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Lic. phil. Gerhild Tesak

Empirismus

Eine auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie entstandene Richtung der Philosophie, die vor allem in Großbritannien in den Jahren zwischen 1600 und 1800 hervorgebracht und entwickelt wurde. Ihre Vertreter erhoben die Forderung, dass als einzige Quelle der Erkenntnis die Erfahrung zu gelten habe. Eine These, die sie nicht nur ihren eigenen Arbeiten zu Grunde legten, sondern von der überhaupt alle wahre Wissenschaft auszugehen habe. Der Anlass, der zur Ausbildung des Empirismus führte, ist in der skeptischen Krise zu suchen, die damals sowohl die Philosophie als auch die Naturwissenschaften erfasst hatte. Der Zweifel an der Möglichkeit sicherer Erkenntnis führt zu der Frage nach dem Ursprung der menschlichen Erkenntnis. In Beantwortung dieser Frage bildeten sich zwei konträre Positionen heraus, der Rationalismus und der Empirismus. Der Rationalismus entwickelt ein an der Mathematik orientiertes Ideal der Vernunfterkenntnis. Den Ausgangspunkt sollen erste Prinzipien bilden, deren Gewissheit durch die Vernunft gesichert ist. Mittels Deduktion lassen sich daraus ohne jegliche Beimischung sinnlicher Erfahrung Erkenntnisse von der Welt ableiten, an deren Wahrheit nicht zu zweifeln ist. Im Gegensatz dazu wird im Empirismus die Erfahrung zur notwendigen Bedingung, zum Grund jeglicher Erkenntnis. Dem Beispiel der Naturwissenschaft folgend, geht die empiristische Methode von dem sinnlich Gegebenen aus, das sie als Einziges für unbezweifelbar hält, da es unmittelbar gegeben ist. Erkenntnisse werden induktiv aus den sinnlichen Erfahrungen gewonnen.

Die direkten Vorläufer des Empirismus englischer Prägung sind F. Bacon und Hobbes. Zwar findet sich das Vorgehen, Erkenntnisse unter Einbezug sinnlicher Erfahrung zu gewinnen, ansatzweise bereits in der Antike verwirklicht (für Kant z. B. ist Aristoteles auf Grund eines solchen Vorgehens der erste Empirist), doch handelt es sich hierbei größtenteils um die unreflektierte und nicht konsequent verfolgte Anwendung eines Verfahrens, das erst durch Bacon und Hobbes zur methodischen Forderung erhoben wurde. Beide werden manchmal bereits als die ersten Vertreter des Empirismus bezeichnet, was unter dem Aspekt, dass sie als Erste den Erfahrungsbezug zum Programm der Philosophie und Naturwissenschaft formulierten, berechtigt sein mag. In seinem Fragment gebliebenen Hauptwerk Magna Instauratio von 1620 unterzieht Bacon die traditionelle, sich vor allem an der Autorität des Aristoteles orientierende Wissenschaft einer herben Kritik. Diese betrifft sowohl Methode als auch Ziel der zeitgenössischen Wissenschaft, insofern diese weder die wirkliche Erfahrung zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen macht noch ihre Forschungen an den tatsächlichen Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert. Die Arbeit der Naturwissenschaft muss nach Bacon in den Dienst des Menschen gestellt werden, ihr Ziel in der menschlichen Praxis liegen. Neben der Behandlung der größten Vorurteile, durch die sich der menschliche Geist seiner Meinung nach den Zugang zu wahrem Wissen versperrt (Idolenlehre), entwirft Bacon den systematischen Weg einer Naturwissenschaft, die sich bei ihrem induktiven Vorgehen nicht mit zufällig gewonnenen Erfahrungsdaten begnügt, sondern durch systematisches Experimentieren auf dem Weg der Erkenntnis fortschreitet. Insofern Bacon den Beitrag des Verstandes beim Zustandekommen der Erkenntnis als ebenso wesentlich betrachtet wie den der Erfahrung, vertritt er keinen ›reinen‹ Empirismus. Ähnlich wie Bacon geht auch Hobbes von einer Kritik der zeitgenössischen Wissenschaft und Philosophie aus. In seinem Hauptwerk Leviathan (1651) formuliert er die These, dass sich der Mensch prinzipiell nichts denken könne, was nicht zuvor als Ganzes oder in seinen Teilen in der Sinnesempfindung vorgegeben war. Negativ formuliert bedeutet das, dass Dinge, die nicht Gegenstand der Sinne sind, konsequenterweise weder begrifflich noch wissenschaftlich erfasst und behandelt werden können. Neben dieser These, die zum empiristischen Prinzip par excellence avancieren sollte, vertritt er in seinem Denken jedoch auch ausgeprägt rationalistische Züge. Obwohl Bacon und Hobbes also beide keine reinen Empiristen sind, ist ihre Bedeutung für den Empirismus wie auch für die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft als solche gar nicht zu überschätzen, zu der sie durch ihre unzeitgemäße Betonung der Wichtigkeit von Erfahrung wesentlich beitrugen. Zu denjenigen Autoren, die in der Folge den Erfahrungsbezug jeder Erkenntnis nicht nur gefordert, sondern auf einer solchermaßen empiristisch bestimmten Grundlage ihre eigenen philosophischen Systeme entwickelt und damit das Antlitz des Empirismus maßgeblich geprägt haben, gehören Locke, Berkeley und Hume. Unter ihnen gilt Locke als der eigentliche Begründer des Empirismus, da er als Erster den Versuch unternimmt, den Erfahrungsursprung aller menschlichen Begriffe im Einzelnen darzulegen. Ins Zentrum seiner Arbeit stellt er die Erforschung der menschlichen Erkenntnis in all ihren Dimensionen (Ursprung, Gewissheit, Umfang) und verleiht so der Erkenntnistheorie eine selbstständige Bedeutung. In seinem Hauptwerk An Essay Concerning Human Understanding (1690) vertritt Locke die These, dass es weder angeborene Ideen (ideae innatae ) noch Prinzipien gibt, aus denen sich irgendeine Erkenntnis von der Welt ableiten ließe. Der menschliche Geist erscheint nach ihm als eine tabula rasa , in welche alle Vorstellungen, die der Mensch hat, erst durch die Erfahrung eingeschrieben werden. Dies geschieht entweder durch äußere Wahrnehmungserlebnisse (sensations ) oder durch die innere Selbstbeobachtung (reflection ). Auch Hume bestreitet die Möglichkeit einer Erkenntnis a priori (An Enquiry Concerning Human Understanding , 1748 ). Die Grundlage seiner Theorie bilden die Prinzipien der Assoziation, wonach Vorstellungen, die einander gleichen oder sich in räumlicher und/oder zeitlicher Nachbarschaft befinden, miteinander verknüpft werden. So führt beispielsweise die wiederholte identische Erfahrung eines Geschehens in der Zeit dazu, die betreffenden Vorstellungen als in einem ursächlichen Zusammenhang stehend zu denken. Eine Annahme, die durch keine Erfahrung bestätigt werden kann, da Ursächlichkeit als solche nicht sinnlich wahrgenommen, sondern nur der Umstand unterschiedlicher Zustände zu verschiedenen Zeiten ursächlich interpretiert werden kann. So sind nach Hume alle Erfahrungsschlüsse das Produkt einer instinktmäßigen Verknüpfung. Sie beruhen nicht auf dem Verstand, sondern auf der unausgesprochenen Annahme, dass vergangene Erfahrungen sich auch in der Zukunft unwesentlich verändert wiederholen (Gleichförmigkeitsprinzip). Wie Locke und Hume geht auch Berkeley in seinen wichtigsten philosophischen Schriften (Treatise concerning the Principles of Human Knowledge , 1710 und Three Dialogues between Hylas and Philonous , 1713 ) von der empiristischen Grundthese aus, dass jedwede Erkenntnis nur aus der gegebenen sinnlichen Erfahrung zu gewinnen sei. Indem er als die Ursache aller sinnlichen Erfahrung jedoch das unmittelbare Wirken Gottes annimmt, entwickelt er bei gleicher Ausgangsthese ein von den übrigen empiristischen Modellen grundlegend verschiedenes System. Berkeleys spiritualistische Deutung der Sinnesphänomene gipfelt in einem Immaterialismus, der die Existenz einer außer uns befindlichen Körperwelt zu widerlegen sucht. Den Vorstellungsinhalten der Menschen entsprechen danach keine real existierenden Dinge, sondern die Existenz der Dinge erschöpft sich vielmehr in ihrem Wahrgenommenwerden (esse est percipi ).

Dem Empirismus, wie er von den hier vorgestellten englischen Philosophen vertreten wurde, gelingt es, die Erfahrung als wesentliche, nicht zu vernachlässigende Größe im wissenschaftlichen Prozess der Erkenntnisfindung zu etablieren und die metaphysische Spekulation einzuschränken. Je konsequenter die Anwendung jedoch ist, die der empiristische Ansatz findet, desto deutlicher offenbart sich die Problematik, die er birgt. Die Schwierigkeit ergibt sich aus der Definition des Begriffs der Erfahrung. In dem Bemühen, diese von jeglicher Beimischung geistiger Tätigkeit freizuhalten, wird Erfahrung (so bei Hume) schließlich auf die Wahrnehmung sinnlicher Empfindung reduziert, was einem Verzicht auf jegliche Seinserkenntnis gleich kommt. So fällt nicht nur die Kausalität als nicht sinnlich erfahrbare Größe der (radikalen) empiristischen Kritik zum Opfer, sondern auch Substanz und persönliche Identität lösen sich ohne die Annahme eines realen Seins, dem sie entsprechen könnten, in den Phänomenen auf. Führt auch der Empirismus in seiner systematischen Ausprägung in unlösbare Schwierigkeiten der beschriebenen Art, so hat er sich doch in einer Hinsicht bis heute bewährt: als die methodische Forderung, wonach all jene Behauptungen über die Welt korrigiert oder eliminiert werden müssen, die an der Empirie scheitern.

In radikalisierter Weise wird diese Form des Empirismus im 20. Jh. durch die Philosophen des Wiener Kreises aufgenommen und zum logischen Empirismus weiterentwickelt. Ein Blick auf die deutsche und französische Philosophie zeigt, dass der Empirismus in der Ausprägung, wie er sich im England des 17. und 18. Jhs. findet, einzigartig ist. Während es den empiristischen Ansätzen in Deutschland nicht gelang, sich gegen den vorherrschenden Rationalismus durchzusetzen, hat sich in Frankreich die Besinnung auf die Erfahrung vor allem in der Ausprägung sensualistischer Systeme geäußert. In dieser sensualistischen Ausprägung dient der Empirismus vor allem der Sozialkritik. Eine empiristisch geprägte erkenntnistheoretische Auseinandersetzung nach englischem Muster fehlt in Frankreich fast völlig. Es sei noch darauf hingewiesen, dass der Empirismus sich auch in England nicht in erkenntnistheoretischen Überlegungen erschöpfte, sondern als Anlass und Grundlage für eine Vielzahl von ethischen, ästhetischen, politischen, religions- und geschichtsphilosophischen Reflexionen und Systemen diente.

J. Bennett, Locke, Berkeley, Hume , Oxford 1971

L. Krüger, Der Begriff des Empirismus , Berlin / New York 1973

J. P. Schobinger (Hg.) Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. Grundriß der Geschichte der Philosophie , Bd. 3/1 und 3/2, Basel 1988

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt