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Dr. Thomas Blume

Empfindung

Umgangssprachlich ist der Begriff der Empfindung sinnverwandt mit den Begriffen des Gefühls und des Affekts. Es ist möglich zu sagen, dass man Angst fühlt, so wie man sagen kann, dass man Angst empfindet. In Hinblick auf ihre Lokalisierung kann man zwischen Empfindungen unterscheiden, die an einer bestimmten Stelle des Körpers auftreten, wie z. B. Schmerz oder Jucken, und solchen Empfindungen, die sich eher auf den Körper oder den Zustand einer Person als Ganzer beziehen, wie das bei Schwindel oder Müdigkeit der Fall ist. Manche Empfindungen, wie Hunger, Durst oder Lust, besitzen eine – allerdings zumeist sehr unspezifische – Gerichtetheit: Der Hunger ist Hunger auf etwas, der Durst ist Durst auf etwas usw. Andere Empfindungstypen wie Müdigkeit oder Schmerz sind nicht auf einen Gegenstand gerichtet. Manche Empfindungen liefern nur Informationen über den Körper oder die jeweiligen Lage des Körpers, andere wie z. B. Wärmeempfinden beziehen sich auch auf die den Körper umgebende Umwelt. Empfindungen werden wie Gefühle zumeist erlitten, man kann sie meist nur schwer kontrollieren. Empfindungen werden empfunden oder gefühlt, nicht aber wahrgenommen in dem Sinne, wie man einen Gegenstand wahrnehmen kann.

Ausgehend von einem aristotelischen Hylemorphismus (hyle ) – der Lehre, dass sich alle Gegenstände aus Materie und Form zusammensetzen – hat man in der Philosophie Empfindungen als die grundlegenden Bestandteile des Seelenlebens angesehen, auf deren Basis die Wahrnehmung und Erkenntnis von Gegenständen mit einer bestimmten Form ruht. Empfindungen, so nahm man lange Zeit an, seien die elementaren Bestandteile oder Inhalte der Sinneswahrnehmung, also von Gesichtssinn, Gehör, Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn. Als solche verfügen sie über eine bestimmte Qualität, Intensität und Dauer.

Die empirische Tradition in der Nachfolge Lockes geht davon aus, dass Empfindungen durch äußere Reize in einem Subjekt verursacht werden. Physikalische Gegenstände verfügen über bestimmte physikalische Eigenschaften, wie z. B. eine bestimmte Mikrostruktur der Oberfläche, vermittels welcher sie einen kausalen Einfluss auf ein Subjekt ausüben können und dort dazu führen, dass bestimmte Dinge empfunden werden.

Lässt der Empirist die Empfindungen durch den kausalen Einfluss bewusstseinsexterner Gegenstände zustande kommen, so leugnet der Idealist die Existenz und Notwendigkeit äußerer Reizeinwirkungen. Empfindungen, so behauptet der Idealist, werden vom Subjekt erzeugt (Husserl) oder haben ihre Quelle darin, dass die Inhalte des Bewusstseins zusammen mit der Folge ihres Auftretens durch eine göttliche Instanz gewissermaßen vorprogrammiert sind (Leibniz). Die Empfindungen treten genau in der Reihenfolge nacheinander auf, wie sie von Gott dazu bestimmt worden sind. Das Auftreten der Empfindungsfolgen in verschiedenen Subjekten ist von Gott, wie von einem Uhrmacher, der den Gang verschiedener Uhren aufeinander abstimmt, aneinander angepasst. Sowohl für den Empiristen wie für den Idealisten bilden Empfindungen das Material der Gegenstandskonstitution bzw. die Basis der Erkenntnis objektiver Gegenstände. Während der Empirist aber davon ausgeht, dass es dem objektiven Gegenstand, der für die Wahrnehmung verantwortlich ist, gelingt, dem Subjekt seine formalen Aspekte, also Größe, Ausdehnung, Gestalt usw. zu übermitteln, glaubt der Idealist, dass auch diese formalen Merkmale ihren Ursprung im Subjekt haben.

Descartes und Kant nehmen eine vermittelnde Stellung zwischen Idealismus und Empirismus ein. Beide unterscheiden zwischen einer subjektiven ›Innenwelt‹ von Empfindungen und einer objektiven ›Außenwelt‹ physikalischer Gegenstände. Subjektive Empfindungen entstehen als Folge der kausalen Wirkung physikalischer Gegenstände auf die Sinnesorgane eines Menschen. Bei Descartes zeigen die Empfindungen die Existenz äußerer Gegenstände an, bei Kant dagegen werden die Empfindungen durch eine Reihe von Gedankenformen, die ihren Sitz in der Vernunft haben, zu objektiven Gegenständen geformt. Ein jenseits des Subjektes liegender Gegenstand verursacht nach Kant im Subjekt Empfindungen, die das Subjekt in die dafür bereit liegenden Gedankenformen gießt, um auf diese Weise aus den Empfindungen Vorstellungen von objektiven Gegenständen zu formen.

Die Annahme von Empfindungen als atomaren Bestandteilen der Welterkenntnis wurde durch die Gestaltpsychologie am Beginn des 20. Jhs. in Zweifel gezogen. Nach Auffassung der Gestaltpsychologie ist der Gesamteindruck, das auf eine bestimmte Art und Weise geformte Gebilde als Ganzes die kleinste wahrnehmungsmäßige Einheit.

Von sprachphilosophischer Seite wurden Zweifel an der Ausdrückbarkeit der subjektiven Empfindungen vor allem von Wittgenstein angemeldet. Seine Behauptung lautet: Wären Empfindungen private geistige Zustände, wie dies von der empirischen Tradition angenommen wurde, so könnten sie nicht in einer Sprache mitteilbar sein, die primär öffentlichen Charakter trägt.

In der aktuellen Debatte um das Problem des Bewusstseins bildet die qualitative Komponente von Empfindungen den Ausgangspunkt zahlreicher Argumente, mit denen materialistischen und funktionalistischen Erklärungen des Bewusstseins widersprochen wird. Behauptet der Materialist, Bewusstsein bzw. Geist sei nichts außer der Reizung bestimmter Neuronen, und behauptet der Funktionalist, ein bestimmter geistiger Zustand sei allein durch seine kausale Rolle in Hinblick auf andere Bewusstseinszustände sowie durch seine kausale Verbindung zu verschiedenen Input/Output-Bedingungen gekennzeichnet, so wird dem entgegengehalten, dass sich auf diese Weise die qualitative Komponente der Empfindungen nicht analysieren lässt.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt