So kann jemand Erfahrung im Umgang mit Kindern besitzen, ohne darum in die theoretischen Grundlagen der Pädagogik eingeweiht zu sein. Daneben steht der Begriff der Erfahrung für eine Art von Wissen, das auf der Beobachtung einer endlichen Anzahl von einzelnen Fällen beruht. In diesem Sinne kann man sagen, dass jemand mit Leuten einer bestimmten Art schlechte oder gute Erfahrungen gesammelt hat.

In Anlehnung an die zuletzt genannte Verwendungsweise kennzeichnet Aristoteles Erfahrung als Vertrautheit mit dem Besonderen, als eine Art der Erkenntnis, die sich nicht auf allgemeine Sätze und Prinzipien, sondern auf einzelne Fälle richtet. Wegweisend für die weitere Entwicklung des Erfahrungsbegriffs innerhalb der philosophischen Tradition ist die Tatsache, dass Aristoteles für die Erkenntnis des Einzelnen die Wahrnehmung zuständig macht. Einzelne Sachverhalte werden nur auf dem Wege einer durch die Sinne vermittelten Wahrnehmung erkannt.

Die Entstehung des neuzeitlichen Wissenschaftsideals in der Renaissance (A) hat zu einem Bedeutungswandel in Hinblick auf den Erfahrungsbegriff geführt. Stand Erfahrung in Antike und Mittelalter (A) für den Besitz bestimmter praktischer Fähigkeiten, so bezeichnet sie nunmehr den Prozess und die Methoden, durch die man zu wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangt. Bei F. Bacon steht Erfahrung für den Aufstieg von der Beobachtung einer Vielzahl einzelner Fälle zu den fundamentalen Naturgesetzen. Das dabei zur Anwendung kommende Verfahren der Induktion erlaubt den Schluss vom Besonderen – den einzelnen Fällen und den dabei beobachteten Regelmäßigkeiten – auf allgemeine Sätze. Gleichzeitig rückt Erfahrung (engl. experience ) in die Nähe zum Experiment. In Experimenten wird Erfahrung auf eine methodisch kontrollierte Art und Weise künstlich erzeugt, um auf diesem Wege zu wissenschaftlicher Erkenntnis zu gelangen.

Der britische Empirismus führt den Begriff der Erfahrung auf den Begriff der Wahrnehmung eines unmittelbar Gegebenen zurück. In der Absicht, ein System menschlicher Erkenntnis zu konstruieren, wird Erfahrung mit Sinneswahrnehmung gleichgesetzt und zum Ausgangspunkt jeder Art von Erkenntnis erklärt. Ausdruck hat diese Konzeption von Erfahrung als Sinneswahrnehmung in Lockes Bild vom Geist bzw. Bewusstsein als einer unbeschriebenen Tafel gefunden. Der menschliche Geist gleicht nach Locke bei der Geburt eines Menschen einer unbeschriebenen Tafel bzw. einem weißen Blatt Papier. Auf dem Wege der durch die Sinne vermittelten Wahrnehmung, der Erfahrung, kommt es zu den ersten Eintragungen auf dieser Tafel. Die ersten und ursprünglich dort verzeichneten Inhalte sind reine, d. h. nicht von bestimmten Begriffen überformte Sinneseindrücke. Ein außerhalb des Geistes gelegener Wahrnehmungsgegenstand, so lautet die zugrunde liegende Annahme, übt einen kausalen Einfluss auf die menschlichen Sinnesorgane aus, was im ›Innern‹ des Subjekts, in seinem Geist, dazu führt, dass bestimmte Sinneseindrücke verzeichnet werden. Diese Sinneseindrücke stehen zunächst noch nicht für Gegenstände wie Häuser, Bäume, Menschen usw., sondern sind nichts anderes, als der durch die kausale Wirkung dieser Gegenstände hervorgerufene sinnliche Gehalt unserer Vorstellungen über die Welt. Der logische Empirismus des 20. Jhs. greift den Gedanken einer untersten erkenntnistheoretischen Ebene auf und modifiziert ihn dahingehend, dass er versucht, alle Sätze wissenschaftlicher Theorien auf theoriefreie Sätze über unsere unmittelbare Erfahrung zurückzuführen. Der logische Empirist unterscheidet daher zwischen theoriefreien Sätzen, die unsere unmittelbare Erfahrung beschreiben – den so genannten Protokoll- oder Basissätzen – und den theoriegeladenen Sätzen der Naturwissenschaft, mit denen über allgemeine Zusammenhänge auf der einen Seite, über nicht mit den Sinnen wahrnehmbare Dinge wie Elektronen, Magnetfelder, kosmische Strahlung und dergleichen auf der anderen Seite gesprochen wird. Sollen die zuletzt genannten Sätze sinnvoll sein, so müssen sie sich in solche über wahrnehmbare Sachverhalte überführen lassen. Die Unterscheidung zwischen einer theoriefreien Beobachtungssprache und einer theoriegeladenen Wissenschaftssprache ist später mit der Begründung angegriffen worden, dass auch schon unsere sich auf Beobachtungen beziehenden Sätze theoretischen Gehalt besitzen.

Bei Kant steht Erfahrung für empirische und zugleich für objektiv gültige Erkenntnis. Laut Kant verfügt der Mensch über zwei Stämme der Erkenntnis, die in ihrem Zusammenspiel zu Erfahrung führen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand. Wird durch die Sinnlichkeit eines Menschen ein so genanntes Wahrnehmungsmannigfaltiges, etwa vergleichbar den Sinneseindrücken der Empiristen, geliefert, so stellt der Verstand die so genannten Verstandes- oder Denkformen, die Formen, in denen ein intelligentes Wesen wie der Mensch denkt, bereit. In einer Erfahrung werden beide Seiten der Erkenntnis zu einer Einheit verknüpft. Erfahrung ist daher dasselbe wie die synthetische Verknüpfung der Wahrnehmungen (Affektionen) in einem Bewusstsein. Das aus den Sinnen stammende Mannigfaltige der Wahrnehmung wird dabei in die vom Verstand bereitgehaltenen Formen gegossen (Kategorien). Das Produkt ist eine Erfahrung, d. h. eine Erkenntnis, die nicht, wie bloße Wahrnehmung, subjektiv ist, sondern mit dem Anspruch auf objektive Gültigkeit auftreten kann. Erst dann, wenn eine Wahrnehmung einer der aus dem Verstand herrührenden gedanklichen Formen unterworfen wird, wenn also ein die bloße Wahrnehmung überschreitendes Urteil gebildet wird, das den Gebrauch der Verstandesformen beinhaltet, erst dann wird aus der Wahrnehmung Erfahrung, d. h. Erkenntnis, die den Anspruch erheben kann, von allen denkenden Wesen anerkannt zu werden. Zugleich aber führt die gestaltende Kraft der gedanklichen Formen dazu, dass aus dem in der Wahrnehmung gegebenen Gehalt so etwas wie die Vorstellung eines Gegenstandes wird. Solange jemand bloß wahrnimmt, nimmt er noch keine Gegenstände, sondern nur sinnliches Material wahr. Erst wenn dieses seinen Ursprung in den Sinnen habende Material auf bestimmte Weise geformt wird, kommt es für das Subjekt zur Vorstellung eines Gegenstandes.

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt