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Dr. Thomas Blume

Endlichkeit

Der Begriff, der dem Begriff des Unendlichen gegenübersteht, hat seinen Ort zunächst in der Mathematik. Endlich ist beispielsweise eine Folge von Zahlen, die ein letztes Glied besitzt, unendlich dagegen eine Zahlenfolge, bei der das nicht der Fall ist, wo es also zu jedem Glied noch ein weiteres gibt.

In der Philosophie ist es seit Plotin üblich, Unendlichkeit auf ein höchstes Prinzip, auf Gott oder das Eine zu beziehen. Das Höchste ist zugleich das Vollkommenste und darf als solches keine Beschränkung oder Einengung, gleich welcher Art, erfahren. Daher hat es unendlich zu sein, da Endlichkeit bedeutet, dass etwas räumlich, zeitlich oder gedanklich durch etwas anderes begrenzt ist. Alles unter dem Höchsten Stehende dagegen ist aufgrund seiner Begrenztheit durch anderes endlich und unvollkommen.

Die Unterscheidung von Endlichem und Unendlichem wird in der mittelalterlichen Scholastik und Theologie auf den Gegensatz von schaffendem Gott und geschaffenen Dingen bezogen. Gott ist unendlich und vollkommen, wobei jedoch seine Unendlichkeit anders als die mathematische Unendlichkeit zu denken ist. Die Unendlichkeit Gottes ist aktual, er ist das Ganze auf einmal. Mathematische Unendlichkeit dagegen ist niemals aktual, sondern immer nur potenziell. Der aktual unendliche Gott ist daher zugleich unbegreiflich. Alles Geschaffene, alle von Gott erzeugten Geschöpfe, sind, weil sie auf die eine oder andere Weise begrenzt sind, endlich.

Die Zuordnung von göttlichem Unendlichen und geschöpflichem Endlichen findet ihre Fortsetzung in der Philosophie bei Spinoza, wo als endlich diejenigen Dinge bezeichnet werden, die durch andere begrenzt werden. Alle Einzeldinge, sofern sie eine begrenzte Existenz haben, sind endlich. Gott dagegen, der mit der einen, alles umfassenden Weltsubstanz gleichgesetzt wird, ist unendlich, weil nichts ihn begrenzen kann, da es ja nur eine Substanz gibt. Das Endliche ist dann eine Modifikation des Unendlichen. Wird das Unendliche modifiziert, so ist Endliches die Folge. Aus diesem Grunde begreift Spinozas Zeitgenosse Leibniz das Endliche als Modifikation des Unendlichen. (Man kann sich diesen Gedanken dadurch veranschaulichen, dass man sich das Unendliche wie ein grenzenloses weißes Blatt Papier vorstellt, auf dem man endliche Flächen dadurch erhält, dass man auf dem Blatt Linien einträgt.)

Descartes und Kant betonen den erkenntnistheoretischen Aspekt der Endlichkeit. Auf Überlegungen von Augustinus fußend, für den Gott im Vollbesitz aller erkennbaren Gegenstände ist, welche der Mensch nur in der Folge der Zeit, also nacheinander, erfahren kann, schreibt Descartes dem absoluten Wesen unbegrenzte Erkenntnis zu. Endlichkeit ist dagegen ein Wesenszug menschlicher Erkenntnis. Der Mensch verfügt nur über einen eingeschränkten Horizont. Er ist niemals in der Lage, alles zu erkennen, was erkennbar wäre. Seine Unvollkommenheit in Hinblick auf Erkenntnis ist zugleich die Ursache des Irrtums des Menschen: Da der Wille sich oft auf Dinge erstreckt, die der beschränkte Verstand nicht einzusehen in der Lage ist, werden oft Fehlentscheidungen und Irrtümer begangen.

Kant sieht den Grund der Endlichkeit menschlicher Erkenntnis u. a. darin, dass menschliche Anschauung, die Sinnlichkeit des Menschen, von der Existenz eines Gegenstandes abhängt. Göttliche Anschauung ist Kant zufolge hervorbringend. Das, was Gott anschaut, wird allein durch sein Anschauen geschaffen. Der Mensch hat es im Gegensatz dazu in der sinnlichen Anschauung mit Gegenständen zu tun, die nicht durch sein Anschauen hervorgebracht werden, sondern bereits existieren müssen, um in ihm Sinnesreize zu verursachen und Vorstellungen hervorzurufen. Eine weitere Beschränkung erleidet menschliche Erkenntnis durch die Diskursivität des Verstandes. Darunter ist die Tatsache zu verstehen, dass im Menschen Vorstellungen stets nacheinander durchlaufen (lat. discurrere ) werden oder, anders ausgedrückt, dass eine Sache nie nach allen ihren Aspekten zugleich betrachtet und überdacht werden kann.

Die an Kant anschließende philosophische Diskussion, wie sie im deutschen Idealismus (A) geführt wurde, erkennt die Diskursivität des Verstandes und die daraus resultierende Verendlichung an, bestreitet jedoch die Nichtexistenz einer intellektuellen Anschauung, wie sie von Kant behauptet wurde. Kant hat menschlicher Erkenntnis die Möglichkeit intellektueller Anschauung u. a. mit dem Argument abgesprochen, dass sich ein anschauender Verstand nur auf das Wirkliche, nicht aber auf das Mögliche richten könne. Mit einem Verstand, der anschauend ist, lässt sich über bloß mögliche Sachverhalte überhaupt nicht nachdenken, da alles, was durch eine intellektuelle Anschauung angeschaut wird, sogleich zu existieren anfangen würde und somit wirklich werden würde. Fichte und Schelling dagegen behaupten, es gebe in Bezug auf den Menschen ein Vermögen der intellektuellen Anschauung, wo im Akt des Anschauens das Angeschaute erzeugt wird. Dieses Angeschaute, das Fichte und Schelling als das Ich bezeichnen, wird jedoch nicht durch einen Begriff gedacht und ist demzufolge unendlich. Erst durch den Begriff erleidet dieses Unbedingte Beschränkungen, was jedoch nicht auf Ursachen zurückzuführen ist, die dem Ich äußerlich sind, denn das Ich selbst soll alle Realität in sich enthalten. Folglich gibt es auch nichts außer ihm, was gleichfalls real wäre. Das Ich erleidet Beschränkung dadurch, dass sich die ursprünglich freie, unbeschränkte Tätigkeit des Ich auf sich selbst bezieht und somit in sich Grenzen einträgt. Der Gegensatz von göttlichem Unendlichen und menschlichem Endlichen wird damit auf der Ebene des Ich reproduziert. An der Konzeption eines schlechthin Unendlichen, wie es Schelling angenommen hat, entzündet sich die Kritik Hegels. Für ihn sind Endliches und Unendliches korrelative Begriffe: Der Begriff des Endlichen setzt den des Unendlichen voraus, wie umgekehrt der Begriff des Unendlichen den des Endlichen voraussetzt. Die Rede von einem schlechthin Unendlichen ist ein Selbstwiderspruch.

Zum zentralen Begriff wird Endlichkeit in der Existenzphilosophie Heideggers. Für Heidegger ist der Mensch in Hinblick auf sein Tun und Denken endlich. Ihm stehen nur endlich viele Alternativen offen und er kann nur endlich viele Gedanken fassen. Ein Vollbesitz aller Handlungsalternativen und aller Gegenstände des Wissens, wie er für Gott charakteristisch ist, bleibt dem Menschen versagt. Im besonderen Sinne ist der Mensch jedoch durch seinen Tod endlich. Endlichkeit bedeutet dabei nicht, dass der Mensch nur irgendwann einmal stirbt, sondern ist ein Existenzial, eine der Grundstrukturen des menschlichen Daseins, die alle Lebensvollzüge prägt. Endlichkeit ist Sein zum Tode, ist der ausdrückliche oder unausdrückliche Bezug des Menschen auf seinen Tod. Im Ergreifen der ihm mit dem Tod gesetzten Endlichkeit gewinnt der Mensch den Status der Eigentlichkeit. Das bedeutet, dass das menschliche Dasein, sofern es sich in seinen Entscheidungen nicht an den von der Gemeinschaft vorgeschriebenen Werten orientiert, sondern auf seinen Tod, auf sein Sterbenkönnen blickt, ›eigentlich‹ wird.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt