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Dr. Thomas Blume

Eleaten

Mitglieder einer Philosophenschule, die sich in der griechischen Kolonie Elea in Süditalien befand. Ihr gehören folgende Philosophen an: Xenophanes aus Kolophon, Parmenides aus Elea, der durch Xenophanes die für sein Denken maßgeblichen philosophischen Anregungen empfangen hat, Parmenides’ Schüler und Freund Zenon aus Elea sowie Melissos von Samos, ebenfalls ein Schüler von Parmenides.

Im Mittelpunkt der eleatischen Philosophie steht der Begriff des Seins. Die Eleaten bilden damit den Gegenpol zur Philosophie Heraklits, der den Begriff des Werdens zur zentralen Kategorie seines Denkens erhoben hat. In Abgrenzung zu anthropomorphisierenden Göttervorstellungen, wie sie in den Werken Homers und Hesiods anzutreffen sind, entwirft Xenophanes die Lehre von der einen, allwaltenden Gottheit. Xenophanes nimmt an, dass diese Gottheit ungeworden und ohne Bewegung und Veränderung existiere. Zugleich behauptet er, dass diese Gottheit und die Welt miteinander identisch seien, und überträgt die Attribute der Ungewordenheit, Bewegungslosigkeit und Unveränderbarkeit auf den gesamten Kosmos. Das damit entstehende Problem, die offenkundig und für jedermann wahrnehmbaren Phänomene des Werdens und Vergehens, der Veränderung und Bewegung zu erklären, löst Xenophanes’ Schüler Parmenides, indem er Letztere kurzerhand zu trügerischem Schein erklärt. Wie Xenophanes hält auch Parmenides an der Einheit von Gottheit und Kosmos fest, aus denen er Werden und Vergehen eliminiert. Das Bestreben, diese Einheit noch fester zu fassen, führt Parmenides dazu, aus ihr die Attribute der Vielheit und des Einzelnen auszuschließen. Das Viele und Wechselnde ist nichts als trügerischer Schein. Da dieser durch die Sinne wahrgenommen wird, in Hinblick auf das bloß Scheinbare aber nicht von Wissen gesprochen werden kann, ist, was die Sinne bieten, bloße Meinung, nicht aber Wissen. Wissen dagegen gibt es nur in Hinblick auf das eine, unveränderliche und jede Vielheit aus sich ausschließende Sein. Da dieses nicht mit den Sinnen wahrnehmbar ist, muss es durch das Denken erkannt werden. Damit ist eine für die folgende zweitausendjährige philosophische Entwicklung maßgebliche Unterscheidung getroffen: Denken und Sein werden einander zugeordnet. Nur das Denken hat es mit der Erkenntnis des Wahren zu tun. Sinneswahrnehmung wird mit Meinung und Schein verknüpft. Erkenntnis, die aus den Sinnen stammt, kann nicht mit dem Anspruch auftreten, das zu beschreiben, was wirklich ist.

Parmenides’ Schüler Zenon machte es sich zur Aufgabe, die parmenideische Lehre zu verteidigen. Die dazu entwickelten Argumente bezeichnet man als die zenonschen Paradoxien. Mit ihnen will Zenon die Richtigkeit der These seines Lehrers beweisen, wonach keine Bewegung existiert. Das erste Argument behauptet, dass Bewegung nicht beginnen könne, weil ein Körper nicht von einem Ort zum anderen gelangen kann, ohne zuvor eine unendliche Anzahl von dazwischen liegenden Orten durchlaufen zu haben. Das zweite Argument sagt, dass Achilles die vor ihm gestartete Schildkröte nicht einholen kann, weil dieselbe stets, wenn Achilles an ihren bisherigen Ort gelangt ist, diesen schon wieder verlassen hat. Im dritten Argument leugnet Zenon Bewegung dadurch, dass er feststellt, dass der fliegende Pfeil ruht, weil er in jedem Moment nur an einem Ort sein kann. Das vierte Argument sagt, dass der halbe Zeitabschnitt gleich dem ganzen sei, denn ein Körper durchläuft, bei gleicher Geschwindigkeit, die durch andere Körper bezeichnete Strecke in der ganzen und der halben Zeit, je nachdem, ob die anderen Körper ruhen oder selbst in Bewegung begriffen sind. Anders als Zenon versucht Melissos von Samos auf direktem Wege durch Reflexion auf den Begriff des Seins und der Einheit zu beweisen, dass das Seiende ewig, unendlich, einheitlich, sich selbst gleich, unbewegt und leidlos sei.

Die Gedanken der Eleaten waren vielleicht die wirksamsten der Philosophiegeschichte überhaupt. Mit der Unterscheidung von Denken und Wahrnehmen und deren Kombination mit Wissen und Meinen bzw. Sein und Schein entwarfen sie ein erkenntnistheoretisches Grundgerüst, das erst durch den britischen Empirismus umgestürzt worden ist. Mit dem Gedanken der Einheit des Seins lieferten sie die Grundlagen der neuplatonischen Seinslehre, aber auch des spinozistischen Systems eines mit der Natur identischen Gottes. Die zur Kennzeichnung des Seins angeführten Attribute wurden in der mittelalterlichen Scholastik zur Charakterisierung des Wesens Gottes verwandt. Die Reflexion über die Inhalte bestimmter Begriffe unabhängig von ihrer Verwendung in bestimmten Situationen bildet heute noch eine weit verbreitete Grundlage philosophischer Praxis.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt